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Dienstag, 02 August 2016 22:17

Beim ersten Mal tat's noch weh

geschrieben von 

wehtun 1a2016 auf Schalke: Nach Joel Matip verlässt mit Leroy Sané das zweite hochtalentierte Eigengewächs den Verein Richtung PremiereLeague. Allgemeiner Tenor in den einschlägigen sozialen Netzwerken und Foren: Bisschen früh, aber wir wünschen Dir alles Gute! Für Matip, dessen Wechsel zum FC Liverpool frühzeitig bekannt gegeben wurde, gab es sogar dicke Transparente („16 Jahre alles für Schalke gegeben – danke, Jimmy!“) und ein T-Shirt der Nordkurve Gelsenkirchen.

2011 auf Schalke: Manuel Neuer gibt in einer Pressekonferenz mit stockender Stimme und Tränen in den Augen bekannt, „Horst Heldt hat mich heute über das Interesse der Bayern informiert“. Trotz des anschließenden Pokalgewinns zieren zahlreiche Judas- oder H*rensohn-Spruchbänder und Transparente, die ihn als Stricher und auf den Knien vor Uli Hoeneß zeigen, die Arena. Von einer Autobahnbrücke in Gelsenkirchen baumelt eine Gummipuppe mit seinem Trikot, bis heute sind gellende Pfiffe noch die netteste Begrüßung, die er bei seinen Gastspielen in der Arena erwarten kann.

Nur wenig besser ergeht es Julian Draxler, 2015 kurz vor dem Ende des Sommertransferfensters zum VfL Wolfsburg gewechselt: Beim 0:3 seines neuen Vereins in der alten Heimat gab es höhnisches Gelächter und „nie mehr, nie mehr Julian Draxler!“-Sprechchöre. Nahezu jede öffentliche Äußerung von ihm wird hämisch kommentiert; die Schadenfreude darüber, dass der VfL das internationale Geschäft verpasst hat, treibt in Gelsenkirchen und Umgebung fröhliche Blüten.

Wenn nullvier das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe?! Vier Jungs aus der Knappenschmiede, allesamt auf Schalke zu Hoffnungs- und Leistungsträgern und Nationalspielern herangereift, verlassen den Verein – warum wird den einen die Pest an den Hals gewünscht, während die anderen ein ganzes Bündel an guten Wünschen auf den Weg bekommen?

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An den Ablösesummen kann es jedenfalls nicht liegen: Sowohl Neuer (insgesamt rund 30 Millionen Euro) als auch Draxler (37 Millionen Euro plus Boni) und jetzt Sané (Gesamtpaket bis zu 50 Millionen Euro) waren die jeweiligen Schalker Rekordtransfers ihrer Zeit. Einzig Joel Matip verließ den Verein nach gescheiterten Verhandlungen mit Horst Heldt, ohne die Finanzen gründlich zu sanieren.

Auch die Zahl der Einsätze ist offenbar nicht ausschlaggebend: Die meisten Profibegegnungen für die Knappen absolvierte Matip (194 Bundesliga- und 44 internationale Partien), gefolgt von Neuer (156/27), und Draxler (119/25). Sané verlässt den Verein nach nur 55 (47/8) Einsätzen im Schalker Dress.

wehtun 4Ein nicht unwichtiger Punkt dürfte sein, dass Neuer und Draxler zu direkten Ligakonkurrenten wechselten und daher kurzfristig auch gegen ihre Jugendliebe auf dem Platz standen. Matip und Sané wird dieses Schicksal außer beim zufälligen Aufeinandertreffen in europäischen Wettbewerben erspart bleiben, was die Sichtweise „ein Junge von uns hat es geschafft!“ deutlich erleichtert.

Noch bedeutsamer ist das Verhalten rund um bzw. kurz nach dem Wechsel: Wenn man schon rund anderthalb Jahre vorher mit Uli Hoeneß im Biergarten gesessen hat und Günther Jauch öffentlich auf den Wechsel gewettet hat, kommen Krokodilstränen, dass man doch gerade eben erst vom Interesse des Rekordmeisters erfahren habe, nicht wirklich gut an. Auch Äußerungen wie „Ich hätte doch all meine Freunde verloren, wenn ich mit 16 aufgehört hätte, Schalke-Fan zu sein“, um sich von seinem vorherigen Selbstbild vom „Jungen aus der Kurve“ und Ultra zu distanzieren und in München gutes Wetter zu machen, sind in der Hinsicht ein sicheres Gratisticket für dauerhafte königsblaue Abneigung. In dieselbe Kategorie fällt Julian Draxlers Gejammer über den fürchterlichen Druck und die lähmende, weil zu große Fanliebe und Erwartungshaltung auf Schalke. Äußerungen wie Wolfsburg sei „der nächste Schritt“ für ihn und Nachtreten, auf Schalke habe man es mit den Trainingsläufen nicht so genau genommen, wurden von vielen Schalker Fans als undankbar und stillos empfunden.  

Ob Matip und Sané aus den kommunikativen Stockfehlern ihrer Vorgänger gelernt haben oder „etwas heller inne Birne“ sind, in diesem Punkt haben sie es deutlich besser gemacht: Ewigkeitsgarantien gab es von ihnen nicht. Matip erklärte im ersten Interview nach seinem Wechsel, Schalke sei etwas ganz Besonderes. Auch Sané verabschiedete sich artig via facebook und twitter:

wehtun 2Hey Schalke-Fans,
Ich wollte die Chance hier natürlich nochmal nutzen, um mich an euch zu wenden und danke zu sagen. Ich habe beim FC Schalke 04 seit 2011 gespielt. Ich wurde hier zum Bundesligaprofi, ich wurde hier zum deutschen Nationalspieler. Meine letzten Monate verliefen einfach nur wie im Traum. Ich habe eure Social Media – Kommentare hier ja auch mitgelesen und viele sind der Ansicht, dass der Wechsel für mich zu früh kommt. Ich wollte diese Chance jetzt aber einfach nutzen, da man nie weiß, was in der Zukunft passiert und wann man noch einmal solch eine Gelegenheit erhält. Meine Familie und ich hatten mehrere Gespräche mit Manchester City Trainer Pep Guardiola, der uns komplett überzeugen konnte, was und wie er hier in England und international die nächsten Jahre einiges erreichen möchte. Da ich Herausforderungen nicht scheue, fühle ich mich schon jetzt dazu bereit, diesen Schritt zu gehen, ohne aber, das könnt ihr mir glauben, Schalke jemals zu vergessen!

Dass er Schalke nie vergessen werde, trifft natürlich den Nerv vieler Schalker. Ich glaube dennoch, dass die Hauptursache für den unterschiedlichen Umgang vieler Schalker mit den scheidenden Spielern bei Manuel Neuer liegt: Er war der Erste, der aus der eigenen Jugend kommend bereits früh  Weltklasseleistungen gezeigt hatte. Anders als beispielsweise Mesut Özil hatte er sich zudem immer als „Junge aus der Kurve“, als Buerschenschafter, ja sogar als Ultra präsentiert und in Jahrbüchern markige Sprüche wie „Innerhalb von Deutschland ist ein Wechsel nicht denkbar. Manuel Neuer beim FC Bayern München – das passt nicht. Ich habe früher in der Kurve gestanden und nicht gerade nette Dinge über die anderen Vereine geschrien… Wie soll ich denn da das Trikot dieser Clubs tragen?“ rausgehauen. Und die Schalker glaubten ihm. Sie wollten ihm nur zu gerne glauben, auch wenn sie bei vernünftiger Betrachtung eine leise warnende Stimme gehört hätten, dass ein 16- oder 18jähriger sich nicht für sein ganzes Berufsleben festlegen kann. Zu schön war der Traum, mit einem waschechten Schalker Jungen im Tor Großes zu reißen, vielleicht sogar die langersehnte Meisterschaft zu holen.

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Manuel Neuers Wechsel zu den Bayern - ausgerechnet den Bayern, die Schalke 2001 eine nie richtig heilende Wunde beigebracht hatten – traf viele Fans bis ins Mark. Und in den Frust, in die Wut mischte sich ein unausgesprochener Schwur, sich nie wieder so vorbehaltlos auf einen Spieler einzulassen, egal, wie königsblau seine Wurzeln auch zu sein scheinen und wie viele Eckfahnen er ausreißt. Wenn selbst ein Neuer, der vermeintliche Ur-Schalker schlechthin, käuflich ist – wer sollte es dann nicht sein?

Die Trennung von der ersten großen Liebe tut besonders weh; bei weiteren Turbulenzen hat man zumindest schon einmal die Erfahrung gemacht, dass das Leben auch ohne den Angebeteten weitergeht. Er will nicht mehr? Ok, dann soll er wenigstens ein angemessenes Trostpflaster hinterlassen. Andere Mütter haben auch schöne Söhne und die Knappenschmiede hat noch weitere gute Spieler! In diesem Sinne hat Manuel Neuer ganze Generationen von Schalkern erwachsener werden lassen.

Das kann man reifer finden, vernünftiger. Realistischer und professioneller ist es in jedem Fall, aber ich finde es in erster Linie schade. Die ganz besondere Emotionalität gehört zu Schalke wie zu keinem anderen Verein. Ohne überschäumende Gefühle, schöne Illusionen und Träume ist die Schalker Welt ärmer! Schalker würden gerne glauben, dass die Spieler auf dem Rasen den Verein ebenso lieben wie sie selbst. Seit Neuers Sündenfall taucht jedoch bei allen Wappenküssen und Treueschwüren im Hinterkopf eine Schlange auf und zischelt: Wer weiß, wie lange noch…? Wenn ein passendes Angebot kommt, ist der auch weg… Es mag sein, dass man Spielern wie Benedikt Höwedes oder Ralf Fährmann mit dieser Sichtweise Unrecht tut, aber weniger investierte Emotionen erleichtern Abschiede kolossal.

Der Nachteil: Diese Emotionen fehlen auch im Positiven. Auch wenn wohl alle Schalker von sich behaupten würden, Fan des Vereins und nicht einzelner Spieler zu sein: Mit echten Identifikationsfiguren auf dem Platz ist es doppelt schön.

In diesem Sinne: Echte Fußballromantiker geben die Hoffnung nicht auf, dass die Knappenschmiede eines Tages einen jungen Schalker mit herausragenden Anlagen hervorbringt, der den Bayern und Scheichs dieser Welt den Finger zeigt und abwinkt. Und wenn dieser dann am Schalker Markt die Schale hochstemmt, werden selbst die Engel neidisch nach unten schielen!

Blau-weiße Grüße

Susanne Blondundblau

 

Susanne Blondundblau

Schalkerin, Juristin, Königsblaue, Ehefrau, Blondine, Dauerkarteninhaberin, Schreiberin, Fragenstellerin, Schokojunkie, Vereinsmitglied, Gerechtigkeitsfanatikerin, Falschsängerin, Vielfotografin, Meerliebhaberin, Sturschädel, Rheinländerin, Fastimmergutgelaunte, Meinungssagerin, Käferfahrerin, Unorganisierte, Frühaufsteherin, Freundin, Engagierte, Mensanerin, Bücherfreak, Schnelldenkerin, Reisefreudige, Auswärtsfahrerin, Nervensäge, Kolumnistin, Neugierige, Nichtraucherin, Buchmitautorin, Optimistin, Schwimmerin, Ruhrpottliebhaberin, Zuhörerin, Caipirinhamixerin - und jetzt auch noch Bloggerin! ;-)

3 Kommentare

  • Kommentar-Link Striebeck Donnerstag, 04 August 2016 07:38 gepostet von Striebeck

    Guten Morgen
    Klasse geschrieben ! Gerne weiter so.

    Blauwei0e Grüße Peter

  • Kommentar-Link Meick Samstag, 06 August 2016 00:14 gepostet von Meick

    die Zusammenfassung gefaalt mir sehr, sehr informatiev . mfg

  • Kommentar-Link Thomas T Samstag, 06 August 2016 09:08 gepostet von Thomas T

    Damit dürftest du sehr vielen Schalkern aus der Seele gesprochen haben. Manuel Neuer hat bei vielen den letzten Glauben an Vereinsliebe im Profifußball zerstört.

    BWG
    Thomas

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