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Montag, 02 Februar 2015 16:01

Wenn auf Schalke die Lichter ausgehen

geschrieben von 

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Dunkelheit. Menschenleere Gänge. Totenstille in der Nordkurve….  Was auf den ersten Blick aussieht wie eine W*chsvorlage fĂĽr Fehlfarbene, ist ein interessanter nächtlicher Blick hinter die Kulissen unserer Arena. Noch bis März bietet der Verein die ArenafĂĽhrung als „Nacht-Spezialausgabe“ an – und selbst fĂĽr „alte Arenahasen“ wie mich gibt es noch Aspekte zu entdecken, die ich noch nicht vom „geilsten Club der Welt“ wusste.   

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Startschuss ist natĂĽrlich pĂĽnktlich um 19.04 Uhr im Schalke-Museum, wo es nicht nur Pokale und Trophäen – sogar eine Replik der 1958er-SalatschĂĽssel -, sondern viele, viele ErinnerungsstĂĽcke aus rund 111 Jahren königsblauer Geschichte zu bestaunen gibt. Der Lederkoffer, den es als Meisterprämie 1934 gab, ist ebenso zu sehen wie die Jahrhundertelf und die FuĂźabdrĂĽcke der Eurofighter. Historische Zeitungsausschnitte, Spielplakate, Trikots und allerfeinster Gelsenkirchener Barock versetzen uns schnell in die Vergangenheit der Knappen, während die Kremers-Zwillinge,  Stan Libuda und Raul aus den Vitrinen lächeln.

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Zum Anpfiff gibt’s erst einmal ein Schnäpschen und den Imagefilm zur Jahreskampagne „1.000 Freunde, unzählige Kumpel“ – und der erste Aha-Effekt: Die Verdunkelung der Arena beim „Steigerlied“ vor Abendspielen kostet den FC Schalke jedes Mal 25.000 € Strafe, aber das ist die Atmosphäre laut Sportvorstand Horst Heldt allemal wert…

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Nach einem kurzen Schlenker durch das Museum und einer Verbeugung vor Stan Libuda, der „ein absoluter Familienmensch“ gewesen sei und deshalb durch abträgliche Bemerkungen seines Gegenspielers leicht aus der Fassung zu bringen war, folgen Originalaufnahmen aus dem Trainingslager in Freienohl 1934 – dieser Schatz wurde vor kurzem im Keller eines Hauses in Wattenscheid gefunden! Man sieht Kuzorra & Co nicht nur beim Zirkeltraining auf einem wahren Acker von Wiese, sondern auch bei neckischen Trinkspielchen, beim Bockspringen und beim „Popoklatschen“, wo das Opfer dann raten musste, welcher seiner Kumpels gerade zugeschlagen hatte… Und alle grinsen fröhlich in die Kamera - ich sach ma so: Heutzutage hätten die Jungs bestimmt einen geilen Facebook-Account.   

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Danach klettern wir die Treppen hoch, um von der oberen Promenade den Blick auf das nächtliche Gelsenkirchen zu genießen. Ein kleiner Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Stadtteils Schalke (Heinrich von Schalke und Friedrich Grillo lassen grüßen) und eine weitere Neuigkeit: Wo heute Schalke draufsteht, war nicht immer Schalke drin: Ein Teil des „alten“ Schalke ist heute Feldmark, dafür hat sich das heutige Schalke Teile von Hessler und Bismarck unter den Nagel gerissen. Und die Glückaufkampfbahn befindet sich streng genommen in der Gemarkung Heßler, die Arena in Erle…

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Auch die dunklen Zeiten werden nicht ausgespart, unser Tourguide erklärt, dass Fritz Szepan trotz großer Verdienste für den Verein nie mit einer Straße auf dem Vereinsgelände geehrt werden wird, weil er im Zuge der „Arisierung“ von der Übernahme des jüdischen Kaufhauses Julius Rode und Co. profitierte. An den Gesichtern vieler Zuhörer unserer Gruppe ist zu erkennen, dass ihnen dieser Teil der Vereinsgeschichte völlig unbekannt war… Dafür haben wir tatsächlich zwei ehemalige Kumpel in unseren Reihen, die bestätigen können, dass der Knochenjob unter Tage mit Leistungssport kaum vereinbar ist. Nicht umsonst sagte Ernst Kuzorra einmal, die Kohle, die er gefördert habe, reiche nicht einmal aus, um ein Erbsengericht warm zu machen.

Eine weitere Neuigkeit fĂĽr mich: Nach dem Krieg soll kurz nach einem Derby ein Teil der TribĂĽne der GlĂĽckaufkampfbahn eingestĂĽrzt sein, leider habe ich dazu keine Quellen gefunden. Vielleicht kann mir ja der eine oder andere echte Gelsenkirchener unter den Lesern weiterhelfen?

Beeindruckend auf jeden Fall die Zahlen: Bis zu 70.000 Zuschauer tummelten sich in der eigentlich gerade einmal für die Hälfte ausgelegten Spielstätte, die Menschenmenge stand nicht nur bis an die Seitenlinien, einige Jungs saßen sogar auf dem Querbalken des Tors! Da hat man als Schalker heutzutage doch mehr Platz: Alleine das Arena-Gelände umfasst rund 150.000 m², das gesamte Vereinsgelände auf dem Berger Feld gar eine Million Quadratmeter! Und dort gab es früher nicht nur Bergbau (was bisweilen zu einem Absacken des Geländes führt, bislang aber zum Glück gleichmäßig), sondern auch einen Flugplatz und Landwirtschaft.

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Danach geht es dann endlich in den Innenraum, unsere „Arena-Jungfrauen“ – ja, es gibt tatsächlich noch Schalkesympathisanten, die noch nie (!!!) im Tempel waren – staunen aus Block 74 ins Stadion. Ich staune auch, welche fast gespenstische Atmosphäre ein vollkommen menschenleeres, abgedunkeltes Stadion ausstrahlt. Und es ist gefühlte 10 Grad kälter, als wenn neben Dir 60.000 weitere Schalker atmen, schreien, singen, leben.

Übrigens ist Norden nicht gleich Norden, in Gelsenkirchen kann auch Osten Norden sein – die „Nordkurve“ liegt im Osten der Arena, die Haupttribüne zeigt nach Norden. Angeblich soll Rudi Assauer beim Bau der Arena gesagt haben „Ich will aber, dass DA Norden ist!“ Der Drang in die Nordkurve stamme übrigens noch aus GAK-Zeiten, die bekanntlich nördlich von Schalke lag, so dass sich der heimatbewusste Schalker dort in die Nordkurve stellen musste, um südlich nach Schalke, Richtung Schalker Markt und Grenzstraße schauen zu können…

In allerbestem Ruhrpottisch bedeutet übrigens „auf“ nach oben oder etwas Positives („auf Zeche, auf Schalke“), „nach“ hingegen bezeichnet eine weniger erstrebenswerte Richtung – nach’m Steiger, nache Schwiegermutter, nach Lüdenscheid.

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Anschließend kehren wir gedanklich und tatsächlich wieder ins heutige Schalke zurück und stärken uns bei einem Pils im Quader am Haupteingang für die „Unterwelt“ der Arena: Vorbei an den Ehrenspielführern besuchen wir zunächst das Medienzentrum, wo die wöchentliche Pressekonferenz stattfindet, dann geht es in die Kabine. Alles blau und weiß, überall hängen großformatige Bilder mit Schalker Legenden, ein markiger Spruch nach dem anderen, aber erfreulich wenig überflüssiger Pomp.

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Mein persönliches Highlight ist dann der neue Stollen-Spielertunnel, der optisch wirklich absolut außergewöhnlich ist – man darf nur nicht klopfen, dann merkt man schnell, dass die Kohle zwar unter den Füßen, der Gips aber an den Wänden ist… Da ich aber stark vermute, dass die Spieler dort Besseres zu tun haben als die Wände abzutasten, kann ich nur sagen: GElungen!

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Am Rande des Spielfelds sind bereits die Kameras aufgebaut, wir staunen über den schlechten Zustand des Rasens – Betreten des Platzes strengstens verboten – und eine ältere Dame bedauert di Matteo, weil er auf der Trainerbank bestimmt „einen kalten Popo bekommt!“ Danach nehmen wir den Weg, den die Spieler nach dem Spiel auch gehen - nach rund zweieinhalb kurzweiligen Stunden ist unsere Tour zu Ende. Wer möchte, kann die Tour hier noch einmal nachverfolgen, im März sind auch noch Plätze frei.

Blau-weiĂźe GrĂĽĂźe

Susanne Blondundblau

 

Susanne Blondundblau

Schalkerin, Juristin, Königsblaue, Ehefrau, Blondine, Dauerkarteninhaberin, Schreiberin, Fragenstellerin, Schokojunkie, Vereinsmitglied, Gerechtigkeitsfanatikerin, Falschsängerin, Vielfotografin, Meerliebhaberin, Sturschädel, Rheinländerin, Fastimmergutgelaunte, Meinungssagerin, Käferfahrerin, Unorganisierte, Frühaufsteherin, Freundin, Engagierte, Mensanerin, Bücherfreak, Schnelldenkerin, Reisefreudige, Auswärtsfahrerin, Nervensäge, Kolumnistin, Neugierige, Nichtraucherin, Buchmitautorin, Optimistin, Schwimmerin, Ruhrpottliebhaberin, Zuhörerin, Caipirinhamixerin - und jetzt auch noch Bloggerin! ;-)

2 Kommentare

  • Kommentar-Link Thomas T. Montag, 02 Februar 2015 22:15 gepostet von Thomas T.

    Besten Dank für deine Berichte, die auch Schalker mitnehmen, die aus räumlichen oder finanziellen Gründen nicht live dabei sein können!

    DĂĽrfen wir uns auch aus Madrid auf deine Berichterstattung freuen?

    LbwG
    Thommi

  • Kommentar-Link Ricci Dienstag, 03 Februar 2015 06:37 gepostet von Ricci

    Wie immer: Als wäre man dabei gewesen!

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