Sa27May2017

kurvenstar04
Back Aktuelle Seite: Blog Kurvenstar 04 Championsleague oder Oberliga, Hauptsache Fußball!
Dienstag, 09 April 2013 17:02

Championsleague oder Oberliga, Hauptsache Fußball!

geschrieben von 

kfc 01Zur Bekämpfung leichter Fußball & Bratwurst-Entzugserscheinungen (wegen Möbelschleppens bei einer Freundin konnte ich nicht mit meinen geliebten Schalkern nach Bremen fahren) habe ich gestern zu einer ungewöhnlichen „Ersatzdroge“ gegriffen: Oberliga Niederrhein, Krefelder Stadtderby des Tabellenersten KFC Uerdingen gegen Schlusslicht VfR Fischeln.

Zur Erklärung sei gesagt, dass ich in Sichtweite der Krefelder Grotenburg aufgewachsen bin und dort zu Zeiten von „Bayer Uerdingen“ meine allerersten Gehversuche als Fußballfan gemacht habe, bevor mich anlässlich der Relegationsspiele 1983 Schalke in seinen Bann schlug. Und dass durchaus noch ein Funken Sympathie für das seit den 80ern stark gebeutelte „local team“ in mir schlummert, obwohl nach Schalke laaaaaaaaaaaaaaange Zeit nix kommt.  Apropos local: Die Variante, um 17.40 h zu Fuß loszumarschieren und um 17.50 h gemütlich im Stadion einzuwandern, hat was. Kein Zoff auf  der A 2, keine LKW-großen Schlaglöcher auf dem Parkplatz. Logistischer Pluspunkt für das Grotenburgstadion.

kfc 02kfc 03

Die Frauen-Gretchenfrage, die sich auf Schalke nie stellt (nicht ohne mein geliebtes Ebbe-Trikot!) „Was zieh ich an?“ bzw. „Kann ich beim Fußball etwas anderes als königsblau-weiß an meinen Körper lassen?“, wird kurzerhand salomonisch mit einer dezent dunkelblauen Kapuzenjacke der Isarschalker plus einen meterlangen blau-roten Schal, dem einzigen sichtbaren Überbleibsel meiner Krefelder Fußballvergangenheit, der nach Jahrzehnten der Missachtung leider ein wenig nach Gruft riecht, beantwortet.

kfc 05Am Stadioneingang zunächst Freude über die zivilen Preise (moderate Anpassung ade!) und leichte Rührung bei der gerne erfüllten Bitte nach „1 € für die Jugend!“ Dann überfällt mich die Vergangenheit mit Gewalt, zu wenig hat sich in den letzten 25 Jahren geändert. Das Stadion bröckelt noch immer leise vor sich hin und selbst die legasthenischen Sprüche auf dem Damenklo sind z. T. noch dieselben.

Die Verpflegung läuft gnadenlos unprofessionell über Tages-Wertmarken und eine vorsintflutliche Zapfanlage, aber die Würstchen haben Bundesliganiveau.

Für einen Fußballjunkie wie mich ist es sehr ungewohnt, von den Spielern nur wenige zu kennen, weswegen ich beim Warmmachen mal genauer hinschaue – schon beim Aufwärmen wird klar: Dies ist nicht Bundesliga, dies ist fünfte Liga. Aber: Blau gegen grün und die Blauen sind die Guten passt zum Wochenende.

Högschdt ungewohnt sind für eine Schalkerin auch die komplett leere Gegengerade bzw. Westkurve, während sich ein Uerdinger hinter mir über die 3.346 zahlenden Zuschauer ein Loch in den Bauch freut:  Mit Abstand bester Besuch der laufenden Saison…

Die Lautstärke des Supports ist dementsprechend, Krefeld war leider selbst in den goldenen 80ern nie eine Fußballstadt; aber der charmante Grotifant („hübschestes Maskottchen in NRW!“, wie man mir stolz mitteilt...) gibt wirklich alles und wuchtet seine eher barocke Statur enthusiastisch über Rasen und Zaun und supportet über die gesamte Spielzeit mit. Hut ab! Zähneknirschend nehmen wir zudem das Flugblatt auf unseren Plätzen zur Kenntnis, in dem ein ortsansässiger Friseursalon ausgerechnet auf eine Haarschneideaktion im Relegationsspiel gegen Schalke verweist. Dafür gibt’s Lob für meinen historischen Schal (der Sprecher ist nicht nah genug dran, um den leichten Hauch von Moder nach 25 Jahren Keller zu erschnuppern).

kfc 07kfc 04

Es gibt einfach nur Fußball und nichts als Fußball, keine Werbeeinblendungen (wie auch, die vorsintflutliche Anzeigentafel hat den Geist aufgegeben), keine Trommler, keine Fahnenschwenker, keine Musik außer der Vereinshymne "Blau und rot, Deine Farben, KFC", keine Tipp- und Kickspiele und schon gar keine "Fanparks". Und satte drei Uniformierte, die auf der Osttribüne die Strahlen der untergehenden Sonne genießen. Hat was. Das Spiel hingegen ist, wie mir unser Hintermann wortreich versichert, eines der schwächsten der Saison – ich bin einfach nur erstaunt, wie langsam alles ist. Nach der Führung in der ersten Minute und dem frühen verletzungsbedingten Aus für den Kapitän der Fischelner schleichen die Favoriten in Zeitlupe über den Platz, was dem aufopferungsvoll ackernden Underdog sogar noch den Ausgleich beschert.  Der Schiri wirkt freundlich formuliert nicht gerade austrainiert, aber enorm souverän – und es wird so gut wie nicht gemeckert oder reklamiert, was ich persönlich ausgesprochen sympathisch finde.

In der zweiten Halbzeit sieht man dann deutlich: Uerdingen will heute nicht – Trainer van der Luer spricht später von „mentaler Müdigkeit“ -, Fischeln kann nicht, was zu einem 2:1-Sieg für den haushohen Favoriten führt.  Der Unterschied zu dem, was ich fast jeden Samstag sehe, ist noch größer als gedacht. Vielleicht haben diejenigen Schalker Strategen, die sich über unseren „Rumpelfußball“ beschweren und trotz nunmehr fünf Siegen aus den letzten sechs Spielen nölen, ja Lust, sich einmal ein niederklassiges Spiel zu geben und demnächst dankbar die 1.000-Freunde-Mauer zu küssen. Wir jammern auf einem extrem hohen Niveau. Jaja, Bundesliga ist auch was anderes, teuer genug sind sie auch, trotzdem darf man sich ruhig mal freuen, dass Schalke seit nunmehr 20 Jahren erstklassig ist und nicht wie viele andere Traditionsvereine irgendwo unten rumgurkt!

kfc 10kfc 11

Die Kommentare des Publikums sind offenbar in jedem Fußballstadion dieser Erde exakt dieselben, unabhängig von Land und Liga. Die echten Experten sind immer die, die sich genüsslich an ihren Bierbecher klammern.  Dafür gibt es nach dem Schlusspfiff kurz Szenenapplaus, als ein junger Fischelner Spieler sich durch das Gitter einen dicken Trostschmatzer von seiner Freundin abholt. Vielleicht würde derlei „Menschliches“ auch der Bundesliga mal gut zu Gesicht stehen.

kfc 09Zehn Minuten später sitzen wir wieder am heimischen Küchentisch und sind uns einig, der Besuch hat sich gelohnt, um mal wieder „Fußball old school“ zu erleben und zu erkennen, wie gut wir Schalker es eigentlich haben. Und ich freue mich auf Samstag, wenn MEINE Mannschaft wieder aufläuft, auch wenn der Abstecher in die Vergangenheit ganz amüsant war!

Blau-weiße Grüße
Susanne Blondundblau

Susanne Blondundblau

Schalkerin, Juristin, Königsblaue, Ehefrau, Blondine, Dauerkarteninhaberin, Schreiberin, Fragenstellerin, Schokojunkie, Vereinsmitglied, Gerechtigkeitsfanatikerin, Falschsängerin, Vielfotografin, Meerliebhaberin, Sturschädel, Rheinländerin, Fastimmergutgelaunte, Meinungssagerin, Käferfahrerin, Unorganisierte, Frühaufsteherin, Freundin, Engagierte, Mensanerin, Bücherfreak, Schnelldenkerin, Reisefreudige, Auswärtsfahrerin, Nervensäge, Kolumnistin, Neugierige, Nichtraucherin, Buchmitautorin, Optimistin, Schwimmerin, Ruhrpottliebhaberin, Zuhörerin, Caipirinhamixerin - und jetzt auch noch Bloggerin! ;-)

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.