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Montag, 04 März 2013 10:10

Es drohen viele Verlierer: viaNogo als Zerreißprobe für die Schalker Demokratie

geschrieben von 

vianogo9Oh, habe ich gerade „Demokratie“ geschrieben? Es ist ja bekannt, dass Schalke keine Demokratie ist, jedenfalls, wenn es nach der Meinung unseres Finanzvorstands Peter Peters geht (Aussage nachzulesen im „Pakt mit dem Teufel“ ). Doch wir sind ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, in dem eigentlich alle Vereinsorgane zum Wohle des Vereins an einem Strang ziehen sollten – und das Oberste dieser Vereinsorgane, das u. a. über die Satzung und die darin neben dem Vorstand verankerten anderen Organe und deren Rechte entscheidet, ist die Mitgliederversammlung…

Doch wer nun glaubt, zwischen den Vereinsorganen herrsche der im Leitbild verankerte „respektvolle Dialog auf Augenhöhe“, wurde in den vergangenen Woche eines Schlechteren belehrt: Von Dialog kann keine Rede mehr sein, die Protagonisten werfen sich gegenseitig Knüppel zwischen die Beine und beschädigt wird der Verein.

Es ist schwierig zu sagen, wann das aktuelle Dilemma begonnen hat – noch viel schwieriger aber wird sein, es wieder zu beenden. Zwei wichtige Faktoren waren sicherlich die „moderate Anpassung der Eintrittspreise“ mit Preiserhöhungen von bis zu mehreren hundert Euro vor der letztjährigen Mitgliederversammlung und die zunehmende Verquickung von Verein, Fanabteilung und SFCV, durch die viele Schalkefans ihre Interessen nicht mehr ausreichend vertreten sahen.

Ein großer Bruch kam dann kurz vor Weihnachten, als die im Kartenpreisausschuss engagierten Schalker statt der zugesagten Informationen für ein baldiges zweites Treffen monatelang nichts hörten – und stattdessen just nach dem letzten Heimspiel der Hinrunde der Deal des Vereins mit dem umstrittenen „Zweitmarktanbieter“ (Neumarketingdeutsch für Schwarzmarkt) bekannt wurde. Im zweiten Treffen des Kartenpreisausschusses wurden die Mitglieder ohne jegliche Vorbereitungsmöglichkeit mit Zahlen bombardiert und der Deal mit viagogo verteidigt: Die „zuständigen Gremien“ hätten nun einmal beschlossen, dass man den Schwarzmarkt ohnehin nicht mehr effektiv kontrollieren könne und sich deshalb für den wirtschaftlich vorteilhaften Vertrag mit viagogo entschieden. Auf die Empörung der Fans, dass ausgerechnet der „Kumpel- und Malocherclub“, der sich ausweislich des Leitbilds „zu seiner sozialen Verantwortung bekennt“, der Preisabzocke Tür und Tor öffnet, fiel dann der zynische Satz von der Nicht-Demokratie.

Der Tiefpunkt des Miteinanders? Mitnichten. Zwei engagierte Schalker beschlossen daraufhin, eine Unterschriftenaktion für die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gegen den Deal mit viagogo zu starten. Das Recht dazu ist nicht nur in der Vereinssatzung des FC Schalke 04 verankert; es handelt sich um ein nicht abdingbares Minderheitenrecht des deutschen Vereinsrechts, § 37 BGB.

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Dennoch bekommt man leider zunehmend den Eindruck, dass die Funktionsträger des Vereins vor keinem noch so unfairen Trick und Machtmissbrauch zurückschrecken, um ihre Mitglieder an der Ausübung dieses Rechts zu hindern:

Obwohl laut Vereinssatzung alle Mitglieder das Recht haben,  „am Vereinsleben teilzunehmen und die Einrichtungen des Vereins zu benutzen“, wurde ein form- und fristgerechter Antrag der Initiative, vor dem Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf an den Eingängen Infotische aufzustellen und über das Anliegen und die Unterschriftensammlung zu informieren, abgelehnt: Der Verein FC Schalke 04 werde „ im Sinne einer guten Partnerschaft keine Aktion unterstützen, die sich gegen unsere aktuellen und künftigen Partner richtet". Man hat also ohne auch nur den Versuch, Sicherheitsbedenken vorzuschieben, ganz unverhohlen die Rechte langjähriger Mitglieder, die ein satzungsmäßiges Recht wahrnehmen wollen, hinter die künftiger Sponsoren gestellt, deren Tätigkeit nach den derzeit gültigen AGB noch rechtswidrig ist. Der Ordnungsdienst versuchte, selbst außerhalb des Vereinsgeländes agierende Aktivisten der Initiative einzuschüchtern und an der Unterschriftssammlung zu hindern.

Die daraufhin in Wolfsburg geplante Unterschriftensammlung war bereits vom dortigen Fanbeauftragten mündlich genehmigt, wurde dann aber doch „plötzlich“ verboten, was nahezu zeitgleich auch auf der Facebookseite des SFCV veröffentlicht wurde… Ja, jenes Schalker Fanclubverbandes, dessen Vertreter im Aufsichtsrat des Vereins den Deal mit viagogo nach eigener Aussage „bedenkenlos“ zugestimmt hat – und  der es bislang in nunmehr fast sieben Wochen nicht geschafft hat, seine Mitglieder überhaupt über die Initiative zu informieren. Der SFCV fungiert offenbar weiterhin ausschließlich als Verteiler der Vorstands- und nicht der Faninteressen. Auch die Reaktionen auf den Austritt der UGE und die deutlichen Forderungen des Supporters Club nach mehr Unabhängigkeit bei der Vertretung der Faninteressen, die im Wesentlichen aus Kleinreden der Gruppierungen und Vorüberlegungen für ein Fanplenum, an denen wieder nur die „üblichen Verdächtigen“ mit absoluter Mehrheit der SFCV-Vertreter teilnehmen durften und andere engagierte Schalker außen vor blieben, bestand, lassen nicht vermuten, dass ein Umdenken möglich oder gewollt ist. Kritische Äußerungen werden sowohl von der facebook-Seite des SFCV als auch der von viagogo kurzerhand gelöscht.

Der Eindruck, dass freie Meinungsäußerung und Mitgliedsrechte auf Schalke unerwünschter denn je sind, drängt sich massiv auf, wie auch in der heutigen Stellungnahme der Initiative zu lesen ist (Wie weit darf sich die Vereinsspitze von der Basis entfernen? http://www.vianogo.de/). Die Verantwortlichen haben offenbar beschlossen, die Initiative in der Öffentlichkeit totzuschweigen und ansonsten auf allen nur denkbaren Wegen zu behindern. Man darf gespannt sein, was diesbezüglich beim anstehenden publicitywirksamen Derby los sein wird – aber Goliath macht sich keine Freunde, wenn er David auch noch die Steinschleuder stiehlt, zumal mittlerweile zahlreiche bundesweite Medien die Fan-Wut auf viagogo thematisieren.

Mittlerweile scheint es fast egal, wie der Streit um die außerordentliche Mitgliederversammlung ausgeht; zu viel ist bereits beschädigt. Das Vertrauen der engagierten Schalker in die Verantwortlichen ist nachhaltig erschüttert. Zu sehr wurden die Werte des Leitbilds mit Füßen getreten, zu deutlich die Geringschätzung der Vereinsmitglieder gezeigt, zu gierig für vergleichsweise kleines Geld die Faninteressen missachtet, zu ungeniert gezeigt, dass nicht nur Augenhöhe, sondern überhaupt ein Dialog nicht erwünscht ist. Dabei haben das Beispiel HSV, die den Vertrag mit viagogo aufgrund massiver Proteste der Fans zum nächstmöglichen Zeitpunkt gekündigt haben, oder unlängst die Schalker Trennung von Flüge.de aufgrund der Negativschlagzeilen gezeigt, dass es auch anders geht.

Unser Verein hat in seiner turbulenten Geschichte schon andere Brocken als viaNogo überstanden und sich wieder zusammengerauft, „hängt sie höher!“ war dabei selten zielführend. Daher sollte es trotz aller Streitigkeiten auch jetzt noch möglich sein, dass sich die Protagonisten an einen Tisch setzen und überlegen, wie, wann und zu welchem Preis der Verein viagogo wieder los werden und eine faire Ticketbörse installieren kann, ohne sich weiter in der bundesweiten Presse Negativschlagzeilen zu liefern und in offenen Briefen und geheimen Zirkeln über- statt miteinander zu sprechen. Und wie das berechtigte Ziel der Konsolidierung der Vereinsfinanzen ohne das schmutzige Geld von viagogo zu erreichen ist.

Das wäre wirklich demokratisch – aber: Schalke ist ja keine Demokratie… Es wäre trotzdem schön, wenn die, durch deren unbedachtes oder zumindest unsensibles Verhalten die Gräben maßgeblich entstanden sind, auch den ersten Schritt machen würden, sie wieder zuzuschütten, damit wir zumindest den Begriff des eingetragenen Vereins wieder mit Leben füllen können. In diesem Sinne: Lieber Vorstand, lieber Aufsichtsrat, habt die Größe, Fehler einzugestehen und zuzugeben, dass Ihr Euch mit diesem Sponsor verhauen und die Stimmungslage im Verein falsch eingeschätzt habt – des Rest bekommen wir dann gemeinsam hin.

Glückauf
Susanne Blondundblau

Susanne Blondundblau

Schalkerin, Juristin, Königsblaue, Ehefrau, Blondine, Dauerkarteninhaberin, Schreiberin, Fragenstellerin, Schokojunkie, Vereinsmitglied, Gerechtigkeitsfanatikerin, Falschsängerin, Vielfotografin, Meerliebhaberin, Sturschädel, Rheinländerin, Fastimmergutgelaunte, Meinungssagerin, Käferfahrerin, Unorganisierte, Frühaufsteherin, Freundin, Engagierte, Mensanerin, Bücherfreak, Schnelldenkerin, Reisefreudige, Auswärtsfahrerin, Nervensäge, Kolumnistin, Neugierige, Nichtraucherin, Buchmitautorin, Optimistin, Schwimmerin, Ruhrpottliebhaberin, Zuhörerin, Caipirinhamixerin - und jetzt auch noch Bloggerin! ;-)

4 Kommentare

  • Kommentar-Link Micky Montag, 04 März 2013 12:13 gepostet von Micky

    Sehr gut geschrieben und erfreulich unaufgeregt nach den ganzen hysterischen Debatten auf facebook! Mir fehlt allerdings der Glaube, dass der Vorstand noch vernünftigen Argumenten zugänglich ist. Die pflegen derzeit die reine Wagenburg-Mentalität, nachdem die undankbaren Fans ihren vermeint tollen Deal so böse verissen haben.

  • Kommentar-Link Schreihals (Eishockey-Frank) Montag, 04 März 2013 17:36 gepostet von Schreihals (Eishockey-Frank)

    Drück' Euch die Daumen!!!

    Frank

  • Kommentar-Link Dagegen Dienstag, 05 März 2013 15:25 gepostet von Dagegen

    Habt ihr diesen Artikel den Verantwortlichen geschickt?!

  • Kommentar-Link dementia praecox Donnerstag, 28 März 2013 11:34 gepostet von dementia praecox

    Das Procedere war wirklich unter aller Sau. Aber erklär mir mal: wie komme ich, kein Inhaber einer seit x Generationen vererbten Dauerkarte, weitab jeder VVK Stelle Wohnender, an eine Karte für ein beliebiges Ligaspiel, wenn die Hütte per se immer voll ist?

    Geht wohl nur über den Zweitverwertungs-, vulgo Schwarzmarkt. Zahle zT für zwei stinknormale Karten so viel, wie eine Steherdauerkarte offiziell kostet, ist es mir aber wert - vllt auch ein Ausdruck des "Fan"seins?

    Ohne Viagogo und Konsorten würde in jenen Stadien, wo die Stimmung eben nicht vor lauter Häppchenfresserei kurz über der Grasnarbe dümpelt, über Jahre hinweg das selbe - nicht: das gleiche - Publikum seine tradierten Privilegien genießen und sich als Wahrer des allein seligmachenden Fantums feiern.

    Die Opposition gegen Viagogo etc ist nachvollziehbar, sie hat für mich aber den leichten Ruch von Besitzstandswahrung.

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