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Donnerstag, 13 Februar 2014 19:30

Wupsi, Moya und die roten Teufel

geschrieben von 

B04 vs FCK DFB Viertelfinale 4

Wer hätte das gedacht? Ein Fußballabend bei dem der „alte Mann“ völlig austickt und als Pessimist alle, aber auch wirklich alle Bedenken und Meckereien in den Mülleimer tritt und nur noch grinsend und voll mit Glückshormonen den Hochsicherheitstrakt, genannt BayArena, verlässt. Ufff - es fällt schwer, das Gesehene und vor allem Erlebte in Worte zu packen.

Seit Wochen und Tagen war für mich das Ende der laufenden DFB-Pokalsaison am gestrigen Mittwoch klar. Gegen den Zweiten der Bundesliga aber vor allem gegen Sidney Sam haben wir keine Chance. Seit Sam im Juni 2010 den 1. FCK verlassen hat und in Richtung Leverkusen abwanderte machte er sich jedesmal, wenn er im Kader war, einen Heidenspaß daraus uns mindestens ein Tor reinzuwürgen. Daneben so Granaten wie Kießling und Derdiyok, wie groß werden also unsere Möglichkeiten sein das Halbfinale zu erreichen?  
So zumindest meine Meinung vor dem Spiel.

Es ging schon auf der Anreise los. Stockender Verkehr. Stau. Die Zeit verrann aber die Nervosität nicht rechtzeitig im Stadion zu sein kam irgendwie nicht auf. Dann waren die Nebenstraßen an diesem Stadion gesperrt und das Parken in Parkbuchten verboten. Warum dem so ist, erschließt sich wohl nur dem Anwohner der neben das Stadion gezogen ist. Somit also zurück in Richtung Pendelbus-Parkplatz.
Warten auf den Bus und da sah ich es das erste Mal: „wupsi“ (steht für Kraftverkehr Wupper-Sieg AG). Leichtes Schmunzeln und rein in den Bus. Am Stadion angekommen, einmal herum gelaufen und schon von draussen die Lautrer gehört. Ach ja, wohl doch fast ein Heimspiel.
B04 vs FCK DFB Viertelfinale 1Eine Viertelstunde noch bis zum Anstoß. Rein in den übervollen Block, die „Bagage“ gesucht mit der man sonst auf jedem Auswärtsspiel zusammensteht.
Das Spiel beginnt und meine Hoffnung ist, möglichst lange kein Tor zu kassieren. Ich bin verkrampft, weil mein Verstand sagt „Das können wir nicht packen“, der Bauch aber fragt schreiend „Warum eigentlich nicht?“. Auf der Anzeigetafel unsere Aufstellung. Offenbar hat es in der Winterpause doch noch einen Transfer gegeben und anstelle von Marc Torrejón steht nun der Spieler „Moya“ auf dem Platz. Nun gut, soll mir recht sein. Dann kaufen die Leverkusener den falschen Spieler und wir können Marc noch eine Zeit behalten.

Quelle: Andreas Mohr - http://www.lev-rheinland.de

Immer wieder bin ich überrascht, wie schlecht Sidney Sam zum Einsatz kommt. Mal hat Löwe den Ball eher, dann wechselt Sam - so wie früher - die Seite und bekommt es mit Florian Dick zu tun. Auch da ist kein Durchkommen. Eine Chance von Derdiyok relativ früh wird von Sippel pariert. Hoffentlich hat Tobias heute keinen Patzer eingebaut. Wir holen einen Eckball nach dem anderen heraus, leider ohne verwertbare Ergebnisse. Auf der anderen Seite ist Leverkusen aber auch nicht ertragreicher. Im Gegenteil, die Millionäre hadern ein wenig mit dem aggressiven Pressing von uns. In der 36. Minute muss Derdiyok verletzt vom Platz. Für ihn kommt Kießling. Immer wieder rennen die Leverkusener an und verlieren den Ball vor dem 16er. Das ist schon auffällig. Jeder der Lautrer kämpft und beisst. Herrlich so ein Spiel. Obwohl, ja nicht zu früh freuen. Wie oft haben wir die Prügel in der zweiten Halbzeit kassiert.

Halbzeit und immer noch 0:0. Wow, so langsam beginnt mein Kopf in das „Warum eigentlich nicht?“ vom Bauch mit einzustimmen.

In der Halbzeit die Gespräche plätschern irgendwie an mir vorbei. Es geht um unsere bisher stabile Abwehr, die Hoffnung, dass Simunek durchhält, warum nur Occéan als Spitze und Mo und Lakic auf der Bank sitzen. Thord vor mir hatte in der ersten Halbzeit gesagt, dass es gut sei wenn wir nicht schon jetzt in Führung gehen. Dann kämen die Leverkusener nach der Halbzeit mit Brass zurück und würden uns abschießen. So langsam glaube und verstehe ich wie er es gemeint hat.

2. Halbzeit

Die Halbzeitpause ist vorbei, alle wieder auf dem Platz und los geht’s. Die „Werkself“ dreht nun heftig auf und drückt unsere Mannschaft in die eigene Hälfte. Aber immer wieder ist ein Fuß von einem roten Teufel dazwischen. Immer wieder lösen wir uns aus der eigenen Hälfte und setzen Konter. Immer wieder rennen wir uns fest und das Spiel geht von vorne los.
Nach 66 Minuten wird Sam, zusammen mit Bender, ausgewechselt. Nein, Sidney, das war heute nicht Dein Glanzstück. Heute war nicht der Tag an dem Du wieder gegen uns triffst. Vielleicht sollten so manche Interviews nicht im Vorfeld gegeben werden oder man hält sich einfach mal ein wenig zurück.
Der Blick auf die Uhr, schon 70 Minuten und immer noch 0:0. Der Kopf wird nervös, der Bauch schreit immer lauter „Warum eigentlich nicht?“. Der erste Wechsel bei uns. Mo kommt für Ring. Offenbar hat Thord das Drehbuch des heutigen Abend gelesen. So langsam zeigt Kosta Runjaic seine Karten. Es findet eine Verschiebung statt und wir beginnen langsam und sachte mit mehr Druck in Richtung Leverkusener Tor. Irgendwie völlig verrückt. Erst 70 Minuten weichkochen und dann langsam zum filetieren zurechtlegen. Der Zug zum Tor wird deutlich stärker. Der Block wird immer lauter. Meine Stimme stabilisiert sich und wird auch immer lauter. Unglaublich, schon mehr als 80 Minuten und immer noch 0:0. Der nächste Wechsel, Occéan geht mit tosendem Applaus und Occean Occean Rufen vom Platz und „Spätheimkehrer“ Lakic betritt die Bühne. Charlotte neben mir schrieb heute früh was vom „Lakic Effekt“. Ich antwortete nur vom „Sam Effekt“. Noch 2 Minuten Nachspielzeit. Der Block ist mittlerweile im kollektiven Irrsinn angekommen und tanzt und schreit nur noch. „Ihr werdet nie deutscher Meister, NIIIIIIIIIIEEEEEE deutscher Meister …“. Ich erwische mich, wie ich bei etwas mitschreie, was uns bei den letzten Spielen in dieser Arena immer ein Gegentor brachte „Sch… Leverk…..“. Egal, noch knapp 20 Sekunden und wir sind in der Verlängerung. Pfiff - Schreie. Der Gästeblock gleicht einem Tollhaus. Die Verlängerung ist erreicht. Keine Frage, das Spiel können wir immer noch verlieren. Aber ganz, ganz tief in meinem Bauch und mittlerweile auch tief in dem Teil auf meinem Hals schreit irgendwas ständig „Warum zum Teufel eigentlich nicht?“.

Verlängerung

B04 vs FCK DFB Viertelfinale 2Die ersten 15 Minuten der Verlängerung laufen. Irgendwie ist es ein Spiel in dem es offenbar keinen Klassenunterschied mehr gibt. Wir drücken und ackern, Leverkusen verzweifelt so langsam. Dann fällt Matmour im Strafraum der Leverkusener. Schier nicht enden wollende Diskussionen, dann läuft Mo mit dem Ball auf den Punkt. OK, ich gestehe ich hab da so ne alte Fußballerweisheit „Ein geschundener Elfer geht nicht ins Tor“. Mo dachte sich wohl was ähnliches und zimmerte den Ball ca. einen Meter neben das Tor. Der Block stöhnt, ist einen Moment sprachlos. Dann aber wieder die Anfeuerung. Weiter, immer weiter …
Irgendwann höre ich mich sprechen „Wir machen das 1:0 in der 119. Minute“. Ja, klar. Soviele verpasste Chancen aber wir machen das 1:0? Langsam glaube ich, dass mein Kopf nicht mehr rational ist. Ach was, jeder vor, neben oder hinter mir ist irrational. Sonst wäre keiner von uns Chaoten hier. Von hinten immer wieder „Die könne nix“.
Seitenwechsel, zweiter Teil der Verlängerung. Jetzt wieder auf das Tor vor unserem Block. Immer wieder laufen die Angriffe von uns, die Leverkusener versuchen alles, haben aber kein Mittel gegen unsere geschlossene Defensivleistung. Dann ist mal einer der Leverkusener durch und schon kommt Simunek angegrätscht und kickt den Ball ins Seitenaus. Unser Kämpfer hat Krämpfe und wird gegen Dominique Heintz ausgewechselt. Das war in der 112. Minute. Hoffentlich hält unsere Abwehr.
In der 114. Minute dann der Pass von Matmour auf Mo. Der flankt und der Ball fliegt über Lakic, der am Elfmeterpunkt wartet hinweg. Doch wer steht hinten, am anderen Ende des 16ers? Ruben Jenssen. Er pflückt den Ball aus der Luft, legt ihn sich zurecht und RUMMS - das Teil ist drin. Ab jetzt passieren Dinge, die sicher jeder Fußballanhänger schon mal erlebt hat. Aber dennoch ist es der Wahnsinn. Menschen fliegen über „Vario Sitze“ von oben herab. Bier fliegt. Jeder liegt sich mit jedem im Arm. Alles dreht durch. Die Rationalität hat für heute endgültig den Kopf verlassen und liegt fernab im Rinnstein. Freudenschreie, Taumeln, Umarmen, Freudentränen - also alle emotionalen Elemente des Lebens knallen mit einem Mal aus den Menschen heraus. Spätestens jetzt schreit der Kopf in einer unbändigen Lautstärke „JA, ZUM TEUFEL WARUM NICHT??“.
Die restlichen sechs Minuten plus zwei Minuten Nachspielzeit werden souverän herunter gespielt. Der Ball wird lange gehalten. Spielchen an der Eckfahne, „Zeit von der Uhr nehmen“ nennt man das. Das, was man als Verlierer hasst wie die Pest, das lieben die Gewinner.
Und dann ist das Spiel aus. Der „Wiesbadener Schiri“ pfeift ab.

Feiern

B04 vs FCK DFB Viertelfinale 3Eine SMS von Natalie landet auf dem Handy. Danke Natalie, es ist wohl doch kein verrückter Traum. Ich stehe in Leverkusen, in der „BayArena“ in der wir seit 1997 nicht mehr gewinnen konnten und wir schmeißen den zweiten der ersten Bundesliga aus dem Pokal.
Unfassbar. Unglaublich. Unrealistisch. Egal, wir haben es gepackt.
Nun hat es offenbar auch Fritz mitbekommen. Es regnet. Es regnet in Strömen. Ja Fritz, da war sie wieder. Die Realisierung eines Leitsatzes von Sepp Herberger. Nicht umsonst steht es in Stein gemeißelt vor dem Eingang zur Westkurve in Kaiserslautern
„Die Außenseiterrolle ist ein Schlüssel für die Schatzkammer unermesslicher Kräfte, die helfen, Berge zu versetzen“
Genau. Unermessliche Kräfte haben die 14 gestern eingesetzten Spieler da gestern auf dem Platz freigesetzt.
Dann laufen wir durch das Spalier der Ordnungskräfte aus dem Stadion und singen lauthals „Gegen Lautern kann man mal verlieren“. OK, die leicht verbissenen Gesichtsausdrücke der knallgelben und knallorangenen Herren ignorieren wir jetzt einfach mal.
Dann warten wir auf „WUPSI“ und seinen Pendelbus. Es regnet in Strömen. Schei.egal - Warten auf Wupsi. Irgendwann sind wir dann auf dem Parkplatz, die Gruppen lösen sich auf, jeder geht mit einem tiefen Grinsen zu seinem Auto.
Jetzt noch ein machbares Los fürs Halbfinal - Wolfsburg auswärts wäre nett. Ach ja, Fußball kann so schön sein.
Kurz vor Bonn zischt mir dann ein extremer Fluch durch die Zähne. Warum zum Geier schon wieder nach München? Fritz weint auch. Heftig sogar. Aber OK, wir haben keine Chance, nutzen wir sie.
Wenn ich eine Bitte an die DFB-Verantwortlichen für den Pokal und die Auslosung hätte dann einfach die, dass man nicht sofort nach den Spielen diese Auslosung durchführt. Gönnt uns doch einfach mal einen Tag der Freude. Der unbeschwerten, einfachen und tiefen und dankbaren Freude. Es kommt doch nicht drauf an. Warum nicht die Auslosung am Samstag in der Sportschau oder sonstwo. Warum muss so ein toller Abend, so völlig unsinnig zerstört werden.
Aber nun gut. Sollte nicht sein obwohl … Irgendwie grinse ich immer noch.
Nun ist die Rationalität heute morgen wieder beim Frühstückstisch die Tür reingekommen. Die Stimme liegt noch in Leverkusen in Block „Stargate 2 (SG2)“. Wenn sie jemand findet, ich bräuchte die möglichst bald wieder. Spätestens am Montag, wenn es nach Aue geht.

... und weil es so schön war:


Bildquellen:

Bild 1 - Der Betze brennt
Bild 3 - Andreas Mohr
Bilder 2,4,5 - privat

Jochen Grotepass

- Vorstandsmitglied "Perspektive FCK"
- Mitglied IG "Unsere Kurve"
- gewähltes Mitglied im Satzungsausschuss des 1. FC Kaiserslautern e.V.
- Allesfahrer

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