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Freitag, 22 November 2013 16:15

Fandialog zum Zweiten - 6. Fanhearing der Piraten im Landtag NRW

geschrieben von 

IUneingeschraenkte Rechte auch fuer Fansn Sachen Fandialog scheint Nordrhein-Westfalen eine Oase in der Wüste der Bundesländer zu sein. Am Montag, dem 18. November 2013, luden die Piraten im Landtag von NRW bereits zum sechsten Mal zu einem Fanhearing ein. Davon ist mein Bundesland Rheinland-Pfalz (egal welche Fraktion) wohl noch Lichtjahre entfernt.

Nun kann man ja getrost der Ansicht sein, dass sich verschiedene Parteien und Medien gerne solcher Themen annehmen, bei denen man eine bestimmte Meinung sicher einschätzen kann und demzufolge auch einigermaßen abzuschätzen ist, wie hoch die Zustimmung zu bestimmten Aussagen sein wird. So veröffentlichte gerade gestern die Zeitung “Neues Deutschland”, den älteren Jahrgängen durchaus noch als das Zentralorgan der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) zu DDR-Zeiten geläufig, einen durchaus lesenswerten Artikel zum Thema Ultras. Gerade das Medium “Neues Deutschland” wertet den Artikel in den Augen vieler jedoch ab.

Ähnlich ging es mir, als ich die Einladung zu dem 6. Fanhearing über den Mailverteiler von “Unsere Kurve” erhielt. Die Piraten also. Jene Partei, die sich durch rasante Stimmenzuwächse in der breiten Öffentlichkeit auszeichnete und dabei offenbar ein kleines strukturelles Problem in ihren Landesverbänden und auch in ihrem Bundesverband hatte. Auch aufgrund eines Kommentars in meinem Blog zum Gespräch mit der SPD-Fraktion im Landtag von NRW wurde ich, mehr oder weniger, darauf hingewiesen, dass nicht die SPD in NRW das Thema “Fußballfans” ursprünglich bearbeitet hat, sondern eben die Piraten. Wie dem auch sei, das alles kann ich nicht beurteilen. Aber alleine aufgrund des Kommentars war ich mehr oder weniger gezwungen, mir an diesem Montag noch einmal die 250 Kilometer einfache Strecke in Richtung Düsseldorf anzutun und mich mit Fans von Schalke 04, dem BvB, Alemannia Aachen, Fortuna Düsseldorf, dem MSV Duisburg an einen runden Tisch im Landtag von NRW zu setzen und mit Vertretern der Piraten darüber zu sprechen, wohin es denn mit uns Fußballverrückten so geht.

 

Um 18 Uhr ging es los und die erste Überraschung war die doch recht große Zahl an “Fans”. Im Laufe des Abends kamen noch mehr dazu, so dass es am Ende doch sicherlich rund 35 Personen an dem Tisch waren, die sich bis 21:30 Uhr so einiges zu erzählen hatten.

Das für mich Interessanteste gleich vorneweg. Ging es bei den Gesprächen in der SPD-Fraktion eher um ein Gespräch, so war dieses “Hearing” schon eher eine Ideensammlung und Meinungsbildung durch die Fans in Richtung der Politik. Im wesentlichen gab es drei Tagesordnungspunkte:

  • Sicherheit im Stadion (Derby etc)
  • Stadionverbote
  • Rechte Gewalt in der Fanszene

Sicherheit im Stadion

Da die Schalker und die Dortmunder Fraktion den größten Personenkreis bildeten, wurde natürlich sehr intensiv über das Derby und seine Auswirkungen gesprochen. So wurde u.a. von Schalker Sicht aus das Fehlverhalten der Polizei zur Sprache gebracht. Laut Medienberichten wurden wohl im Bahnhof Essen-West die Einrichtung zerlegt und die dort anwesenden Dortmunder Fans nicht, wie üblich, eingekesselt sondern in extra herbeigerufenen Bussen nach Gelsenkirchen in die Arena kutschiert. Dieses Vorgehen wurde als völlig unangebracht angesehen, da man ja ansonsten eine andere Vorgehensweise seitens der Polizei gewohnt ist.

Nun kam die Überraschung. Ein Fanbeauftragter von Borussia Dortmund berichtete, dass man die klare Aussage der Bundespolizei habe, dass es in Essen-West eben nicht zur Zerstörung des Bahnhofes gekommen sei. Ebenso war dort das Problem, dass die anwesenden Fans mit dem eigenen PKW zur Arena fahren wollten. Da man aus Sicherheitsgründen aber eine überwachte Anreise für sinnvoller hielt, wurde durch die Bundespolizei der Weg eingeschlagen, die Fans per Bus zu transportieren und damit einen bessern Überblick über die Situation zu haben.

Auch die Thematik der zerstörten Glasscheiben im Gästeblock und den in den Medien verbreiteten Aussagen, dass die Scheiben mit den Nothämmern aus den Bussen zerschlagen worden seien wurde von einem Fanbeauftragten des BvB in den Reich der Fabel verwiesen. Das Busunternehmen (BOGESTRA) hat auf Nachfragen bestätigt, dass keine Nothämmer aus den Bussen fehlen würden.

Alleine hier zeigt sich schon deutlich, wie vorsichtig man mit den Aussagen in den Medien umgehen muss. Insbesondere wenn im Vorfeld genau diese Medien die Krawalle gerne herbeischreiben. Eine neutrale oder weitgehend objektive Berichterstattung erscheint ebenso unmöglich, da zum Beispiel in Dortmund alle drei Hauptzeitungen mittlerweile einem Verlag gehören.

Im Zusammenhang mit diesem Ruhrpott-Derby wurde dann auch noch über das Niedersachsen Derby zwischen Hannover und Braunschweig gesprochen. Allen Beteiligten am Tisch ist klar, dass Knallkörper und Leuchtmunition völlig kontraproduktiv hinsichtlich geplanter Tests mit Pyrotechnik in Stadien sei. Es wurde darüber gesprochen, dass die Fanszene sich sehr wohl intern mit diesen Themen auseinandersetzt aber eben die Außendarstellung der entsprechenden Gruppierungen meist dürftig ist, wodurch der Eindruck der Uneinsichtigkeit entsteht. Hier wurde von Frank Herrmann (Veranstalter) darauf hingewiesen, dass es sicherlich besser sei, wenn die Gruppen in ihrer Außendarstellung etwas an sich arbeiten würden.

Über die Fans kam man zwangsläufig wieder auf das Thema Polizei. So wie seitens der Politik und der Vereine die “Selbstreinigung der Szene” geforert wird, kam die Forderung auf den “Selbstreinigungsprozess bei der Polizei” doch einmal zu fordern. Also Dinge wie Korpsgeist, Kennzeichnunsgpflicht und unverhältnismäßiger Schlagstock oder Pfefferspray-Einsatz könnten doch auch innerhalb der Polizeistrukturen einmal thematisiert werden und zum Ausschluss von Polizisten in den Einsatzbereitschaften führen. Offenbar ist es aber aufgrund der Strukturen (strenge Hierarchie) und der Gegenbenheiten eher nicht denkbar. Die Forderung an sich kam aber gut an. In diesem Zusammenhang wurde davon berichtet, dass ca. 2.000 Strafanzeigen gegen Polizisten im Jahr 2012 ergingen davon seien auch einige zu Freiheitsentzug und andere zu Geldstrafen verurteilt worden. Die genannten Zahlen waren jedoch im Vergleich zu den Anklagen eher gering.

Das Thema Sicherheit und Derby wurde dann nach ca. 1,5 Stunden beendet.

Stadionverbote

Am Sonntag hatte der Spiegel über die geplante Änderung der Stadionverbotsrichtlinien berichte. Insbesondere die Verlängerung der Stadionverbote auf “fünf” Jahre wurde heftig diskutiert. Als ich dann in dieser Runde einmal den Wortlaut und die wesentlichen Änderungen der SV-Richtlinien vorlas verschob sich die Diskussion auf den Sinn der Stadionverbote. Natürlich ist jedes Stadionverbot im Grunde eine Vorverurteilung. Die Frage ob und wie lange Stadionverbote gültig sein sollen - zum Beispiel bis zur rechtmäßigen Verurteilung durch ein Gericht - oder ob die Einstellungspraktiken der Gerichte bzw. der Staatsanwälte nicht Anlass zur Überprüfung der Rechtmäßigkeit wegen Verzögerung geben könnten wurden heiß diskutiert.

Alles in Allem wurde das Stadionverbotsthema wie üblich hoch und runter diskutiert mit dem Ergebnis, dass es eben hinsichtlich des Hausrechts und der Unterwerfung der Vereine unter die Strafgewalt des DFB nicht wirklich viel gibt, an dem man ansetzen könnte. Letztlich ist eventuell die “Politik” gefragt, diese bedingungslose Unterwerfung einmal zu überprüfen und die Rechtsstaatlichkeit der Maßnahmen in Frage zu stellen. In diesem Zusammenhang wurde auch das Thema der Stadtverbote / Betretungsverbote gestreift. Gerade bei der Auslegung des Wortes “Gefahrenabwehr” weitet die jeweilige Landespolizei ihre Interpretation schon extrem aus, um Stadtverbote zu verhängen. Ob eine Gefahr für Leib und Leben der Einwohner einer Stadt besteht, wenn ein Fußballanhänger mit Stadionverbot die Stadtgrenze überschreitet, dürfte wohl in den meisten Fällen extrem übertrieben sein. Jedoch wird gerade wieder an der Verschärfung der Polizeigesetze gearbeitet (RLP).

Das Gespräch über dieses Thema wurde nach ca. einer Stunde beendet.

Rechte Gewalt in der Fanszene

Ein sehr interessantes Thema wurde dann durch die anwesenden Fans vom MSV Duisburg angesprochen. Es wurde von dem Angriff der rechten Szene gegen die Ultras von Duisburg berichtet und wie sich der Verein dazu stellte. In diesem Zusammenhang wurde dann auch von Seiten der Fans aus Aachen berichtet. Auch hier wurden die Vereinsstellungnahmen besprochen.Die Vertreter von Borussia Dortmund berichteten auch von ihren Erfahrungen und den Projekten, die dort losgetreten werden, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Insgesamt war die Fragestellung, ob nicht die Fans mehr Einfluss nehmen können oder es eher in den Händen des Vereins angesiedelt wird. Gerade in Dortmund zeigt sich, dass der Verein einiges unternimmt, um des Themas Herr zu werden. Solange aber die Vereine selbst nicht einsehen, dass es ein Problem mit Anhängern der rechten Szene gibt, solange werden eher sinnlose Aktionen wie “rote Karte gegen Rassismus” an den Tag gelegt, um halt irgendwas gemacht zu haben. Die Einsicht, dass man sich mit der Fanszene auseinander setzen muss und dort einmal versucht zu verstehen, wie die jeweiligen Gruppen orientiert sind und ob es hier zu Problemen kommen kann ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für die weiteren Schritte.

Aus Aachen wurde dann die Frage gestellt, ob nicht die externen Berater ihre Studien mit Mitteln des Landes auch bei den kleineren Vereinen vorstellen und durchführen könnten, um eben dort auch die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen wurde notiert und wird sicher, früher oder später, in einer der Anfragen im Landtag von NRW landen.

Insgesamt war es erschreckend zu lesen, wie gleichgültig manche Vereine das Problem herunterspielen. Gerade Aktionen wie bei Fortuna Köln, als Banner gegen rechte Gruppen verboten wurden zeigen, wie unsensibel manche Verein reagieren.

Hier wird es sicherlich noch einiges an Ideen brauchen, um die Probleme einmal vernünftig anzugehen.

Dieses Gespräch war nach ca. 45 Minuten beendet. Zumal einzelne Teilnehmer aufgrund der vorgerückten Stunde langsam nach Hause wollten.

Sonstiges

Eine hochinteressante Geschichte stellte Frank Herrmann dann am Schluss noch vor. Am 29. Oktober 2013 hat sich ein neues Forschungsprojekt gegründet. Unter dem Begriff “SiKomFan” - Mehr Sicherheit im Fußball - Verbessern der Kommunikationsstrukturen und Optimieren des Fandialogs - ist dieses Projekt, gefördert mit 3,3 Mio Euro von der Bundesregierung, ins Leben gerufen worden.

Auf der Webseite http://sikomfan.de/ kann man sich über die Inhalte informieren.

Interessant wird es, wenn man sich anschaut, wer in diesem Projekt beteiligt ist und wo es angesiedelt ist.

Die Adresse des Projekts lautet “Deutsche Hochschule der Polizei” und eines der beteiligten Unternehmen ist die Firma Cassidian, die gerade mit Drohnentechnologie von sich Reden machte.

Hier wird es sehr wichtig sein, dieses Projekt im Auge zu behalten und rechtzeitig auf Probleme hinzuweisen, wenn es um die Rechte der Fußballanhänger geht. Zwar liest es sich im ersten Moment recht sinnvoll, was sich die Projektgruppen für Aufgabenstellungen gegeben haben, aber gerade die Teilnehmer und die Lokation lässt Schlimmes befürchten.

Also hier unbedingt aufmerksam verfolgen, was dort passiert.

Fazit

Am Ende eines doch recht langen Abends war ich überrascht, dass es doch tatsächlich ein offener Informationsaustausch war. Es wäre wünschenswert, wenn solche Dialoge nicht von Parteien missbraucht werden, um Stimmen zu fangen. Hier geht es um unser aller Recht auf Freiheit. Wenn irgendwann Drohnen über dem Stadion kreisen, jede Bewegung mit Kameras eingefangen und von Software interpretiert wird, dann ist wohl das Parteibuch in der Tasche egal.

Bildquelle: Der Betze brennt

Jochen Grotepass

- Vorstandsmitglied "Perspektive FCK"
- Mitglied IG "Unsere Kurve"
- gewähltes Mitglied im Satzungsausschuss des 1. FC Kaiserslautern e.V.
- Allesfahrer

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Daniel Düngel Freitag, 22 November 2013 17:22 gepostet von Daniel Düngel

    Danke für Deinen Besuch bei uns und den Bericht :)

    Wir sehen uns sicher wieder ...

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