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Donnerstag, 15 November 2012 23:05

Altersgerechtes Hoppen mit Vaddern. Oder: High the cups!

geschrieben von 

CIMG0815Eine Exkursion mit fremden Federn und unter falscher Flagge. Unser sicherstes Stadionerlebnis seit langem, bei Millwall im New Den. Eine reiseberichtende Tellerrandgeschichte, mal jenseits der alltäglichen Bundesliga Hausmannskost, frei nach dem Motto: Appetit holt man sich wo anders, gegessen wird dann abends beim Inder um die Ecke.

Einmal im Jahr reise ich mit meinem Vater nach London. Wir waren im letzten Jahr im November das letzte Mal dort und hatten uns das gleiche Wochenende im November für dieses Jahr vorgenommen. Der Kater der vergangenen Olympischen Spiele und des ebenfalls verwelkten Kronjubiläum der Frau Windsor sollten dann bereits verflogen sein.

Dieses Jahr kam mein Vater mal wieder auf den Trichter, dass man sich ja mal wieder ein Fußballspiel anschauen könnte. Wir hatten uns vor einigen Jahren Westham gegen Fulham angeschaut, die Seifenblasen Choreo und die exzentrische Zubereitung von Hamburgern am Straßenrand, hatten bei meinem Vater deutlich mehr Eindruck hinterlassen, als das fußballerische Können der vielköpfigen Ferdinand-Sippe, eines Moritz Volz, oder gar eines Carlos Tevez.

Ich war nun bass erstaunt, dass der alte Herr mal wieder offensiv Interesse bekundete, ein Fußballspiel in London besuchen zu wollen. Die erste Idee eines hochpreisigen Premierleague Matches konnte ich ihm austreiben und verwies dann umgehend auf die grundsätzliche Alternative eines Besuches eines Spieles in der zweiten Liga, eine Alternative, die sich auch plakativ in einer erkläglichen Preisdifferenz in Pound Sterling ausdrückte. Diese Preisdifferenz sollte sich dann in der Tat in einem Abendessen beim Inder um die Ecke und einigen Absackerbierchen im Pub am anderen Eck ausdrücken.

Die Karten waren schnell Sonntags auf der Hompage von Millwall bestellt, schöne Plätze im Unterrang des Barry Kitchener Stand, die Grasnarbe zum Greifen nah und eine ebenso greifbare Atmosphäre garantiert. Ein Vollzahler und ein Rentner für knappe 50 GBP plus ein schon lächerliches P&P von 1,90 GBP. Mittwoch flatterte ein schlankes Luftpostbriefchen ins Haus, absolutely lovely!

Den Spieltagssamstag begannen wir wohl so, wie ihn bereits jeder englandreisende Fußballprolet begonnen hat. Ich zumindest leicht verkatert vom Genuss diverser „Real Ales“ und „Real Ciders“ und mit dem Plan, sich bei Lillywhites eine bunte Tüte billigen Sportswear-Tinnef zu kaufen. Zur Anreise in den postindustriellen Vorhof zur Höhle des Löwen, fuhren wir von unserem East End Domizil per DLR vom Tower Hill Gateway via Shadwell und dann weiter mit der Overground, unter der Themse hindurch, nach Surrey Quays.

Millwall…Ein Name der Angst und Schrecken verbreitet und sogar der krummnasigste Althauer verwechselt da mal ganz gerne den Plot des jeweiligen Hooligan Filmchens, ja, was war denn nun „Hooligans“ und was war denn nun „Football Factory“? Egal, schlimm ist es da unten auf jeden Fall und so mancher Gesprächspartner zog bedeutungsvoll die Luft ein, so in einer Mischung aus Respekt und Sorge. Und dass, obwohl jeder Fußballfan mit mehr als 5 Länderpunkten nur müde lächeln würde, da man die zweite englische Liga bereits vor 5 Jahren komplett im Oktavheftchen verhaftet hatte, bevor, die Liga entweder „kommerziell geworden ist und kein ehrlicher Sport mehr war“, oder, mürrische Fourty-Somethings aus Hamburg sich mit ihrem 71 jährigen Vater nach Millwall aufmachen würden, um die Hopper-Noblesse zu unterminieren. Gesunde Verachtung bekam ich trotzdem nur von meiner neuen Tresenbekanntschaft am Vorabend im Pub zu spüren. Auf Millwall reagiert dieser kleine rotgesichtige Glatzkopf in der Tat nur mit einer kleinen Auswahl an Four-Letter-Words und ich kann versichern, „LOVE“ war NICHT darunter.

Man steigt aus der Overground aus reiht sich in den Pendlerstrom ein, um mit der Oysterkarte über das Touch&go Feld zu ziehen und reibt sich verwundert die Augen: keine Fans mit Trikot, keine kajohlenden Menschenmassen und vor allem keine größere Anhäufung Ordnungsmacht. OK, vielleicht ist Parole „no colours“ für den echt gemeinen Millwall Anhänger die Option schlechthin, aber, ich vergewissere mich noch einmal mit einem Blick auf die Karten, dass das Spiel in der Tat heute stattfindet. Wir schlendern an einem Pub vorbei, in dem auch der unbedarfteste Besucher ohne große Mühen sog. „Risiko-Klientel“ erspähen kann, auch hier keine offensive Polizeipräsenz. Vielleicht regelt das das CCTV, aber Herr Lanz würde jetzt sagen, schade, dass es kein Geruchsfernsehen gibt: die Halunken kiffen wie die Blöden…

CIMG0799Auf dem weiteren Weg zum Stadion lernen wir Norweger kennen, die mit einem lokalen Gewährsmann zum Spiel wollen. Wir passieren die Eisenbahnunterführungen, über die jeder zweite Blogbeitrag rumorakelt, dass das ja mindestens der Drehort zu „Football Factory“ gewesen sein muss. Jedenfalls hockte da keiner im Busch und schlussendlich erreichen wir das Stadion, in den umgebenden kleinen Autowerkstätten werden geile englische Oldtimer neu aufgebaut und die Ordnungsmacht wünscht einem „Enjoy your match, Sir!“, als würde man gerade die Beachvolleyball Arena bei den Olympischen Spielen betreten wollen.

Wir verzichten auf das gefährlich anmutende Angebot der mobilen Nahrungsmittelgastronomie und zwängen uns durch die Einlässe ins Stadion. „No Alcohol beyond this point!“ brüllt einen das Schild über dem Zugang zum Stadion an, ja, verstanden, etwas mürrisch zwängen wir uns auf die Schemelchen und harren der Dinge die kommen sollen. Ganz patriotisch wird ebenso selbstverständlich der „Remembrance Day“ zelebriert, welcher am nächsten Tage offiziell stattfindet. Noch selbstverständlicher werden die Mannschaften von gerade heimgekehrten Afghanistan-Veteranen ins Stadion geleitet. Drei Generation Stone Island Träger haben nun die Hände an der Hosennaht, ehe man sich wieder dem eigentlich Grund des Kommens widmet, nämlich dem Bepöbeln des Gegners und dem durchaus geselligen Beisammensein. Außer ein paar Standardsongs hat man nicht wirklich viel in Supportfragen zu erwarten, glücklicherweise, nur der gefällige Mob von Derby County hat kurzzeitig einen Lallaallaallllaaaalaaaallaaaaallaaalalalalallla-Ausrutscher, der mir ein gehässiges „Hey, die hatten auch dieses Jahr einen Workshop „Ausdrucksultragemurmel mit Jojo auf Gomera“!“…

Hinter mir sitzt schon wie beim Heimspiel gegen die Bayern ein „Kommentator“. Aber offenkundig ein Südlondoner. Seine dickliche Teenagertochter drückt mir permanent ihre zum Glück weichen Knie ins Kreuz, nur das ebenso andauernde Chipstütengeraschel nervt ein wenig. Da Plastikflaschen eigentümlicherweise im Stadion erlaubt sind, hat sie auch für Daddy einige, kleine Orangensaftflaschen in ihrer Handtasche mit herein gebracht. Dass dieser Orangensaft braun ist und schäumt stört hier niemanden. Und so geht es nun die ganze Zeit „Oi…ref!...“, „C’mon pussies, rush back!“. Nun bieten die beiden beteiligten Mannschaften aber auch wirklich eine sehr rudimentäre Form der Fußballkunst dar. Irgendwann frage ich meinen Vater, ob wir heute eigentlich schon einen kurzen Abwurf des Torhüters gesehen haben?!? Bis zum Ende des Spiels werden sich beide Torhüter ausschließlich darauf beschränken, den Ball mit viel guter Laune nach vorne zu dreschen.

Halbzeit, Millwall führt 1:0 und ich habe mein wirklich filmreifes Halbzeiterlebnis. Mein Vater, der außer „Yes“ und „One Beer!“ kein Wort Englisch spricht, kommt mal wieder mit jemandem ins Gespräch. Eine Reihe hinter uns steht großgewachsener, blonder Elijah Wood, der sich in der Tat als amerikanischer Tourist aus Tennessee herausstellt, wobei ich mir den Scherz „Oh, a cousin from the colonies want’s to watch some soccer…“ nicht verkneifen kann. So richtig kann ich damit nicht landen, er ist auch ein wenig angepisst, denn das mit dem Soccer hat er sich wohl schon öfter anhören müssen und dann auch noch von so einem dahergelaufenen Deutschen, heidewitzka. Er besucht seinen Schulkumpel, der hier lebt und arbeitet und dank des Jobs bei ESPN hat man ja auch Tickets für das morgige Spiel Chelsea-Liverpool.

Halbzeit zwo, der braune O-saft wirkt beim Daddy hinter mir. Offenkundig inspiriert durch unsere Anwesenheit, ist der knackblonde Spieler bei Derby County nun die „Nazi Cunt“ in allen Variationen. Mit dem 1:1 findet eine unheimliche wie unsichtbare Teilung der Anhängerschaft statt. Die eine Hälfte rennt raus, um Unmengen von Pies ran zu schleppen und diese auch noch zu vertilgen, der Block müffelt fortan, als wäre ein Maggi-Tank explodiert. Die andere Hälfte der Leute beschränkt sich nun auf das komplett willenlose Bepöbeln der gegnerischen Mannschaft und deren Anhang.

Es wird ein 2:1 zusammengebolzt und Millwall rumpelt sich fröhlich schunkelnd dem Abpfiff entgegen. Alles strömt glückselig an die Ausgänge und da sind sie, die „old top boys“, die mit ihren alten, abhörsicheren Nokias das große Ding des Abends klar machen wollen! Aber, die Gesprächsfetzen enttäuschen, man hatte nur zuhause die Ergebnisse abgefragt…

Ohne Beaufsichtigung der Ordnungsmacht geht es den dunklen Fußmarsch wieder zurück zur Overground Surrey Quays, diesmal doch in einem größeren Strom von Millwall Anhängern, welcher sich dann doch ein wenig ausdünnt, weil rechts und links interessanterweise der eine oder andere „Chelsea Tractor“ erklommen wird.

Vaddern muss noch ein paar glatzköpfige Brocken ansabbeln, die trotz empfindlicher Temperaturen nur in T-Shirts unterwegs sind, aber, auch die tragen es mit Humor und guter Laune.

Ein komplett sicheres Stadionerlebnis, hier bei Millwall!

In diesem Sinne

HONDO

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Daniel Freitag, 22 Februar 2013 11:20 gepostet von Daniel

    Netter Bericht. Bin selbst immer mal wieder in England (und gerne auch Schottland) unterwegs und das hier trifft vieles sehr genau. Ich weiss nicht, warum, aber ohne den gelegentlichen Trip auf die Inseln (Irland gibbet ja auch noch) würde meinem Fussball-Fan-Dasein mittlerweile ein wichtiges Stück fehlen.

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