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Montag, 10 November 2014 20:52

Über Größenwahn

geschrieben von 

PeanutsGrößenwahn wird im Wesentlichen in die beiden Ausprägungen Gigantomanie und Megalomanie unterschieden. Letzteres bezeichnet ein psychiatrisches Krankheitsbild und soll nicht weiter Gegenstand sein. In den einschlägigen Suchportalen findet man beispielsweise bei Wikipedia einen Eintrag, der unter der Gigantomanie weniger das krankhafte sondern vielmehr überzeichnete, maßlose Streben Einzelner bezeichnet, ihre Mitmenschen durch herausragende, übersteigerte Leistungen zu übertreffen.

Größenwahn ist negativ konnotiert. Er weckt in der Realität Assoziationen an Diktaroren und Despoten. In den Religionen und der Mythlogie ist der in seinem Streben grenzenlose Mensch häufig zum Scheitern verurteilt. Der Versuch gottfordernd oder gar gottgleich zu sein, muß in die Katastrophe münden. Dennoch war es in der Geschichte der Menschheit immer der Größenwahn Einzelner, der natürlich auch Leid heraufbeschwor, aber gleichzeitig Werke von zeitloser Bedeutung schuf. Ohne Ziele verkümmert der Mensch und stagniert in seiner Entwicklung. Träume und Visionen sind der Motor für Fortschritt, Größenwahn ist der Treibstoff. Erst der Wille das Unmögliche zu wollen, läßt das Mögliche Realität werden. Noch heute macht uns das Schaffen Vieler staunend und zu Pilgern ihrer Leistung. Weil sie "Größeres wähnten".

Es war der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Chinese Hongwu, der sich im 14. Jhd gegen die mongolische Herrschaft auflehnte. Durch die Erfindung einer Schußwaffe mit dem schon lange bekannten Schießpulver gelang ihm der Sieg gegen die übermächtigen Feinde. Er sollte Chinas 1. Kaiser werden und ist Urvater der Ming-Dynastie, deren Herrschaft 400 Jahre anhielt. Seine Ahnen setzten den Bau der Chinesischen Mauer fort. Ein Bauwerk, das noch aus dem All sichtbar ist. // Ein mittelloser, italienischer Seefahrer ließ sich von den Reiseberichten "De Mirabilibus Mundi" Marco Polos inspirieren und träumte von einer Westpassage nach China. Daß die Erde keine Scheibe sei, wußte man schon damals. Nach vielen Rückschlägen war es das spanische Königspaar, das sein Unterfangen finanzierte. Als Entdecker Amerikas ging Christopher Columbus in die Geschichte ein. // Gegen sämtliche Widerstände der katholischen und protestantischen Kirche postulierte Kopernikus das heliozentristische Weltbild, was Kepler später belegen sollte. Nicht ungefährlich, wenn man den Mühlen der Inquisition entgehen wollte. Fortan hatte das Ptolemäische Weltbild, nämlich alles kreise um die Erde, ausgedient. // Die Sixtinische Kapelle ist ein Meisterwerk des Freskos und in seiner Schönheit unerreicht. Es zeigt an Decken und Wänden, das Jüngste Gericht, Szenen und Heldentaten aus dem Alten Testament, Propheten und Sybillen, um nur einige zu nennen. Mit übermenschlicher Anstrengung vollbrachte Michelangelo in nur 4 Jahren diese unglaubliche Leistung - 520qm waren über Kopf zu bemalen. Immer wieder verwarf er Entwürfe, dann mußte der Putz abgeschlagen, neu aufgebracht und in noch feuchtem Zustand mit den Farbpigmenten versehen werden. Man möchte kaum glauben, daß der Bildhauer Michelangelo diesen Auftrag ursprünglich ablehnen wollte, weil er sich nicht für einen guten Maler hielt. Der nicht minder geniale Johann Wolfgang von Goethe sagte über die Fresken:

„[O]hne die Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag.“

Es ließen sich noch etliche Beispiele nennen wie die 7 Weltwunder der Antike und Moderne oder die Pyramiden. Erbaut im Auftrag der Pharaonen als Begräbnisstätten. Tausende von Arbeitern schufen diese genauestens berechneten Bauwerke, die immer noch Touristenströme magisch anziehen. Aber was sind das wohl für Charaktere, die solche Leistungen, Bauten oder Kunstwerke vollbringen oder vollbringen lassen? Es werden unbeugsame, kompromißlose, kreative, einsame, divenhafte, selbstherrliche, hartnäckige, willenstarke, risikofreudige, dominante, akribische, herrsüchtige, waghalsige, ausdauernde, geltungssüchtige, perfektionistische, neugierige, eitle, fantasievolle, mutige Menschen gewesen sein. Für ihre Zeitgenossen sicherlich schwierige bis unangenehme Mitmenschen, nur machen diese Eigenschaften aus einfachen herausragende Wissenschaftler, Draufgänger, Eroberer, Künstler, Abenteurer, Baumeister oder Herrscher. Es braucht ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit, um die eigenen Grenzen oder die anderer zu überwinden, um eine Idee voranzutreiben. Selten bis gar nicht sind es die vielleicht eher bodenständigen, vernünftigen, vertrauenswürdige, genügsamen, ängstlichen, väterlichen, freundlichen, rationalen, sachlichen, umsichtigen, rücksichtsvollen oder "protestantischen" Geister.

So ein Mensch ist unser Trainer Jos Luhukay, ich mag ihn sehr gerne. Ein grundsympathischer, solider Mann mit starken Prinzipien. Ein schlicht und ergreifend netter Mensch. Ich kann mir denken, daß man mit solch einem Zeitgenossen im Alltag gut auskommen kann. Kann. Für mich gehört Luhukay in die Kategorie des väterlichen Trainertyps. Er ist ein ausgezeichneter Zweitligatrainer, der es versteht, eine verunsicherte, gestrauchelte Mannschaft wieder aufzurichten. Es gibt klare Anweisungen und Zuspruch, also Regeln und liebevolle Strenge, um in der Analogie zu bleiben, bis die Schützlinge auf eigenen Füßen stehen. Menschen mit strengen Prinzipien sind zweifelsohne überwiegend moralisch integre Personen, aber sie machen es anderen auch sehr schwer, neben ihnen zu existieren. Im Brennglas moraliner Ansprüche ist es für fehlbare Charaktere einfach schwer, sich überhaupt zu verhalten, vielleicht fühlt man sich gar gelähmt. Keine Voraussetzungen, um die Welt aus den Angeln zu heben.

Ich träume. Wie jeder Fan träume ich davon, daß mein Verein noch zu meinen Lebzeiten einen Titel gewinnt. Ich habe Zeit. Aber ich habe inzwischen begriffen, daß mir unser Trainer diesen Traum nie erfüllen wird, nie erfüllen kann. Leider, es liegt schlicht und einfach daran, was für ein Typ Mensch er ist. In mir hat sich die Erkenntnis herauskristallisiert, daß es eigentlich gar keine Rolle spielt, was und wer auf dem Rasen stattfindet, das ist nicht das eigentliche Problem. Das sind Symptome. Worauf ich hinabziele ist nichts Konkretes oder Akutes, sondern einfach der Versuch, für mich größere Zusammenhänge zu erkennen als "ihr sollt kämpfen und siegen" und mir zu erklären, was momentan Woche für Woche zu beobachten ist. Ich habe auch überhaupt kein Problem mit der bodenständigen Zielsetzung Konsolidierung und Etablierung in der 1. Bundesliga. Nur, das reicht mir nicht. Ich möchte einen Trainer mit Visionen, einen Trainer, der mich begeistert, der mich aus dem Sitz reißt (ich stehe!), der mich mit attraktivem Konterfußball fesselt. Einen Trainer, der mir das Gefühl gibt, mein Traum könnte irgendwann mal Realität werden. Das Unmögliche ist denkbar, allein das reicht.

Ich hatte es schon längst wieder vergessen. Aber ich weiß, daß es geht. Ich habe es 08/09 einmal erlebt. Am Ende stand die Enttäuschung, aber es war meine schönste Saison.

In diesem Sinne: Gesucht wird ein größenwahnsinniger Visionär!

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