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Montag, 03 März 2014 18:34

Post-Nordderby-Gedanken (Pyro-in-der-Ostkurve-Edition)

geschrieben von 

 

1796484 728295323872048 60648348 nDas Nordderby ist gewonnen, die Freunde und Erleichterung an der Weser ist schier unermesslich. Die Serie an sieglosen Spielen manifestierte sich seit dem Jahreswechsel nicht nur in einem langsam steigenden medialen Druck, sondern auch in einer starken emotionalen Anspannung unter den Fans. Während des Spiels am vergangenen Samstag löste sich diese Anspannung bei einem kleinen Teil der Bremer Anhängerschaft auf eine Art und Weise, die es im Weserstadion schon sehr lange nicht mehr gegeben hatte.

Der Sekundenzeiger hatte nach der Halbzeitpause noch keine drei Runden gedreht, als prötzlich grelles Licht und dichter Qualm gerade den Bereich des Weserstadions einhüllte, der rund eine Stunde zuvor noch eine der großartigsten Choreografien präsentiert hatte, die ich in meinen rund 20 Jahren als Stadiongänger je gesehen habe. Laut Werder-Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer, der beim Klub unter anderem auch für die Fanbetreuung zuständig ist, war dies das erste Mal seit 15 Jahren, dass Werder-Fans im eigenen Stadion Pyrotechnik einsetzten. In einer heute auf der Vereinshomepage veröffentlichten Äußerung bezeichnete Fischer dieses Ereignis als "bitteren Wermutstropfen", die betreffenden Ostkurven-Besucher hätten ganz klar gegen getroffene Absprachen verstoßen. Fischer weiter: "Wir werden in den kommenden Tagen in der Geschäftsführung gemeinsam mit den Sicherheitsorganen beraten, welche Maßnahmen wir ergreifen, um weiterhin die Sicherheit im Weser-Stadion gewährleisten zu können. Schließlich gefährdet Pyrotechnik Leib und Leben aller Stadionbesucher und kann daher nicht geduldet werden. Zusätzlich werden wir in Zusammenarbeit mit der Polizei auch Bildmaterial, das während des Spiels erstellt wurde, auswerten."

Bis zu jener 47. Minute war die Stimmung im Stadion ausgezeichnet. Die spektakuläre Choreografie unmittelbar vor Anpfiff bereitete allen Werder-Anhängern unter den 42.100 Zuschauern einen echten Gänsehaut-Moment, dann ging Werder in der 19. Minute in Führung und war in der ersten Halbzeit sogar das klar bessere und dominierende Team. Sowas ist man an der Weser kaum noch gewöhnt, ensprechend euphorisiert waren die meisten Anwesenden. Als kurz nach Wiederanpfiff die ersten Bengalos in der Mitte des Unterrangs der Ostkurve aufflammten kippte diese Stimmung schlagartig, und zwar so deutlich dass es sogar für viele Fans spürbar war, die das Spiel nur per Radioübertragung verfolgten. Die Anfeuerungsrufe wichen von einer Sekunde auf die andere einem gellenden Pfeifkonzert, kurz darauf schallte es kollektiv "Ihr seid scheisse, wie der HSV!" in Richtung der Pyromanen. Das Spiel wurde von Schiedsrichter Florian Meyer für mehrere Minuten unterbrochen, die daraus resultierende Nachspielzeit betrug satte sechs Minuten.

Ich bin sicher dass dieser krasse und abrupte Stimmungswechsel auch an der Mannschaft nicht spurlos vorüber gegangen war, nicht zuletzt auch deswegen weil einige pyrotechnischen Utensilien ihren Weg von der Ostkurve in den Innenraum fanden (das habe ich persönlich zwar nicht gesehen, es wurde mir aber aus mehreren voneinander unabhängigen Quellen berichtet). In der Vergangenheit zeichnete sich die Werder-Mannschaft bei weitem nicht dadurch aus, knappe Führungen souverän über die Zeit retten zu können, daher ist Fischers Kommentar nach dem Spiel absolut verständlich: "Gar nicht auszudenken, wenn in dieser [Nachspiel-]Zeit noch der Ausgleichstreffer für den HSV gefallen wäre." Es kam zum Glück anders, Werder Bremen entschied dieses Nordderby für sich, was aber ganz sicher nicht der Verdienst dieser Pyromanen war.

Die Reaktionen auf diesen Vorfall habe ich bis jetzt zwar nicht einstimmig, aber doch äußerst deutlich erlebt: nach meiner Einschätzung stehen mindestens 90 Prozent der Bremer Anhängerschaft dieser Aktion stark ablehnend gegenüber. Das kuriose an dieser Sache: hätte Werder in den sechs Minuten Nachspielzeit, die dieser Unterbrechung geschuldet waren, noch den Ausgleichstreffer kassiert, wären es wohl trotzdem "nur" 90 Prozent, die diesen Einsatz von Pyrotechnik verurteilen. Denn es ist offensichtlich dass den Pyromanen (die ich übrigens keineswegs pauschal mit Ultras gleichsetze!) das Wohlergehen des Vereins und der sportliche Erfolg völlig egal sind, auch wenn diese vermutlich das Gegenteil von sich behaupten. Sonst wäre es ihnen bewusst gewesen, dass sie mit ihrer Zündelei den Derbysieg gefährden. Sonst würden sie die nun zu erwartene Geldstrafe, die der DFB zweifelsfrei verhängen wird und die der finanziell klamme Klub absolut nicht gebrauchen kann, nicht so billigend in Kauf nehmen. Anders ausgedrückt: diese Aktion hatte mit Support und Unterstützung nicht das geringste zu tun, das wird bestenfalls als billiger Vorwand missbraucht. Es war nichts weiter als ein narzistischer Ausbruch hochgradig egoistischer Selbstdarsteller, die die Ostkurve und das emotional und moralisch extrem wichtige Nordderby für ihren ureigensten Selbstzweck vergewaltigt haben.

Bei solchen Gelegenheiten wird oft und gerne von einer "Selbstreinigung der Kurve" gesprochen. Der Gedanke, der hinter diesem Prinzip steckt, gefällt mir sehr, um Lichtjahre besser als von Sicherheitskräften, Polizei und/oder Politik verhängte Sanktionen. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und behaupten, dass dieses Prinzip in Bremen nicht (mehr) funktioniert, denn wie gesagt: es war das erste Mal seit 15 Jahren, dass Bremer Anhänger im eigenen Stadion zündeln. Dieser Vorfall sah zwar spektakulär aus, war aber nichtsdestotrotz ein Einzelfall und ich hoffe sehr, dass es auch so bleibt. Es besteht (noch) absolut kein Grund, ein neues Fass mit der Aufschrift "Sicherheitsproblem" aufzumachen. Werder hat zur Zeit wahrlich mehr als genug andere Probleme, diesen Mist kann man nun wirklich nicht gebrauchen (was den Pyromanen aber vermutlich egal sein dürfte).

Kritik muss ich leider auch in Richtung der Medien äußern, die derartige Vorfälle stets genüßlich und mit gespielter Abscheu breittreten (als Beispiele seien hier der Weser-Kurier, Sky, Sport1.fm und natürlich die Bild-Zeitung genannt). Würde man die Pyro-/Egomanen schlicht konsequent ignorieren und ihnen nicht die Genugtuung gönnen, sich selbst im Fernsehen oder in der Zeitung nochmals abfeiern zu können, hätten diese schon mal eine Motivation weniger für solche Dämlack-Aktionen.

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Danke an Dina Werderfee, die mir freundlicherweise das Foto zur Verfügung gestellt hat.

 

Thilo Schmidt

In der "Grün-Weißen Stimmungslage" schreibt der 32-jährige Autor Thilo Schmidt über viele Themen rund um den Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen, gelegentlich auch über andere Fußball-Themen. Unabhängig, kritisch, investigativ, gelegentlich satirisch.

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