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Dienstag, 10 Dezember 2013 14:47

Der Niedergang des FC Oberneuland

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gws016 Der Niedergang des FC OberneulandDenkt man in Deutschland an die Begriffe "Bremen" und "Fußball", so fällt einem normalerweise spontan nur Werder Bremen ein, das mindestens europaweit bekannte Aushängeschild des Bremer Fußballs. Doch auch Abseits der Pauliner Marsch, dort wo das Weserstadion am Ufer der Weser thront, wird in der Hansestadt mit dem Schlüssel im Wappen Fußball gespielt. Von der viertklassigen Regionalliga Nord bis zur alleruntersten Liga, der dreizehnklassigen 3. Kreisklasse, kämpfen derzeit 154 Mannschaften jedes Wochenende um Tore und Punkte – und das sind nur die Herrenteams, hinzu kommen noch unzählige Junioren-, Frauen- und Mädchenmannschaften. Und bei einem dieser Vereine spielte sich in den letzten Monaten von der deutschlandweiten Fußballberichterstattung quasi unbemerkt eine Tragödie ab. Der FC Oberneuland von 1948, bis vor kurzem der führende Verein im Bremer Amateurfußball, befindet sich im freien Fall und noch ist nicht mal absehbar wie tief der harte Boden sein wird, auf dem der Klub irgendwann aufschlagen wird. Die Gründe hierfür liegen vor allem im finanziellen und wirtschaftlichen Bereich, aus ihnen resultieren aber natürlich auch sportliche Sorgen.

Dank der Erfolge im Bremer Landespokal konnte der FCO jedoch bereits mehrmals Profifußball-Atmosphäre schnuppern. 1993, 2003 sowie von 2008 bis einschließlich 2012 gewannen die Oberneuländer den Bremer Pokal und qualifizierten sich so für die jeweils nächste Saison für die erste Hauptrunde des DFB-Pokals. 1993 durfte der FCO bereits in der zweiten Runde einsteigen und unterlag dort dem damaligen Zweitligisten Chemnitzer FC mit 1:8. Zehn Jahre später, in der Pokalsaison 2003/2004, schied Oberneuland in der ersten Pokalrunde erst in der Verlängerung aus, mit 2:5 scheiterte man am Erstligisten 1. FC Köln. 2008/2009 gelang es sogar die erste Runde zu überstehen, mit 5:4 gewann der FCO gegen Erzgebirge Aue im Elfmeterschießen. In der zweiten Runde war dann aber Schluß, gegen den VfL Wolfsburg hatten die Bremer keine Chance und unterlagen mit 0:7. In den nächsten vier Jahren war dann wieder jeweils in der ersten Runde Endstation, 2009 verlor Oberneuland mit 0:2 gegen die TSG 1899 Hoffenheim, 2010 mit 0:1 gegen den SC Freiburg, 2011 mit 1:4 gegen den FC Ingolstadt 04 und schließlich 2012 mit 0:3 gegen Borussia Dortmund.

Diese Dauerteilnahme am DFB-Pokal sollte auch 2013 fortgesetzt werden, man hatte sich wieder für das Finale des Bremer Landespokals qualifiziert. Doch waren in diesem Jahr die Vorzeichen völlig andere als zuvor. In der Saison 2012/2013 spielte der FC Oberneuland in der viertklassigen Regionalliga Nord, zusammen mit der U23 des SV Werder Bremen war man hier, hinter dem Bundesligisten Werder Bremen, der klassenhöchste Bremer Fußballverein. Während dieser Spielzeit platzte dann die Bombe: gegen den Verein wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet und nach den Statuten des Norddeutschen Fußball-Verbandes stand der Verein damit als Absteiger fest. Die finanzielle Lage war derart kritisch dass sogar darauf verzichtet wurde, die letzten drei noch ausstehenden Ligaspiele auszutragen; der Verein stellte den Spielbetrieb komplett ein. In einem Interview mit dem "Weser-Kurier" vom 23. Juli 2013 (nachzulesen hier) gestand der damalige Vereinspräsident Holger Micheli ein Fehler begangen zu haben. Es sei um ausstehende Zahlungen an eine Krankenkasse gegangen, gab Micheli zu Protokoll, um eine Summe von gerade mal 5.800 Euro die zu zahlen er schlicht "vergessen" habe. Was klingt wie ein schlechter Witz ist von MIcheli aber durchaus ernst gemeint, auch den Vorwurf dieses Versäumnis absichtlich begangen zu haben weißt der mittlerweile Ex-Präsident weit von sich. Das eine Summe von 5.800 Euro den Spielbetrieb des führenden Bremer Amateurklubs komplett lahmlegen kann konnte schon damals im Juli kaum jemand glauben, mittlerweile ist durch ein Interview mit Insolvenzverwalter-Sprecher Gerrit Hölzle (nachzulesen hier) bekannt, dass es sich in Wahrheit um einen sechsstelligen Betrag handelt.

Vor dem Landespokal-Finale im Mai 2013 war den Spielern des FC Oberneuland also bereits bekannt, dass ihr Team zwangsweise absteigen und höchstwahrscheinlich komplett auseinanderfallen würde, auch Spielergehälter wurden nicht mehr gezahlt. Das Pokalfinale ging verloren, mit 0:4 unterlag man der SG Aumund-Vegesack, welche statt des FCO nun am lukrativen DFB-Pokal teilnehmen durfte (und später mit 0:9 gegen die TSG 1899 Hoffenheim in der ersten Runde ausschieden). Im Vergleich zu dem, was in den folgenden Monaten auf den Verein noch zukommen sollte, war dies aber nicht mehr als eine Lapalie. Lange Zeit war völlig unklar, ob der Verein überhaupt fortbestehen würde und falls ja, in welcher Form. Die erste Herrenmannschaft hätte aus der viertklassigen Regionalliga Nord in die fünftklassige Verbandsliga Bremen absteigen sollen, doch im Zuge der Sparmaßnahmen wurde darauf verzichtet, das Team für die Bremen-Liga zu melden und die bisherige zweite Mannschaft wurde zur Ersten. Diese spielt in der sechstklassigen Landesliga, hat heute aber mit dem ehemaligen Regionalligateam kaum noch etwas zu tun. Zu Beginn der Saison verließen ganze 27 Spieler nicht nur die erste Mannschaft, sondern wechselten gleich komplett zu neuen Vereinen, diese Abgängen konnten nur mit Neuzugängen aus der bisherigen Dritten oder der Jugend aufgefangen werden.

In der Landesliga verläuft es für den FCO sportlich schlicht katastrophal. Trainer Kadir Pakkan trat während der Hinrunde zurück nachdem herausgekommen war, dass er nicht-spielberechtigte Spieler eingesetzt und dies mit falschen Spielerpässen zu verschleiern versucht hatte. Dafür wurde Pakkan vom Bremer Fußball-Verband nun für zwei Jahre gesperrt. Die Mannschaft belegt weit abgeschlagen den letzten Tabellenplatz, niemand im Spieler- und Trainerstab glaubt ersthaft an den Klassenerhalt. In bisher 18 Saisonspielen gewann der FC Oberneuland nur zwei, hinzu kommen drei Unentschieden und 13 Niederlagen, die Torbilanz beträgt nach dem 18. Spieltag desaströse 24:84. Die vereinseigene Homepage wurde brutal abgespeckt, wo sonst Informationen zu den Mannschaften und deren Spielern und Ergebnissen zu finden sind, steht nun eine Nachricht des Insolvenzverwalters (nachzulesen hier). Darin gibt er sich zuversichtlich dass der Verein im Laufe des Jahres 2014 aus dem Insolvenzverfahren entlassen werden könne, ruft aber auch zu Spenden auf.

Am vergangenen Wochenende musste der FC Oberneuland beim aktuellen Tabellenführer, dem TSV Grolland antreten. Brachte der FCO zu dem Landespokal-Endspielen jedesmal eine äußerst lautstarke Ultrà-Gruppe zur Unterstützung mit, so hatten die Ultràs zumindest bei diesem Spiel ihren Support verweigert, nicht ein einziger der Trommler oder Fahnenschwenker war erschienden. Auch die Homepage der "Supporters Oberneuland" wurde seit dem 2. August 2013 nicht mehr aktualisiert. Gegen den Tabellenführer Grolland war der FC Oberneuland erwartungsgemäß völlig chancenlos, am Ende verlor der FCO mit 0:12 – nicht das erste Mal dass man in dieser Saison zweistellig verlor und es wird vermutlich auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Auch im Bremer Landespokal ist der FC Oberneuland nicht mehr dabei, bereits in der ersten Runde schied man mit 0:6 beim SV Lemwerder aus. Dabei kann man den Spielern, die auf dem Platz standen, allerdings keinen Vorwurf machen, denn die taten sichtbar ihr Bestes, für die Landesliga ist das aber leider nicht genug. Nach dieser Saison heißt die Zukunft höchstwahrscheinlich erstmal Bezirksliga, danach – das weiß noch niemand.

Fotos vom Landesligaspiel TSV Grolland gegen FC Oberneuland findet Ihr hier.

Thilo Schmidt

In der "Grün-Weißen Stimmungslage" schreibt der 32-jährige Autor Thilo Schmidt über viele Themen rund um den Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen, gelegentlich auch über andere Fußball-Themen. Unabhängig, kritisch, investigativ, gelegentlich satirisch.

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