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Montag, 21 Oktober 2013 18:01

Bärbel, Vergangenheitsbewältigung und neue Sitten

geschrieben von 

gws011 Bärbel Vergangenheitsbewältigung und neue SittenWerder Bremen gegen SC Freiburg, vor nicht allzu langer Zeit waren bei dieser Spielpaarung die Machtverhältnisse absolut unmißverständlich. Erst vor fast genau vier Jahren schlugen die Bremer die Breisgauer in ihrem eigenen Stadion mit 6:0; Hugo Almeida (zweimal), Marko Marin, Mesut Özil, Naldo und Markus Rosenberg trafen damals für den SVW. Von denen spielt mittlerweile keiner mehr in Bremen und auch sonst hat sich seit dem vieles verändert. Werder Bremen konnte sich von der Absteigszone zwar inzwischen ganz gut entfernen, dümpelt aber auch nur in mittleren Niemandsland der Tabelle herum und sehr viel mehr dürfte wohl auch kaum drin sein. Der SC Freiburg hingegen steht zwar in der Tabelle derzeit eher mies da, spielt dafür aber im Europapokal. Europa blickt an die Dreisam, nicht an die Weser, und selbst die Schmierfinken des Axel-Springer-Verlages ordnen die Marktwerte der Freiburger Spieler im Durchschnitt um rund 300.000 Euro höher ein als die des SV Werder Bremen – nicht dass das auch nur das kleinste bißchen zu sagen hätte, da diese Zahlen schließlich frei erfunden sind.

Der Stadionbesuch begann für mich nicht am Osterdeich, sondern am Bremer Hauptbahnhof. Dazu muss man wissen dass in Bremen derzeit der "Freimarkt" stattfindet, ein Jahrmarkt der seit dem Jahr 1035 jährlich über vier Millionen Besucher anlockt – außer mich, denn ich persönlich hatte weder an Fahrgeschäften noch an kollektiven und gnadenlos überteuerten Massenbesäufnissen jemals Spaß. Der Bahnhofsvorplatz war bereits mittags um halb zwölf voll mit entsprechender Klientel, gröhlend, betrunken, zwischen Lachen aus Kotze an die Bahnhofsfassade pissend. Ein Lichtblick war die Begegnung mit einem echten Bremer Original, dem guten "Bärbel", der in seiner gewohnt heiteren Stimmung und fast vollständig in Sankt Pauli-Klamotten gekleidet über den Bahnhofsplatz hüpfte und laut "Hurra! Hurra! Die Bremer die sind da!" über selbigen schallen lies. Ein komischer aber irrsinnig liebenswerter kleiner Kautz (ein sehr lesenswertes Portrait über "Bärbel", der eigentlich Wiegand Bremeyer heißt, findet Ihr hier).

Die Fahrt zum Stadion in einer hoffnungslos überfüllten Straßenbahn, eine Sardine in der Büchse hat dagegen richtig Freiraum. Ankunft am Weserstadion, noch eine Stunde bis Anpfiff. Das Stadion zwar gut gefüllt, aber dennoch nicht ausverkauft (war es in dieser Saison noch kein einziges Mal), auch wenn der "kicker" hier etwas anderes behaupet. Das Werder-Lied "Wir sind Werder Bremen" erschallt und ich traue meinen Ohren nicht: die haben den Text geändert! Die Passage mit den Live-Zitaten von Thomas Schaaf wurden entfernt, ein in meinen Augen historisches Dokument aus der erfolgreichsten Saison der Bremer Vereinsgeschichte fiel dem zum Opfer, was man in der Bürotürmen des Weserstadions wohl "Vergangenheitsbewältigung" nennt. Auch wenn Thomas Schaaf nicht mehr Trainer ist halte ich es für ein Sakrileg und eine riesige Respektlosigkeit gegenüber seinen unbesteitbar großen Verdiensten sein Andenken auf diese Art und Weise herauszuschneiden.

Das Spiel selber, naja was soll ich dazu sagen. Ein 0:0 eben, ich habe mich beim Fußballgucken schon größer amüsiert. Chancen gab es auf beiden Seiten, alleine der (meiner Meinung nach zu Unrecht) viel kritisierte Aaron Hunt gab vier Schüsse auf den Freiburger Kasten ab. Unschön stieß mir etwas auf, was sich anscheinend als neue Sitte in der Ostkurve eingebürgert hat: bei fast ausnahmslos jedem Heimspiel wird nach Abpfiff der Schiedsrichter ausgepfiffen und ausgebuht sowie mit Stinkefingern und Bezeichungen bedacht, die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben möchte. Vielleicht liegt es daran dass ich vor einigen Jahren mal selber als Schiedsrichter aktiv war, aber ich empfinde sowas nicht nur als unsportlich sondern eines eigentlich fairen Bremer Publikums auch für massiv unwürdig, zumal die Leistung von Florian Meyer an jenem Tag nun wirklich nicht schlecht war (große Herausforderungen stellten sich ihm in dieser Begegnung auch nicht). Ich würde mir hier deutlich mehr Sportlichkeit und Fairness vom Bremer Publikum, speziell aber vom Unterrang der Ostkurve wünschen. Ich weiß, das klingt etwas abgedroschen, aber es stimmt nunmal: gäbe es die Schiedsrichter nicht, dann hätten wir alle keinen einzigen Grund mehr um ins Stadion zu gehen. Also zeigt diesen Leuten doch bitte etwas mehr Achtung und Respekt für ihren meistens nicht einfachen Job, denn der Schiedsrichtermangel hat vor allem in den untersten Spielklassen schon längst eingesetzt. Wenn irgendwann niemand mehr diese unerläßliche Aufgabe übernehmen will, dann steht es schlecht um den Fußball, nicht nur in der Bundesliga.

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Thilo Schmidt

In der "Grün-Weißen Stimmungslage" schreibt der 32-jährige Autor Thilo Schmidt über viele Themen rund um den Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen, gelegentlich auch über andere Fußball-Themen. Unabhängig, kritisch, investigativ, gelegentlich satirisch.

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