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Sonntag, 11 November 2012 22:28

Fussball ist nicht alles....

geschrieben von

Seltsam, was sich so einbrennt. Es war der 15.11.2009, als Theo Zwanziger diese Aussage in einer unvergessenen Pressekonferenz vor einem traumatisierten Fußballdeutschland getroffen hat. Traumatisiert durch den Freitod von Robert Enke, einer der letzten authentisch- sympathischen Persönlichkeiten unter den Ungezählten, die sich in Interviews als Nutzer des selben Pools von Textbausteinen outen . Nationalkeeper und depressiv.

Ein freundlich zurückhaltender Typ, der sowohl mit wenigen, aber bewußt gewählten, Worten, als auch durch sportliche Leistungen überzeugen konnte. Eine, nicht nur an anderen Vertretern seiner Gilde gemessene, souveräne, echte, ehrliche Persönlichkeit, bekannt dafür sportliche und private Rückschläge meistern zu können, hat sich, ohne das Familie oder Mannschaftskameraden zuvor den geringsten Anhaltspunkt gehabt hätten, wenige Tage vorher entschieden Leiden und Leben auf kalten Gleisen in der Novemberkälte und allein zu beenden.

Unvergessen Teresa Enke, Witwe und langjährige Begleiterin Robert Enkes, die mit sehr klaren Worten das Leiden von Depressiven, Belastungen aber auch Ängste von engsten Vertrauten, gesellschaftlichen Umgang mit Depression und ihre Trauer beschreiben konnte und mit jedem ihrer Worte eine paralysierte Öffentlichkeit, weit über die Fußballwelt hinaus, an längst verdrängte Bereiche emotionalen Lebens erinnerte.

Unwirklich das Alles in einer Zeit, in der in Gesellschaft und Fußball nur der uneingeschränkt Leistungsfähige zählt und Schwäche gnadenlos ausgepfiffen, aussortiert, weggemobbt wird und Betroffene nutzlos, entwertet, rücksichtlos entsorgt werden. Wenige Monate nachdem Basti Deisler in einem Interview die Gepflogenheiten im Fußballgeschäft und häufige Verletzungen neben anderen, als ursächlich für seine Depression machte, weshalb er letztendlich seine Karriere mit 27 Jahren beenden musste. Wofür er flächendeckend als Weichei belächelt wurde. Aussortiert hat er sich schließlich selbst. Auf die Idee einfach mal hin zu hören darüber nachzudenken, was eigentlich eigenes Handeln an Wochenenden in den Kurven der Republik auslösen könnte, war undenkbar. Was ist denn schon passiert? Natürliche Auslese eben.

Das war urplötzlich anders. Nach seinem Tod am 10.11.2009 setzte eine Welle der Betroffenheit ein, eine bis dato tabuisierte Volkskrankheit war in aller Munde und die Welt, insbesondere aber waren Vereinsgrenzen kein Thema mehr, sondern man besann sich auf das Wesentliche, das Gemeinsame. Von überall wurde glaubhaft Anteil genommen. Der Fußball fühlte sich schlagartig anders an, es schien, als hätte er seine Seele wieder zurück.

Das erste Spiel von Hannover 96 ohne Robert Enke fand bei uns in der Arena statt und hatte was Beklemmendes. Das Treiben auf der Wiese war irgendwie nachrangig. Irgendwie war Fußball nicht alles…

Drei Jahre später stelle ich mit Erschrecken fest, was sich in dieser Zeit nach Enke getan hat und wie wenig eigentlich von dem Spirit, der kurzzeitig herrschte, übriggeblieben ist. Der Lerneffekt tendiert gegen null in einer Zeit, in der falschverstandene Vereinsliebe dazu führt, das man sich die Zeit nimmt, um Steine, mit denen man Busse gegnerischer Fans angreift, in Vereinsfarben anmalt oder man billigend in Kauf nimmt, dass der überwiegende Teil der Stadionbesucher sanktioniert wird, weil Fehlverhalten einer Minderheit zu Geisterspielen, erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, Kontrolle führt.

Möglichkeiten einen bewussteren Umgang mit Menschen in seinen Vereinsfarben zu pflegen hätte der Fußballfan an sich zu genüge gehabt. Schlagartig kommt mir da der derzeitige Nationaltorhüter in den Sinn, der auf eine sehr besondere Art deutlich gemacht hat, wie wenig sich Profifußball und Vereinsliebe miteinander vereinbaren lassen. Ein gnadenloses Geschäft, ohne Rücksicht auf Verluste, nackter Egoismus von Spielern, Beratern, Vereinen und Fans, Fehler werden weder eingestanden, noch verziehen. Und so wurde eine Sau durchs Dorf getrieben oder besser mit einem virtuellen Stadtverbot belegt. Was kann es Schlimmeres geben, als in seiner Heimstadt zur unerwünschten Person erklärt worden zu sein und hinter jeder Ecke ungezählte Kumpels von Nurullas Kumpel lauern, die jeder auf seine Art, deutlich machen werden, was sie von jemandem wie ihm halten. Flächendeckend, über sämtliche Generationsgrenzen hinaus, nicht geschlechtsgebunden. Hämische Freude bei jedem Patzer, Parties nach dem Triple- Vize für den, der auszog, um Titel zu gewinnen. Und es zieht noch lange nicht die Gleichgültigkeit ein, die die Zeit so mit sich bringt.

Zur Erinnerung- wir befinden uns in der Zeit, nachdem uns zwei Betroffene sehr deutlich gezeigt haben, welchen Einfluss die Bedingungen im Umfeld des Profifußballs auf die Psyche haben können.

Trotz dieser Kenntnis schleicht sich ein gewisses Selbstverständnis ein, wenn es darum geht Spielern deutlich zu machen, welche Erwartungen man an Angestellte seines Vereins stellt. Hausbesuche in Magdeburg und Köln waren zielführend und haben dokumentiert, wie es Vereine mit ihrer Fürsorgepflicht für ihre Bediensteten so halten. Nicht nur, das Medien und Stadionbesucher erheblichen Druck erzeugen können, dem man Stand zu halten hat, sondern auch das Private ist mittlerweile in keiner Weise mehr geschützt. Als Vertragsfußballer eines, nicht befreundeten Vereins, aus der Disco in der Nachbarstadt zu kommen kann schon mal zum Nasenbeinbruch führen.

Wohlgemerkt- es könnte jeder wissen, dass es sich bei Fußballern um Menschen, wie dich und mich handelt. So mit allen Macken und Verletzlichkeiten und nicht um leibeigene Wunderwesen aus Fantasiewelten. Deisler und Enke sind tragische Beispiele.

Tja und dann spielt der geilste Club der Welt, sportlich momentan in der besten Phase ever, in Hoffenheim, wo ein, aus meiner Sicht talentierter, aber nicht dem Leistungsstand der restlichen Mannschaft entsprechender, Lars Unnerstall zwischen Pfosten steht und steht und steht, wodurch drei mögliche Punkte im fußballerischen Niemandsland liegen bleiben. Vergessen, die Wochen vorher, als einer der Leistungsträger während der besten sportlichen Phase ever. Was in der Folge in den einschlägigen Foren (Küsskes nachm Block5) und in den sozialen Netzwerken abging, ist nicht in Worte zu fassen. Häme, Beleidigungen, Bedrohungen, Verwünschungen, bis hin zu hassähnlichen Auswüchsen. Krank, einfach nur krank.

In dieser Phase vom Trainer zur Nummer 1 gemacht zu werden, vor einem Timo Hildebrandt, der heiß in den Startlöchern steht, ist ein deutliches Signal an Unnerstall, aber auch an die Auspfeifer und all die, die meinen Einfluss auf den Kader nehmen zu können. Es ist ein Bekenntnis und Ausdruck dafür, dass der Verein, trotz gelegentlicher Extrembeulen, die mich erheblich altern lassen, hinter seinem Angestellten steht und dieser nicht vom Pöbel mit Fackeln und Mistgabeln vom Hof gejagt werden kann. So nimmt man Spielern Druck, so kommt man als Verein seiner Fürsorgepflicht nach, so verhindert man möglicherweise Schlimmeres. Deisler, Enke sind überall.

Höchstbedauerlich, wie wenig präsent heute die Zeit ist, in der eine Szene gezeigt hat, wozu sie in Lage ist, wie viel Potential in ihr steckt, welche emotionale Macht ihr zur Verfügung steht, um dem Fußball wieder eine Seele zu geben.

Vermutlich würde es ausreichen, sich zu fragen, ob man selbst mit unerfüllbaren Erwartungen von selbsternannten Fachleuten leben will, ständig Höchstleistungen erbringen zu müssen, an schlechten Tagen öffentlich beschimpft zu werden, schlimmstenfalls zu Hause besucht, bedroht und womöglich verprügelt zu werden, wenn es mal nicht läuft. Wer sich für ein Leben unter solchen Voraussetzungen entscheidet, darf sich gerne dahingehend abklopfen, wie lange er glaubt diesen Druck aushalten zu können.

Aber wer tut das schon? Schließlich geht es um den Verein, die einzig lebenslange Liebe im Leben eines Fußballfans, für den man selbst alles gibt und nötigenfalls sterben würde. Schlagartig sind alle Toleranzen, die man nur zu gerne von anderen erwartet, wenn es um eigene Fehler geht, ausgeblendet und vergessen. Ein wenig mehr Realismus und Bodenhaftung würde dem Fußball gut tun und die Welt ein kleines bischen besser machen. Wie in den Tagen, als Fußball nicht alles war.

Sonntag, 21 Oktober 2012 17:47

Derbysieg in Zeiten des sicheren Stadionerlebnisses

geschrieben von

Der sportliche Teil ist eigentlich recht schnell abgehandelt. Souveräner Sieg der Blauen, die sich gerade gemacht haben, deutlich gezeigt haben, das sie verstanden haben, was ein Derby ist, deshalb eine 2:0 Führung verteidigt haben und nach dem Anschlusstor kein mal ins Straucheln geraten sind. Hut ab. Derbysieg ist wie Meisterschaft. Danke!!!

Das Ganze begleitet von 1000 Polizisten, teils auf Pferden, einem Hubschrauber, einem Wasserwerfer und es gelingt nicht, vor allem vor dem Spiel, „das Auftreten der Ultra-Gruppierungen, welches eine Ignoranz der geltenden Gesetze und der im Fußball anerkannten Regeln erkennen lässt“ (Zitat Polizei DO), zu verhindern?

Montag, 15 Oktober 2012 12:31

Journey to the past

geschrieben von
dfb dublinEURO 2012, Danzig, 14.06., Vorrundenspiel der Gruppe C zwischen Spanien und Irland. 87. Minute, die Iren liegen hoffnungslos mit 4:0 zurück, als das Unglaubliche passiert. Keine Pfiffe, kein Platzsturm, nein. Wer auch immer dafür verantwortlich war, er hat mir den Glauben an das Gute im Fußball zurück gegeben. Aus mindestens 10000 Kehlen erklang  „The Field of Athenry“, ein Lied über die irische Hungersnot von 1846- 1849. Unfassbar pathetisch mit Inbrunst und voller Stolz, vorgetragen von Kerlen wie Bäumen mit feuchten Augen und tiefen Stimmen. Von Enttäuschung keine Spur, purer Stolz auf das, was sie und die Verlierer auf dem Rasen sind. Iren!
Was sind das für Menschen, die es schaffen sich in einer Zeit, in der nur Leistung zählt, an das Wesentliche zu erinnern? Nämlich an das was man ist und nicht das was man hat oder Herausragendes kann.
Montag, 08 Oktober 2012 11:00

Dat is Schalke - alles Andere ist nur Fußball

geschrieben von

schalke fansBei näherer Betrachtung tu ich das, was ich an Wochenenden so mache, seit gut vier Jahrzehnten. Sicherlich hat sich in dieser Zeit einiges getan, sicherlich hat sich der Kumpel- und Malocherclub verändert, sicherlich ist GE ist schon lange nicht mehr Stadt der 1000 Feuer sondern freut sich Solarstadt zu sein, sicherlich haben sich Erwartungshaltungen, Preise, Drumherum und Publikum, vermeintlich wichtige Fanthemen und die Einstellungen zum Fußball und das Selbstverständnis des Mitglieds gegenüber seinem Verein, aber auch Einkommen und sozialer Status von Fußballfans verändert. 

Montag, 24 September 2012 21:18

Selbstbewusst und auf Augenhöhe…..

geschrieben von

BBT….war die Ansage vorm Spiel gegen die, dem Nationaltorhüter die letzte Saison erheblich verdorben haben. Zumindest wenn man Triple- Vize als Mißerfolg wertet und nicht als bisher einmalige Serie des Versagens feiern kann, wie das Gros der gemeinen Fußballfans.

Montag, 03 September 2012 00:00

Schalke vs. Augsburg

geschrieben von

schalke04Samstag, 01.09.2012. Nach der gefühlt längsten Sommerpause seit der Erfindung des Fußballs und zwei Auswärtsspielen, sinnigerweise an Sonntagen angesetzt, um möglichst breite Teile der arbeitenden Bevölkerung auf der heimischen Couch zu halten, war er endlich wieder in der Stadt. Der seit Menschengedenken traditionelle Schalketag. Ungezählte Leute treffen, dummes Zeug quasseln, Bierchen trinken und sich dem Zentralen im Leben eines Gelsenkircheners widmen, dem S04!