Mi29Mar2017

Back Aktuelle Seite: Blog Für Fußball und gegen Kommerz! "Bürgerkriegsähnliche Zustände in der Bahn"? - Kritik am Artikel der Zeitung "Die Welt" vom 12.09.2013
Sonntag, 15 September 2013 10:33

"Bürgerkriegsähnliche Zustände in der Bahn"? - Kritik am Artikel der Zeitung "Die Welt" vom 12.09.2013

geschrieben von 

DSCF0001Fußballfans und Medien. Das dies eine leidvolle Geschichte ist, wissen wir wohl alle nur zu gut. Auch wenn es ab und an mal positive Berichterstattung gibt, ist der Großteil doch nicht wirklich sachlich. Am 12.09.2013 druckte „Die Welt“ einen Artikel mit dem Titel „'Bürgerkriegsähnliche Zustände' in der Bahn“. Schon die Überschrift macht eigentlich deutlich, das dieser Artikel in die Abteilung „Mülleimer“ kommen wird. Doch zeigt sie auch wie weit die Medien schon gegangen sind, in der Nutzung von immer schlimmer klingenden Begriffen, nur um die nächste Schlagzeile zu haben. Taliban des Fußballs, Fußballterroristen und nun „bürgerkriegsähnliche Zustände“. Ich frage mich ob jener Mensch, der diese Worte nutze oder auch der Autor nur einen Moment darüber nachgedacht haben, was sie dort genau benutzen. Es ist zynisch und die Realität des Bürgerkriegs verharmlosend. Ich glaube jemand aus einem Bürgerkrieg geplagten Land würde liebend gerne in einer Gruppe singender Fußballfans stehen. Zumindest lieber als in der Heimat mit dem Gewehr um sein Leben zu kämpfen. Doch soviel nur zur Überschrift, der Text bietet noch genügend Stoff...

Da es ein sehr langer Artikel ist und er soviel Unsinn enthält, das man daraus 3 Blogs machen könnte: Lest ihn euch komplett durch, ich such mir hier nur die „Highlights“ raus. Teilweise könnte man meinen es soll Ironie sein, doch meint er es tatsächlich vom ersten bis zum letzten Wort ernst. Beginnen tut es verhältnismäßig harmlos. Der Autor schreibt von einer Minderheit „übler Krawallmacher“, die einer großen Masse friedlicher Fans gegenübersteht. Wie immer, man beruft sich darauf, eigentlich nur eine Minderheit zu meinen, zieht im weiteren aber alle von vorn bis hinten in den Dreck. Die Bahnlobbyisten von „Pro Bahn“ beklagen sogar dass viele Menschen aufgrund der Fußballfans am Wochenende nicht mehr Bahn fahren würden. Um diese Behauptung zu untermauern und erstmals zu offenbaren, das es ihm hier nicht um „eine Minderheit“ geht, überträgt er eine vielleicht eigene, vielleicht auch ausgedachte, Erfahrung auf ALLE:

"Vermutlich hat das jeder schon mal erlebt: Man steht samstags am Bahnhof. Und ist plötzlich umgeben von Fans. Pöbelnde, grölende und angetrunkene Fans. Ein durchaus beklemmendes Gefühl. Mindestens. Im engen Abteil eines Zuges verstärkt sich dieses Gefühl. Dann kann es schnell zur Angst werden."

Worauf seine Aussage basiert und wie er dazu kommt, wird nicht erwähnt. Auch vergisst er, das ein Zug mehrere Abteile hat und es dann sicherlich doch eher selten vorkommt, das ein gesamter Nahverkehrszug von pöbelnden, grölenden und angetrunkenen Fans besetzt wird. Solange jedoch das Wort Angst zu lesen ist, wird es schon seinen Zweck erfüllen. Typisch... Doch folgt auf diese Sätze ein noch viel „besseres“ Zitat:

"Wie gesagt, es müssen nicht viele sein. Fußballfans sind eine besondere Spezies. Alleine ist fast niemand von ihnen gefährlich."

Eine besondere Spezies? Eine Menschenart, wartend darauf, das sie sich im Rudel zu einer wilden Armee pöbelnder, grölender und angetrunkener Fußballfans entwickeln um in der Deutschen Bahn Angst und Schrecken zu verbreiten. Aber im Ernst: Ist es dem Autor tatsächlich entgangen, das durchaus Einigkeit darüber besteht, das Menschen in einer Gruppe / Masse anders Handeln als wenn sie alleine wären?! Ist er wirklich der Meinung, Fußballfans sind eine „Spezies“, bei der es etwa eine logische Folge sei, das sie in der Masse gefährlich werden? Kaum ein Mensch würde ohne die Wirkung der Gruppe Dinge tun, die er mit dieser Gruppendynamik tut. Aber um sein Feindbild aufzubauen, bedarf es eben einer Abgrenzung der Personengruppe von allen anderen. Daher legt er mit einer Definition dieser „Spezies“ nach!

"In der Masse, im Rausch von Sieg oder Niederlage allerdings, angeturnt vom Stolz auf den Verein und enthemmt vom Alkohol, zeigen einige ihr zweites Gesicht. Dann wird aus einem Feigling ein Schläger, aus einer lautstarken Clique ein randalierender Mob."

Zwar mag diese Beschreibung auch auf einzelne Fußballfans zutreffen, keine Frage. Aber es ist keine, dem (gewalttätigen) Fußballfan allein, innewohnende Reaktion auf Dinge wie die Wirkung der Masse, den Konsum von Alkohol oder das Pushen durch irgendetwas, was demjenigen besonders wichtig ist. Man findet die von ihm beschriebene Gewalt überall in unserer Gesellschaft. Sogar dort, wo sie erst recht nicht vorkommen sollte. Doch die Polizeigewalt wird hier unterschlagen, wie auch im weiteren Verlauf. Immer wieder greift er Kritik an der Polizei auf, lässt sie aber wieder verfallen, sobald ein neues Beispiel gefunden ist um den Fußballfans den Randale-Stempel aufzudrücken. So auch im weiteren Text:

Im Szenario des Autors stehen wir nun in einem Abteil, aus dem wir nicht rausgehen, obwohl wir Angst haben, zwischen grölenden, pöbelnden und angetrunkenen Gewaltfans, von denen wir wissen das sie eine ganz eigene Spezies darstellen. Doch brauchen wir noch einen Beleg für ihre Gewaltbereitschaft! Kein Problem, der Autor hat mitgedacht und Zahlen dabei: + 70% bei eingeleiteten Strafverfahren rund um Bundesligaspiele im Vergleich zu 2000/2001 und +120% bei den Zahlen der Verletzen im selben Zeitraum. Anmerken, das hierbei allerdings nicht geklärt ist, durch WEN die Verletzung herbeigeführt wurde, vergisst er. Auch die immer stärkere Verfolgung und Repressionen gegen Fußballfans werden hier außer Acht gelassen, sind aber wichtige Fakten, die diesen Anstieg erklären. Zwar greift er später auf, das die Polizeieinsätze immer größer und teurer werden, der Aufmarsch der Polizei beängstigend wirkt und es durchaus Kritik an dem Vorgehen der Polizei gibt, doch bringt er dies in keinerlei Verbindung mit den Problemen, die er beklagt. Jeweils ein paar kurze Sätze, vermutlich als Selbstentschuldigung oder Rechtfertigungsmöglichkeit, doch bringt dies nichts, wenn es daher geschriebene Floskeln sind, ohne Bezug zum aufgebauten Problem.

Die Kaltblütigkeit der Fußballfans soll sich in seinem angebrachten Beispiel zeigen. Frankfurter Fans sind auf dem Weg nach München und geraten mit einer Junggesellen-Truppe aneinander. Beide Seiten seien ordentlich voll gewesen und es endete in einer Keilerei, ausgehend von einem der Frankfurter. Was lernen wir daraus: Die Fußballfans sind schuld! Diese Logik ist aber naiv und gefährlich, da man darüber auch Thesen wie „Ausländer klauen uns die Arbeitsplätze“ aufstellen kann. Das Problem, was hinter der Gewalt steckt, ist in dem Fall sicher nicht die „Spezies Fußballfan“ gewesen. Viel mehr sorgte eher der Alkoholkonsum mit dazu, das beide Seiten sich pushten. So zumindest meine Erfahrungen rund um solche Stressereien, egal ob bei Fußball oder sonst wo.

Doch unabhängig davon: Beispiele nutzt der Autor in dem Artikel gerne. Da werden Szenen vom Spiel Magdeburg gg. Chemnitz beschrieben, welches sicherlich nicht als Beispiel dienen kann, wenn man einen durchschnittlichen Fußballalltag beschreiben will. Aber egal, in seinem Beispiel geht es um Ultras, bekleidet mit Kutten und vielen Schals(so die Worte des Autors), die in sich in der Bahn daneben benehmen. Später eine Situation im Bahnhof, wo es zu „Randale“ kommt und im Zug festsitzenden Fahrgästen, die dies mit dem Handy filmen. Hinzu zieht er als drittes, neben Magdeburg gg. Chemnitz und den reisenden Frankfurtern, das Spiel der Düsseldorfer gegen Bielefeld bzw. die Abreise der Fortunen. Hierbei im Mittelpunkt ein „höchstens 16 Jahre alter Junge“, der betrunken ist. Dieser Verweis soll vermutlich deutlich machen, das es ein Skandal ist, wenn ein junger Mensch Alkohol in Massen konsumiert. Toll ist das nicht, aber auch eher eine Folge der gesellschaftlichen Umstände, nicht aber des Fußballs. Oft genug sieht man volltrunkene junge Jugendliche außerhalb des Rahmens „Fußball“. Im folgenden wird er noch als „Hooligan-Schläger“ bezeichnet, der allerdings, als er bemerkt das die Polizei anwesend ist, „verstummt“ und „wie ein Messdiener“ schaut. Meines Wissens nach interessieren sich „Hooligan-Schläger“ nicht dafür, ob die Polizei da ist und schaut, was man macht. Reine Begriffsspielerei, um sein Feindbild Fußballfans weiter aufrechterhalten zu können.

Alkoholisierte Fahrgäste sind jedoch ein weiteres Problem, welches im Artikel ausführlicher angegangen wird. Der Pressesprecher von „Pro Bahn“ holt nun richtig aus: Beförderungsausschluss für Alkoholisierte! Dann aber kommen die Worte, die sich der Autor direkt in den Titel gesetzt hat: "Was teilweise um Stadien und Bahnhöfe herum passiert, nimmt bürgerkriegsähnliche Zustände an." Diesen Satz kann man gar nicht weiter kommentieren. Jeder soll sich seinen Teil dabei denken...Der Ausschluss von Betrunkenen findet bei der Bahn positive Unterstützung. Ein Alkoholverbot jedoch nicht. Warum? Sicherlich nicht deshalb, weil die Bahn so nett und freundlich ist, sondern vielleicht eher aus dem Grund, weil man dann doch Sorge hat, das viele Fans nicht mehr die Bahn nutzen würden oder man selbst im ICE kein Bier für gefühlte 5 Euro verkaufen dürfte?! Scheinheiligkeit ist überall. Auch das generelle Alkohol- und Rauchverbot in Stadien wird angesprochen. 67% der Deutschen seien dafür. Wie viel Prozent von denen gehen ins Stadion? Welchen Nutzen hätte es? Betrinken kann man sich auch vor dem Spiel. Ändern würde es nichts, nur weiter die Freiheit im Stadion beschränken. Zur Sache tut es hier aber rein gar nichts.

Abschließend bringt er nochmals Kritik an der Polizei an. Wieder untermauert mit einem Zitat des Lobbyverbands „Pro Bahn“. Die Polizei sei nicht bereit „Pro Bahn“ als Gesprächspartner anzuerkennen. Welch ein Skandal. Warum auch? Doch bevor man am Ende des Artikels noch die Polizei wirklich kritisiert, springt man lieber zu den Fans. Hier sollten sich die friedlichen Fans von den gewaltbereiten Randalieren abgrenzen und distanzieren. Natürlich, ich denke wir sind uns alle einig das wir keine Idioten brauchen, die tatsächlich nur Gewalt suchen und Unschuldige angreifen. Von denen distanziert man sich oft genug. Doch um wen ging es in dem gesamten Artikel? Um Fußballfans wie dich um mich. Um ALLE, die nicht dem Konsumenten-Bild entsprechen. Um Ultras und Kutten, um Kategorie C sowie B, also um jene, die unter gewissen Umständen Gewalt anwenden würden, lt. Definition. Übertragen auf die gesamte Gesellschaft wäre es ein enormer Anteil, auf den das zutrifft. Auch die Beschreibung des genauen Problems bleibt bis zum Ende verschwiegen. Immer wieder mal sagt er etwas dazu, doch findet man nirgends etwas dazu, was „Bürgerkriegsähnliche Zustände in der Bahn“ beschreibt. Einzig die Summe von 750 000 Euro pro Jahr für Sicherheitsmaßnahmen wie eine weitere Summe im einstelligen Millionenbereich werden hier als Fakten genutzt um das eigentliche Problem zu beschreiben. Sonst findet man Beschreibungen von Gewalt und Sachbeschädigung, Beleidigung und Saufereien, die es unter Fußballfans genauso gibt wie unter anderen Gruppen. Er nutzt dazu Beispiele, die nicht sonderlich passend sind. Magdeburg gegen Chemnitz und eine Situation, in der zwei betrunkene Gruppen sich unfreundlich begegnen. Das Beispiel der Düsseldorfer beinhaltet auch keinerlei Gewalt. Viel eher einen schnell zu beruhigenden, übermütigen „höchsten 16 Jahre alten Jungen“.

Alles in allem behandelt er hier Dinge, die immer wieder auftreten, doch habe ich schon genug verwüstete Züge gesehen, in denen keine Fußballfans saßen. Ich habe auch schon Gewalt im Zug erlebt, von Fußballfans genauso wie von fußball-fernen Personen. Manches was er schreibt stimmt zwar in der Frage nach dem Vorhandensein, doch nichts davon ist ein reines Fußball-Problem. Auch die Häufigkeit die er angibt, ist vollkommen falsch. Auch wenn jede Woche viele zehntausend Fans die Bahn nutzen, tut es der Großteil nach wie vor friedlich und gesittet. Das es dadurch zu gewissen Verzögerungen kommt, liegt auch eher an der Menge der Menschen, nicht aber an ihrer "Spezies". Vielleicht hätte er sich mit grundsätzlichen gesellschaftlichen Einstellungen befassen sollen und sich daran abarbeiten können. Genug gibt es, was auch zu unschönen Szenen im Fußball führen kann. Oft genug jedoch außerhalb des Fußballs zu finden ist. Ich denke dabei nur an Olympia in London, wo eine deutsche Mannschaft nach dem Titelgewinn auf der MS Deutschland feierte und es zu großen Schäden kam. Wie lief die Diskussion denn darüber? Doch zeigt dieser Artikel auch gut, weshalb es solche Artikel überhaupt gibt:Die Sensationsgeilheit der Menschen. Wie bei jenen, die im Zug saßen und voller Angst und Schrecken, so die Vermittlung des Autors, mit ihren Handys draufhielten, nur um zu Hause den nächsten Skandal verbreiten zu können. Auch beim Autor selbst scheint diese Geilheit vorhanden zu sein, sonst wäre ein anderer Artikel entstanden. Die geforderte Distanzierung und Differenzierung wurde selbst nicht vorgenommen, mit Zahlen wurde Horrorbilder gemalt und mit anderen Zahlen gezeigt, wie die Gesellschaft das sieht. Genutzt hat es der Arbeit gegen unsinnige Gewalt und Randale NICHTS. Viel mehr war es wieder einmal ein Artikel in der Tradition vieler aller, mit einer einzigen inhaltlichen Aussage: Schaut her, die Fußballfans sind eine Gefahr!

Den Artikel auf den ich mich beziehe findet ihr hier: http://www.welt.de/sport/fussball/article119883018/Buergerkriegsaehnliche-Zustaende-in-der-Bahn.html

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.