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Mittwoch, 25 Februar 2015 17:51

Nach dem Traum einer Pizza im GTA-Style durchs Piemont - Polizei erst Freund, dann Hindernis

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Turin - der Ausflug in das Piemont geriet zu einer touristisch größeren und sportlich kleineren Enttäuschung. Nun gebe ich zu, dass ich mich im Vorfeld nicht sonderlich mit der Stadt beschäftigt habe - aber dennoch hätte ich von der norditalienischen Metropole mehr erwartet, als sie letztlich zu bieten hatte. Auf dem Weg zum Treffpunkt am Corso Vittorio Emanuele II - die anreisenden Busse wurden vor den Toren der Stadt gesammelt und per Polizei-Eskorte in die Stadt geleitet - präsentierte sich die vorbeiziehende Stadt als eher unschöne Industrie-Siedlung, unterbrochen lediglich von einem kurzen ansehnlichen Stück, das den Eindruck einer historischen Altstadt erweckte.

Turin22Ob diese Impressionen nun Turin tatsächlich gerecht werden - ich vermag es nicht abschließend einzuschätzen, da sich unser Aktionsradius nach der Bus-Ankunft am Dienstagmittag weitgehend um den Corso Vittorio Emanuele II erstreckte. So wenig die Stadt dort touristisch zu bieten hatte, so sehr bot sie jedoch kulinarisch allerfeinste Spezialitäten auf die Gabel. Die Wahl fiel auf das „Masaniello e Turnat“ in der anliegenden Via Ormea, 1/B. Einige mögen behaupten, es habe sich doch lediglich um eine normale Pizza mit ein bisschen Salat gehandelt, ich entgegne dem: Es war der Traum einer Pizza und eines Salates. Entgegenkommen sollte uns zudem, dass die Betreiberin offenbar eine Anhängerin des mit Juve rivalisierenden FC Turin ist, sodass sie direkt zum Schaltausch bat. Die restliche Zeit bis zur Abfahrt der Shuttle-Busse zum Stadion ließ sich im Pub „Texas Ranger“ ganz gut totschlagen.

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Ab 17 Uhr sollten ebendiese Shuttle-Busse in Richtung Stadion rollen. Hier zeigten sich die Turiner aber zunächst weniger geschickt als beispielsweise die Istanbuler. Gab es seinerzeit im Herbst noch ausreichend Busse, sodass alle Borussen in einem einzigen Konvoi zum Stadion geleitet werden konnten, so fanden sich zunächst nur vier mickrige Busse am Treffpunkt ein. Entsprechend groß war das Gedränge. Nach und nach tröpfelte immer mal wieder ein Bus ein, sodass allmählich alle Borussen den Weg zum Juventus Stadium fanden.

Einmal einen Platz im Bus ergattert, so sollte sich auch zeigen, warum die Busse immer nur vereinzelt den Weg zum Fan-Treff fanden. Eskortiert von Moped- und Auto-Streifen bewegten sich die Busse unter Umgehung einer vermutlich auch in Turin geltenden Straßenverkehrsordnung in Richtung Stadion. Abrupte Abbiege-Manöver in letzter Sekunde auf Weisung des vorausfahrenden Moped-Cops gehörten dabei ebenso zur Routine für die Busfahrer wie ruckartiges Anfahren auf eine Kreuzung bei eigenem Rotzeichen. Die Beschreibung GTA-Style trifft die Anreise wohl ganz gut - auch wenn ich mir immer noch nicht sicher bin, ob die Cops zu jeder Zeit überhaupt noch wussten, wo man sich gerade eigentlich befand und wie der richtige Weg zum Stadion aussah.

Nach einer rund 45-minütigen dauernden Abenteuerfahrt durch den Turiner Feierabendverkehr - erstaunlich war übrigens, dass man, wie schon den gesamten Tag über, wesentlich mehr wohlwollende als ablehnende Gesten der Turiner erntete - ragte endlich das Juventus Stadium vor uns empor, das auf dem Grund des alten Stadio delle Alpi errichtet und im Jahr 2011 eröffnet wurde. Man kann nun jedoch wahrlich nicht behaupten, dass man dort mit offenen Armen empfangen worden wäre. Bei der Busankunft bildeten die Cops in voller Montur eine Kette, die einen zum Gästeeingang geleiten sollte. Etwas nervös konnte man im Bus werden, wenn man draußen vor der Ausstiegstür bereits die behelmten Cops betrachtete, wie wiederum sie nervös wirkend mit dem Schlagstock auf ihre Plastik-Schilde eintrommelten. Beim Verlassen des Busses gaben sie auch direkte Anweisungen, ein Warten auf den Rest der Gruppe wurde nicht gestattet, jeder musste sich auf direktem Wege zum Gästeeingang begeben. Hallo, Gastfreundlichkeit!

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Gesteigert werden sollte dies noch durch die Eingangskontrollen. Hier zeigten sich die Italiener von ihrer gründlichen Seite. Abgetastet wurde bis auf den Schlüpper - und leider auch weit darunter hinaus. Nicht alle, aber doch sehr viele Borussen durften zudem auch die Schuhe ausziehen. Der Cop übernahm dann die Aufgabe, den Straßendreck des Tages auf dem Asphalt abzuklopfen. Eine nette Geste.

Turin10Der Aufgang zum Gästeblock ist völlig steril gehalten und durch Metallgitter komplett vom Heimbereich abgegrenzt. Das Stadion selbst - charakteristisch sind die beiden in den Himmel ragenden Dachträger auf beiden Hintertor-Seiten - ist jedoch im Vergleich zu vielen anderen neugebauten Arenen auf dem ganzen Kontinent als eine der lebhafteren und charakteristischeren einzustufen. Die Juve-Anhänger zeigten insbesondere vor und zu Beginn des Spiels, was in dem Stadion für eine beeindruckende Stimmung herrschen kann, sofern alle mitziehen. Der Bedeutung des Spiels angemessen präsentierte der Juve-Anhang auch eine recht ansehnliche Choreo. Im Verlauf der zweiten Halbzeit ebbte der Support der Heimfans jedoch zusehends ab.

Zwischendurch brachte Juves Heimkurve ihre Ablehnung gegenüber dem BVB sowie den mit Teilen der Dortmunder Ultras befreundeten Lagern aus Catania und Napoli zum Ausdruck. Auf den auf Deutsch gehaltenen Transparenten hieß es: „Der Freund meines Feindes ist mein Feind - Dortmund Scheiße - Catania Merda - Napoli Colera“.

Turin7In den direkt angrenzenden Bereichen unseres Gästeblockes auf der „Tribuna Ospiti 1^ Anello“ waren beide denkbaren Reaktionen der Turiner Fans zu beobachten. Einige kamen an die Trennscheibe und signalisierten ihren Willen zum Schaltausch, andere wiederum zogen ihre Daseinsberechtigung an diesem Abend aus penetrant-nervigen Dauer-Provokationen, aus denen sich heraus das eine oder andere amüsante Wortgefecht entwickelte. Die Ordner mussten zudem mehrmals in den angrenzenden Blöcken eingreifen und zumeist dort sitzende Dortmunder Fans sicherheitshalber hinausbegleiten.

Von schwarzgelber Seite entwickelte sich hingegen unterm Strich kein überbordender Support, von dem man noch in einigen Jahren sprechen wird. Als nachteilig entpuppten sich hier insbesondere die fehlenden Trommeln und Megafone, die im Vorfeld bereits verboten worden waren. Zwar versuchte sich der vordere Bereich des Unterranges, der vornehmlich von TU bevölkert wurde, redlich, doch der Funke wollte nie wirklich und dauerhaft auf den Rest überspringen.

Turin8Ein Vorbild an dem Juventus Stadium kann sich übrigens insbesondere Werder Bremen nehmen. Blockiert einem an der Weser die extrem dämlich angebrachte Anzeigetafel nicht nur die Sicht auf das Spielfeld, sondern natürlich auch die Sicht auf die genau gegenüber angebrachte Anzeigetafel, so wurde zumindest der letztgenannte Aspekt in Turin dadurch gelöst, dass auf der Hinterseite der Anzeigetafel eine kleine weitere Leinwand eingebaut wurde, sodass man auch hinter dem Tor einen Blick auf die Spielzeit werfen kann.

 

Nach dem Schlusspfiff garantierte eine doppelte Ordnerreihe sowie die dahinter postierte und sich lässig unterhaltende Polizei die international übliche Blocksperre, die sich nach rund 40 Minuten endlich aufzulösen begann - scheinbar. Die Polizisten zogen plötzlich völlig deeskalierend ihre Helme auf und brachten Schilde und Schlagstöcke in Position - und zogen sich zurück. Zwar konnte man nun den Block verlassen, doch unten vor dem Stadion zogen die Cops nun an den Eingangsdrehkreuzen eine neue Sperre auf, diesmal ohne entspannte Dialoge untereinander, dafür in kompletter Montur und vorne postierten Schutzschilden. Abermals tat sich minutenlang nichts - eine Info, was nun genau weiter passieren wird und wann wir zu unseren Bussen - die zwischenzeitlich aus der Stadt vor das Stadion geleitet wurden - durften, gab es nicht.

Turin9Das Gelände rundherum war weit jenseits der 23-Uhr-Grenze bereits menschenleer - und wenn die Cops einen Angriff seitens italienischer Gruppen befürchtet haben, so waren sie mit ihrer Verteidigungshaltung in unsere Richtung falsch postiert. Seitens des Dortmunder Lagers gab es jedenfalls nicht die geringste Lust auf Aktionen, wie sie beispielsweise Feyenoord Rotterdam in der vergangenen Woche in Rom zeigte, sondern wir wollten einfach nur in die Busse und nach Hause. Irgendwann, aus heiterem Himmel, lösten die Cops ihre Sperre auf und gaben den Weg endlich frei. Die mittlerweile aufgestaute Wut brach sich nun in dem einen oder anderen hitzigen Wortgefecht Bahn und wieder einmal gab es ein Parade-Beispiel dafür, wie eine völlig verfehlte Polizeitaktik bei einer friedlich eingestellten Masse erst zu aufkommenden Emotionen führt.

Das Spiel als solches ging zwar leider verloren, doch mit dem 1:2 kann man wohl dennoch nicht ohne Zuversicht in das Rückspiel am 18. März gehen. Es bleibt also zu hoffen, dass der Ausflug nach Turin auf absehbare Zeit noch nicht der letzte Trip durch Europa gewesen ist. 

 

 

 

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