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Sonntag, 26 Oktober 2014 21:16

Unzählige Eindrücke am Bosporus - aber keine Hölle bei Galatasaray

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Istanbul4Istanbul. Bosporus. Mindestens 14 Millionen Einwohner - und fast genauso viele Eindrücke, die man hier gewinnen kann. Es war zwar erst der dritte Vorrunden-Spieltag und das zweite Auswärtsspiel, doch vermutlich haben wir mit dem Spiel in Istanbul bereits d a s Highlight der diesjährigen Champions-League-Saison erlebt.

Die Reise in die Metropole an der Grenze zwischen Europa und Asien begann bereits am Montag. Und der erste Kulturschock sollte bereits direkt nach der Landung folgen. Mit dem Taxi ging es vom Flughafen zum Hotel, das etwas unterhalb des „Grand Bazaars“ gelegen war. Ließ die Fahrt auf der Hauptstraße am Hafen entlang noch die Schönheit dieser Millionenstadt erahnen, so tauchten wir ganz unvermittelt in den hektischen Alltag Istanbuls ein, als der Taxifahrer plötzlich in eine Seitenstraße abbog. Nun befanden wir uns mittendrin in dem wirklichen Istanbul: Hektisches Treiben in engen Gassen, zahllose Geschäfte und einfach unfassbar viele Menschen, die sich - aus den unterschiedlichsten Gründen - durch die Straßen von A nach B drängelten. Das Viertel mutete zudem etwas eigenartig an und nachts bei Dunkelheit nicht gerade vertrauenswürdig - dachten wir, doch dieser Eindruck verflog.

Istanbul3Eine erste Erkundungstour durch die Stadt führte uns durch den Großen Basar (ein unfassbar verwinkeltes Gänge-System, in dem bestimmt schon so mancher Auswärtsfan verschwunden ist) am Hafen vorbei hin über die Galata-Brücke zum Taksim-Platz. Letzterer war irgendwie kleiner, als ich ihn mir aus den Fernsehsendungen der letzten Monate über die Proteste am Gezi-Park vorgestellt hatte.

Hochinteressant hingegen war das Leben rund um die Galata-Brücke. Während unter der Brücke eine Cafe-Meile angesiedelt ist, stehen Seite an Seite an der darüber verlaufenden Straße über den Hafen die Angler und halten ihre Köder in das Becken. Mit ein bisschen Pech kann es einem hier also gut passieren, dass einem beim Ansetzen des Bierkruges ein ums Überleben kämpfender Fisch an die Wange klatschte, während er seinem Schicksal in den Eimer toter Artgenossen unentrinnbar näherkam. 

Istanbul5Der Dienstag brachte eins der kulturellen Höhepunkte der Fahrt, eine Hafenrundfahrt auf dem Bosporus. Die Bootsbesitzer entsenden jeweils einen Werber für ihre Fahrten an die Hafenpromenade, sodass man mitunter gar nicht eines der Schiffe erwischt, die da genau vor der eigenen Nase im Wasser liegen. Genau dies widerfuhr uns, als wir bei einem Werber eine Tour für 10 Lira pro Nase (etwa 3,50 Euro) aushandelten. Was uns wie ein Schnäppchen vorkam (übrigens sollten wir den Preis niemandem verraten, also psssst!), sollte plötzlich bitterer Ernst werden. Mit einem Transporter ging es zu einer anderen Anlegestelle, an der ein kleiner Kutter auf uns wartete, der bereits bedenklich in den Wellen schaukelte, während er im Hafen vor Anker lag.

Unsere Frage nach Bier an Bord versetzte den Adjutanten des Schiffskapitäns in hektisches Treiben, denn nun versuchte er extra für uns am Hafen irgendwo einige Dosen Efes aufzutreiben. Die Fahrt verzögerte sich dadurch zwar um eine Viertelstunde, doch dafür kehrte des Käpt’ns Helferlein stolz mit einer weißen Tüte mit goldenem Inhalt zurück. Diesen Dienst ließ sich der Matrose mit weiteren 10 Lira pro Halbliterdose bezahlen.

Istanbul1Das Boot konnte nun endlich Fahrt aufnehmen - und mitten auf dem Bosporus gab es allerlei zu bestaunen. So konnte man nicht nur den Möwen beim Geschlechtsakt zusehen, sondern konnte auch Blicke auf die durchaus imposante Istanbuler Skyline erhaschen. Unter der Galata-Brücke hindurch - das rote Warnsignal interessierte den Käpt’n nicht sonderlich - ging es am Stadtteil Besiktas vorbei Richtung Bosporus-Brücke, der Verbindung zwischen Europa und Asien in dieser Stadt. Besonders beeindruckend, insbesondere aufgrund der Lage, war die Ortaköy-Moschee direkt am Wasser vor der Bosporus-Brücke. Den kompletten Gegensatz dazu bildete die künstliche Insel „Galatasaray Adasi“ etwas weiter nördlich mitten im Bosporus, auf der die Betuchteren dieser Stadt unbeschwerte Stunden am Pool und bei Hochprozentigem verbringen können.

Istanbul2Mehr als zwei Stunden dauerte die Fahrt über das Wasser. Die Geldscheine, die am Ende den Besitzer wechselten, ließen die Augen von Kapitän und Adjutant immer größer werden - und nachdem wir das Boot verlassen hatten, schien die Besatzung Feierabend zu machen und schipperte von dannen; eine Rundfahrt, die ich jedem Istanbul-Urlauber nur sehr ans Herz legen möchte - wie ich generell einen Trip in die heimliche Hauptstadt der Türkei aufgrund ihres orientalischen Flairs nur empfehlen kann.

 

 

Istanbul7Und eines ist sicher: So, wie die Menschen sich über die Straßen fortbewegen, so verrückt fahren sie auch auf dem Wasser. Ähnlich wie vor einem Jahr in Neapel war es auch hier wieder extrem verwunderlich, dass bei dem interessanten Istanbuler Fahrstil nichts Gravierendes zu passieren scheint. Die Hölle ist übrigens der Istanbuler Feierabendverkehr - der Stau auf der A1 an der Leverkusener Brücke ist nichts dagegen. Ein Hinweis ist aber genauso wichtig: Istanbul ist eine Stadt, in der jeder jeden über den Tisch zu ziehen scheint. Dies gilt insbesondere für Taxifahrer und Geschäftstreibende an den Basar-Ständen.

Im La Viola Café in einer Seitengasse der vom Taksim-Platz wegführenden Einkaufsmeile, glitten wir bei Shisha und Efes in den Spieltag über. Mit Shuttle-Bussen sollte es am Spieltag zum Galatasaray-Stadion gehen. Treffpunkt und Abfahrt war dabei am Fuße des neuen Besiktas-Stadions, das sich derzeit noch im Bau befindet und im Jahr 2015 eröffnet werden soll.

Istanbul6Eine Besichtigung der Baustelle am Vorabend war übrigens strikt verboten. Auch das Klettern durch einen Maschendrahtzaun unterbanden die Baustellenwächter freundlich, aber doch bestimmt. Es blieb also nur der Blick von einer vorbeiführenden Brücke in den Stadion-Rohbau, der genau auf dem Grund des ehemaligen Inönü-Stadions entsteht, welches 2013 abgerissen wurde. Besiktas trägt seine Heimspiele übrigens bis zur Fertigstellung seines neuen Stadions im Atatürk-Olympiastadion aus.

Die Busfahrer in den Shuttle-Bussen kassierten übrigens fünf Euro, ja, Euro. Neben dem Busfahrer stand in den Bussen eine ominöse Person, die bereits beeindruckend viele Euro-Scheine in der Hand hielt, und kassierte den Fünfer pro Person. Wir hatten keine Ahnung, welche dunklen Kanäle wir damit wohl wieder unterstützen würden, aber wir wollten auch einfach nur zum Stadion.

Rund 40 Minuten dauerte der Transfer der rund 20 Busse in den Ali-Sami-Yen-Sportkomplex in Seyrantepe im Norden Istanbuls. Das Stadion wurde 2011 eröffnet und löste als Heimspielstätte das altehrwürdige Ali-Sami-Yen-Stadion aus dem Stadtteil Sisli ab. So modern und komfortabel das Stadion auch ist - es besitzt zwei gravierende Nachteile. Es trägt offiziell den Namen eines türkischen Telekommunikationsunternehmens und es ist als Neubau ähnlich charakteristisch wie alle Arenen, die seit einigen Jahren überall von Augsburg über Sinsheim, London und Manchester aus dem Boden schießen. Die Architektur des Stadions geht übrigens auf eine Stuttgarter Firma zurück, die auch für den Umbau des Neckarstadions verantwortlich war.

Istanbul8Nach dem Gastspiel im San Paolo in Neapel stufte ich die Fans der Hellblauen als das mit Abstand enthusiastischste und fanatischste ein, das ich jemals erlebt hatte. Doch nach allem, was man so aus Istanbul gesehen und gehört hatte, erwartete ich, dass die Galatasaray-Anhänger dies noch einmal toppen würden. Zunächst schienen die Fans diesem Anspruch - sie selbst begrüßten uns schließlich auch mit dem Spruch „Welcome to hell“ - gerecht zu werden. Zum Einmarsch der Mannschaften zeigte UltrAslan eine beeindruckende Choreografie und auch die Dezibel-Zahl erreichte die erwarteten Höhen. Hinter beiden Toren waren aktive Kurven angesiedelt, doch die anfängliche Euphorie war schnell verflogen. Nun war der Spielverlauf mit unseren beiden Toren sicherlich nicht stimmungsfördernd, aber unter dem Strich war ich sehr enttäuscht vom nachlassenden Support der Gala-Anhänger. Dies gipfelte in der Massenflucht des Publikums, die so um die 70. Minute einsetzte. Spätestens fünf Minuten vor dem Abpfiff herrschte eine gähnende Leere im Stadion, die ich so nicht erwartet hatte. Vielleicht wollten die Leute aber auch einfach nach dem enttäuschenden Spiel nur deswegen schneller aus dem Stadion, weil die U-Bahn zum Stadion im Moment baustellenbedingt nicht fährt und daher ein noch größeres Verkehrschaos vorprogrammiert war.

Mit einem teilweise berauschenden Spiel und drei Punkten im Gepäck stand am frühen Donnerstagmorgen die Heimreise an. Was bleibt, sind unzählige Eindrücke, die hier nur zu einem Bruchteil wiedergegeben werden konnten. Fahrt einfach selbst mal hin und taucht ein in das orientalische Leben an der Grenze zwischen Europa und Asien. Ihr werdet es nicht bereuen.

 

 

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