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Mittwoch, 04 Dezember 2013 13:32

Als der Fußball noch Fußball war - Der BVB im Ludwigspark

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FCS1Fluchtlichtmasten. Zäune und Lautsprechermasten, die sicherlich schon Generationen an Fußballfans haben kommen und gehen sehen. Eine weiträumige Laufbahn um die grüne Wiese herum, wie sie heutzutage in allen Multifunktionsarenen undenkbar geworden ist. Und eine Anzeigetafel, bei der man sich fragt, wie alt wohl der Bediener sein muss, der versteckt irgendwo in den Katakomben sitzt und das Spielgeschehen in den alten Amiga eintippt. Herzlich Willkommen im Ludwigsparkstadion in Saarbrücken!

Schon unmittelbar nach der Auslosung Anfang Oktober entwickelte sich eine große Vorfreude auf das Gastspiel an der Grenze zu Frankreich. Ich gehe sogar soweit, den FCS als Traumlos zu bezeichnen - denn es war klar: Für einen Fußballromantiker und -Nostalgiker hätte es kein besseres Los geben können! Es ist bereits über ein Jahr her, dass uns die Glücksfee im beheizten Fernsehstudio mit dem VfR Aalen ein ähnlich attraktives Los in einem altehrwürdigen Gemäuer zugedachte. Und jetzt, bei allem Respekt vor dem VfR Aalen, wartete nicht nur schlichtweg ein altes Stadion an irgendeiner Stelle Württemberger Erde, wo man sich ansonsten vermutlich niemals hin verirren würde; nein, jetzt ging es zum traditionsreichen 1. FC Saarbrücken mit dem gleichsam geschichtsträchtigen Ludwigsparkstadion.

Okay, die ruhmreichen Zeiten des FCS sind vorbei - der Abstieg aus der Bundesliga liegt bereits zwanzig Jahre zurück -, doch das Flair ist geblieben. 1953 eröffnet, umfasst der Ludwigspark gegenwärtig rund 30.000 Zuschauer, davon nur knapp 8.000 Sitzplätze. Den überwiegenden Großteil des weiten Stadionrunds bilden also klassische Stehplätze - ein Dach haben diese Steh-Tribünen natürlich noch nie gesehen. Und mit über 20.000 Stehplätzen muss sich der FCS diesbezüglich übrigens auch nicht einmal hinter unserem Westfalenstadion verstecken.

Doch zurück zum Wesentlichen: Nach einer durchaus denkwürdigen und als konspirativ einzustufenden Anreise erreichten wir noch rechtzeitig den Ludwigspark und wanden uns den Weg hinauf von der Camphauser Straße, wo die Busse direkt parkten, hinein in den Gästeblock. Etwas überraschend begrüßte der Stadionsprecher uns sehr wohlwollend und betonte die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Vereinen oder vielmehr beiden Regionen. Auch im Saarland gab es in den oft zitierten guten, alten Zeiten eine starke Bergbau-Industrie, was schließlich die Planer rund um das Pokalspiel dazu veranlasste, angesichts einer mit dem Ruhrgebiet identischen Historie das Steigerlied über die Lautsprecheranlage abzuspielen - bei welcher sich übrigens einer meiner Begleiter sicher war, dass die Einzel-Lautsprecher aus traurigen, grauen Gesichtern bestehen.

FCS2Doch damit endete die Gastfreundschaft noch nicht: Rund 20 Minuten vor dem Spielbeginn wurden wir Schwarzgelben noch mit einem Medley aus Bruno „Günna“ Knusts „Borussia“ und Andy Schades „Am Borsigplatz geboren“ beglückt, in das wir auch prompt mit einstimmten. Der Block wurde übrigens nach den Trauerspielen in Wolfsburg und Mainz wieder von den Ultras geprägt, die sich nach dem Entzug ihrer Auswärtsdauerkarten glücklicherweise auf anderem Wege mit Karten eindecken konnten. Mit Genugtuung schaute ich schon beim Betreten des Stadions in das Meer voller schwarzgelber Doppelhalter und Schwenkfahnen - damit war auch der passende Rahmen für dieses besondere Spiel unter Flutlicht sichergestellt.

Für besondere Unterhaltung sorgte auch die bereits angesprochene Anzeigetafel. Es dürfte sich dabei um die wohl pixligste Leinwand im deutschen Fußball handeln - was den FCS jedoch nicht davon abhält, ganze Grafiken darauf abzubilden bis hin zu Fragmenten der Spielergesichter bei der Mannschaftsaufstellung. Die bange Frage lautet jedoch: Was passiert, wenn der Amiga mal kaputt gehen sollte?

FCS4Doch nicht nur aus unserer, zumindest aber aus meiner Sicht handelte es sich um ein ganz besonderes Spiel - für den FCS und seinen Anhang stellte die Partie natürlich den Tag des Jahres dar. Entsprechend hatte die Heimkurve eine Choreografie vorbereitet. „Entzündet den Funken Hoffnung!“ war kurz vor Spielbeginn auf einem riesigen Banner zu lesen. „Entzünden? Funken? Werden sie etwa...? Hier...? Zuhause!?“, frage ich mich als Liebhaber offenen Feuers auf den Stadionrängen noch in stiller Vorfreude. Kurze Zeit später die Bestätigung: Sie werden. Und wie. Silvester wurde kurzerhand vorgezogen. Mit Raketen und bengalischen Lichtern erhellen die Saarbrücker ihre Kurve. Ein sehr imposantes Bild, das mich zu der These verleitet, dass zumindest die Fans des FCS in der Dritten Liga nichts verloren haben! Auch während des Spiels flackert es vor allem im Block E2, dem selbst sogenannten „Virage Est“ hinter der Fahne der Ultras „BOYS Saarbrücken“, immer wieder auf. Gerade bei diesem Abendspiel in einem betagten Fußballstadion sorgte dies für ein ganz besonderes Ambiente.

Kurzzeitig wurde es jedoch auch noch politisch. Ziel des gemeinsamen Fanprotests: Der legalisierte Karten-Schwarzmarkt auf der Internet-Plattform Viagogo. Zum Wiederanpfiff nach der Halbzeit reckten die Saarbrücker zwei Banner mit der Aufschrift „Das meiste Geld aus einer Karte gemacht, Viagogo gehört abgeschafft“ in die Höhe. Die Dortmunder Ultra-Gruppierung „The Unity“ antwortete von der gegenüberliegenden Seite: „Aus 12 mach 100, aus 20 mach 250, Vianogo“.

FCS3Unterm Strich steht also ein sehr gelungener Ausflug ins Saarland, der zugleich eine Zeitreise bildete in eine Epoche, als der Fußball noch ein reines Sportereignis war und kein Event. Danken möchte ich abschließend auch Petrus, denn hätte er es gestern Abend regnen oder schneien lassen, so wäre die Nostalgie sicherlich irgendwann auch in Frust ob der archaischen Bedingungen umgeschlagen... Mit einer noch viel konspirativeren Abreise, bei der wir auch weite Teile des Bergischen Landes kennenlernten, endete schließlich die für diese Saison vermutlich letzte Tour in eines der - positiv - exotischen Ziele des DFB-Pokals. Dem FCS bleibt an dieser Stelle alles Gute zu wünschen, auf dass der Klassenerhalt in der Dritten Liga (nicht zu Lasten unserer Amateure) gelingen möge und der Ludwigspark in nicht allzu ferner Zukunft einmal wieder regelmäßig standesgemäße Fußballtage erleben kann.

 

17 Kommentare

  • Kommentar-Link Dieter Mittwoch, 04 Dezember 2013 15:36 gepostet von Dieter

    Ein schöner Bericht ! Es tut auch als gebeutelter FCS-Fan wirklich gut seinen Verein mal wieder derartig im Rampenlicht zu sehen wie gestern Abend.
    In diesem Sinne: Blau-Schwarze Grüße nach NRW

  • Kommentar-Link Olli Mittwoch, 04 Dezember 2013 15:47 gepostet von Olli

    Schöner Bericht, da wird es einem als alter FC-Fan warum ums Herz! Danke!

  • Kommentar-Link F. Hornung Mittwoch, 04 Dezember 2013 16:04 gepostet von F. Hornung

    Nix Amiga, da arbeitet ein 286er

  • Kommentar-Link blauschwarz Mittwoch, 04 Dezember 2013 16:05 gepostet von blauschwarz

    Danke für die Blumen. Sehr toller Bericht! Grüße in den Pott!

  • Kommentar-Link nonsens Mittwoch, 04 Dezember 2013 16:18 gepostet von nonsens

    Sehr guter Bericht! Vielen Dank!!!!

    Blau-Schwarze Grüße nach Dortmund........

  • Kommentar-Link Jörg Aumann Mittwoch, 04 Dezember 2013 17:19 gepostet von Jörg Aumann

    Die pixelgiste Anzeigetafel war übrigens bei ihrer Einführung eine der modernsten in Deutschland. Leider hatte der FCS nicht das Glück, von zwei Ex-Staatsunternehmen seit 13 Jahren gepimpt zu werden, sonst ginge es ihm vielleicht heute auch so gut wie dem BVB ;-)

  • Kommentar-Link Dennis Wiesen Mittwoch, 04 Dezember 2013 17:34 gepostet von Dennis Wiesen

    Sehr guter Bericht.
    Und auch ihr habt zu der super Stimmung bei getragen! Danke BVB für einen Hammer Tag

  • Kommentar-Link Liebe kennt keine Liga ! Mittwoch, 04 Dezember 2013 18:00 gepostet von Liebe kennt keine Liga !

    Super Bericht, Grüße aus Frankreich

    http://www.youtube.com/watch?v=lOJBmtDxdpw

  • Kommentar-Link Patrick Mittwoch, 04 Dezember 2013 18:04 gepostet von Patrick

    In den 90er Jahren bestanden sogar echte Fanfreundschaften mit Dortmund und Hannover 96 durch die ehemaligen Fan Clubs "Westwall" und " Saarlegion "

  • Kommentar-Link Fcs onkel Mittwoch, 04 Dezember 2013 18:52 gepostet von Fcs onkel

    Gelungener Bericht und nicht wie die Hirnis von der B-Zeitung. Wünsche dem BVB und unserem FCS das die angepeilten Ziele - mögen sie noch so unterschiedlich sein - erreicht werden.

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