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Montag, 11 November 2013 11:42

Wolfsburg - Eine Abrechnung

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WOB2„Herzlich willkommen, herzlich willkommen, in unserer schönen neuen Welt.“ Diese Zeilen der Berliner Musikgruppe Culcha Candela bringen die Zustände im Dortmunder Gästeblock am Samstag in Wolfsburg perfekt auf den Punkt. Ende letzter Woche gab der BVB bekannt, dass den drei Ultra-Gruppierungen „The Unity“, „Jubos“ und „Desperados“ nach den Vorfällen im Derby bis auf weiteres die Auswärtsdauerkarten (ADK) entzogen werden.

Dieses Verbot griff bereits am Samstag beim Gastspiel der Borussia im nach einer Automarke benannten Wolfsburger Stadion am Mittellandkanal - und so waren die Ultras außen vor. Schon direkt nach dem Bekanntwerden der Sanktion des BVB wurde der Teufel an die Wand gemalt, nämlich der Tod der Fankultur im Auswärtsblock. Stand dies am Freitag noch als Horrorszenario im Raum, so wurden diese schlimmsten Befürchtungen am Samstag wahr.

Der schwarzgelbe Block, normalerweise sowohl national als auch mittlerweile international bekannt und in Teilen auch geschätzt für seinen stimmgewaltigen Support, entpuppte sich als großer gelber Haufen ohne Stimme. Nach dem obligatorischen „Heja BVB“ zerfiel der Block schnell in seine Einzelteile. Links unten wurden andere Lieder angestimmt als rechts unten, im Zweifel stimmte links oben dann noch ein drittes Lied an. Möchte man es positiv werten, so könnte man sagen, dass ohne die Ultras eine neue Form des Kanons Einzug in den Borussen-Block erhalten hat. Aber nein, hier erlebte keine neue Form der Fankultur ihre Geburtsstunde. Hier wurde die schwarzgelbe (Auswärts-)Fankultur vorerst zu Grabe getragen!

Das Bild, dass der schwarzgelbe Anhang am Samstag in Wolfsburg abgeliefert hat, ist mit peinlich noch gut beschrieben. Die Dortmunder Ultras stehen oft genug am Pranger und müssen von vielen Seiten Kritik einstecken - doch am Samstag hat man wieder einmal gesehen, wie wichtig sie mittlerweile im Fanblock geworden sind. Die Protestaktion „12:12“ hatte vor genau einem Jahr erste Indizien geliefert, wie leblos die Fankurve ohne den von den Ultras initiierten und koordinierten Support sein kann. Nach dem „90:00“-Stimmungsboykott des Samstages bleibt festzuhalten: So lange das ADK-Verbot aufrechterhalten wird und die Ultras auch nicht über andere Wege an Karten kommen sollten, ist der Auswärtsblock des BVB tot.

Das Schlimmste war jedoch noch nicht einmal der Zerfall der Stimmung in verschiedene Lieder zur gleichen Zeit. Das Schlimmste waren zahlreiche ebenjener Zuschauer, die während der gesamten 90 Minuten keine Anzeichen zeigten, etwas zur Stimmung beitragen zu wollen. Nun gehört es in einer Demokratie selbstverständlich dazu, dass man nicht zum Support gezwungen ist, wenn man ein Fußballstadion betritt. Unverständlich ist es mir dennoch, wieso man dann die tollen unteren Stehplätze belegt - die am Samstag ja aus bekanntem Grund verwaist waren -, dann aber nicht den Mund aufmacht und stattdessen in penetrant häufiger Weise mit dem Fotohandy hantiert.

WOB1Nachfolgend möchte ich stellvertretend für diese Klientel zwei Beispiele aufführen: Kurz vor der Halbzeit wird Neven Subotic schwerverletzt abtransportiert, der Weg in die Kabine führt ihn am Auswärtsblock vorbei. Neben den aufmunternden „Neven-Subotic“-Gesängen packt die oben benannte Spezies ihr Fotohandy aus, denn so nah wird man dem Neven wohl nie wieder kommen. Wenige Minuten vor dem Abpfiff dreht sich schließlich ein anderes Mitglied der heterogenen schwarzgelben Gemeinschaft zu seinen Begleitern um und teilt mit einem ernsthaft-freudigen Grinsen mit, dass jenes Individuum ja 2:1 getippt habe. Drei Punkte bei Kicktipp - da ist es dann doch scheißegal, dass die Borussia gerade ihr Spiel verliert. Nicht verschweigen möchte ich zudem, dass sich jene Menschen dann stets völlig irritiert, mit Abscheu ob des Fußballpöbels in den Augen und natürlich auch schweigend umdrehen und denjenigen ausmachen wollen, der gerade ein paar Reihen dahinter mal wieder einen verzweifelten Versuch unternommen hat, die Stimmung anzuheizen.

Allerspätestens in diesen Momenten war klar, dass dieser Samstag am Mittellandkanal endgültig gelaufen war. In Zeiten, in denen Stadionverbote willkürlich verhängt werden, eine Anhörung unnötiger rechtsstaatlicher Ballast und der Beweis der Schuld völlig überflüssig ist und wir glücklicherweise auch überhaupt keine Probleme mit Polizeigewalt und -willkür haben, muss man seine Reaktion in diesen Momenten schon sehr gut überdenken - was zugegebenermaßen in Momenten wie diesen nicht leicht fällt. Und so sei an dieser Stelle nur die Frage erlaubt: Sind Leute, die ihr Grundrecht auf Nicht-Support wahrnehmen wollen, auf den Sitzplätzen nicht besser aufgehoben als ganz vorne hinterm Zaun im Steherbereich?!

Es bleibt also unter dem Strich festzuhalten: Die Ultras fehlen. Sie fehlen sowohl als verbindendes und stimmungsinitiierendes Element im Gästeblock. Aber sie fehlen auch der Mannschaft. Gerade nach dem 1:2, als die schwarzgelben Jungs einen kollektiv-infernalischen Support gebraucht hätten, um vielleicht noch einmal ins Spiel zurückzufinden, blieb es - abgesehen von vereinzelten, fast schon verzweifelt anmutenden Versuchen, im Gästeblock überwiegend still. Und jetzt möge bitte niemand mit dem Argument kommen, dass die Mannschaft doch auch alleine das Spiel hätte drehen müssen. Demjenigen seien alleine die Beispiele Stuttgart 2012 (4:4) und Malaga 2013 (3:2) genannt, in denen die Rolle der Zuschauer  mehr als nur marginal war.

Um die Selbstbeschneidung scheint jedoch auch der BVB genau Bescheid zu wissen: Wie sonst ist es zu erklären, dass der ADK-Entzug nur national (warum mit dem Pokal eigentlich in einem Wettbewerb, in dem es zu keinen Vorfällen kam?) gilt - und nicht international. Auch die Herren an der Strobelallee dürften sich dessen bewusst sein, dass man bei einer Ausdehnung des ADK-Verbots auf den Europapokal vermutlich mit 200 Mann nach Donezk fahren würde - und hierbei die Gäste des vereinseigenen Reisebüros noch die größte Gruppe im Block stellen dürften. Führt dieser Umstand nicht auch zu dem Gedanken, dass die ADK-Reaktion des Vereins eigentlich völlig unsinnig und populistisch ist? Aber nein, das ist ein anderes Thema.

Fakt ist: Die Ultras fehlen; und es bleibt zu hoffen, dass wir sie trotz des ADK-Verbots dank Karten über andere Kanäle möglichst schnell - am besten schon beim nächsten Mal in Mainz - im Block wiedersehen. Ansonsten heißt es auch dort: Herzlich Willkommen in unser schönen neuen Welt.

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