Mo27Mar2017

Back Aktuelle Seite: Blog Dortmund Blog Quo vadis, Norbert Wesseler?
Dienstag, 20 August 2013 13:28

Quo vadis, Norbert Wesseler?

geschrieben von 

Braunschweig3Lange Zeit galten Fußballfans als die Schmuddelkinder der Gesellschaft - und entsprechend wurden sie auch behandelt. Im Laufe der letzten knapp zwei Jahrzehnte wandelte sich dieses Image jedoch zum Guten, mittlerweile bekennen sich Menschen in allen Schichten zu ihrem Verein - vom Straßenfeger bis zum Börsenmakler, von der Putzfrau bis zum Chefunternehmer. Doch eine Seite der Gesellschaft scheint an alten Stereotypen festzuhalten: Die Polizei.

Diese Eindrücke verfestigten sich angesichts des Vorgehens der Staatsmacht rund um das Bundesligaspiel am Sonntagnachmittag im Westfalenstadion zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Braunschweig. Wie am späten Sonntagabend auch die Polizei mitteilte, wurden „etwa 60 Mitglieder[] der Ultragruppierung ‚Desperados‘ unmittelbar vor Betreten des Stadions gegen 14:05 Uhr durch Raumschutzkräfte auf dem Turnweg kurzfristig angehalten und die mitgeführten Banner überprüft. Strafrechtlich relevante Aufschriften konnten nicht festgestellt werden. Eine Sturmhaube wurde sichergestellt.“

Dieser verharmlosenden Darstellung treten jedoch sowohl Augenzeugen als auch insbesondere die Betroffenen entschieden entgegen. In einer gemeinsamen Erklärung meldeten sich am Montag die drei Dortmunder Ultragruppierungen „THE UNITY“ (TU), „DESPERADOS“ (DES) und „JUBOS“ zu Wort. Darin heißt es unter anderem:

„Die drei Ultragruppen sollten [...] auf dem Vorplatz des Stadions eingekesselt und erst wieder freigelassen werden, nachdem alle Materialien überprüft worden wären. [...] Die DESPERADOS wollten sich dieses Prozedere eigentlich ersparen, doch auch der Weg zurück in ihre Räumlichkeiten wurde ihnen verboten. Mittlerweile sickerte durch, dass es darum ging, mögliche Spruchbänder und Banner mit strafrechtlich relevantem Inhalt zu entdecken und zu konfiszieren.“

Nach und nach wurde tatsächlich bekannt, dass die Auslöser der Polizeiaktion angeblich polizeikritische Banner sowie ein Banner mit Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp im Fadenkreuz am letzten Bundesliga-Spieltag gegen die TSG 1899 gewesen sein sollen. Unter anderem war damals auf einem Transparent mit TU-Schriftzug zu lesen: „Bullenwillkür in Dortmund nimmt Überhand! Durchhalten Ultras! ACAB“ Die Aktion der Polizei fand also unter dem Mantel der Verhinderung von weiteren Straftaten nach dem oben genannten Muster statt.

Unabhängig davon, ob der Terminus „Bullenschweine“ oder insbesondere das Kürzel „ACAB“ nun strafrechtlich relevant sind - was in der deutschen Rechtsprechung äußerst umstritten ist - drängt sich die Frage auf, ob eine derartige Aktion angesichts der vorgeschobenen Gründe wirklich verhältnismäßig ist. Hier wird vielmehr der Eindruck erweckt, dass es sich um eine gezielte Demonstration der Stärke seitens der Polizei handeln soll. Die Schikanen der Polizei wirken wie eine schlechte Revanche für die oben beschriebenen Banner gegen die Polizei im Stadion im Mai. Denn sollte es tatsächlich Hinweise auf Straftaten gegeben haben, wie die Polizei später gemäß einer Dortmunder Regionalzeitung behauptete, so stellt sich doch die Frage, wieso es dann durch die umfangreichen Überprüfungen harmloser Fußballfans - denn betroffen waren mitnichten nur Ultras - keinen einzigen Anhaltspunkt auf Gesetzesbrüche gegeben hat. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Seriosität der Arbeitsweise der Polizei, wenn man angesichts eines Bundesliga-Spiels gegen Eintracht Braunschweig(!) ernsthaft auf mögliche Dietmar-Hopp-Banner verweist. In ihrer gemeinsamen Erklärung führen die Dortmunder Ultras weiter aus:

„Es wurde natürlich nichts gefunden oder gar konfisziert. Zudem sei angemerkt, dass Dietmar Hopp nicht der Mäzen von Eintracht Braunschweig ist und außerdem die angesprochene Abkürzung ‚ACAB‘ in Nordrhein-Westfalen höchstrichterlich strafrechtlich nicht relevant ist. Vielmehr sollte augenscheinlich versucht werden, eine kritische Masse wiederholt einzuschüchtern und mundtot zu machen.“

Zudem treten die Borussen der Aussage der Polizei entgegen, dass nur Mitglieder der DES kontrolliert worden seien:

„THE UNITY und die JUBOS wurden auf der Strobellallee vor die Wahl gestellt, eingehend gefilzt zu werden und alle Materialien von der Polizei kontrollieren zu lassen – oder das Stadion nicht betreten zu dürfen. Somit entschieden sich die beiden Gruppen vorerst den Rückweg anzutreten und später in kleinen Gruppen ohne jegliches Material das Westfalenstadion zu betreten. Die Aussage der Polizei, nur die DESPERADOS hätten sich der Überprüfung unterziehen müssen, ist falsch. Mehrere Fanclubs mussten sich derselben Prozedur unterziehen.“

Braunschweig1Die Polizei hat der Beziehung zu den Fußballfans und insbesondere zu den Ultras einen Bärendienst erwiesen. Selbst wenn man den o.g. Bannern kritisch gegenübersteht, stellt sich doch die Frage, ob man sich wirklich einer weitegehend harmlosen jugendlichen Subkultur gegenüber als beleidigtes Beamtenkollektiv generieren und eine derlei drakonische Gegenmaßnahme starten muss, bei der alle Fans eines Vereins quasi in „Sippenhaft“ genommen werden; die Frage der Verhältnismäßigkeit stellt sich hier überhaupt nicht. Die Polizei hat es mit ihrem Auftreten geschafft, eine völlig friedliche Grundstimmung vor dem ersten(!) Bundesliga-Spieltag in eine teilweise aufgeheizte, aggressive und verständnislose Atmosphäre zu wandeln. Es sei die Frage erlaubt, wie die Polizei angesichts ihres Auftretens am Sonntag in Zukunft bei Risikospielen gegen Bayern oder die Blauen auftreten wird, wenn man gegen Braunschweig schon überaus deutlich Präsenz zeigt.

Die Schikanen der Polizei vom Sonntag werden umso offensichtlicher, wenn man die als Wellenbrecher geparkten Einsatzwagen vor der Südtribüne berücksichtigt. In einem ansonsten ohnehin schon grenzwertig überfüllten Bereich sorgte die Polizei damit für zusätzliche Behinderungen. Die Frage drängt sich auf, ob am Sonntag nicht vielleicht auch schon Polizisten im Einsatz waren, die vor drei Jahren bei der Loveparade Dienst leisteten und daher wissen müssten, wozu eine derartige Fehlplanung führen kann.

Um zwischendurch einmal eines klarzustellen: Man sollte bei der Betrachtung der Vorkommnisse die Vereinsbrille absetzen. Es geht hier nicht um Kritik an dem Umgang mit D o r t m u n d e r Fußballfans. Es geht hier in erster Linie um den generellen Umgang der Polizei mit F u ß b a l l f a n s, denn auch aus anderen Teilen Deutschlands trudeln immer wieder entsprechende Meldungen ein.

Die Dortmunder Ultras entschieden sich angesichts der Repressionen kurzfristig für einen Stimmungsboykott im Stadion, um damit auf die Missstände aufmerksam zu machen. Nun lässt sich trefflich darüber diskutieren, ob dies gerechtfertigt ist oder nicht. Letztlich stellt diese Form des Protestes jedoch die wohl effektivste Variante für die Ultras dar, um auf den miserablen Umgang öffentlichkeitswirksam hinzuweisen. Ein Banner beim nächsten Heimspiel oder eine schlichte Stellungnahme auf den Homepages hätte wohl nicht halb so viele Reaktionen hervorgerufen. In der gemeinsamen Stellungnahme der Dortmunder Ultras heißt es folgerichtig:

„Wir sehen uns in der Verantwortung Motor der Südtribüne zu sein, aber in der gestrigen Situation war ein gleichgültiges ‚weiter so‘ einfach nicht mehr möglich. Vielmehr war der Support-Verzicht das einzige Mittel, um auf diese skandalösen Missstände öffentlich aufmerksam zu machen. Die Entscheidung ist uns alles andere als leicht gefallen, schließlich traf dieser Protest den BVB und die Mannschaft. Dennoch entschieden wir uns für einen Protest, der auch eine größere Außenwirkung hat als Spruchbänder.“

Und in der Tat: Immerhin war beispielsweise selbst der übertragende Privatfernsehsender letztlich bereit, sich auf die Hintergründe des seltsamen Schweigens auf der Gelben Wand einzulassen. Und genau diese erforderlichen Recherchen stellen in meinen Augen den gewichtigsten Kritikpunkt dar; selbstverständlich war die Entscheidung in allerkürzester Zeit getroffen worden, daher stellt sich auch die Frage nach der Realisierbarkeit des folgenden „Verbesserungsvorschlages“: Der Protest hätte breiter kommuniziert werden müssen, eventuell gar über die Stadionanlage; über den direkten Draht beispielsweise der Capos oder der Fanbetreuer zu Stadionsprecher und „Eventmanager“ Norbert Dickel hätte man dies noch in die Wege leiten sollen. Denn so tappten weite Teile des Westfalenstadions im Dunklen, was denn dieses seltsame Schweigen zu bedeuten hat; auch die Mannschaft schien davon zunächst negativ beeindruckt und ratlos zu sein, ob sich das Schweigen nun vielleicht sogar auf sie selbst bezieht. Man hätte den Protest auch auf die ersten 45 Minuten beschränken sollen, nachdem man die entsprechenden Negativwirkungen auf das Spiel der eigenen Mannschaft deutlich sehen konnte.

Braunschweig2Abschließend bleibt nun allerdings abzuwarten, wie sich das unsägliche Vorgehen der Dortmunder Polizei kurz- und mittelfristig auf das Verhältnis zwischen Polizei und Fußballfans auswirkt. Es bleibt zu hoffen, dass die Polizei zu der Dialogbereitschaft zurückkehrt und sich Polizeipräsident Norbert Wesseler an seine eigenen Worte erinnert, die er noch am Freitag veröffentlichen ließ:

„Wir werden den intensiven Dialog mit allen Netzwerkpartnern und den Fangruppierungen auch in dieser Saison fortsetzen und wollen auch damit einen wichtigen Beitrag für ein sicheres Fußballerlebnis leisten.“

Und auch der folgende Satz Wesselers sollte bei den kommenden Spielen der Dortmunder Borussia, aber auch in der Bundesliga allgemein beherzigt werden:

„Die Polizei unterscheidet Fußballfans nicht nach der Vereinszugehörigkeit. Wir differenzieren aber deutlich zwischen friedlichen Fans und Gewalttätern. Gegen Gewalttäter wird die Dortmunder Polizei konsequent einschreiten.“

Die Vorkommnisse vom Sonntag standen hierzu in krassem Widerspruch. Es bleibt also eine Frage offen: Quo vadis, Norbert Wesseler?

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Mario Dienstag, 20 August 2013 17:40 gepostet von Mario

    Meiner Meinung nach hat die Polizei entsprechend dem Gesprächsangebot (in Form des Spruchbandes mit dem konstruktiven Spruch „Bullenwillkür in Dortmund nimmt Überhand! Durchhalten Ultras! ACAB“) angemessen reagiert und mal wieder gezeigt wer am längeren Hebel sitzt. Wenn man Menschen nur lange genug als Schweine und Bastarde bezeichnet, darf man sich nicht wunder, wenn sie sie auch irgendwann so verhalten.
    Komischerweise gibt es aber auch andere Darstellungen des Vorfalls (http://www.ruhrnachrichten.de/sport/bvb/Fan-Aerger-vorm-BVB-Spiel-Ultras-festgesetzt-das-zeigt-das-Video-der-Polizei;art11635,2098820)
    Wahrscheinlich liegt auch hier wieder die Wahrheit in der Mitte.
    Die Herren Elite-Fans haben sich jedenfalls mal wieder in den Mittelpunkt gestellt und persönliche Anliegen über die der Mannschaft gestellt.
    Business as usual.

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.