Fr24Mar2017

Back Aktuelle Seite: Blog Dortmund Blog

Turin6

Turin - der Ausflug in das Piemont geriet zu einer touristisch größeren und sportlich kleineren Enttäuschung. Nun gebe ich zu, dass ich mich im Vorfeld nicht sonderlich mit der Stadt beschäftigt habe - aber dennoch hätte ich von der norditalienischen Metropole mehr erwartet, als sie letztlich zu bieten hatte. Auf dem Weg zum Treffpunkt am Corso Vittorio Emanuele II - die anreisenden Busse wurden vor den Toren der Stadt gesammelt und per Polizei-Eskorte in die Stadt geleitet - präsentierte sich die vorbeiziehende Stadt als eher unschöne Industrie-Siedlung, unterbrochen lediglich von einem kurzen ansehnlichen Stück, das den Eindruck einer historischen Altstadt erweckte.

Turin22Ob diese Impressionen nun Turin tatsächlich gerecht werden - ich vermag es nicht abschließend einzuschätzen, da sich unser Aktionsradius nach der Bus-Ankunft am Dienstagmittag weitgehend um den Corso Vittorio Emanuele II erstreckte. So wenig die Stadt dort touristisch zu bieten hatte, so sehr bot sie jedoch kulinarisch allerfeinste Spezialitäten auf die Gabel. Die Wahl fiel auf das „Masaniello e Turnat“ in der anliegenden Via Ormea, 1/B. Einige mögen behaupten, es habe sich doch lediglich um eine normale Pizza mit ein bisschen Salat gehandelt, ich entgegne dem: Es war der Traum einer Pizza und eines Salates. Entgegenkommen sollte uns zudem, dass die Betreiberin offenbar eine Anhängerin des mit Juve rivalisierenden FC Turin ist, sodass sie direkt zum Schaltausch bat. Die restliche Zeit bis zur Abfahrt der Shuttle-Busse zum Stadion ließ sich im Pub „Texas Ranger“ ganz gut totschlagen.

Turin1

Ab 17 Uhr sollten ebendiese Shuttle-Busse in Richtung Stadion rollen. Hier zeigten sich die Turiner aber zunächst weniger geschickt als beispielsweise die Istanbuler. Gab es seinerzeit im Herbst noch ausreichend Busse, sodass alle Borussen in einem einzigen Konvoi zum Stadion geleitet werden konnten, so fanden sich zunächst nur vier mickrige Busse am Treffpunkt ein. Entsprechend groß war das Gedränge. Nach und nach tröpfelte immer mal wieder ein Bus ein, sodass allmählich alle Borussen den Weg zum Juventus Stadium fanden.

Einmal einen Platz im Bus ergattert, so sollte sich auch zeigen, warum die Busse immer nur vereinzelt den Weg zum Fan-Treff fanden. Eskortiert von Moped- und Auto-Streifen bewegten sich die Busse unter Umgehung einer vermutlich auch in Turin geltenden Straßenverkehrsordnung in Richtung Stadion. Abrupte Abbiege-Manöver in letzter Sekunde auf Weisung des vorausfahrenden Moped-Cops gehörten dabei ebenso zur Routine für die Busfahrer wie ruckartiges Anfahren auf eine Kreuzung bei eigenem Rotzeichen. Die Beschreibung GTA-Style trifft die Anreise wohl ganz gut - auch wenn ich mir immer noch nicht sicher bin, ob die Cops zu jeder Zeit überhaupt noch wussten, wo man sich gerade eigentlich befand und wie der richtige Weg zum Stadion aussah.

Nach einer rund 45-minütigen dauernden Abenteuerfahrt durch den Turiner Feierabendverkehr - erstaunlich war übrigens, dass man, wie schon den gesamten Tag über, wesentlich mehr wohlwollende als ablehnende Gesten der Turiner erntete - ragte endlich das Juventus Stadium vor uns empor, das auf dem Grund des alten Stadio delle Alpi errichtet und im Jahr 2011 eröffnet wurde. Man kann nun jedoch wahrlich nicht behaupten, dass man dort mit offenen Armen empfangen worden wäre. Bei der Busankunft bildeten die Cops in voller Montur eine Kette, die einen zum Gästeeingang geleiten sollte. Etwas nervös konnte man im Bus werden, wenn man draußen vor der Ausstiegstür bereits die behelmten Cops betrachtete, wie wiederum sie nervös wirkend mit dem Schlagstock auf ihre Plastik-Schilde eintrommelten. Beim Verlassen des Busses gaben sie auch direkte Anweisungen, ein Warten auf den Rest der Gruppe wurde nicht gestattet, jeder musste sich auf direktem Wege zum Gästeeingang begeben. Hallo, Gastfreundlichkeit!

Turin4Turin5

Gesteigert werden sollte dies noch durch die Eingangskontrollen. Hier zeigten sich die Italiener von ihrer gründlichen Seite. Abgetastet wurde bis auf den Schlüpper - und leider auch weit darunter hinaus. Nicht alle, aber doch sehr viele Borussen durften zudem auch die Schuhe ausziehen. Der Cop übernahm dann die Aufgabe, den Straßendreck des Tages auf dem Asphalt abzuklopfen. Eine nette Geste.

Turin10Der Aufgang zum Gästeblock ist völlig steril gehalten und durch Metallgitter komplett vom Heimbereich abgegrenzt. Das Stadion selbst - charakteristisch sind die beiden in den Himmel ragenden Dachträger auf beiden Hintertor-Seiten - ist jedoch im Vergleich zu vielen anderen neugebauten Arenen auf dem ganzen Kontinent als eine der lebhafteren und charakteristischeren einzustufen. Die Juve-Anhänger zeigten insbesondere vor und zu Beginn des Spiels, was in dem Stadion für eine beeindruckende Stimmung herrschen kann, sofern alle mitziehen. Der Bedeutung des Spiels angemessen präsentierte der Juve-Anhang auch eine recht ansehnliche Choreo. Im Verlauf der zweiten Halbzeit ebbte der Support der Heimfans jedoch zusehends ab.

Zwischendurch brachte Juves Heimkurve ihre Ablehnung gegenüber dem BVB sowie den mit Teilen der Dortmunder Ultras befreundeten Lagern aus Catania und Napoli zum Ausdruck. Auf den auf Deutsch gehaltenen Transparenten hieß es: „Der Freund meines Feindes ist mein Feind - Dortmund Scheiße - Catania Merda - Napoli Colera“.

Turin7In den direkt angrenzenden Bereichen unseres Gästeblockes auf der „Tribuna Ospiti 1^ Anello“ waren beide denkbaren Reaktionen der Turiner Fans zu beobachten. Einige kamen an die Trennscheibe und signalisierten ihren Willen zum Schaltausch, andere wiederum zogen ihre Daseinsberechtigung an diesem Abend aus penetrant-nervigen Dauer-Provokationen, aus denen sich heraus das eine oder andere amüsante Wortgefecht entwickelte. Die Ordner mussten zudem mehrmals in den angrenzenden Blöcken eingreifen und zumeist dort sitzende Dortmunder Fans sicherheitshalber hinausbegleiten.

Von schwarzgelber Seite entwickelte sich hingegen unterm Strich kein überbordender Support, von dem man noch in einigen Jahren sprechen wird. Als nachteilig entpuppten sich hier insbesondere die fehlenden Trommeln und Megafone, die im Vorfeld bereits verboten worden waren. Zwar versuchte sich der vordere Bereich des Unterranges, der vornehmlich von TU bevölkert wurde, redlich, doch der Funke wollte nie wirklich und dauerhaft auf den Rest überspringen.

Turin8Ein Vorbild an dem Juventus Stadium kann sich übrigens insbesondere Werder Bremen nehmen. Blockiert einem an der Weser die extrem dämlich angebrachte Anzeigetafel nicht nur die Sicht auf das Spielfeld, sondern natürlich auch die Sicht auf die genau gegenüber angebrachte Anzeigetafel, so wurde zumindest der letztgenannte Aspekt in Turin dadurch gelöst, dass auf der Hinterseite der Anzeigetafel eine kleine weitere Leinwand eingebaut wurde, sodass man auch hinter dem Tor einen Blick auf die Spielzeit werfen kann.

 

Nach dem Schlusspfiff garantierte eine doppelte Ordnerreihe sowie die dahinter postierte und sich lässig unterhaltende Polizei die international übliche Blocksperre, die sich nach rund 40 Minuten endlich aufzulösen begann - scheinbar. Die Polizisten zogen plötzlich völlig deeskalierend ihre Helme auf und brachten Schilde und Schlagstöcke in Position - und zogen sich zurück. Zwar konnte man nun den Block verlassen, doch unten vor dem Stadion zogen die Cops nun an den Eingangsdrehkreuzen eine neue Sperre auf, diesmal ohne entspannte Dialoge untereinander, dafür in kompletter Montur und vorne postierten Schutzschilden. Abermals tat sich minutenlang nichts - eine Info, was nun genau weiter passieren wird und wann wir zu unseren Bussen - die zwischenzeitlich aus der Stadt vor das Stadion geleitet wurden - durften, gab es nicht.

Turin9Das Gelände rundherum war weit jenseits der 23-Uhr-Grenze bereits menschenleer - und wenn die Cops einen Angriff seitens italienischer Gruppen befürchtet haben, so waren sie mit ihrer Verteidigungshaltung in unsere Richtung falsch postiert. Seitens des Dortmunder Lagers gab es jedenfalls nicht die geringste Lust auf Aktionen, wie sie beispielsweise Feyenoord Rotterdam in der vergangenen Woche in Rom zeigte, sondern wir wollten einfach nur in die Busse und nach Hause. Irgendwann, aus heiterem Himmel, lösten die Cops ihre Sperre auf und gaben den Weg endlich frei. Die mittlerweile aufgestaute Wut brach sich nun in dem einen oder anderen hitzigen Wortgefecht Bahn und wieder einmal gab es ein Parade-Beispiel dafür, wie eine völlig verfehlte Polizeitaktik bei einer friedlich eingestellten Masse erst zu aufkommenden Emotionen führt.

Das Spiel als solches ging zwar leider verloren, doch mit dem 1:2 kann man wohl dennoch nicht ohne Zuversicht in das Rückspiel am 18. März gehen. Es bleibt also zu hoffen, dass der Ausflug nach Turin auf absehbare Zeit noch nicht der letzte Trip durch Europa gewesen ist. 

 

 

 

Istanbul4Istanbul. Bosporus. Mindestens 14 Millionen Einwohner - und fast genauso viele Eindrücke, die man hier gewinnen kann. Es war zwar erst der dritte Vorrunden-Spieltag und das zweite Auswärtsspiel, doch vermutlich haben wir mit dem Spiel in Istanbul bereits d a s Highlight der diesjährigen Champions-League-Saison erlebt.

Die Reise in die Metropole an der Grenze zwischen Europa und Asien begann bereits am Montag. Und der erste Kulturschock sollte bereits direkt nach der Landung folgen. Mit dem Taxi ging es vom Flughafen zum Hotel, das etwas unterhalb des „Grand Bazaars“ gelegen war. Ließ die Fahrt auf der Hauptstraße am Hafen entlang noch die Schönheit dieser Millionenstadt erahnen, so tauchten wir ganz unvermittelt in den hektischen Alltag Istanbuls ein, als der Taxifahrer plötzlich in eine Seitenstraße abbog. Nun befanden wir uns mittendrin in dem wirklichen Istanbul: Hektisches Treiben in engen Gassen, zahllose Geschäfte und einfach unfassbar viele Menschen, die sich - aus den unterschiedlichsten Gründen - durch die Straßen von A nach B drängelten. Das Viertel mutete zudem etwas eigenartig an und nachts bei Dunkelheit nicht gerade vertrauenswürdig - dachten wir, doch dieser Eindruck verflog.

Istanbul3Eine erste Erkundungstour durch die Stadt führte uns durch den Großen Basar (ein unfassbar verwinkeltes Gänge-System, in dem bestimmt schon so mancher Auswärtsfan verschwunden ist) am Hafen vorbei hin über die Galata-Brücke zum Taksim-Platz. Letzterer war irgendwie kleiner, als ich ihn mir aus den Fernsehsendungen der letzten Monate über die Proteste am Gezi-Park vorgestellt hatte.

Hochinteressant hingegen war das Leben rund um die Galata-Brücke. Während unter der Brücke eine Cafe-Meile angesiedelt ist, stehen Seite an Seite an der darüber verlaufenden Straße über den Hafen die Angler und halten ihre Köder in das Becken. Mit ein bisschen Pech kann es einem hier also gut passieren, dass einem beim Ansetzen des Bierkruges ein ums Überleben kämpfender Fisch an die Wange klatschte, während er seinem Schicksal in den Eimer toter Artgenossen unentrinnbar näherkam. 

Istanbul5Der Dienstag brachte eins der kulturellen Höhepunkte der Fahrt, eine Hafenrundfahrt auf dem Bosporus. Die Bootsbesitzer entsenden jeweils einen Werber für ihre Fahrten an die Hafenpromenade, sodass man mitunter gar nicht eines der Schiffe erwischt, die da genau vor der eigenen Nase im Wasser liegen. Genau dies widerfuhr uns, als wir bei einem Werber eine Tour für 10 Lira pro Nase (etwa 3,50 Euro) aushandelten. Was uns wie ein Schnäppchen vorkam (übrigens sollten wir den Preis niemandem verraten, also psssst!), sollte plötzlich bitterer Ernst werden. Mit einem Transporter ging es zu einer anderen Anlegestelle, an der ein kleiner Kutter auf uns wartete, der bereits bedenklich in den Wellen schaukelte, während er im Hafen vor Anker lag.

Unsere Frage nach Bier an Bord versetzte den Adjutanten des Schiffskapitäns in hektisches Treiben, denn nun versuchte er extra für uns am Hafen irgendwo einige Dosen Efes aufzutreiben. Die Fahrt verzögerte sich dadurch zwar um eine Viertelstunde, doch dafür kehrte des Käpt’ns Helferlein stolz mit einer weißen Tüte mit goldenem Inhalt zurück. Diesen Dienst ließ sich der Matrose mit weiteren 10 Lira pro Halbliterdose bezahlen.

Istanbul1Das Boot konnte nun endlich Fahrt aufnehmen - und mitten auf dem Bosporus gab es allerlei zu bestaunen. So konnte man nicht nur den Möwen beim Geschlechtsakt zusehen, sondern konnte auch Blicke auf die durchaus imposante Istanbuler Skyline erhaschen. Unter der Galata-Brücke hindurch - das rote Warnsignal interessierte den Käpt’n nicht sonderlich - ging es am Stadtteil Besiktas vorbei Richtung Bosporus-Brücke, der Verbindung zwischen Europa und Asien in dieser Stadt. Besonders beeindruckend, insbesondere aufgrund der Lage, war die Ortaköy-Moschee direkt am Wasser vor der Bosporus-Brücke. Den kompletten Gegensatz dazu bildete die künstliche Insel „Galatasaray Adasi“ etwas weiter nördlich mitten im Bosporus, auf der die Betuchteren dieser Stadt unbeschwerte Stunden am Pool und bei Hochprozentigem verbringen können.

Istanbul2Mehr als zwei Stunden dauerte die Fahrt über das Wasser. Die Geldscheine, die am Ende den Besitzer wechselten, ließen die Augen von Kapitän und Adjutant immer größer werden - und nachdem wir das Boot verlassen hatten, schien die Besatzung Feierabend zu machen und schipperte von dannen; eine Rundfahrt, die ich jedem Istanbul-Urlauber nur sehr ans Herz legen möchte - wie ich generell einen Trip in die heimliche Hauptstadt der Türkei aufgrund ihres orientalischen Flairs nur empfehlen kann.

 

 

Istanbul7Und eines ist sicher: So, wie die Menschen sich über die Straßen fortbewegen, so verrückt fahren sie auch auf dem Wasser. Ähnlich wie vor einem Jahr in Neapel war es auch hier wieder extrem verwunderlich, dass bei dem interessanten Istanbuler Fahrstil nichts Gravierendes zu passieren scheint. Die Hölle ist übrigens der Istanbuler Feierabendverkehr - der Stau auf der A1 an der Leverkusener Brücke ist nichts dagegen. Ein Hinweis ist aber genauso wichtig: Istanbul ist eine Stadt, in der jeder jeden über den Tisch zu ziehen scheint. Dies gilt insbesondere für Taxifahrer und Geschäftstreibende an den Basar-Ständen.

Im La Viola Café in einer Seitengasse der vom Taksim-Platz wegführenden Einkaufsmeile, glitten wir bei Shisha und Efes in den Spieltag über. Mit Shuttle-Bussen sollte es am Spieltag zum Galatasaray-Stadion gehen. Treffpunkt und Abfahrt war dabei am Fuße des neuen Besiktas-Stadions, das sich derzeit noch im Bau befindet und im Jahr 2015 eröffnet werden soll.

Istanbul6Eine Besichtigung der Baustelle am Vorabend war übrigens strikt verboten. Auch das Klettern durch einen Maschendrahtzaun unterbanden die Baustellenwächter freundlich, aber doch bestimmt. Es blieb also nur der Blick von einer vorbeiführenden Brücke in den Stadion-Rohbau, der genau auf dem Grund des ehemaligen Inönü-Stadions entsteht, welches 2013 abgerissen wurde. Besiktas trägt seine Heimspiele übrigens bis zur Fertigstellung seines neuen Stadions im Atatürk-Olympiastadion aus.

Die Busfahrer in den Shuttle-Bussen kassierten übrigens fünf Euro, ja, Euro. Neben dem Busfahrer stand in den Bussen eine ominöse Person, die bereits beeindruckend viele Euro-Scheine in der Hand hielt, und kassierte den Fünfer pro Person. Wir hatten keine Ahnung, welche dunklen Kanäle wir damit wohl wieder unterstützen würden, aber wir wollten auch einfach nur zum Stadion.

Rund 40 Minuten dauerte der Transfer der rund 20 Busse in den Ali-Sami-Yen-Sportkomplex in Seyrantepe im Norden Istanbuls. Das Stadion wurde 2011 eröffnet und löste als Heimspielstätte das altehrwürdige Ali-Sami-Yen-Stadion aus dem Stadtteil Sisli ab. So modern und komfortabel das Stadion auch ist - es besitzt zwei gravierende Nachteile. Es trägt offiziell den Namen eines türkischen Telekommunikationsunternehmens und es ist als Neubau ähnlich charakteristisch wie alle Arenen, die seit einigen Jahren überall von Augsburg über Sinsheim, London und Manchester aus dem Boden schießen. Die Architektur des Stadions geht übrigens auf eine Stuttgarter Firma zurück, die auch für den Umbau des Neckarstadions verantwortlich war.

Istanbul8Nach dem Gastspiel im San Paolo in Neapel stufte ich die Fans der Hellblauen als das mit Abstand enthusiastischste und fanatischste ein, das ich jemals erlebt hatte. Doch nach allem, was man so aus Istanbul gesehen und gehört hatte, erwartete ich, dass die Galatasaray-Anhänger dies noch einmal toppen würden. Zunächst schienen die Fans diesem Anspruch - sie selbst begrüßten uns schließlich auch mit dem Spruch „Welcome to hell“ - gerecht zu werden. Zum Einmarsch der Mannschaften zeigte UltrAslan eine beeindruckende Choreografie und auch die Dezibel-Zahl erreichte die erwarteten Höhen. Hinter beiden Toren waren aktive Kurven angesiedelt, doch die anfängliche Euphorie war schnell verflogen. Nun war der Spielverlauf mit unseren beiden Toren sicherlich nicht stimmungsfördernd, aber unter dem Strich war ich sehr enttäuscht vom nachlassenden Support der Gala-Anhänger. Dies gipfelte in der Massenflucht des Publikums, die so um die 70. Minute einsetzte. Spätestens fünf Minuten vor dem Abpfiff herrschte eine gähnende Leere im Stadion, die ich so nicht erwartet hatte. Vielleicht wollten die Leute aber auch einfach nach dem enttäuschenden Spiel nur deswegen schneller aus dem Stadion, weil die U-Bahn zum Stadion im Moment baustellenbedingt nicht fährt und daher ein noch größeres Verkehrschaos vorprogrammiert war.

Mit einem teilweise berauschenden Spiel und drei Punkten im Gepäck stand am frühen Donnerstagmorgen die Heimreise an. Was bleibt, sind unzählige Eindrücke, die hier nur zu einem Bruchteil wiedergegeben werden konnten. Fahrt einfach selbst mal hin und taucht ein in das orientalische Leben an der Grenze zwischen Europa und Asien. Ihr werdet es nicht bereuen.

 

 

Donnerstag, 02 Oktober 2014 11:06

Zum Staatsbesuch nach Belgien

geschrieben von

 

IMG 8064Auswärts in Belgien - konnte einem im Vorfeld des Duells aufgrund der dilettantischen Planung des RSC Anderlecht und der restriktiven Vorgaben der belgischen Polizei die Vorfreude auf das Spiel vergehen, so entpuppte sich die Reise vor Ort doch als überraschend angenehm.

Da waren zunächst einmal die wundersam verloren gegangenen Karten auf dem Postweg von Anderlecht nach Dortmund, die eine Verteilung der wenigen, dafür aber umso heißer begehrten Tickets verzögerte. Erst deutlich weniger als eine Woche vor dem Anstoß im Constant-Vanden-Stock-Stadion waren die eilig ausgestellten - und als „Duplicata“ gekennzeichneten - Ersatzkarten endlich in Dortmund angekommen und konnten verteilt werden. Ob man aber mit Duplikaten wohl ins Stadion kommen würde?

Eine professionelle Planung - die UEFA reglementiert doch sonst jeden Quatsch, wie beispielsweise den zentimetergenauen Abstand eines Banners auf dem Rasen vor Spielbeginn von der Seitenauslinie - sieht anders aus und war seitens des RSC Anderlecht eines Champions-League-Teilnehmers unwürdig. Selbst der SSC Neapel(!) bekam die Planung im Vorjahr bei einem wesentlich geringeren Vorlauf besser über die Bühne.

IMG 8065Doch ein Verdacht lässt sich hier nicht leugnen, nämlich der, dass die belgische Hinhalte-Taktik mit Absicht geschah. Diese These drängt sich auf, wenn man Anderlechts Karten-Planung mit der restriktiven Vorbereitung der belgischen Polizei in Kombination betrachtet. Gästefans schienen demnach nicht besonders willkommen zu sein. Gerade die internationalen Auswärtsfahrten leben aber doch davon, dass man sich - gerade auch am Spieltag - in der Innenstadt aufhalten sowie Land und Leute kennenlernen kann. Dies war in Anderlecht unmöglich, denn die Vorgabe hieß, dass man nach dem Treff aller anreisenden Busse am Grenzübergang Lichtenbusch um 17 Uhr mit Polizeieskorte bis vor den Gästeblock transportiert wird. Stadtbesuch? Non!

Sind wir in diesen Wochen nach dem „Konzept“ unseres NRW-Innenministers Ralle Jäger eine verringerte Polizei-Präsenz gewohnt, so konnte man nun in Belgien das komplette Gegenteil davon erleben. Die unzähligen Cops auf ihren Motorrädern sperrten mal eben die komplette A3/E40 hinter der Grenze, um den Buskonvoi Richtung Anderlecht zu geleiten. Die Szenerie erinnerte ein wenig an einen präsidialen Staatsbesuch im Königreich Belgien, nur dass man nicht den Bundeskanzler oder wenigstens den Fußball-Kaiser, sondern „nur“ rund tausend Dortmunder Fußballfans durch das Land eskortierte.

IMG 8055Noch skurriler wurde die Szenerie auf dem vollen Autobahnring kurz vor Brüssel im Feierabendverkehr. Nachdem die Autobahn mittlerweile dreispurig geworden war und die Polizei sodann die linke Spur für den normalen belgischen Feierabendverkehr freigab, lotste sie nun vor der europäischen Hauptstadt plötzlich alle Busse auf die linke Spur. Mit recht drastischer Gestik vertrieben die Moped-Cops die einheimische Bevölkerung regelrecht von dieser schnellsten aller Autobahnspuren. Leider entpuppte sich dies als nicht konsequent durchdacht, denn nachdem ein Cop alle Autos von links in die Mitte lotste, schoss er mit seinem Moped die hunderte Meter nach vorne bis zum vorausfahrenden Bus. Die Belgier wiederum dankten für diese Lücke und stießen sofort wieder auf die linke Spur, sodass der Cop wieder für Ordnung sorgen musste.

Dieses Spiel wiederholte sich einige Male, bis wir schließlich die vor uns fahrenden Busse komplett verloren hatten, weil die Belgier die Anweisungen zunehmend ignorierten, was insbesondere angesichts eines vor uns fahrenden roten Golf 1 als sehr interessant anmutete. Dasselbe Bild bot sich schließlich auch nach hinten und die Polizei war urplötzlich auch noch komplett verschwunden. 100 Kilometer wird man über plattes Land von den Cops begleitet, doch wenn es darauf ankommt, den Weg zum Stadion zu leiten, waren sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

IMG 8054Nun griff also hier in Belgien urplötzlich und überraschend doch noch das Konzept der verminderten Polizeipräsenz von Ralle Jäger. Mit einem einzigen verbliebenen anderen Dortmunder Bus versuchten wir uns nun auf eigene Faust zum Stadion durchzuschlagen, was jedoch von keinem durchschlagenden Erfolg gekrönt sein sollte. Nach einigem Umherirren auf der belgischen Autobahn und einem Wendemanöver in die Gegenrichtung tauchte plötzlich auf einem Abfahrtsschild das erlösende Wort „Anderlecht“ auf, doch leider war diese Abfahrt völlig überlastet und unter dem Verkehr zusammengebrochen. IMG 8059Und plötzlich, als keiner mehr damit rechnete, schossen völlig unerwartet aus der Finsternis die Blaulicht-Mopeds hervor wie Gandalfs Reiter im Kampf gegen Mordor. Die Cops lotsten uns von der Anderlecht-Ausfahrt weg und - das hätte wohl keiner mehr gedacht - binnen weniger Minuten fanden wir uns auf dem hermetisch vom Heimbereich abgeriegelten Gästeparkplatz wieder.

Nach dem ganzen Vorlauf war nun am Blockeingang eigentlich eine intensive Ganzkörperkontrolle gereizter belgischer Cops zu erwarten. Doch die Ordner an den Drehkreuzen sowie die dahinter postierte Polizei war völlig tiefenentspannt und - anders als es die Planungen vermuten ließen - durchaus gastfreundlich gestimmt. Die Eingangskontrolle ist so auch eher als oberflächlich einzustufen, was den Belgiern weitere Pluspunkte einbringt.

Die Rückreise aus Anderlecht war ebenfalls sehr fanfreundlich gestaltet. Mit weniger als 15 Minuten fiel die obligatorische Blocksperre erfreulich kurz aus, wenngleich auf der „Tribune 2“ hinter dem Tor nicht alle Blöcke gleichzeitig öffneten, sondern einer nach dem anderen freigelassen wurde. Um kurz nach halb 12 setzte sich schließlich der Dortmunder Bus-Konvoi unter Blaulicht in Bewegung in Richtung Heimat.

IMG 8062Ein Punkt sei noch abschließend erwähnt. Das Entgegenkommen der belgischen Polizei zeigte sich auch darin, dass sie uns sowohl auf dem Hinweg als auch auf dem Rückweg jeweils eine staatlich verordnete und bewachte Pause genehmigte. Etwas irritierend war hierbei auf dem Heimweg die Pause lediglich etwa 40 Kilometer vor Aachen, auch wenn böse Zungen hier behaupten, dass die Polizisten selbst nur mal tanken und aufs Klo mussten. Es erscheint jedoch fraglich, ob die deutschen Kollegen gerade auf dem Heimweg etwas Ähnliches vollbringen würden.

Unterm Strich bleibt so jedoch eine rundum gelungene Auswärtsfahrt, die mit einem guten Spiel der Borussia und hochverdienten drei Punkten im Gepäck tief in der Nacht - oder eher früh am Morgen - ihr Ende fand.

 

 

BTSV 4Borussia zu Gast beim Aufsteiger, dem Traditionsverein und Deutschen Meister von 1967, Eintracht Braunschweig. Dies bedeutete zugleich einen neuen Stadionpunkt für mich, hatte ich doch das denkwürdige 1:2-Erstrundenaus im DFB-Pokal der Saison 2005/06 an gleicher Stelle - inklusive des Stromausfalls - verpasst. Nun wartete es also, das gegenwärtig wohl nostalgischste Stadion der Ersten Bundesliga, das Eintracht-Stadion. Eröffnet wurde es schon im Jahr 1923, wurde seither aber einige Male umgebaut und renoviert. 23.325 Zuschauer passen offiziell in das Oval und selbstverständlich war das Stadion bis auf den letzten Platz ausverkauft, als das Flutlicht zum Anpfiff des 19. Spieltages eingeschaltet wurde.

BTSV IIDer erste Eindruck vor Ort am Stadion transportierte angesichts der Plattenbauten rund um das Eintracht-Stadion direkt das Bewusstsein, dass die Grenze zur ehemaligen DDR von hier nicht mehr allzu weit entfernt ist. Auf dem Gästeparkplatz ließ die Eintracht zunächst eine Vorkontrolle für die Gästefans einrichten, durch welche wir Schlachtenbummler in kleineren Gruppen zur eigentlichen Eingangskontrolle geschleust wurden. Mit dieser Doppelkontrolle sollte einerseits ein zu starker Andrang an den Eingangstoren als auch ein möglicher Blocksturm verhindert werden. Rund 30 Ordner waren hier für den reibungslosen Ablauf zuständig.

Etwas gewöhnungsbedürftig war dann jedoch das kulinarische Angebot im Gästebereich. Das Engagement eines lokal ansässigen Automobilkonzerns schlug sich sodann auch in der offiziellen Bezeichnung der Braunschweiger Currywurst nieder. Damit kam diese schon einmal nicht als Mittel gegen den leeren Magen in Betracht. Zur Wahl stand nun noch eine „Spezialwurst“, dessen Besonderheit sich in einer Extraschärfe entfaltete. BTSV 1Schnell sollte sich auch herausstellen, dass es einen Unterschied zwischen der Bestellung „Currywurst mit Pommes“ und „Multiplatte“ geben sollte. Bei der ersten Bestellvariante gab es zwei kleine Schälchen, was sich beim Essen für manchen als nicht hundertprozentig vorteilhaft erweisen sollte. Bei der „Multiplatte“ wiederum gab es - wie es der Name schon suggeriert - eine multiple Platte mit Currywurst und Pommes in einer Schale. Nach den Irrungen und Wirrungen der Nahrungsaufnahme sollte fortan jedoch das Spiel im Mittelpunkt stehen.

Das Eintracht-Stadion, noch mit dem Charme einer Laufbahn um das Spielfeld und guten alten Flutlichtmasten in den Ecken ausgestattet, versprühte eine ganz besondere Atmosphäre, wie sie sich in den heutigen zwar komfortablen, aber doch meist sterilen Arenen der Bundesliga kaum noch entwickeln kann. Die Heim-Fans auf der Südkurve begrüßten beide Mannschaften beim Einlauf mit einer kleinen Choreo bestehend aus einem Konterfei von Konrad Koch, einem der Initiatoren des Fußballspiels in Deutschland im 19. Jahrhundert. Dazu mahnten die Braunschweiger Supporter darunter mit zwei Bannern: BTSV 3„Konrad Koch hat es als erster erkannt, Fußball ist weltoffen und tolerant!“ Ein weiteres Transparent forderte die Blau-Gelben dazu auf: „Dortmund vernaschen“. Apropos vernaschen: Ein Lied des BTSV blieb mir als Freund saftigen Fleisches und einer norddeutschen Automarke kurz vor dem Anstoß doch sehr nachhaltig in Erinnerung, heißt es dort doch in sehr bemerkenswerter Weise: „Die Wurst in meinem Kühlschrank, die hält nur ein paar Tage. Mein guter alter Golf fährt höchstens noch zwei Jahre. [...]Zum Glück gibt‘s noch immer Eintracht Braunschweig“.

Der schwarzgelbe Support im Gästeblock musste wiederum zunächst noch ohne die Ultra-Gruppierung „The Unity“ auskommen, deren Mitglieder erst verspätet nach rund 20 Minuten im Gästeblock eintrafen, aber dann alsbald das optische und akustische Bild auf der Nordkurve (und das Wort nehme ich als Dortmunder nur äußerst ungerne in den Mund) abrundeten. Vor den Stadiontoren verbrachten einige Stadionverbotler, an die auch im Block mittels der einschlägigen Parolen gedacht wurde, die 90 Minuten.

Unterm Strich war der Ausflug nach Braunschweig unter fankulturellen Aspekten ein voller Erfolg. Ein Stadion wie dieses sucht heutzutage sicherlich seinesgleichen.

 

 

napoli7Durchatmen. Und doch auch Sehnsucht. Das schwarzgelbe Fußballjahr 2013 ist Geschichte. Nun heißt es: Ein Monat lang keine Borussia, kein Westfalenstadion, keine Auswärtsfahrt. Zeit, ein extrem überhitztes Jahr sacken zu lassen. Und doch macht sich bereits Sehnsucht breit. Sehnsucht nach wehenden Fahnen, nach Support, nach Borussia. Zwiespalt.

Ich weiß nicht, wie oft ich mir in diesen Tagen im Internet die letzten Minuten des Rückspiels gegen Malaga angesehen habe, kommentiert von Nobby und Boris im Netradio. Noch immer ist es unbegreiflich, was damals am 9. April geschah. Emotional war dies zweifellos d e r Höhepunkt des Jahres; wie die Borussia, sportlich eigentlich schon tot, noch einmal wiederauferstand und wie durch ein Wunder noch ins Halbfinale der Champions League eingezogen ist.

Doch was hat dieses Jahr ansonsten noch zu bieten gehabt? Vor einem Jahr schwebte im Zuge der 12:12-Proteste eine Spaltung der Fanszene wie ein Damoklesschwert über dem Westfalenstadion; diese Spaltung ist jedoch glücklicherweise ausgeblieben. Auch die - analog zum Pokalfinale 2012 ebenfalls teils sehr emotional geführten - Debatten rund um die Kartenvergabe für das Champions-League-Finale hinterließen glücklicherweise keine nachhaltigen Spuren im schwarzgelben Fanlager.

Bremen1Die Polizeimaßnahmen im Rahmen des Heimspiels gegen Eintracht Braunschweig am 18. August und der damit verbundene Stimmungsboykott der Ultra-Gruppierungen sorgten jedoch für konträre Meinungen innerhalb der Borussen-Familie. Doch spätestens nach dem völlig unangemessenen Blocksturm durch die Polizei in der Turnhalle des ungeliebten Revier-Nachbarn aus Herne-West wenige Tage später ließ die Stimmung wieder weitgehend auch zugunsten der eigenen Ultra-Gruppierungen kippen.

Umso ärgerlicher waren die Gräben, die in Folge der Geschehnisse beim Revierderby am 26. Oktober zwangsläufig entstanden. Infolge der teils blanken Zerstörungswut und des Einsatzes von Pyrotechnik in einem bisher nicht gekannten Ausmaß aus dem Gästeblock heraus distanzierten sich weite Teile des Dortmunder Fanlagers von den Ultras in Gänze. Pauschal wurden „d i e Ultras“ wieder einmal als Gewalt suchende Hooligans angesehen, die dem Verein nur schaden würden. Entsprechend positive Reaktionen zog bei vielen schließlich auch der Entzug von Auswärtsdauerkarten (ADK) für die drei Ultra-Gruppierungen nach sich. In der größtenteils völlig hysterisch geführten öffentlichen Debatte ging schließlich die Stellungnahme der Gruppierung „THE UNITY“ völlig unter. In der Ausgabe Nummer 89 des Heftes „Vorspiel“ anlässlich des Heimspiels gegen den VfB Stuttgart am 1. November hieß es dort:

„[...] wir [müssen] ganz klar feststellen, dass, auch wenn Derbies im Allgemeinen und insbesondere auch in den letzten Jahren nie die ruhigsten Spiele waren, zu Spielbeginn Grenzen überschritten worden sind. Es sind Dinge passiert, die nicht akzeptabel sind! Da die Art und Weise der Geschehnisse keinesfalls so geplant waren müssen wir uns ehrlich eingestehen, dass uns die Gemengelage im Stadion sowie die handelnden Personen leider völlig aus den Händen geglitten sind. Bevor die ganze Welt aber weiter auf uns hereinbricht bitten wir um Zeit. Zeit, die sich auch alle anderen Beteiligten erbeten haben um die Geschehnisse sachlich zu analysieren und anschließend auch zielführende Konsequenzen ziehen zu können. Stumpf und populistisch die Aktionismuskeule zu schwingen mag den geifernden medialen Mob befriedigen, setzt aber null komma null an der eigentlichen Wurzel an. Diese unbedachten und pauschalen Forderungen haben alle nur ein Ergebnis: Sie spalten!“

Man darf gespannt sein, ob und in welcher Form diese internen Analysen und Konsequenzen extern verkündet und insbesondere auch durch die breite Medienlandschaft wahrgenommen und entsprechend transportiert werden.

WOB2Die Folgen dieses ADK-Entzuges waren hinsichtlich der schwarzgelben Fankultur zunächst grausam. In den folgenden Spielen bei der Betriebssportmannschaft eines Automobilkonzerns und beim 1. FSV Mainz 05 bot sich dem neutralen Beobachter der Anblick einer trägen, stimmlosen Masse. Erst mit dem Pokalspiel in Saarbrücken kehrten die Ultras - mit Karten aus anderen Kanälen - wieder zurück in den Block und sorgten für ein lebendiges, schwarzgelbes Fahnenmeer.

real11Doch hinsichtlich der schwarzgelben Fankultur hatte das Jahr auch allerhand Positives zu bieten, die letztlich dazu führten, dass sich dieses Jahr 2013 am Ende irgendwie eben völlig überhitzt anfühlt. Der Europapokal trug hierzu eine wesentliche Rolle bei. Neben dem bereits angesprochenen Wunder gegen Malaga bleibt gerade das Halbfinal-Rückspiel in Madrid in bleibender Erinnerung. Noch nie hat sich ein Fußballspiel, haben sich 90 Minuten so lang angefühlt wie an jenem 30. April im Bernabeu-Stadion. Roman Weidenfeller allein war es wohl zu verdanken, dass wir nicht völlig untergegangen sind. Und in diesem Gefühl der Spannung bis zum Zerreißen, immer nahe am völligen Kreislaufkollaps, entwickelte sich abermals eine Form des Supports, die nur schwer in Worte zu kleiden ist. Unzählige Male habe ich mir auch hier in diesen Tagen die Videoaufnahmen angeschaut - und mich gerne an einen Abend erinnert, den wohl so schnell keiner der Beteiligten vergessen wird.

Das Finale in Wembley soll an dieser Stelle nur am Rande erwähnt werden. Und das auch nur aus einem Grund. Viele werden den Moment des 3:2 gegen Malaga als d e n Moment des Jahres bezeichnen. Emotional betrachtet mag das womöglich auch stimmen. Aber nein, da gehe ich nicht mit. Mein persönlich-preisgekürter Moment des Jahres ist die Rettungsaktion von Neven Subotic gegen Arjen Robben in der 72. Minute des Finales gegen die Bayern. Die Ekstase im schwarzgelben Block auf der gegenüberliegenden Stadionseite kannte keine Grenzen - in diesem Moment war ich mir sicher: Wer so ein Teil noch von der Linie kratzt, der holt den Pott auch noch. Leider kam es anders, aber Neven Subotic ist damit definitiv ganz dicht herangerückt an Jürgen Kohler, der 1997 gegen Manchester United mit seinen unmenschlichen Rettungsaktionen zum Fußballgott avancierte.

Und es war die Champions League, die auch in der laufenden Saison für wunderbare Erinnerungen sorgte. Unvergesslich das Gastspiel in Napoli am 18. September. Von Anfang an bestand auf den Rängen nicht der Hauch einer Chance, um gegen den Support der fanatischen Süditaliener anzukommen; und das alles garniert mit einem Stadionsprecher namens Daniele Decibel Bellini, der gerade nach Napolis Toren einen Norbert Dickel locker in den Schatten stellt.

Bleibenden Eindruck hinterließ die Reisegruppe vom Borsigplatz schließlich erwartungsgemäß wieder in London beim Arsenal FC, ehe zwei Wochen vor Weihnachten der Dortmunder Jung Kevin Großkreutz in Marseille noch einmal für eine Explosion des Gästerangs sorgte.

Braunschweig1Und was bleibt sonst noch von diesem Jahr? Auf jeden Fall ein neuer Fangesang, der sich zunächst bei den Amateuren ausbreitete und schließlich auch den Siegeszug bei den Profispielen antrat. Zu den Klängen von Reamonns „Supergirl“ - und vielleicht auch gerade deswegen von einigen Dortmundern gehasst - etablierten die Ultras ihren Gesang über und an die Borussia. Erwähnt werden muss natürlich auch noch die Choreografie zum Jahresabschluss gegen Hertha BSC anlässlich des 103+1. Geburtstages der Borussia zwei Tage zuvor, mit der die „Gründerväter von Erfolgen, Tränen, Triumphen, Niederlagen, Titeln, Freundschaften“ - oder schlichtweg von „Borussia Dortmund“ - posthum geehrt wurden.

Gerade angesichts dieser Fülle an herausragenden Momenten fühlt sich das Jahr 2013 nun jedoch völlig überhitzt an, 365 Tage, die wie ein ganzes Jahrzehnt erscheinen. Die Winterpause, die Zeit zum Durchatmen, tut daher gut. Aber andererseits fehlt sie auch schon jetzt, diese gelebte Faszination Borussia - egal, ob auswärts oder zuhause. Und deswegen ist die Winterpause auch irgendwie wieder völlig unpassend. Noch 27 Tage bis zum Rückrundenstart. Niemand weiß, was das kommende Jahr 2014 für uns Borussen bereithalten wird. Aber eines steht fest:

Was auch immer geschieht,
Wir stehen Dir bei,
Bis in den Tod,
Wir sing‘ für Dich,
Für Dich Borussia,
Borussia BVB!

 

Freitag, 13 Dezember 2013 15:16

Durch die Halle ins Glück - Der BVB in Marseille

geschrieben von

Foto 12„Ein Bild des Jammers“ - so umschrieb ein normalerweise seriöses deutsches Fußballmagazin noch am Montag in seiner Druckausgabe die Situation bei Borussia Dortmund - und stimmte dabei in den lächerlichen medialen Chorus mit ein, der schon den Abgesang auf den BVB startete. Schon da wusste ich nicht, ob ich eher lachen oder weinen sollte. Ja, es war wirklich ein Bild des Jammers wie sie da stand, die Borussia: Die halbe Stamm-Mannschaft fehlt seit Wochen verletzungsbedingt, was unseren Trainer immer wieder zu teilweise interessanten Startformationen zwang und zwingt. Und dennoch stand er da, der BVB: In der Liga auf Platz 3 mit dem Saisonziel, die Champions-League-Qualifikation, fest im Visier. Dazu würde man auf jeden Fall im DFB- und im Europapokal überwintern, auch wenn hier der Wettbewerb noch nicht feststand - es war wirklich zum Jammern. Unter diesen Voraussetzungen machte sich das schwarzgelbe Jammervolk nun auf den Weg nach Marseille.

Mit dem Bus rollten wir die rund 16 Stunden Richtung Mittelmeer - es wäre sogar noch schneller gegangen; doch sowohl eine unfreiwillige Tour durch Köln und Umgebung aufgrund einer gesperrten Autobahn als auch eine rund anderthalbstündige, ortsunkundige Stadtrundfahrt durch Marseille zogen die Reise in die Länge. Bei Sonnenschein und 15 Grad erreichten wir das Stade Velodrome schließlich am späten Mittwochvormittag.

Foto 1Als Anlaufpunkt in der Stadt hatten wir den Vieux Port, den Alten Hafen, auserkoren - das Zentrum der Stadt. Abgesehen von einem teilweise sehr interessanten Geruch, der dem Wasser entstieg, ließ sich das Ambiente durchaus sehen. Umgeben von alten, aber bestens erhaltenen Häusern lagen die Schiffe und kleinen Jachten im Hafen vor Anker, im Hintergrund reckte sich die Notre-Dame de la Garde, eine Wallfahrtskirche, auf einer Anhöhe empor. Ein durchaus malerisches Bild, das einer europäischen Kulturhauptstadt 2013 durchaus würdig ist. Aber zugegeben, gerade die bereits angesprochene Irrfahrt durch Marseille auf der Suche nach dem Stadion zeigte uns auch, dass die Stadt auch über deutlich hässlichere Ecken verfügt.

Foto 21Mit der U-Bahn, die in Marseille interessanterweise auf Reifen rollt, ging es schließlich zurück zum Stadion. Um 18 Uhr sollte hier der Einlass beginnen. Schon im Vorfeld wurden wir Gästefans darüber informiert, dass die Eingangskontrollen hinter dem Gästeblock auf der Tribune Ganay in einer Halle stattfinden würden. Jeder fragte sich daher, was in dieser Halle wohl passieren würde - und ob man hinterher als anderer Mensch wieder herauskommen würde. Nach einer ersten Kartenkontrolle am Gitterzaun auf dem Platz vor dem Gästeblock - der Wasserwerfer des Polizeiwagens direkt dahinter einladend-freundlich auf uns gerichtet - durften wir schließlich in Richtung Halle - vorbei an den Polizisten mit ihren Hunden, die eher schwarzen Bestien mit Maulkörben glichen. Jetzt noch hier um die Ecke und wir wären in der Halle. Aber was ist das? Der Boden nass, rechts und links am Rand lösten sich gerade noch die letzten Schaumreste auf. Noch während ich mich fragte, was das nun wieder bedeutet und ob das irgendetwas mit dem zu tun haben würde, was gleich in der Halle passieren sollte, blickte ich vom Boden nach oben - direkt in den Lauf des nächsten gepanzerten Wasserwerfers, geblendet von den Scheinwerfern.

Foto 11Vor einigen Jahren kündigte der damalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy nach Ausschreitungen in Paris an, dass er die Stadtviertel nun mit dem Hochdruckreiniger säubern lassen wolle. Offenbar hatte man sich dieses Zitat hier auch zum Vorbild genommen - die Spuren auf dem Boden waren eindeutig. Ob da wohl heute der Praktikant mit einem nervösen Finger in dem Panzerwagen sitzt?

Begleitet von dieser besonderen Form der Gastfreundschaft betraten wir die Halle. Am anderen Ende waren die Eingangskontrollen eingerichtet, die von der Polizei durchgeführt wurden. Relativ schnell erkannte ich, dass Humor bei diesen Menschen im Dienst nicht den allergrößten Wert erfährt. Mit ähnlich grimmigem Blick wie bei ihren Hunden, nur weniger sabbernd, tasteten die Cops uns ab. Foto 22Mein Cop nahm es dabei sehr genau und tastete so ziemlich jeden Bereich meines Körpers sehr interessiert ab. Ich war schon dabei, der Vokabel „Französisch“ eine neue Definition zu verpassen, als mir der Cop auch noch die Jacke, die ich mir umgebunden hatte, schneller von den Hüften riss als ich kucken konnte. Etwas irritiert ob dieser von mir nicht gewollten körperlichen Nähe dachte ich nun, dass ich endlich ins Stadion gehen könne. Doch weit gefehlt! Am Ausgang aus der Halle postierten sich andere Polizisten und versperrten uns den Weg. Minutenlang ging es nicht weiter und allmählich nahm die Sinnfrage bei uns eine sehr bedeutende Rolle ein - zumal der Bereich nach den Durchsuchungen und vor dem Ausgang immer voller und enger wurde.

OM1Plötzlich, wie aus dem Nichts, verschwanden die Cops an der Tür zur Seite und ließen uns durch. Doch ebenso plötzlich machten sie die Kette wieder zu. Aha, offenbar sollte es in Intervallen ins Stadion gehen. Doch warum? Was folgt denn da jetzt noch, dass man uns in Blöcken abfertigt? Nun verschwanden die Gesetzeshüter wieder und gaben den Weg frei; und auf dem Weg in den Block folgte - nichts. OM2Durch gähnende Leere stiegen wir die Treppen hinauf in unseren Block. Abgesehen von den Polizisten als Spalier links und rechts von der Halle bis zum Blockeingang war nichts mehr zu sehen: Keine weiteren Sicherheitskräfte, keine Ordner. Auch im Block selbst herrschte völlige Anarchie: Von Ordnern war im Gästebereich weit und breit nichts zu sehen. Als Verpflegungsstand diente eine kleine Theke ganz unten, an der zu unverschämten Preisen Hot Dogs, zwei Sorten Baguettes sowie Getränke verkauft wurden.

Die vielfältige Ultra-Szene von Olympique Marseille erstreckt sich auf die beiden Tribünen hinter den Toren. Links von uns, auf der Virage Sud, stachen im Oberrang insbesondere die „South Winners“ (SW) mit ihren orangeblauen Bannern sowie im Unterrang das „Commando Ultra Marseille“ (CU) mit seinem blauweißen Transparenten hervor. Bei SW und CU handelt es sich um die größten und einflussreichsten Ultra-Gruppierungen von Olympique Marseille,  CU ist zudem die älteste Gruppierung des Landes.Foto7

Auf der gegenüberliegenden Seite, der Virage Nord, waren unter anderem Banner der Gruppierungen Dodgers, Fanatics und Marseille Trop Puissant 1994 zu erkennen. Auffällig waren hier vor dem Spiel die jamaikanischen Fahnen, die im Mittelbereich des Oberranges geschwenkt wurden. Während des Spiels sorgten beide Tribünen - unterstützt durch ihre Trommeln - für teilweise sehr stimmgewaltigen Support, der von dem hohen Tribünendach widerhallte.Foto 23

Interessant zu beobachten war die aufgrund einer Baustelle komplett gesperrte Gegentribüne, die Tribune Jean Bouin. War das weite Rund ansonsten soweit fertiggestellt - zur EM 2016 wird das Stadion schon seit Jahren auf 67.000 Zuschauer erweitert und überdacht -, so glich diese Tribüne einem Rohbau. Vier Kräne wuchteten bis kurz vor dem Anstoß schwerste Gegenstände auf die Tribüne. Etwas ulkig wirkten Container, die in drei separaten Einheiten als Pressetribüne am Seitenrand aufgestellt wurden. Alles in allem versprüht das Stade Velodrome trotz des Umbaus zwar einen antiquierten Charme vergangener Fußballzeiten, ist aber genau deswegen eigentlich auch besonders liebenswert und sticht mit einem eigenen Charisma hervor.

Foto4Ihren Support unterstützten die Franzosen nur einmal mit Pyrotechnik, unmittelbar vor dem Spielbeginn leuchtete es bei den South Winners auf, während auch unser Gästeblock dezent in gelben Rauch gehüllt war. Die Basis für ein stimmungsvolles Spiel war also gelegt. Aus den Reihen der Dortmunder Ultras wurden kurz vor dem Spielbeginn noch die Freunde von Aris Saloniki mit entsprechenden „Aris, Aris“-Rufen sowie aus Köln mit dem „Ersten Fußballclub Köln“ gegrüßt. Doch danach fokussierte sich der Support wieder auf die eigene Mannschaft. Doch gerade im Oberrang entpuppte sich die Akustik des Stadions aufgrund der widerhallenden Trommelschläge von der Virage Nord als nachteilhaft, da die Vorsänger auf ihren Podesten nur schwer oder auch gar nicht zu verstehen waren, sodass sich die Lieder zwar entsprechend mühselig, dafür aber umso gewaltiger ausbreiten mussten.

Foto6Auf dem Siedepunkt geriet die Stimmung nach Kevins 2:1-Siegtreffer kurz vor dem Ende, dem eine rauschende Party mit der Mannschaft nach dem Schlusspfiff folgte. Der Schlusspfiff war übrigens kaum verklungen, da machten sich auch schon die Bauarbeiter gegenüber wieder ans Werk. Nach der gut 50 Minuten(!) dauernden Blocksperre durften wir schließlich den Heimweg antreten. Und noch immer verstehe ich die Polizeikette nicht, die sich am Spielende zwischen Gästeblock und Spielfeld stellte. Ein Platzsturm war hier nun wirklich nicht zu erwarten.

Mit Genugtuung habe ich übrigens am Donnerstag in dem eingangs bereits angesprochenen Fußballmagazin die Berichte über Borussia Dortmund gelesen. Das Bild des Jammers scheint vergangen...

 

Mittwoch, 04 Dezember 2013 13:32

Als der Fußball noch Fußball war - Der BVB im Ludwigspark

geschrieben von

FCS1Fluchtlichtmasten. Zäune und Lautsprechermasten, die sicherlich schon Generationen an Fußballfans haben kommen und gehen sehen. Eine weiträumige Laufbahn um die grüne Wiese herum, wie sie heutzutage in allen Multifunktionsarenen undenkbar geworden ist. Und eine Anzeigetafel, bei der man sich fragt, wie alt wohl der Bediener sein muss, der versteckt irgendwo in den Katakomben sitzt und das Spielgeschehen in den alten Amiga eintippt. Herzlich Willkommen im Ludwigsparkstadion in Saarbrücken!

Schon unmittelbar nach der Auslosung Anfang Oktober entwickelte sich eine große Vorfreude auf das Gastspiel an der Grenze zu Frankreich. Ich gehe sogar soweit, den FCS als Traumlos zu bezeichnen - denn es war klar: Für einen Fußballromantiker und -Nostalgiker hätte es kein besseres Los geben können! Es ist bereits über ein Jahr her, dass uns die Glücksfee im beheizten Fernsehstudio mit dem VfR Aalen ein ähnlich attraktives Los in einem altehrwürdigen Gemäuer zugedachte. Und jetzt, bei allem Respekt vor dem VfR Aalen, wartete nicht nur schlichtweg ein altes Stadion an irgendeiner Stelle Württemberger Erde, wo man sich ansonsten vermutlich niemals hin verirren würde; nein, jetzt ging es zum traditionsreichen 1. FC Saarbrücken mit dem gleichsam geschichtsträchtigen Ludwigsparkstadion.

Okay, die ruhmreichen Zeiten des FCS sind vorbei - der Abstieg aus der Bundesliga liegt bereits zwanzig Jahre zurück -, doch das Flair ist geblieben. 1953 eröffnet, umfasst der Ludwigspark gegenwärtig rund 30.000 Zuschauer, davon nur knapp 8.000 Sitzplätze. Den überwiegenden Großteil des weiten Stadionrunds bilden also klassische Stehplätze - ein Dach haben diese Steh-Tribünen natürlich noch nie gesehen. Und mit über 20.000 Stehplätzen muss sich der FCS diesbezüglich übrigens auch nicht einmal hinter unserem Westfalenstadion verstecken.

Doch zurück zum Wesentlichen: Nach einer durchaus denkwürdigen und als konspirativ einzustufenden Anreise erreichten wir noch rechtzeitig den Ludwigspark und wanden uns den Weg hinauf von der Camphauser Straße, wo die Busse direkt parkten, hinein in den Gästeblock. Etwas überraschend begrüßte der Stadionsprecher uns sehr wohlwollend und betonte die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Vereinen oder vielmehr beiden Regionen. Auch im Saarland gab es in den oft zitierten guten, alten Zeiten eine starke Bergbau-Industrie, was schließlich die Planer rund um das Pokalspiel dazu veranlasste, angesichts einer mit dem Ruhrgebiet identischen Historie das Steigerlied über die Lautsprecheranlage abzuspielen - bei welcher sich übrigens einer meiner Begleiter sicher war, dass die Einzel-Lautsprecher aus traurigen, grauen Gesichtern bestehen.

FCS2Doch damit endete die Gastfreundschaft noch nicht: Rund 20 Minuten vor dem Spielbeginn wurden wir Schwarzgelben noch mit einem Medley aus Bruno „Günna“ Knusts „Borussia“ und Andy Schades „Am Borsigplatz geboren“ beglückt, in das wir auch prompt mit einstimmten. Der Block wurde übrigens nach den Trauerspielen in Wolfsburg und Mainz wieder von den Ultras geprägt, die sich nach dem Entzug ihrer Auswärtsdauerkarten glücklicherweise auf anderem Wege mit Karten eindecken konnten. Mit Genugtuung schaute ich schon beim Betreten des Stadions in das Meer voller schwarzgelber Doppelhalter und Schwenkfahnen - damit war auch der passende Rahmen für dieses besondere Spiel unter Flutlicht sichergestellt.

Für besondere Unterhaltung sorgte auch die bereits angesprochene Anzeigetafel. Es dürfte sich dabei um die wohl pixligste Leinwand im deutschen Fußball handeln - was den FCS jedoch nicht davon abhält, ganze Grafiken darauf abzubilden bis hin zu Fragmenten der Spielergesichter bei der Mannschaftsaufstellung. Die bange Frage lautet jedoch: Was passiert, wenn der Amiga mal kaputt gehen sollte?

FCS4Doch nicht nur aus unserer, zumindest aber aus meiner Sicht handelte es sich um ein ganz besonderes Spiel - für den FCS und seinen Anhang stellte die Partie natürlich den Tag des Jahres dar. Entsprechend hatte die Heimkurve eine Choreografie vorbereitet. „Entzündet den Funken Hoffnung!“ war kurz vor Spielbeginn auf einem riesigen Banner zu lesen. „Entzünden? Funken? Werden sie etwa...? Hier...? Zuhause!?“, frage ich mich als Liebhaber offenen Feuers auf den Stadionrängen noch in stiller Vorfreude. Kurze Zeit später die Bestätigung: Sie werden. Und wie. Silvester wurde kurzerhand vorgezogen. Mit Raketen und bengalischen Lichtern erhellen die Saarbrücker ihre Kurve. Ein sehr imposantes Bild, das mich zu der These verleitet, dass zumindest die Fans des FCS in der Dritten Liga nichts verloren haben! Auch während des Spiels flackert es vor allem im Block E2, dem selbst sogenannten „Virage Est“ hinter der Fahne der Ultras „BOYS Saarbrücken“, immer wieder auf. Gerade bei diesem Abendspiel in einem betagten Fußballstadion sorgte dies für ein ganz besonderes Ambiente.

Kurzzeitig wurde es jedoch auch noch politisch. Ziel des gemeinsamen Fanprotests: Der legalisierte Karten-Schwarzmarkt auf der Internet-Plattform Viagogo. Zum Wiederanpfiff nach der Halbzeit reckten die Saarbrücker zwei Banner mit der Aufschrift „Das meiste Geld aus einer Karte gemacht, Viagogo gehört abgeschafft“ in die Höhe. Die Dortmunder Ultra-Gruppierung „The Unity“ antwortete von der gegenüberliegenden Seite: „Aus 12 mach 100, aus 20 mach 250, Vianogo“.

FCS3Unterm Strich steht also ein sehr gelungener Ausflug ins Saarland, der zugleich eine Zeitreise bildete in eine Epoche, als der Fußball noch ein reines Sportereignis war und kein Event. Danken möchte ich abschließend auch Petrus, denn hätte er es gestern Abend regnen oder schneien lassen, so wäre die Nostalgie sicherlich irgendwann auch in Frust ob der archaischen Bedingungen umgeschlagen... Mit einer noch viel konspirativeren Abreise, bei der wir auch weite Teile des Bergischen Landes kennenlernten, endete schließlich die für diese Saison vermutlich letzte Tour in eines der - positiv - exotischen Ziele des DFB-Pokals. Dem FCS bleibt an dieser Stelle alles Gute zu wünschen, auf dass der Klassenerhalt in der Dritten Liga (nicht zu Lasten unserer Amateure) gelingen möge und der Ludwigspark in nicht allzu ferner Zukunft einmal wieder regelmäßig standesgemäße Fußballtage erleben kann.

 

Seite 1 von 6