Wenn „echte Liebe“ nichts mehr zählt
geschrieben von Daniel Mertens in Dortmund BlogJetzt sind die Würfel gefallen - die Karten für das Champions-League-Finale sind verteilt. Und die Borussia hat sich dabei wieder einmal nicht mit gerade mit Ruhm bekleckert. Eine Bestandsaufnahme.
Über 500.000 Anfragen hat es nach BVB-Angaben für das Vereinskontingent von rund 24.000 Karten gegeben. Das klingt beeindruckend. Leider hat es der BVB - analog zu den Vergaben aus den Jahren 2008 und 2012 - verpasst, die Karten gerecht und fair zu verteilen. „Echte Liebe“ - das schreibt sich der Verein gerne auf die Fahnen. Doch wenn seine Fans ebendiese echte Liebe an den Tag legen, dann zeigt ihnen der Verein mitunter am Ende eines nebulösen Losverfahrens zum Dank die kalte Schulter.
Seit Mitte vergangener Woche wurden die Zu- und Absagen nach der Verlosung an die Bewerber verschickt. Zu der Kartenverteilung verkündete der BVB im Vorfeld auf seiner Internetseite:
„Das gesamte BVB-Kartenkontingent verteilt sich wie folgt: 80 Prozent für Mitglieder, Fanclubs und Dauerkartenbesitzer, 5 Prozent frei zugänglich, 10 Prozent für Sponsoren und Partner sowie 5 Prozent Best-Travel und Mitarbeiter.“
Ein Hohn waren die fünf Prozent für jedermann, also auch für Leute, die absolut keine Bindung an den Verein haben. Es kam, wie es kommen musste: Es gibt mittlerweile zahlreiche eBay-Angebote mit Karten aus dem Dortmunder Kontingent - und auch zahlreiche Bazis konnten sich über den BVB mit Karten eindecken. Das war großes Kino von der Borussia.
Bei der Bestellung der angeblich personengebundenen Karten konnte man sich für einen oder direkt zwei der begehrten Papierscheine bewerben. Hierbei mussten beide Personen mit Namen benannt werden, der Hauptbewerber konnte zusätzlich seine Dauerkarten- und Mitgliedsnummer mit angeben, um in den Pool der 80 Prozent zu rutschen. Das zweite große Kino der Borussia war der Punkt, dass in den Pool der 80 Prozent für Mitglieder und Dauerkartenbesitzer schließlich auch die mitbeworbenen Begleitpersonen eingeflossen sind, obwohl diese faktisch weder Mitglied noch Dauerkartenbesitzer sein mussten. Und so kamen zahlreiche Menschen in den Genuss einer Karte, die am 25. Mai teilweise zum ersten Mal ein Fußballstadion von innen sehen, während treue Auswärtsfahrer mitunter in die Röhre schauen. Ist das praktizierte echte Liebe? 500.000 Bewerber lassen sich von der Marketingabteilung des BVB natürlich erstklassig vermarkten, aber sollte es dem Verein, der sich stets auf seine Fans beruft, nicht ein Anliegen sein, dass diese auch für ihre Treue belohnt werden?
Für hoffentlich kommende Verlosungen von Finalkarten gibt es eine naheliegende faire Vergabepraxis, die nachfolgend für diese Saison spezifiziert dargestellt werden soll. Als besonderes Dankeschön für die Mühen sollten diejenigen, die den Verein nach Donezk (und daher auch nach Malaga) begleitet haben, mit einer Karte für das Finale belohnt werden. Auf der gleichen Stufe stehen die Inhaber von Auswärtsdauerkarten (ADK). In der Abstufung der nachfolgenden Vergabekriterien ist die Zahl der besuchten Champions-League-Auswärtsspiele von Relevanz: Von sechs Auswärtsspielen (wobei sich dies zu 99 % mit den ADK decken dürfte) bis herunter zu einem besuchten CL-Auswärtsspiel. Die Nachweise wären bei der Geschäftsstelle oder per E-Mail zu erbringen. Danach sollten Dauerkarten für das Westfalenstadion mit Champions-League-Option berücksichtigt werden, im Anschluss alle übrigen Dauerkarten und erst danach im vorletzten Schritt die Vereinsmitglieder. Erst danach wäre an einen freien Verkauf zu denken, wobei bis dahin vermutlich/hoffentlich schon alle Karten vergriffen sein dürften. Dies ist eine faire Vergabepraxis, mit der man zugleich den Schwarzmarkt weitgehend austrocknen könnte - zumindest was Karten aus dem BVB-Pool angeht. Denn welcher treue Auswärtsfahrer würde seine Finalkarte am Ende für 2.000 Euro verticken? Zu diskutieren wäre die Frage, ob es in der geschilderten Vergabe noch ein separates Kontingent für Fanclubs geben sollte. Eine abschließende Antwort kann ich an dieser Stelle darauf noch nicht geben.
Dieses Vorgehen wäre natürlich mit einem enormen Aufwand verbunden, aber wir sprechen hier andererseits auch nicht über Karten für das Finale im Westfalenpokal, sondern von einem Börsenunternehmen, das am wichtigsten Fußballspiel des Kontinents teilnehmen darf. Der gravierendste Nachteil dieses Plans ist jedoch: Man wird keine 500.000 Bewerbungen bekommen, die man - „Echte Liebe“ verachtend - medial prächtig verkaufen kann. Und das scheint dem BVB momentan - wie schon bei den DFB-Pokal-Endspielen 2008 und 2012 - einmal mehr wichtiger zu sein.
Reisereport, Teil 3: Das große Zittern hoch über dem Rasen
geschrieben von Daniel Mertens in Dortmund BlogEndlich ist es soweit. Schier endlos kam mir die Woche seit dem Hinspiel vor. Doch nun, endlich, ist er da, der Tag der Entscheidung: Einzug ins Finale oder das Ende einer ohnehin schon überaus erfolgreichen Champions-League-Saison? Zunächst schlendern wir noch ein wenig durch Madrid. Festzuhalten bleibt dabei: Der Madrilene an sich kennt kaum Berührungsängste, überall werden wir ob unserer schwarz-gelben Kluft angesprochen. Dabei gibt man uns oftmals per Finger deutlich zu verstehen, dass Real uns am Abend wahlweise mit drei oder vier zu null schlagen wird. Aha, wenn die hier alle so überzeugt sind, wieso wetten die Leute dann nicht darauf? Doch so sehr uns die Madrilenen auf der Straße schließlich auch unser Ausscheiden weis machen wollen, so treten sie uns gegenüber doch stets freundlich auf, nie die Grenze des Anstandes überschreitend. Ja, sie sind gute Gastgeber, diese Hauptstädter. Und hier und da wird uns auch ein nach oben zeigender Daumen entgegen gestreckt - selbst von ein, zwei Polizisten. Die Atletico-Fans sind also auf unserer Seite.
Der Spieltag soll nun aber erst einmal mit einem typisch spanischen Frühstück beginnen - mit hamburguesa con queso, einem Cheeseburger bei McDonald's. Danach treffen wir uns mit den letzten Nachzüglern unseres Fanclubs, ehe wir uns dann alle vereint im mit Dortmundern bevölkerten Irish Pub „Dubliners“ (Calle de Espoz y Mina, 7, Madrid) auf das Spiel am Abend einstimmen. Irgendwann werden die alten Charts aus den Lautsprechern verdrängt und es ertönen schwarz-gelbe Fanlieder - dem Wirt war zuvor eine CD zugesteckt worden.
Um kurz vor 5 machen wir uns endlich auf den Weg zum Stadion. Es ist wirklich unglaublich, wie ein solch beeindruckendes Bauwerk einfach mal mitten in der Stadt liegen kann, quasi mitten an einer Kreuzung. Nach intensiven, aber gut organisierten Eingangskontrollen geht es per Rolltreppe hoch in den Gästeblock - unserer befand sich im fünften(!) Rang unter dem Dach, gefühlte 150 Meter über dem Spielfeld. Ich bin zum ersten Mal in diesem Stadion, und ich muss sagen: Wenn das Stadion von außen beeindruckend ist, so verschlägt es einem innendrin regelrecht die Sprache. Dachte ich bis dahin, die Ränge im Westfalenstadion wären steil, so werde ich hier eines Besseren belehrt. Das Bernabeu-Stadion lässt sich kaum in Worten erklären, es ist einfach ein sehr geiles Stadion.
Und dann prallen im Gästeblock zwei Welten aufeinander: Die Supporter-Fans auf der einen Seite und die erlebnisorientierten Tagesfahrer auf der anderen Seite. 500 Euro haben die Letztgenannten im BVB-eigenen Reisebüro (BEST) auf den Tisch gelegt, um ihrer Mannschaft für einen Tagesausflug all inclusive nach Madrid im Charterflieger folgen zu können. Leider hat es sich entweder bis zu ihnen nicht durchgesprochen oder - was ich aufgrund der Gespräche eher annehme - es ist ihnen egal, dass im Auswärtsblock faktisch Anarchie herrscht. Jeder sitzt oder steht dort, wo er will - trotz fest zugewiesenen Platzes. Leider bestanden die Damen und Herren jedoch, als sie den Block erreichten, zunächst oftmals penetrant darauf, auch den Platz zu bekommen, der auf ihrer Eintrittskarte ausgewiesen ist. Durch gutes Zureden verstanden oder zumindest akzeptierten letztlich auch unsere BESTler die herrschende Anarchie, dass der Block von den Ultras ausgehend rechts und links nach dem Zeitpunkt des Eintreffens aufgefüllt wird.
Abzüge in der B-Note gibt es für das Stadion übrigens für die Akustik: Die Stadionlautsprecher dröhnen mit gefühlten 17.000 Dezibel über unseren Köpfen und dazu wird Musik gespielt, die einen eher eine Disko- als eine Fußballkugel erwarten lässt. Sei’s drum. Scheißegal, Borussia Dortmund international! Zu Spielbeginn nehmen auch die Heizstrahler unter dem Tribünendach ihre Arbeit auf und heizen dem Gästeblock ordentlich ein. Dem Support tut dies jedoch keinen Abbruch. Real legt auf dem Rasen los wie die Feuerwehr, wir tun es auf den Rängen. Roman Weidenfeller wächst über sich hinaus, blankes Entsetzen jedoch bei unseren wenigen vergebenen Chancen.
Die Anspannung wächst. Jede Minute des Spiels vergeht wie in Zeitlupe. Noch 89 Minuten. Noch 75. Noch 65. Noch 50. Halbzeit. Noch 44. Noch 39. Noch 25. Noch 15. Noch 10. Dann plötzlich die Explosion. Als ich selbst mich bereits bei dem Gedanken ertappe, dass der Finaleinzug wohl eingetütet ist, trifft Benzema in der 82. Minute doch noch zum 1:0. Das Stadion verwandelt sich in einen Hexenkessel und ich denke sofort: Fällt hier noch ein Tor, dann war es das wohl, dann wird auch das dritte fallen - und wir sind doch noch raus! Dagegenhalten! Borussia! Borussia! Es bleibt beim 1:0, irgendwie. Doch dann trifft Ramos zum 2:0. Ich kann es nicht fassen - und in dieser Sekunde bin ich mir sicher: So wie das hier läuft, wird auch das dritte Tor noch fallen! Das scheinen auch viele, wenn nicht gar alle, der mitgereisten 8.000 Dortmunder zu denken. Ich schaue mich um - und blicke in erstarrte Gesichter. Support scheint nur noch sporadisch möglich, alle sind wie gelähmt. Zum ersten Mal überlege ich, den Block vor dem Spielende zu verlassen. Der Spielverlauf zehrt einfach zu sehr an meinen Nerven. Der große Traum von Wembley - zerplatzt er hier? Er zerplatzt! Sekunden vergehen wie Stunden, die Zeit spielt für Real. Nur noch irgendwie die letzten Minuten überstehen. Ballverlust Real, ab zur Eckfahne, Zeitgewinn. Fünf Minuten Nachspielzeit. Die weggedroschenen Bälle kommen schneller zurück als erwünscht. Noch einmal auswechseln. Verdammt, es muss doch gleich rum sein. Mein Vordermann reckt mir die mittlerweile handgestoppte Nachspielzeit entgegen, 4:38 Minuten. Noch 20 Sekunden. Los jetzt, keinen Fehler mehr machen. Und dann, Aus! Schlusspfiff! Es ist vollbracht. Ich kann zunächst nicht jubeln, mein Körper scheint nur aus Adrenalin zu bestehen. Erst nach und nach beginne ich zu realisieren, dass meine Borussia im Finale der Champions League steht. FINAAAALEE, OHOOO. Ich stimme mit ein. Auch ich beginne zu feiern. Und schließlich bringen mich unsere BESTler auch noch zum Schmunzeln, als sie ob der üblichen Blocksperre ganz nervös fragen, ob denn die bereitstehenden Busse auch auf sie warten würden.
Völlig erleichtern ziehe ich mit meinen Leuten zurück ins Hostel. Nach einer kurzen Nacht machen wir uns am Mittwochfrüh um fünf Uhr auf den Rückweg zurück in die Heimat. Um 1 Uhr am Donnerstagfrüh kommen wir schließlich zwar erschöpft, aber überglücklich an.
Am 25. Mai geht es nun nach Wembley - und wenn wir wirklich den Titel holen, dann wartet im Dezember die Klub-Weltmeisterschaft in Marokko. Das sind von Dortmund aus über 3000 Kilometer. Die kann man im Auto zurücklegen. Noch ist es nur eine Schnapsidee...
Ende der Serie.
Reisereport, Teil 2: Eine irre Frau an der Puerta del Sol und das mieseste All You Can Eat aller Zeiten
geschrieben von Daniel Mertens in Dortmund Blog30. März 2007, etwa 22 Uhr: Soeben hat Jonas Kamper das 1:0 für den DSC Arminia erzielt - und meinen BVB damit auf den 17. Platz geschossen. Vorletzter nach 27 Spieltagen. In Dortmund schienen die Lichter langsam auszugehen, wir standen mit einem Bein in der zweiten Liga. Was dann folgte, ist oft genug beschrieben worden. Doch die wundersame Wiederauferstehung des Ballspielvereins sollte stets eine Mahnung sein, wo wir noch vor wenigen Jahren standen. Umso unglaublicher ist es, dass ich jetzt, knapp sechs Jahre später, mit gepacktem Rucksack hier stehe und bereit bin für die Abfahrt. Die Abfahrt nach Madrid. Zum Champions-League-Halbfinal-Rückspiel. Mit einem 4:1-Heimerfolg im Gepäck. Wahnsinn!
Zu sechst wollen wir uns vom BVB-Fanclub Supporters Lennetal auf den Weg nach Spanien machen. Unser Leihwagen, ein Neunsitzer eines Rüsselsheimer Automobilherstellers, ist vollgepackt bis obenhin: Getränke, Essen, ein Grill - und jede Menge Taschen. 12 Uhr, die Fahrt kann beginnen. Doch zunächst schießen wir noch ein Startfoto vor dem Westfalenstadion. Und dann geht es los: 1800 Kilometer liegen vor uns von Dortmund nach Madrid. Wir werden uns beim Fahren abwechseln, sodass jeder „nur“ noch etwa 300 Kilometer fahren muss. Angepeilte Ankunft: Montagvormittag, gegen 10 Uhr.
Reisereport, Teil 1: Zwischen Euphorie und Anspannung - Trotz Döner ab nach Düsseldorf
geschrieben von Daniel Mertens in Dortmund BlogBeinahe wäre diese seit längerer Zeit geplante Reisereportage doch noch ausgefallen. Der offenbar verdorbene Dönerteller vom Donnerstagabend ließ mich am Freitag körperlich Achterbahn fahren. Es entwickelte sich ein Kampf gegen die Zeit: Von der Fahrt nach Düsseldorf hatte ich mich - ans Bett gefesselt - bereits innerlich verabschiedet, aber zumindest die Fahrt nach Madrid am Sonntag wollte ich unbedingt mitmachen. Regelrechte Panik machte sich breit, als selbst am Freitagabend immer noch keine Besserung in Sicht war.
Doch 14 Stunden Schlaf in der Nacht auf Samstag bewirkten wahre Wunder: Ich war soweit wieder fit, dass ich mich sogar auf den Weg nach Düsseldorf machen konnte. Erst einmal war ich zuvor in Düsseldorf, vor gut anderthalb Jahren beim DFB-Pokalspiel. Schon damals hatte sich ein bleibend positiver Eindruck hinsichtlich der Zu- und Abfuhr der Gästefans eingeprägt. Und so bestieg ich am Samstagnachmittag frohen Mutes die Regionalbahn zum Düsseldorfer Flughafen, der als Ankunftsort für die Gästefans ausgegeben wurde, während die Fortunen über den Hauptbahnhof anreisten. Vom Flughafen ließ ich mich zusammen mit den anderen Borussen per Shuttlebus zum Stadion befördern. Der Transport und - insbesondere nach dem Schlusspfiff - die strikte Trennung der beiden Fanlager muss als positives Beispiel für andere Stadion herausgehoben werden.
Den einzigen Kritikpunkt bildet die Parksituation, die ich am Rande aufschnappte: Es wird in Reihen ohne Zwischenfahrbahn direkt nebeneinander geparkt. Dadurch besitzen Autos in den hinteren Positionen keine Chance, den Parkplatz vorzeitig zu verlassen. Stattdessen fließt nach dem Schlusspfiff Reihe um Reihe von vorne nach hinten ab - was aber sicher nachteilig ist, wenn sich die Fahrer der vorderen Kfz nach dem Schlusspfiff sehr viel Zeit lassen, man selbst aber gerne möglichst schnell weg möchte.
Die Stimmung im Düsseldorfer Stadion war geprägt von der Euphorie nach dem 4:1 über Real Madrid wenige Tage zuvor und der Anspannung, was das Rückspiel drei Tage später bringen würde. Entsprechend war das Spiel auf dem Rasen - das seitens der Borussia mit einer komplett umgestellten Mannschaft begangen wurde - zwar sehr nah, aber doch so fern. Sahins Traumtor löste diese seltsame Grundstimmung und sorgte für eine Welle der Euphorie, wenngleich die Fangesänge letztlich doch irgendwie wieder nur wie ein Einsingen für das Bernabeu wirkten.
Am Ende wurde es nach Kubas zwischenzeitlichem 0:2 und Bodzeks 1:2 kurz vor Schluss noch einmal unnötig spannend, doch das Zittern wandelte sich in Erleichterung, als Schiri Weiner endlich abgepfiffen hatte. Die Hürde Düsseldorf war übersprungen, ab sofort drehten sich alle Gedanken vollends nur noch um Real.
Nach den Vorrundenspielen in Manchester und Amsterdam wartete nun das dritte Europapokal-Auswärtsspiel in dieser Saison auf mich. Mit fünf weiteren Mitgliedern meines Fanclubs sollte es ab Sonntagmittag in einem Leihwagen eines Rüsselsheimer Automobilkonzerns auf in die spanische Hauptstadt gehen. Zunächst klang die Idee völlig verrückt, doch vermutlich war es gerade dieser Umstand, der die Reise für meine Mitstreiter und mich so attraktiv erscheinen ließ. Und es sollte letztlich eine sehr denkwürdige Reise werden, auf der Arnd Zeigler eine nicht unbedeutende Rolle spielen sollte und die niemand von uns wohl so schnell vergessen wird.
Freut Euch daher auf den zweiten Teil meiner Reisereportage, den ihr ab Montag hier lesen könnt.
Mein La Coruna 2.0 - Das Wunder von Dortmund
geschrieben von Daniel Mertens in Dortmund BlogWas für ein Spiel, das La Coruna des 21. Jahrhunderts! Zugegeben, dieses vielzitierte „Wunder von Dortmund“ am 6. Dezember 1994 habe ich selbst noch nicht bewusst miterlebt. Aber schon oft habe ich von dieser wunderlichen Wiederauferstehung der Borussia gehört. Und seit gestern weiß ich, wie es sich angefühlt hat.
Eine seltsame Stimmung hatte sich schon vor dem Spiel breit gemacht. Vorfreude kam bei mir irgendwie nicht auf. Vielmehr war ich gefangen in einer Mischung aus Nervosität und Anspannung. Auch wenn wir rausfliegen, wir hätten mehr erreicht, als man im September gedacht, erwartet und uns nicht zuletzt aufgrund der Gruppenauslosung zugetraut hätte. Doch nach dem Hinspiel weiß ich auch: Gegen diesen Gegner ist mehr drin! Ein Duell auf Augenhöhe, aber das Halbfinale wartet und winkt, die Vorschlussrunde, Borussia unter den besten vier Mannschaften Europas?
Von dieser seltsamen Stimmung schien auch die Mannschaft angesteckt zu sein: vorsichtig bis nervös agierend und stets darauf bedacht, ja keinen Fehler zu machen. Die Mannschaft schien regelrecht Angst vor der eigenen Möglichkeit zu haben, die sich dort auftat. Nachdem die Tribünen vor dem Anstoß und in den Minuten danach ob der Riesenchance auf das Halbfinale brannten - wie es auch unser Trainer vor dem Spiel gefordert hatte - übertrug sich die Anspannung natürlich zunehmend auf die Ränge. Und dann der Schock, den alle nach dem 0:0 im Hinspiel befürchtet hatten: Malaga trifft. Wir brauchen zwei Tore, um weiterzukommen. Schock. Angst vor dem Ausscheiden.
Wie ein Befreiungsschlag der Ausgleich kurz vor der Pause durch Lewa. Ein erstes tiefes Durchatmen, doch es fehlt immer noch ein Tor. Zittern. Bangen. Hoffen. Die Chancen in der zweiten Hälfte auf das erlösende 2:1 sind da, doch der Ball will einfach nicht über die Linie. Verzweiflung macht sich breit. Wie lange ist noch zu spielen? 30 Minuten. 25. 20. 15. Und dann der Stich ins Herz. Malaga trifft zum 1:2. Aus. Vorbei. Das war es. In Massen machen sich die Zuschauer an diesem späten Abend auf den Weg nach Hause. Ich hasse dieses Bild, das sich mir auf den Rängen bietet. Die Saison ist vielleicht gelaufen, aber diese Flucht hat die Mannschaft nicht verdient. Ich bleibe.
Nachspielzeit. 4 Minuten. Plötzlich 2:2. Aus dem Nichts. Immerhin nicht verloren und noch eine Punktprämie erspielt. Artig applaudiere ich dem Torschützen, doch die kurzfristige Enttäuschung überwiegt noch. Malaga wird das clever runterspielen, ein-, zweimal zur Eckfahne marschieren. Plötzlich Einwurf für die Borussia, der Ball kommt in den Strafraum, an den Fünfer. Der Ball rollt Richtung Linie, wie in Zeitlupe. Sekundenbruchteile fühlen sich an wie Jahre. Gewühl und Gestocher. Und dann: Der Ball ist drin, 3:2. Der Wahnsinn.
In Nanosekunden entwickeln sich in mir Energien, von denen ich gar nicht wusste, sie besitzen zu können. Und sie wollen raus. Meinen Nachbarn geht es genauso. Ich liege mir mit Menschen in den Armen, die ich nicht kenne und die eigentlich gar nicht aus meiner Reihe kommen. Oder komme ich nicht aus ihrer Reihe? Egal. Wir umarmen uns, klopfen uns alle auf die Schultern, dass man um eine Lungenquetschung fürchten muss. Dann gibt Norbert den Torschützen durch und fragt zur Sicherheit auch dreimal nach. Wer hat es erzielt? Ich weiß es gar nicht, ich hab es nicht gesehen. Aber Norbert hilft mir: Felipe... SANTANA! SANTANA! SANTANA! Unfassbare Szenen spielen sich in diesen Sekunden ab, die auch einen Tag später nicht in Worte gekleidet werden können und wohl auch nie werden können. Und ja, auch ein, zwei Tränen schießen mir in die Augen. Freudentränen. Genau für diese Momente liebe ich den Fußball, liebe ich die Borussia. Kopfschütteln, das kann doch alles gar nicht wahr sein.
Ähnliches, aber nicht annähernd gleiches durfte ich 2008 zweimal innerhalb kürzester Zeit erleben: Seinerzeit traf erst Dede in der Bundesliga in der Nachspielzeit zum 2:1 gegen Leverkusen. Wenige Tage später erzielte Petric im Pokalfinale in der Nachspielzeit das 1:1. Die Gedanken kreisen irgendwie in diesen Sekunden spontan um diese Momente. Fünf Jahre sind sie her. Aber dann begreife ich auch langsam: Das Spiel ist noch nicht aus! Ich denke an das Stuttgart-Heimspiel in der vergangenen Saison. Auch dort haben wir in letzter Sekunde das Spiel gedreht, 4:3. Und im Gegenzug setzte es das 4:4. Die Ekstase weicht wieder der Angst. Anspannung. Pfeif ab! Malaga drückt in den Strafraum. Und dann: Schlusspfiff. Pure Freude, Erleichterung. Und immer wieder Kopfschütteln.
Borussia Dortmund im Halbfinale der Champions League. Wahnsinn.
9. April 2013, ich war dabei, bei meinem ganz persönlichen La Coruna 2.0.
HEJA BVB!!
Nur ein Lichtblick in GE
geschrieben von Daniel Mertens in Dortmund BlogAuswärtsspiel im Feindesland - jahrelang habe ich mich aus Prinzip geweigert, in die Turnhalle zu fahren. Doch bereits in der Vorsaison habe ich mit diesem Vorsatz gebrochen - und sah prompt einen 2:1-Auswärtserfolg meiner Borussia. Beseelt von diesem Erlebnis hatte ich mich nun also auch in diesem Jahr dazu entschieden, mit meinem Fanclub - den Lennetal Supportern - nach Herne-West zu fahren.
Voller Vorfreude besteige ich um kurz nach 11 den Bus in Richtung Trinkhalle GE. Nach dem 3:0 gegen Donezk wird die Mannschaft ja sicher alles in die Waagschale werfen und den Derbysieg nach Hause holen. Nach dem Hinspiel ist da jedenfalls noch eine Rechnung offen!
So oft ich mich nun bereits an dieser Stelle auswärts über die mangelhafte Fantrennung aufgeregt habe, insbesondere bei Risikospielen, so muss ich in diesem Punkte die Blauen doch gegen mein Naturell hin loben. Wer dort am Gästeparkplatz ankommt, dem wird während der gesamten Spielzeit kein einziger Schlumpf unmittelbar begegnen. Durch einen tunnelartigen Aufgang nach dem Eingangsdrehkreuz ist eine strikte Fantrennung gewährleistet. Und im Vergleich zum Vorjahr, als an den Absperrgitterzäunen vor und nach dem Spiel am Blockein- und ausgang die Blauen zum Pöbeln auftauchten, wurden diese Bauzäune in diesem Jahr zusätzlich noch mit schwarzen Sichtschutzfolien ausgestattet. Hut ab, GE, so sieht eine hervorragende Fantrennung aus.
Diese Fantrennung war in den Augen der Medien sicherlich doppelt wichtig. Nach den Vorfällen am Flughafen in Dortmund einige Tage zuvor hatte ich den Eindruck, dass im Rahmen des Derbys die Frage nicht lauten muss, ob, sondern wie viele Tote es bei Massenkrawallen wohl geben wird. Ein derartiger medialer Müll hatte mich unheimlich aufgeregt, allen voran pseudo-besorgte Aussagen wie: „Hoffentlich rückt das Spiel jetzt nicht in den Hintergrund.“ Nee, ist klar, im Vorfeld beginnen diese unsäglichen Schreiberlinge ihre Artikel mit ellenlangen Aussagen über mögliche Krawalle - was zudem auch völlig an den Haaren herbeigezogen ist - und dann am Ende geht man noch kurz auf die Taktik etc. ein, um dann mit besagtem Appell zu schließen. Meine Güte, es ist ein Derby! Abgesehen von den durchaus unschönen, aber wohl zielgerichteten und im Vorfeld verabredeten Auseinandersetzungen im Hinspiel, verlaufen die Derbys seit Jahr(zehnt)en völlig friedlich. Dass es natürlich nicht zugeht wie im Kirchenchor, das ist wiederum normal und gehört dazu! Dieses mediale Schüren vor Angst, Krawallen, Toten und Verletzten geht mir jedoch mächtig auf den Zeiger, weil es jeglicher Grundlage entbehrt. Aber dumme, plakative Aussagen verkaufen sich in den Medien nun einmal immer noch am besten.
Einige Worte zur Pyrotechnik: Schon aus der Perspektive von hinten bot sich ein beeindruckendes Bild, und auch auf den später gesehenen Fotos von vorne wusste die Aktion zu gefallen. An die Pyrogegner: Mir ist kein einziger Verletzter bei dieser Aktion bekannt geworden, dafür bot sich aber ein tolles, stimmungsvolles Bild, das zudem die Vorfreude im Gästeblock noch einmal steigerte. Daher rufe ich an dieser Stelle auch dazu auf: Emotionen respektieren, Pyrotechnik legalisieren.
Leider war dies jedoch auch schon der einzige Lichtblick im Spiel meiner Schwatzgelben. Über das Spiel selbst lege ich den Mantel des Schweigens. Aber seit gestern bin ich mir sicher, wen ich mir im Viertelfinale der Champions League wünsche: Die Blauen. Im Europapokal präsentiert sich mein Verein in diesem Jahr gänzlich anders als in der Bundesliga - und mit dem Duell könnte man die zwei Niederlagen in der Liga noch ausgleichen - und gefühlt mit einem Weiterkommen auf jeden Fall in Führung gehen.
In diesem Sinne: HEJA BVB!!!
Theater in Köln, Empfangsbalken in MG und einsichtige Bayern
geschrieben von Daniel Mertens in Dortmund Blog
Mal wieder ein Dreierpack, drei Spiele in fünf Tagen. Da meine Borussia erst am Sonntag bei der falschen Borussia kurz vor Holland antreten muss, entscheide ich mich kurzerhand, mir samstags das Verfolger-Duell um den dritten Platz der zweiten Liga anzusehen: 1. FC Köln gegen Union Berlin. Das Spiel ist schnell erzählt: Der erste Fußballclub Köln dominiert das Spielgeschehen, ohne dabei jedoch zu brillieren. Trotz meiner Sympathien für den FC muss ich konstatieren: Dass der FC mit seinem Fußball auf dem vierten Platz steht und sogar Ambitionen auf den Aufstieg hegt, ist kein Aushängeschild für den Unterbau der Bundesliga.
Wesentlich interessanter während des Spiels bei gefühlten minus 5 Grad und Dauer-Schneefall war hingegen das, was hinter der Südtribüne passierte. Von meinem Platz in O18 hatte ich dank der durchsichtigen Trennwand einen guten Blick auf das, was sich da unten abspielte. Vor dem Spiel tauchte plötzlich eine kleinere Personengruppe von geschätzten 20, 25 Personen in verstreuter Weise auf. Zunächst war ich mir nicht sicher, ob es sich um Kölner oder Berliner handelte - immerhin trugen sie rot-weiße Fanklamotten, wie sie für beide Vereine typisch sind. Doch angesichts dessen, dass sich dort unten auf dem Stadionvorplatz einige handgreifliche Auseinandersetzungen entwickelten und relativ schnell mehr und mehr Polizisten inklusive den Lasagnen von morgen, a.k.a. Reiterstaffeln, auftauchten, schien es sich hierbei offensichtlich um Berliner zu handeln. Nun wäre es in Köln nach den Erfahrungen der letzten Spielzeit nicht völlig abwegig, zu glauben, dass es sich auch um Kölner handelt, die sich untereinander vermöppen, doch die Gesamt-Szenerie sprach gegen diese Interpretation - und sollte sich auch später in den entsprechenden Stellungnahmen von Polizei und Union bewahrheiten. Nach einigen Minuten ließen die Cops dann auch die Schlagstöcke kreisen, nachdem sich die Berliner nicht unbedingt den Anweisungen beugen wollten. Ich dachte noch mit Blick auf die Berliner: „Was für Idioten! Kommen 500 Kilometer angereist für das bisschen Theater!?“ Meine spontane Idee zur Konditionierung: Die Berliner einfach mal einkesseln und während der 90 Minuten im Schneetreiben so draußen stehen lassen, mal schauen, wie oft die derlei Aktionen dann noch machen. Und, oh Wunder, genau so ist auch die Polizei verfahren. Die Jungs aus Berlin wurden noch vor dem Anpfiff eingekesselt und durften somit dem Spiel lediglich auf akustische Art und Weise von draußen folgen.
Nach dem Spiel wurde ich nun Zeuge einer halbherzigen Fantrennung. Auf dem Weg zur Bahn traf ich plötzlich an der Ecke Osttribüne/Nordtribüne auf eine Polizeikette. Es seien schon mehrere Beamte verletzt worden, die Fantrennung diene nur der eigenen Sicherheit. Wie lange die Sperre denn dauern würde? „Ungefähr 20, 30 Minuten!“ Es ist mir unbegreiflich, wieso man Gästefans, wenn sich ein Teil von ihnen daneben benimmt, nicht einfach prophylaktisch im Block lässt, wie es beispielsweise international üblich ist. Etwaige Sonderzüge etc. wären mir dabei herzlich egal. Da muss man dann auch mal hart durchgreifen. Auf meine Frage, wie ich denn jetzt alternativ hier wegkommen, antwortete der hilfsbereite Cop: „Einfach ums Stadion rumgehen und von der anderen Seite zu den Zügen!“ Ja, wie? Gesagt, getan. Einmal ums Stadion rumgerannt, um dann dort wieder völlig vermischt mit den Berlinern zu der Bahn zu gehen. Wie benagelt war denn dieses Sicherheitskonzept?
Apropos Sicherheitskonzept: Das ist in Gladbach jetzt auch nicht zwingend durchdacht worden. Wenn ich schon ein neues Stadion irgendwo im niederrheinisch-niederländischen Nirgendwo, wo man über jeden Empfangsbalken am Handy froh sein darf, hinstelle, wieso baue ich dann die Gästebusparkplätze genau hinter die Nordkurve, also die Tribüne der Heimfans? So dürfen die Gäste dann den Heimfans fröhlich „hallo“ sagen, wenn sie an der Nordkurve vorbei ums Stadion rum in den Gästebereich strömen. Aber hier möchte ich wiederum auch nicht mit allzu großen Steinen im Glashaus werfen. Die Trennung zwischen Heim- und Gästefans ist im heimischen Westfalenstadion auch katastrophal gelöst, was nicht zuletzt im vergangenen Herbst die offenbar geplante Krawalle rund ums Derby begünstigte.
Ebenfalls wenig deeskalierend verlief die Abmarschphase am Mittwochabend in München. Dort prallten auf dem Stadionvorfeld munter Dortmunder und Münchener zusammen. Provokationen und Handgreiflichkeiten waren hierbei vorprogrammiert, was schließlich auch die Polizei schnell einsah und eine Kette zwischen Schwarzgelben und Roten bildete. Insgesamt war die Polizei in München durchaus lustig drauf. Ich verfolgte das Spiel mit meinem Fanclub, den Lennetalern, im Oberrang in der letzten Reihe. Auf dem Fluchtweg hinter mir marschierte das gesamte Spiel über die Polizei herum. Mal trugen sie blaue Uniformen, dann wieder grüne, mal wanderten sie nach rechts, dann kamen sie genauso schnell wieder zurück, alles ohne ersichtlichen Grund. Vielleicht war den Jungs einfach nur kalt, Sinn schien die Marschaktion jedenfalls nicht zu ergeben.
Die Bazis in der Südkurve hingegen hatten in ihrer Choreografie zum Geburtstag ihres Vereins endlich ein Einsehen. Mit schwarzgelben Plastikbannern und dem Schriftzug „Die Farben der geilsten Stadt“ schienen sie endlich vernünftig zu werden. Leider wandelten sich die Banner danach noch in rot-weiß mit dem Schriftzug „Die Farben des besten Vereins“... nun ja!
Die Niederlage in München geht vollauf in Ordnung. Meine Borussia hätte wahrscheinlich jetzt noch spielen können, ohne ein Tor erzielt zu haben. Dennoch zeigte der Sieg, wie tief der Stachel bei den Münchenern nach den vergangenen beiden Jahren noch sitzen muss. Wenn ich mir die Reaktionen zahlreicher Bayernfans angesehen habe, die diese nach dem Schlusspfiff in Richtung uns Borussen zeigten, dann schien dieser Erfolg für sie so einiges auszubügeln. Erschreckend war jedoch, zu welch geistreichen Gesten sich etliche Bazis hinreißen ließen, obwohl beispielsweise die Kinder direkt daneben standen. Und so zog ich aus dem Spiel auch etwas Positives: Der Stachel von 2010 bis 2012 - er sitzt in München offenbar immer noch tief - und das mindestens noch bis Mai 2013. Vorher hoffe ich aber auf ein Wiedersehen in der Champions League - am liebsten natürlich erst am 25. Mai... ;)
HEJA BVB!!!
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