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Montag, 10 Februar 2014 16:06

Bis zum kotzen!

geschrieben von

gws leerEs ist Montag Nachmittag, ich sitze in meiner Wohnung im Bremer Stadtteil Neustadt und im Fernsehen läuft gerade eine sehr faszinierende Dokumentation über den ägyptischen Baumeister Imhotep. Der Mann lebte vor ungefähr 4.700 Jahren und war ein wahres Genie, seiner Zeit weit vorraus. Er gilt als der erste Pyramidenbauer und manche vermuten dass er auch die ägyptische Schrift und Medizin (inklusive der Mumifizierung) erfunden hat. Durch sein großes Können erwarb er sich die Gunst des Pharaos Djoser und veränderte das Gesicht des ägyptischen Reiches für immer. Das ging soweit, dass in späteren Zeiten nicht der Pharao, sondern Imhotep als "Heilgott" vom Volk verehrt wurde.

Eine solche Runderneuerung hat Werder Bremen auch dringend nötig. Thomas Eichin mag ein fähiger und qualifizierter Mann sein, ein Imhotep ist er aber bei weitem nicht. Und das gilt auch für Robin Dutt. Vor allem der Kredit des Trainers schwindet unter den Fans mit zunehmender Geschwindigkeit. Vor 48 Stunden, während der SV Werder mit 1:5 gegen Borussia Dortmund (auch in der Höhe) verdient unterlag, häuften sich die Worte "Dutt raus!" in meiner recht umfangreichen Twitter-Timeline zusehens. Die Fans stehen immer noch eng zur Mannschaft; trotz miserabler Tabellensituation, trotz einer unansehlichen Spielweise, trotz immer der selben Phrasen mit denen die Fans jede Woche aufs Neue abgespeist werden und trotz eines mehr als beschämenden Sponsors, trotz alledem war das Weserstadion ausverkauft. Doch Wut und Frustration steigen unaufhörlich, mit jedem verlorenen Spiel und mit jeder Gegentor mehr. Spätestens wenn ich die kleine Werder-Raute aus Pappe in der kicker-Stecktabelle auf einen der drei hintersten Plätze stecken muss, spätestens wenn das Absteigsgespenst sich dauerhaft in der Nähe des Weserstadions niederlässt, ja spätestens dann wird der entscheidene Tropfen gefallen sein, der das berühmte Fass zum Überlaufen bringt.

Ich frage mich allerdings, ob es überhaupt sinnvoll wäre, den Trainer abermals auszutauschen. Mal völlig abgesehen vom finanziellen Aspekt (kann es sich Werder Bremen leisten, drei Cheftrainer gleichzeitig zu bezahlen?) könnte ein neuer Trainer auch nur mit dem Spielermaterial arbeiten, dass nun mal gerade da ist, und am Umfeld könnte ein neuer Übungsleiter auch nicht viel ändern. Keiner unter uns Fans hat auch nur den kleinsten Einblick in das Tagesgeschäft. Wir sehen nur das, was auf dem Platz und im öffentlichen Training geschieht sowie was uns durch die Medien erreicht. Und Letzteres ist ausnahmslos immer von PR- und Marketing-Aufsehern gefiltert, eine ungeschminkte und unzensierte Wahrheit werden wir nie zu sehen bekommen. Ich weiß daher nicht, ob Robin Dutt die Mannschaft tatsächlich nicht erreicht. Ich habe keine Ahnung, warum sich das Team derartig schwach präsentiert, und das sogar gegen vermeintlich noch schwächere Gegner. Rein von den sportlichen Fähigkeiten der Spieler her sollte Werder Bremen eigentlich in der Lage sein, an den Europapokalplätzen zumindest dezent zu kratzen. Davon ist das Team aber weit entfernt, es steckt tief im Absteigskampf. Wie zuletzt unter Schaaf, so nun auch unter Dutt. Ich neige daher dazu den Faktor Trainer als Grund für die Misere auszuschließen, aber wie wir alle kann auch ich nur spekulieren. Wirklich wissen tue ich's auch nicht, keiner von uns Fans tut das.

Natürlich sehe ich, wie immer wieder einzelne Spieler als die Schwachpunkte ausgemacht werden, die es auszumerzen, also schnellstmöglich zu verkaufen, gillt. Eine zeitlang war das Sebastian Mielitz, dann Aaron Hunt, irgendwann auch mal Sebastian Prödl, Assani Lukimya oder Nils Petersen. Jede Woche wird eine andere Sau durch die (a)sozialen Netzwerke getrieben, einer Lösung oder neuen Erkenntnissen ist man so aber auch kein Stück näher gekommen. Zudem es schlicht dämlich ist, einem einzelnen Spieler die Schuld an Tabellenplatz 13 aufhalsen zu wollen. Sorry, aber wer auf der Schiene fährt, hat keine Ahnung vom Fußballsport.

Der Trainer sieht und arbeitet jeden Tag mit den Spielern. Er spricht mit ihnen, er kennst sie persönlich besser als wir Fans alle zusammen. Das muss er auch, das ist schließlich sein Job. Wir Fans (und da schließe ich mich selbst nicht aus) sitzen zu Hause und können uns nur Gedanken machen, spekulieren und Mutmaßungen anstellen. Wir wissen garantiert nicht besser als der Trainer, was mit der Mannschaft los ist. Wir wüßten es aber sehr gerne, weshalb viele Fans zunehment genervt oder verärgert reagieren, wenn sie Woche für Woche mit den selben nichtssagenden Phrasen abgespeist werden.

Der Schulterschluß zwischen Fans und Team ist, wie bereits erwähnt, noch sehr eng, Bremen kehrt seiner Mannschaft nicht den Rücken. Doch haben sich Teile des Publikums auch einige Dinger geleistet, die ich nicht im geringsten nachvollziehen oder gutheißen kann. Wenn die Mannschaft zurückliegt, moralisch am Krückstock geht und auf die Hilfe und die Unterstützung der Fans angewiesen ist, dann halte ich es für dumm und kreuzunnötiog stattdessen minutenlang "Scheiss HSV!" zu skandieren. Jetzt mal ehrlich, was soll der Blödsinn? Das hilft der Mannschaft keinen Millimeter weiter, im Gegenteil, als Spieler könnte man da glatt den Eindruck bekommen, den Fans sei das Beleidigen des Erzrivalen (den das nicht die Bohne juckt und der zu dem Zeitpunkt nicht mal gespielt hat) wichtiger und die Lage der Mannschaft inzwischen völlig egal.

Wem es wichtiger ist den Hamburger SV zu beleidigen als die Mannschaft anzufeuern wenn sie es dringend nötig hat, der soll doch in Zukunft lieber nach Hamburg fahren und sich mit einem der neuerdings so beliebten "Scheiss HSV"-Schals vor den Volkspark stellen anstatt im Weserstadion den Fans einen Platz wegzunehmen, die die Mannschaft unterstützen möchten. Überhaupt, diese dämlichen Schals: ich halte es schon für etwas übertrieben dass diese vom Ordnungsdienst reihenweise beschlagnahmt wurden, aber andererseits finde ich es auch über alle Maßen traurig wie beliebt diese kindischen Dinger plötzlich sind. Eines fairen Publikums (für das Bremen mal berühmt war) ist sowas unwürdig und außerdem hat Werder Bremen zur Zeit wirklich andere Probleme als so viel Zeit, Energie, Geld und Aufmerksamkeit an den Rivalen aus Hamburg zu verschwenden.

Ich möchte nochmal auf das Dortmund-Spiel zurück kommen. Um mal eine uralte Phrase zu dreschen: es war nicht alles schlecht. Ja, man muss ziemlich lange suchen, aber ich habe zwei Dinge gefunden, die man auch positiv erwähnen kann. Zum einen erreichte Werder Bremen in diesem Spiel eine Passquote von 73,30% (302 erfolgreiche Pässe, 110 Fehlpässe). Das ist der viertbeste Wert aller bisher in dieser Saison absolvierten Bundesligaspiele und um satte 15,48 Prozentpunkte besser als bei der 1:3-Niederlage in Augsburg eine Woche zuvor. Hier läßt sich als eine positive Tendenz erkennen. Zum zweiten hatten die Bremer Spieler ja angekündigt, "bis zum Kotzen" laufen zu wollen. Wenigstens einer der Werderaner hat das auch in die Tat umgesetzt: Eljero Elia war am Samstag mit durchschnittlich 8,44 km/h unterwegs, das ist bei Werder neuer Saisonrekord (mehr Statistiken rund zu Werders Laufleistungen findet Ihr hier). Das sind vielelleicht nur kleine Lichtblicke, aber immerhin etwas. Und es ist mir tausendmal wichtiger als ständig zum Ausdruck bringen zu müssen, wie doof ich den HSV finde.

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Freitag, 07 Februar 2014 10:51

Zwei weitere Jahre der Scham

geschrieben von

gws leerDas Leben als Werder Bremen-Fan ist zur Zeit nicht einfach und kaum vergnügungssteuerpflichtig. Die sportliche Situation ist alles andere als rosig, der SV Werder steckt mitten im Absteigskampf. Tief graben sich die Sorgenfalten ins Gesicht des Bremer Publikums, der Gedanke an zukünftige Auswärtsfahrten nach Sandhausen, Paderborn oder Ingolstadt raubt den grün-weißen Anhängern an der Weser den Schlaf. Lange vorbei ist die Zeit, als der SVW noch mit begeisternden Offensivfußball die Zuschauer begeisterte, als man Stammgast in den edelsten Arenen Europas war und als man sich mit der roten Konkurrenz aus München noch auf Augenhöhe duellierte. Werder Bremen wurde damals selbst von Nicht-Fans im höchsten Maße respektiert und bewundert, kein anderer deutscher Fußballklub konnte unter jenen Fußballinteressierten, die sich nicht direkt als Werder-Fans bezechneten, so viele Sympathien auf sich vereinen.

Dieses hochsympathische Image hatte der SV Werder Bremen jedoch nicht nur aus sportlichen Gründen. Werder Bremen stand auch mal für Integrität, Nachhaltigkeit, Engagement und Seriosität. Spätestens seit heute ist dieses Image aber auch zum Teufel, denn heute wurde bekannt dass der hochgradig umstrittene und zu Recht äußerst scharf kritisierte Sponsoring-Vertrag mit der PHW-Gruppe, der eigentlich am Ende der aktuellen Saison ausgelaufen wäre, um zwei weitere Jahre verlängert wurde. Das bedeutet dass die Werder-Profis bis zum 30. Juni 2016 weiterhin mit dem unbeliebtem "Wiesenhof"-Logo auf der Brust herumlaufen werden.

Über Wiesenhof habe ich hier an dieser Stelle schon jede Menge geschrieben. Man braucht nur den entsprechenden Wikipedia-Artikel aufrufen um eine grobe Zusammenfassung präsentiert zu bekommen, warum diese Firma zu einem Klub wie Werder Bremen ungefähr so gut passt wie ein Hello Kitty-Kostüm zu Lord Vader. Neben den recht umfangreichen Absätzen, die sich um massive Verstöße gegen Umwelt- und Tierschutzvorschriften drehen, tauchen dabei auch Themen auf wie Arbeiterausbeutung, Lohndumping, katastrophale Arbeitsbedingungen, durch Betrug erschlichene EU-Subventionen in Millionenhöhe sowie Einschüchterungen und Bedrohungen von kritischen Mitarbeitern und Pressevertretern. Die Personalpraktiken bei Wiesenhof, die wirklich nur noch als unmenschlich bezeichnet werden können, werden in diesem kurzen Absatz aus oben erwähnten Wikipedia-Artikel recht deutlich:

Im Juli 2007 berichtete das ZDF-Magazin "Frontal21" über sehr schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne bei Wiesenhof von polnischen Gastarbeitern, die nur 3,50 € pro Stunde verdient haben sollen. Die PHW-Gruppe verwies in einer Stellungnahme darauf, dass alle Beschäftigungsverhältnisse ordnungsgemäß und regelmäßig von den verantwortlichen Behörden ohne Beanstandung geprüft werden und dass entgegen den Aussagen des Berichts die Bruttolöhne für die angesprochenen Arbeiter zwischen fünf und sechs Euro lägen; hinzu käme noch freie Logis, was im Beitrag vorenthalten worden war. Diese Vorwürfe wurden ebenfalls in der im August 2011 ausgestrahlten ARD-exclusiv Reportage "Das System Wiesenhof" erhoben. Hier wurde anhand eines Betriebes jedoch deutlich gezeigt, dass Kost und Logis nicht frei waren − für einen einfachen Schlafplatz in einem Vierbettzimmer einer alten Kaserne musste ein Arbeiter 4 Euro pro Tag bezahlen. Andere Mitarbeiter bestätigten dies und sprachen von einer Monatsmiete von 120 bis sogar 150 € bei einer Vergütung von 5,50 € pro Stunde.

Im Juni 2013 flog ein komplexes Geflecht an schnell wechselnden Werkvertragsnehmern und Zeitarbeitsfirmen im Umfeld des PHW-Unternehmens Geestland in Wildeshausen auf, das Spätaussiedler sowie ausländische Arbeitskräfte aus Rumänien, Bulgarien und Vietnam zu sehr ungünstigen Konditionen (Dreimonatsverträge, € 0,23 Lohn pro zerlegter Pute) beschäftigte. Auswärtige Arbeiter wurden in Massenunterkünften (bis zu 15 Betten pro Zimmer) einquartiert. Unerwünschte Mitwisser wurden offenbar massiv eingeschüchtert.

 

Für dieses Unternehmen macht Werder Bremen nun also Reklame. Und nicht nur Werder Bremen, sondern auch alle Fans, die mit dem Wiesenhof-Logo auf der Brust durch die Welt laufen. Habe ich ein übertriebenes Gerechtigkeitsempfinden, weil ich diese Tatsache schlicht zum kotzen finde? Ich denke nicht, denn mittlerweile habe ich mitbekommen dass zahlreiche weitere Werder-Fans ebenso denken. Ein Anhänger hat sich in einem bewegenden und äußerst lesenswerten offenen Brief (zu lesen hier) an Vereinspräsident Klaus-Dieter Fischer gewandt und seinen Austritt aus dem Verein erklärt. Es würde mich nicht überraschen, wenn das nicht der letzte Wiesenhof-bezogene Vereinsaustritt wäre.

Werder Bremen hat die Proteste gegen Wiesenhof in den letzten zwei Saisons durchaus mitbekommen und weiß, wie stark umstritten und höchst unbeliebt dieser Sponsor unter den Fans ist. Es stellt sich die Frage, warum es nun trotzdem zu einer Verlängerung dieses beschämenden Vertrages gekommen ist. Wie mittlerweile allgemein bekannt sein dürfte, sucht sich der SV Werder Bremen seine Sponsoren nicht selbst aus, das macht das internationale Sportmarketingunternehmen "Infront Sports & Media". Hat Infront nun also den Vertrag mit Wiesenhof auf Drängen der Werder-Geschäftsleitung hin verlängert oder ist die Verlängerung Werder Bremen durch Infront erneut aufs Auge gedrückt worden? Werder Bremen ist vertraglich dazu verpflichtet alle Sponsoren zu akzeptieren, die Infront für den SVW aussucht. Tut Werder Bremen das nicht, stehen sie nicht nur ohne Sponsor da, sondern haben auch noch eine Klage wegen Vertragbruches am Hals. Auch diese Art der "Vertragspartnerschaft", die nach aktuellem Stand noch bis zum 30. Juni 2019 Bestand haben wird, ist zumindest stark fragwürdig.

Ich sehe die Integrität des SV Werder Bremen durch diese Sponsoring-Partnerschaft massiv erschüttert. Als im Spätsommer 2012 Proteste gegen Wiesenhof aufflammten leistete die Geschäftsführung des Vereins das öffentliche Versprechen, Wiesenhof genau im Auge behalten und bei eventuellem Fehlverhalten die Partnerschaft "neu überdenken" zu wollen. Dieses Versprechen wurde bisher nicht eingelöst, denn seit dem sind zahlreiche neue Skandale rund um Wiesenhof ans Licht gekommen. So hart und traurig es klingen mag, aber an dieser Stelle hat Werder Bremen schlicht gelogen. Einen sehr faden Beigeschmack hatte auch Wiesenhofs Versprechen, jeder Fan könne sich gerne vor Ort von den Wiesenhof-Betrieben selbst ein Bild machen. Kurze Zeit später gab es auch eine Besichtigung eines Produktionshofes, was aber eher in die Kategorie "medienwirksame Propaganda" fällt. Es liegen zahlreiche Berichte vor von Fans, die eben dieses Angebot in Anspruch nehmen wollten, die aber entweder gar keine Antwort bekamen (unter anderem ich selber) oder harsch abgewiesen worden. Auch an diesem Punkt wurde die Öffentlichkeit also dreist belogen.

Die Partnerschaft mit der PHW-Gruppe und das Werben für Wiesenhof ist eine Schande für Werder Bremen, kein Millimeter weniger! Es ist leider nicht bekannt ob Werder Bremen aus eigenen Antrieb so handelte oder aufgrund des vertraglichen Zwanges gegenüber Infront. Ich kann nur jedem Fan dringend dazu auffordern: kauft keine Wiesenhof-Produkte und lasst die Finger vom Werder-Trikot, solange es durch diesen Schandfleck namens Wiesenhof korrumpiert wird!

 

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Dienstag, 04 Februar 2014 10:41

41.975

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gws leerAm heutigen Dienstag, den 4. Februar 2014, ist es exakt 41.975 Tage her, seit eine Gruppe 16-jähriger Bremer beim Tauziehen einen Fußball gewann und beschlossen, den "Fußball-Verein Werder von 1899" zu gründen. In diesen 115 Jahren ist am Osterdeich eine Menge passiert. In den ersten 20 Jahren durften nur Männer mit hohem Schulabschluss dem Verein beitreten. Im Dritten Reich war Werder Bremen ein Vorzeigeklub des Regimes, der von Vereinsführer Willy Stöver voll und ganz in den Dienst des Nationalsozialismus und des Wehrsportgedankens gestellt wurde. Das mögen die Antifa-Fahnenträger in der Ostkurve sicher nicht gerne hören, entspricht aber leider den Tatsachen. Nach dem Krieg wurde der Verein wie alle anderen Vereine in Deutschland verboten und musste den Spielbetrieb für kurze Zeit einstellen. Später wurde Werder Bremen Gründungsmitlgied der Bundesliga, seit dem gehörte der Klub nur in der Saison 1980/1981 nicht der höchsten deutschen Spielklasse an. Doch dieser Ausflug in die 2. Liga bescherte Werder auch einen Rekord, denn der SVW schaffte es als erster deutscher Klub sich als Neuaufsteiger für den Europapokal zu qualifizieren. Dort gab es dann die unvergesslichen "Wunder von der Weser", beispielsweise die packenden Rückspiel-Aufholjagden gegen Spartak Moskau, dem Berliner FC Dynamo oder Olympique Lyon. Den jüngeren Lesern dürfte vor allem die Ära mit Trainer Thomas Schaaf in Erinnerung sein: Werder Bremen wurde Deutscher Meister, Pokalsieger und Stammgast in den Stadien Europas.

Von diesen ruhmreichen Tagen, als man noch auf Augenhöhe mit dem FC Bayern München (a.k.a. der Lord Vader der Bundesliga) spielte, ist heute nicht mehr viel übrig. Die nüchternen Zahlen: nur drei Punkte Vorsprung auf die Absteigszone, bei ungünstiger Konstellation sind auch die nächste Woche schon futsch. Auf dem Konto die drittschlechteste Tordifferenz aller deutschen Erst-, Zweit- und Drittligisten, die schlechteste seit 39 Jahren. In Augsburg konnte eine vom Gegner geschenkte Führung nicht in Punkte umgemünzt werden, zudem verlor man Santiago García per Ampelkarte. Überhaupt, García: wer bereits verwarnt worden ist darf sich eine solche Aktion nicht erlauben. Unabhängig von der peinlichen Schauspieleinlage des Gegenspielers darf García erstens einen solchen Einstieg nicht bringen, denn um wegen gefährlichem Spiel verwant zu werden ist es laut Regelwerk völlig unerheblich ob García den Gegner dabei berührt hat oder nicht. Er nahm eine Verletzung des Gegenspielers billigend in Kauf, daher gab es völlig zu Recht die gelbe Karte, blöderweise bereits seine Zweite in diesem Spiel. Und dass er zweitens für sein Verhalten unmittelbar danach nur ein zusätzliches Spiel gesperrt wird (also insgesamt zwei Spiele zuschauen muss) und 5.000 Euro Geldstrafe bekam, damit ist García als Wiederholungstäter noch sehr glimpflich davongekommen. Das sahen sowohl Spieler als auch Verein vermutlich ganz ähnlich, weshalb sie das Urteil des DFB-Sportgerichtes (nachzulesen hier) auch widerstandslos akzeptierten.

Diese García-Geschichte schlug unter den Fans recht hohe Wellen und der größte Teil dessen, was ich in den diversen Foren, Blogs und (a)sozialen Medien zu lesen bekam, löste in mir eher großes Unverständnis aus. Es ist für mich sehr erstaunlich dass die Fans sehr viel mehr Energie darin investieren auf den Schiedsrichter heumzuhaken als auf die katastrophale Leistung der eigenen Mannschaft. Dafür platze Robin Dutt nun anscheinend der Kragen. In diversen Interviews (zum Spielspiel hier in der Kreiszeitung Syke) gab der Trainer an, er hätte in Augsburg die "Wettbewerbsmentalität" vermisst, die er jedoch als eine "Grundtugend" erachte, deren Fehlen er der Mannschaft keine Minute lang durchgehen lassen würde. Es würde ihn auch nicht interessieren warum ein Spieler seine Vorgaben nicht umsetzen würde. Er habe 21 Möglcihkeiten um durchzuwechseln, in dieser Woche gäbe es keine Reservisten und keine Stammspieler mehr, die gäbe es erst wieder am Samstag. Mentalität gehe ihm vor Qualität, ließ er wissen.

Grundsätzlich halte ich es für richtig und wichtig, die Mentalitätsfrage zu stellen, jedoch kommt mir bei Robin Dutt hier die Selbstkritik deutlich zu kurz. Es ist das eine, der Mannschaft öffentlich die zweifellos mangelhafte Wettbewerbsmentalität vorzuwerfen und eine deutliche Steigerung zu verlangen, aber ebenso öffentlich zu reflektieren ob es vielleicht nicht gelungen ist, die eigenen taktischen und spielerischen Vorgaben deutlich und verständlich genug vermittelt zu haben und ob diese Vorgaben überhaupt die Richtigen waren, dass ist wieder etwas ganz anderes. Damit will ich keineswegs eine Trainerdiskussion anregen, denn nachdem es in dem erfolgreichen Jahrzehnt unter Thomas Schaaf anscheinend völlig versäumt worden ist diesen Erfolg sowohl sportlich als auch finanziell auf nachhaltig solide Beine zu stellen, würde ein erneuter Trainerwechsel an der aktuellen Misere wohl nur wenig bis gar nichts ausrichten.

Werder Bremen existiert heute seit exakt 41.975 Tagen, das ist fast genau auch die Zahl an Fans, die bei jedem Heimspiel das Weserstadion füllen. Robin Dutt sagte, er würde jeden Tag kämpfen und er verlange von allen anderen auich, dass sie jeden Tag kämpfen würden, sonst würden die Fans wegbleiben. Im Training scheint wohl wieder ordentlich Dampf drin zu sein, zumindest laut einem Bericht der Kreiszeitung Syke (nachzulesen hier). Wenn dieses Feuer am lodern gehalten wird und sich nicht nur ein weiteres Mal als Streichholz im Orkan erweist, dann besteht durchaus Grund zur Hoffnung dass die Mission "Klassenerhalt" erfolgreich abgeschlossen werden kann.

Lieber SV Werder Bremen, alles Gute zum 41.975-tägigem beziehungsweise 115-jährigen Jubiläum. Mach Dir das Wiedererlangen der richtigen Mentalität selbst zum Geschenk. Europa mag zur Zeit in weiter Ferne sein, die Herzen Deiner Fans sind dafür umso näher.

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BTSV 4Borussia zu Gast beim Aufsteiger, dem Traditionsverein und Deutschen Meister von 1967, Eintracht Braunschweig. Dies bedeutete zugleich einen neuen Stadionpunkt für mich, hatte ich doch das denkwürdige 1:2-Erstrundenaus im DFB-Pokal der Saison 2005/06 an gleicher Stelle - inklusive des Stromausfalls - verpasst. Nun wartete es also, das gegenwärtig wohl nostalgischste Stadion der Ersten Bundesliga, das Eintracht-Stadion. Eröffnet wurde es schon im Jahr 1923, wurde seither aber einige Male umgebaut und renoviert. 23.325 Zuschauer passen offiziell in das Oval und selbstverständlich war das Stadion bis auf den letzten Platz ausverkauft, als das Flutlicht zum Anpfiff des 19. Spieltages eingeschaltet wurde.

BTSV IIDer erste Eindruck vor Ort am Stadion transportierte angesichts der Plattenbauten rund um das Eintracht-Stadion direkt das Bewusstsein, dass die Grenze zur ehemaligen DDR von hier nicht mehr allzu weit entfernt ist. Auf dem Gästeparkplatz ließ die Eintracht zunächst eine Vorkontrolle für die Gästefans einrichten, durch welche wir Schlachtenbummler in kleineren Gruppen zur eigentlichen Eingangskontrolle geschleust wurden. Mit dieser Doppelkontrolle sollte einerseits ein zu starker Andrang an den Eingangstoren als auch ein möglicher Blocksturm verhindert werden. Rund 30 Ordner waren hier für den reibungslosen Ablauf zuständig.

Etwas gewöhnungsbedürftig war dann jedoch das kulinarische Angebot im Gästebereich. Das Engagement eines lokal ansässigen Automobilkonzerns schlug sich sodann auch in der offiziellen Bezeichnung der Braunschweiger Currywurst nieder. Damit kam diese schon einmal nicht als Mittel gegen den leeren Magen in Betracht. Zur Wahl stand nun noch eine „Spezialwurst“, dessen Besonderheit sich in einer Extraschärfe entfaltete. BTSV 1Schnell sollte sich auch herausstellen, dass es einen Unterschied zwischen der Bestellung „Currywurst mit Pommes“ und „Multiplatte“ geben sollte. Bei der ersten Bestellvariante gab es zwei kleine Schälchen, was sich beim Essen für manchen als nicht hundertprozentig vorteilhaft erweisen sollte. Bei der „Multiplatte“ wiederum gab es - wie es der Name schon suggeriert - eine multiple Platte mit Currywurst und Pommes in einer Schale. Nach den Irrungen und Wirrungen der Nahrungsaufnahme sollte fortan jedoch das Spiel im Mittelpunkt stehen.

Das Eintracht-Stadion, noch mit dem Charme einer Laufbahn um das Spielfeld und guten alten Flutlichtmasten in den Ecken ausgestattet, versprühte eine ganz besondere Atmosphäre, wie sie sich in den heutigen zwar komfortablen, aber doch meist sterilen Arenen der Bundesliga kaum noch entwickeln kann. Die Heim-Fans auf der Südkurve begrüßten beide Mannschaften beim Einlauf mit einer kleinen Choreo bestehend aus einem Konterfei von Konrad Koch, einem der Initiatoren des Fußballspiels in Deutschland im 19. Jahrhundert. Dazu mahnten die Braunschweiger Supporter darunter mit zwei Bannern: BTSV 3„Konrad Koch hat es als erster erkannt, Fußball ist weltoffen und tolerant!“ Ein weiteres Transparent forderte die Blau-Gelben dazu auf: „Dortmund vernaschen“. Apropos vernaschen: Ein Lied des BTSV blieb mir als Freund saftigen Fleisches und einer norddeutschen Automarke kurz vor dem Anstoß doch sehr nachhaltig in Erinnerung, heißt es dort doch in sehr bemerkenswerter Weise: „Die Wurst in meinem Kühlschrank, die hält nur ein paar Tage. Mein guter alter Golf fährt höchstens noch zwei Jahre. [...]Zum Glück gibt‘s noch immer Eintracht Braunschweig“.

Der schwarzgelbe Support im Gästeblock musste wiederum zunächst noch ohne die Ultra-Gruppierung „The Unity“ auskommen, deren Mitglieder erst verspätet nach rund 20 Minuten im Gästeblock eintrafen, aber dann alsbald das optische und akustische Bild auf der Nordkurve (und das Wort nehme ich als Dortmunder nur äußerst ungerne in den Mund) abrundeten. Vor den Stadiontoren verbrachten einige Stadionverbotler, an die auch im Block mittels der einschlägigen Parolen gedacht wurde, die 90 Minuten.

Unterm Strich war der Ausflug nach Braunschweig unter fankulturellen Aspekten ein voller Erfolg. Ein Stadion wie dieses sucht heutzutage sicherlich seinesgleichen.

 

Montag, 27 Januar 2014 10:43

Weniger Micoud und mehr Borowka

geschrieben von

gws leerOkay, ein 0:0-Unentschieden gegen den Tabellenletzten zum Rückrundenauftakt ist jetzt eher so... Meh. Man hätte sich mehr erhofft. Lese ich zumindest überall. Und überhaupt, eigentlich hat Werder ja auch mit 1:0 gewonnen, wäre Elias Treffer nicht durch Schiri Brych die Anerkennung verweigert worden. Daraus folgt, moralischer Sieger SVW? Für moralische Siege kann man sich nichts kaufen, wer's nicht glaubt kann ja mal in Gelsenkirchen nachfragen. Aber war denn tatsächlich mehr zu erwarten? War es wirklich verhältnismäßig, von einem SVW in seiner aktuellen Verfassung einen Sieg zu "fordern", nur weil der Gegner derzeit am Tabellenende steht? Im Trainingslager unter der Sonne Andalusiens wurde in zwei Spielen nur ein Punkt geholt und kein einziges Tor geschossen, und das gegen zwei Gegner die Werder zu seinen goldenen Zeiten auf der linken Arschbacke sitzend vom Platz gejagt hätte. (Mist, ich hatte mir eigentlich vorgenommen nicht mehr in der glorreichen Vergangenheit zu schwelgen. Das müssen wir uns echt abgewöhnen Leute, denn das verzerrt den Blick auf die Realität.) In der Realität ist Werder nur vier Punkte von der Abstiegszone entfernt. Dieser Vorsprung kann weg sein, noch ehe der an diesem Wochenende in Bremen gefallene Schnee weggeschmolzen ist. Abstiegskampf, das ist die Realität. Und es gehört zur Natur der Sache dass man gegen eine Mannschaft, die ebenfalls im Abstiegskampf steckt, eben nur mal ein Unentschieden einfährt.

Die verehrten Kollegen von hamburg-ist-gruen-weiss.de, deren Arbeit ich sehr schätze, schreiben in ihren aktuellen Blog (zu lesen hier) dass sie bei Werders Auftritt gegen Braunschweig die Leichtigkeit vermisst haben. Die habe ich auch vermisst, aber nicht erst seit Sonntag. Die ehemals Werder-typische Leichtigkeit sah ich zum letzten Mal, als der SVW noch in Kappa-Trikots über den Rasen des Weserstadions lief. Und wenn wir mal ehrlich sind, so hat Abstiegskampf ja auch nicht wirklich viel mit Leichtigkeit zu tun. Abstiegskampf ist dreckig, ekelhaft und in etwa so schön anzuschauen wie unsympathische Schlagersänger in gefakten Dschungeln. Im Kampf gegen die Rückstufung in Liga 2 wird gemauert und um jeden einzelnen Punkt gefightet, hier sind Defensivspezialisten gefordert (im Werder-Jargon: weniger Micoud, mehr Borowka). Aus dieser Sicht kann man das Braunschweig-Spiel sogar als Erfolg verbuchen, denn eigentlich sollte man als Werder-Fan über jedes Spiel heilfroh sein, in dem die Bremer kein Gegentor kassieren. Ich weiß, Defensivfußball ist ungefähr so beliebt wie als Linke-Politikerin zu Markus Lanz in die Talkshow zu gehen, vor allem hier in Bremen, aber ich sehe darin den meisten Chancen für den Klassenerhalt. "Die Null muss stehen" sagte schon Huub Stevens und damit hat er recht: solange der eigene Kasten sauber bleibt, ist ein Punkt schon mal sicher. Und im Abstiegskampf ist jeder einzelne Punkt verdammt wertvoll. Ist nicht schön anzuschauen, stimmt, aber Werder gegen Sandhausen oder Paderborn spielen zu sehen ist sicherlich noch weniger wünschenswert.

Aus diesem Grund ist mir ein 0:0 gegen Braunschweig mit einer stabilen Abwehr tausendmal lieber als Möchtegern-Hurra-Offensivfußball, der Werder in der Vergangenheit sicherlich nicht nur Unmengen an Punkten, sondern vermutlich auch den einen oder anderen Titel gekostet hat. Viel zu viele dumme und unnötige Gegentore fing man sich mit dieser Ausrichtung ein, je früher man sich davon verabschiedet desto besser. Dass das Braunschweig-Spiel häßlich anzusehen war meint auch der hochgeschätzte Kollege Burning Bush aus Berlin, der in der aktuellen Ausgabe seines Blogs #werder2013 (zu lesen hier) "Ich bin ein Werder-Fan, holt mich hier raus" beispielsweise schreibt, er hätte einen Kopfball von Gebre Selassie gerne als animiertes gif-File "für schlechte Tage". Sicher auch eine Art und Weise, wie die Mannschaft für Unterhaltung sorgen kann, wenn auch keine sehr Wünschenswerte. Ferner schlägt er vor, dass wir den gefühlten Rückrundenstart dann einfach auf nächste Woche und nach Augsburg verschieben, den Punkt gegen Braunschweig aber dennoch behalten. Der Aussage schließe ich mich einfach mal an.

Sowohl die Kollegen aus Hamburg als auch aus Berlin bemängeln zusammen mit der absoluten Mehrheit der Werder-Fans die Leistung von Schiedsrichter Brych. Da ich selber vor einigen Jahren als Schiedsrichter aktiv war (an dieser Stelle schöne Grüße an die SR-Abteilung der SpVgg Unterhaching, deren Mitglied ich damals war) ist mir das öffentliche bzw. mediale Anprangern der Unparteiischen jedes Mal aufs neue ein völliges Greuel. Sicher, Sportsfreund Brych bzw. seine Assistenten sahen beim vermeintlichen Abseitstor von Elia nicht wirklich gut aus, aber im völligen Gegensatz zu uns verwöhnten Social Media-Klugscheissern, die bereits einen Screenshot der strittigen Szene in Umlauf bringen und dabei jeden Pixel einzeln analysieren noch bevor das Spiel abgepfiffen ist, stehen Brych und seinen Kollegen keinerlei technische Hilfsmittel zur Verfügung. Brych ist ein Mensch und Menschen machen Fehler. Jetzt kann man natürlich wieder die endlose Profischiedsrichter-/Chip im Ball-/sonstige-technische-Hilfmittel-Debatte aufwärmen, von mir aus auch eine Diskussion wo die Grenze zwischen sachlicher Kritik, Mobbing und Shitstorm liegt. Ich persönlich halte es da etwas einfacher: wer um's Verrecken nicht damit leben kann dass während eines Spiels menschliche Fehler passieren, der hat sich mit Fußball schlicht die falsche Sportart ausgesucht. Nebenbei: Brych ist garantiert nicht schuld daran dass Werder Bremen gegen Eintracht Braunschweig "nur" einen Punkt geholt hat. Das haben die grün-weißen Jungs ganz alleine selbst zu verantworten (inklusive Elia, der sich "betrogen" fühlt).

Nächstes Wochenende fahren die Bremer nach Augsburg. Ich wäre völlig zufrieden, wenn dann hinten wieder eine Null steht.

 

P.S.: Während der Korrekturlesung dieses Textes habe ich erschrocken festgestellt, dass ich das Wort "Abstiegskampf" ausnahmslos jedes Mal falsch geschrieben habe. Da kann man mal sehen wie extrem sich mein Hirn dagegen sträubt, Werder Bremen in Liga zwo zu sehen.

Mittwoch, 22 Januar 2014 13:30

Zum Fankongreß 2014 in Berlin

geschrieben von

2014-01-18 12.21.41Es war das erste Mal, daß ich am Fankongreß teilnahm. Im Prinzip eine logische Folge der Tatsache, daß selbiger quasi vor meiner Haustür standfand und sich im Laufe vieler Jahre neben dem Fußball selbst und meinem Verein natürlich vor allem die Fanseite mit all ihren Facetten immer mehr in meinen Blickwinkel schob.

Ich sage es gleich vorweg: Ich bin kein aktiver, organisierter Fan!

Ich bin Kurvensteher, Auswärtsfahrer so oft wie möglich, Hertha-Mitglied, DK-Inhaber, Ultra-Sympathisant, pro Pyro, für eine bunte Anhängerschaft, gegen stumpfe Doktrinäre.

Schon allein durch meine zahlreichen Auswärtsfahrten bin selbst ich mit Problemen in Berührung gekommen, obwohl ich meist auf eigene Faust anreise und die viele andere noch deutlich drastischer erlebt haben - gerade, wenn sie im Konvoi unterwegs sind. Ich möchte mir das nicht länger untätig zumuten und mich künftig mehr engagieren, damit wir Fans beschwerdefrei unserer Leidenschaft nachgehen können.

 

Die diesjährige Zusammenkunft darf als Erfolg gewertet werden - statt der eingeplanten 500 Teilnehmer kamen mehr als 700 „Vertreter“, die sage und schreibe 80 Vereine repräsentierten!
Das war sicherlich auch Verdienst des breiten und attraktiven Programms. In 2 großen Blöcken am Vor- und Nachmittag haben die Organisatoren mehrere Themenstränge vorbereitet, zu denen Vorträge/ Workshops angeboten wurden, die die Teilnehmer nach Gusto besuchen konnten: Mitsprachemöglichkeiten im Verein, Umgang mit Medien und Rechtsfragen, Fußballwerte, Dilemma der Amateurvereine, Wohnzimmer „Stadion“, Fanarbeit. Eingerahmt und unterbrochen von Stärkungspausen mit Schrippe, Curry, Erbsensuppe und vielem mehr. Alles Nachzulesen bei ProFans im Programm.
Ich habe mich für das Gebiet Verein und Mitglieder entschieden. Schon länger beschäftigen mich die Fragen, inwieweit die von DFL und DFB aufgestellten Statuten überhaupt noch eingehalten werden und vor allem, was genau bedeutet eigentlich die Satzung meines Vereins für mich als Mitglied?

Ich habe viel gelernt und kann nur sagen: Leute, lest Eure Satzung, Ihr habt Einfluß, wenn Ihr wollt und nicht vergessen, wir Mitglieder bevollmächtigen das Präsidium - nicht umgekehrt!
Unsere Kurve hält zahlreiches Material zum Download bereit.

Abschluß des 1. Tages bildete die große Podiumsdiskussion Fußballfans & die Polizei: Getrennt in den Farben, getrennt in der Sache? Der 2. Tag diskutiert die Selbstregulierung innerhalb der Kurven.

Erster Aufreger im Vorfeld war die Absage vom nordrhein-westfälischen Innenminister Jäger per Brief u.a. mit kolportierten Äußerungen wie etwa «Straftäter reisen quer durch Deutschland, provozieren auf dem Weg zum Stadion Krawalle und Ausschreitungen».
Behauptungen, die herzlich wenig geeignet sind, den tiefer gewordenen Graben zwischen Ordnungshütern und Fußballanhängerschaft auch nur stückweit zuzuschütten.
Auch hier stellt sich erneut die Frage, ob dies überhaupt erwünscht ist.

Vor dem gesamten Teilnehmerfeld fanden sich doch würdige Podiumsdebattanten:
Christian Bieberstein (Fanvertreter, Unsere Kurve), Hendrik Große-Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB), Prof. Dr. Albert Scherr (Soziologe, Freiburg), Prof. Dr, Thomas Feltes (Kriminologe, Bochum), Donato Melillo (unser Fanbeauftragter) und mit netterweise kurzfristiger Zusage Bernd Heinen (Vorsitzender Nationaler Ausschuss Sport und Sicherheit NASS, NRW) und Hans-Ullrich Hauck (Leiter Polizeidirektion 2, Berlin).
Moderiert wurde das ganze von unserem Stadionsprecher Fabian von Wachsmann - Heimspiel, natürlich waren auch die Berliner Fans speziell Herthaner zahlenmäßig am meisten vertreten. Wir hatten’s ja nicht weit.

Wie sehr das Verhältnis gelitten hat, wurde auf dem Podium deutlich und durch Wortmeldungen aus dem Plenum. Die Äußerungen des DFB-Abgesandten fand ich schwammig nichtssagend, es ist nichts hängen geblieben, das ich hier zitieren könnte. Mir ist einfach etwas anderes bei dieser Diskussion aufgefallen, die vom Kicker als „…mehr Monolog…“ bezeichnet wurde. Es ist wichtig WER die Standpunkte an den Mann bringt. Herrn Heinen vom NASS fand ich unerträglich eitel in seinem Auftreten, sicherlich hat er recht, wenn er sagt, er könne ebenso viele Beispiele aufzählen wie der Fanvertreter Bieberstein, wenn es um Fehlverhalten der Gegenseite geht und würde entsprechend Applaus ernten vor einem Polizei-Auditorium. Ja. Wäre da nicht dieser herablassende, trotzige Unterton. Dialog kann nur stattfinden, wenn beide Seiten aufeinander zugehen. Am sachdienlichsten fand ich die Beiträge von Feltes, Hauck und Scherr und den Wortbeitrag eines Fürther Fans sowie eines Engländers. Es gibt Handlungsbedarf bezüglich der Gewalttäterdatei, auch vom DFB, und es muß ganz klar betont werden, daß das Verhältnis zwischen Polizei und Bürger, denn das sind wir Fans, grundsätzlich asymmetrisch ist! Ein Fakt, den Heinen durchgehend unterschlagen hat. Im Gegensatz dazu hat Hauck von der Berliner Polizei zuständig u.a. für’s Oly mehrmals das Gespräch angeboten für eine Nachbereitung von Vorfällen an Spieltagen und sich kritisch über das Vorgehen mancher Kollegen geäußert. Ich kann mir nicht helfen, ich habe ihm das abgekauft. Das Vertrauen der Fans ist nachhaltig gestört (zerstört?), durch den DFB in der Pyro-Debatte und erst recht durch die letzten unverhältnismäßigen Polizeieinsätze.
TNT - kommt der Fan in die Stadt heißt es beinah „lock up your daughter, lock up your wife“, versucht der Fan einen alten Status quo seiner Rechte wieder herzustellen, wird ein real marginales Entgegenkommen (Polizei/ DFB) als Wahnsinnszugeständnis gedeutet. Wenn ich das Taschengeld um 10€ kürze und später wieder 2€ mehr gebe, dann habe ich nichts erhöht sondern immer noch 8€ weniger als vorher. Knick knack!
Mir ist die Problematik total klar, dennoch fand ich Bieberstein dort keinen glücklichen Vertreter für die Fanbelange. Mir hat er zu sehr gemauert und etwas mehr Eloquenz wäre der Sache sicherlich dienlicher gewesen. Ich glaube, es können nur Leute vom Schlag des  Berliner Polizeivertreters und des Fürther Fans die Sache voranbringen - locker, Prise Humor, gut reden und trotzdem feste Standpunkte haben! Man muß seine Interessen gut verpacken! Wenn man miteinander in Dialog kommt, veräußert man nicht gleich Latifundien eigener Belange und Werte. Es wird nicht anders gehen, lamentieren hilft nicht, verkapseln auch nicht und es wird so bleiben: Wir Fans sitzen IMMER am kürzeren Hebel!
Mir wurde deutlich, in welchem Dilemma auch die Fanbetreuer stecken als Mediator im Spannungsfeld zwischen Ordnungsmacht und eigenem Anhang. Ihre Position und Arbeit muß gestärkt werden, sie müssen unbedingt unabhängig arbeiten können und gefördert werden. Es müßte eine Regelung her, die das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Fanbetreuer und Fan in rechtsrelevanten Fällen nicht belastet. Für jeden Verein sollte eine Fanhilfe aufgebaut werden, die konkret vor Ort Rechtsbeistand leistet. Polizei sollte wie bereits in Berlin gekennzeichnet sein - und bitte auch von vorne! Die Robocop-Uniform nur in Notfällen einsetzen und sich ein Beispiel am britischen Bobby nehmen: unbewaffnet, freundlich, direkt ansprechbar - per se die menschlichste Form der Deeskalation. Hin zu einem Klima, daß das Gegenüber ursprünglich Artgenosse und nicht Avatar ist.

Während der Podiumsdiskussion erhielten wir Kenntnis von den Vorfällen in Köln, die leider - wie auch von DFL-Geschäftsführer Rettig (auch einer, mit dem sich reden läßt) betont - Schatten werfen auf den Fankongreß. Bedauerlicherweise haben auch hier die Medien wieder auf die unsägliche, aufmerksamkeitsheischende Mesalliance gesetzt. Selbst die Zeit verquickt in einem online-Beitrag Köln-Schlägerei, Foto vom Relegationsspiel F95:HBSC und Fankongreß. Ein Heer Ahnungsloser fühlte sich wieder mit sachfernen Kommentaren auf den Plan gerufen. Daran läßt sich gut erkennen, welch realitätsfernes Bild in der medialen Berichterstattung von „den Fans“ schon längst in der Vergangenheit gezeichnet wurde. Die Herrschaften in der Kölner Innenstadt haben rein gar nichts mit jenen beim Fankongreß zu tun! Nicht wahr, Herr Heinen?

Im Fokus sollte stehen, wieviele engagierte, aktive Fußballfans verschiedenster Farben (!) friedlich (!) solch ein Unterfangen wie beschrieben auf die Beine stellen - ehrenamtlich (!!!). Den Ausrichtern Unsere Kurve & ProFans, den Gästen und allen Teilnehmern gebührt Dank. Ich kann nur an alle appellieren: Informiert Euch, werdet aktiv, seid Teil des Ganzen, leistet Euren Beitrag zu einem Fußballerlebnis wie Ihr es wollt!

Die Webseiten von Unsere Kurve & ProFans bieten mannigfaltiges Informationsmaterial!

2014-01-22 14.00.41

Ich mag nicht länger tatenlos sein. Freunde und ich gründen eine Fußballpartei FPD, es wird der Versuch sein, uns Fans mehr Gehör und Einfluß zu verschaffen. Wir Fans in Deutschland sind eine riesige, heterogene Gruppe mit unglaublicher monetärer Kraft, die aber mit ihren Forderungen zumeist auf der Strecke bleibt. Die Politik sucht gerne die Nähe zum Fußball und wir suchen jetzt stellvertretend für alle die Nähe zur Politik!

Ha Ho He!

Das ist nur mein persönlicher Ausschnitt vom Fankongreß, ich kann nicht allen gerecht werden und hoffe sehr, daß andere Blogger Themen aufgreifen, die hier vermisst werden.

 

hondo hsv mitgliederversammlung

Eine ausschließlich persönliche Reflektion über die mehr oder minder spannenden Ereignisse auf der ordentlichen Mitgliederversammlung des Hamburger Sport-Verein e.V. und den damit verbundenen bzw. gewonnenen Erkenntnissen.

Wenn ich oller Metro am Montagmorgen mein teures Hautcremeprodukt im Gesicht auftrage und die normal Dosis sich mit einem leisen Schlürfen in die Haut verabschiedet, stand am Wochenende entweder ein Zug durch die Gemeinde auf dem Programm, oder, es war einer dieser verdammten Sonntage, die man meinte mit stimmungsvollem Dienst am ausgesuchten Fußballverein verbringen zu müssen.

Ich muss gestehen, dass ich kein lustvoller Vereinsmeier bin, wenn ich ganz ehrlich bin, frustriert mich alleine der schiere Gedanke an das Gewese der „alten, weißen Männer“. Es wurde aber allgemein suggeriert, dass es diesmal so richtig wichtig sei, diese Veranstaltung mit der eigenen Anwesenheit zu adeln. So scheint jedenfalls die Sichtweise der notorischen Vereinshonoration gewesen zu sein, ebenso vermittelte dies der Duktus der Arrivierten und Gerndabeis.

Eitelkeit und Produktion des eigenen Egos sind mir von Hause aus fremd und grundsätzlich möchte ich diesen Blog schreiben, um den einen oder anderen geneigten Leser hier und da zum Kichern zu bringen. Ich habe aber keine Lust, mich eifrig wie die vielen anderen, an der kleinkarierten Vereinsseele abzuarbeiten, um entweder sein politisches Süppchen zu kochen, sich für weiterführende Aufgaben zu empfehlen, oder, um schlichtweg für die eigene Beschäftigung zu sorgen und sich somit Möglichkeiten des Broterwerbes zu eröffnen.

Gestern gurkte ich mit meinem Kraftfahrzeug zweimal über die Köhlbrandbrücke und die Magie des Augenblickes bescherte mir durch das Radio jeweils einen interessanten Gedanken. Muss man festhalten und verbreiten.

Morgens arbeitete sich NDRInfo am ADAC Skandal ab. Der Automobilexperte der Universität Duisburg, Herr Duttenhoefer, beschrieb den ADAC als einen Club „alter, weißer Männer“, der da im Tempel des Olymps mit 19 Millionen Mitgliedern vor sich hinkrautert und seine Umfragen interessieren im Prinzip keine Sau, weil da nur ein paar 1000 Mitglieder mitmachen und der Rest sowieso nur wegen Karten dem Pannendienst da ist.

Warum erheitert mich diese Analogie? Das HSV Aufsichtsratsmitglied Björn Floberg kolportierte in einem Interview, als es um die sog. Rechtsnormverfehlung ging, also um die mehr oder weniger vorhandene Gefahr, dass ein e.V. „Probleme“ bekommt, wenn er Gewinne erwirtschaftet, dass der ADAC als e.V. ja ein profundes und gesundes Beispiel sei, dass ja wohl keiner antasten wollen würde.

Am Nachmittag hörte ich dann im Deutschlandradio einen Beitrag über einen österreichischen Comiczeichner, der ein Stück von Thomas Bernhard als Graphic Novel verarbeitet hat und in diesem Zusammenhang wurde auch der (verkürzte) Bonmots Thomas Bernhards kolportiert, „Wer alles liest, hat nichts begriffen“.

 

So kamen mir auch die letzten Wochen vor und man mochte dieses Zitat nicht nur auf das „Lesen“ reduzieren, sondern auch auf das „Schreiben“, „Labern“ und „Selbstdarstellen“.

Das große Rhabarbern, von allen Seiten und auf allen Kanälen, bündelte sich nun in Richtung der MV und fand dort seinen krönenden Ausfluss.

125 Jahre und ein paar Monate hatte man Zeit gehabt, seine Argument formvollendet auszutauschen. Ich bin mir auch sicher, dass das in den honorigen Hinterzimmerchen dieser Stadt bis zum mehrmaligen Einnicken exerziert worden ist. Nur als dann der ungeduldige Mob der Mitgliederversammlung auf den Trichter kam, die Redezeit bei der Aussprache zum Tagesordnungspunkt der abstimmungsfähigen Reformvorschläge, von schwafelgedehnten 5 Minuten, auf nicht minder schwafelige 2 Minuten zu reduzierten, ja, da ging die Burg hoch und es wurde bei aller zur Verfügung stehenden Theatralik das kleine Biest „Empörung“ auf das Schild gehoben.

„Demokratieverständnis“ war nun das Wort des Tages. In Verbindung mit dem Possessivpronomen „mein“ wurde „mein Demokrativerständnis“ schnell zum Unwort des Tages. Es hatte natürlich keine wirkliche Bedeutung, dass bei mindestens 40 schon angemeldeten Wortbeiträgen, mindestens 200 Minuten in Land gehen sollten und es natürlich nicht beabsichtigt gewesen ist, dass Sitzfleisch am Ende doch irgendeinen Sieg davon trägt. Vernehmlich stand klein im Hintergrund die Verhinderung von HSV+ und schlussendlich auch, die Bestrebungen die Einführung einer Fernwahl zu unterbinden.

Natürlich haben sich nicht wenige Teilnehmer so benommen, als würden sie ihre Tage vorzugsweise in Ganzkörperbehaarung auf einem Baum hockend verbringen. Aber, das beruhte, in dieser Veranstaltung und auch quasi historisch, auf Gegenseitigkeit. Für ein HSV Mitglied sollte es absolut unschicklich sein, jeglichen ernsthaft gemeinten und ebenso vorgetragenen Beitrag unflätig zu kommentieren. Das sollte für einen vortragenden Dr. Peter Krohn gelten, so wohl auch für ein „einfaches Mitglied“ jenseits der ersten 10-20 Reihen. Genauso sollte dieser gewisse Erhalt von Würde auch Mitgliedern gelten, die sich für Ämter im Verein bewerben. Wenn sich dann aber ein relativ exponiertes Mitglied des Supporters Club (SC) mit tränenerstickter Stimme hinstellt und beklagt wie die Mitglieder mit Dr. Peter Krohn umgegangen sind, das selbe Mitglied des SC es aber vor einigen Jahren offensichtlich völlig OK fand, die sog. „Abnicker von Bernd Hoffmann“ bei der Vorstellungsrunde zur Aufsichtsratswahl, mit einstudierten Fragen zur „persönlichen und geschäftlichen Verbindung zu Bernd Hoffmann“ in ähnlicher Situation herabzuwürdigen und in der Mitgliederversammlung vorzuführen, ja, da fragt man sich ernsthaft, in was für ein schlechtes Schauspiel man hineingeraten ist.

Und das ist auch der Punkt, der das vereinspolitische Desaster, welches hinter der Veranstaltung vom vergangenen Sonntag steht, versinnbildlicht.

Die Sportsfroinde im SC wundern sich bestimmt noch heute, warum die an sich guten und patenten Änderungsanträge der hsv-reform.de komplett gescheitert sind. Der SC wird gerne als mächtig beschrieben, weil er im „Regelfall“ über relativ geschlossene Kader verfügt, die den Kleingarten auch im Sinne des Erfinders bestellen können. Mehr aber auch nicht. So wundert man sich in der Abteilung, dass dort elementare Veranstaltungen nahezu unter komplettem Fernbleiben der Mitgliedschaft abgehalten werden. Nun, es ist ja bequem und wenn die „Anderen“ nicht wollen, dient es halt „meinem Verein“.

So wurde aber auf der aktuellen MV mal wieder eindrucksvoll belegt, dass, wenn es um etwas geht, und die Anzahl der anwesenden Mitglieder schnell die kritische Masse überschreitet, die Veranstaltung für den SC nicht steuerbar ist und somit auch gute und konstruktive Ansätze gnadenlos scheitern. Und wenn dann der allgemein kolportierte Tenor aus der Gedankenwelt des SC kommt, dass die anwesenden Mitglieder a. Totengräber des Vereines sind, b. sonst nie dabei sind, oder, c. von der Bild-Zeitung manipulierte Eventies sind, darf man sich in der Abteilungsleitung des SC nicht wundern, dass eine große Anzahl von Mitgliedern gibt, die „dem SC“ oder einzelnen Protagonisten, mit Freude und großer Erregung vor den Koffer scheißen.

Wenn man dann noch kurz vor der MV das aktuelle Blättchen der SC News an die Mitglieder verschwendet, welches dann in weiten Teilen der Mitgliedschaft als ungelesener Propaganda-Sondermüll in den Altpapiercontainer wandert, muss man den handelnden Vereinskameraden nur dazu gratulieren, wie man mit solcher Geduld und Akribie, ein formidables Kommunikations-Desaster generieren konnte.

Ich habe natürlich für die Satzungsanträge gestimmt, ich habe mich auch von der Sinnhaftigkeit durch den Vortrag von Christian Reichert überzeugen lassen. Die anwesende Mitgliedschaft wollte dem aber nicht folgen, das Versagen in diesem Falle liegt aber ausschließlich bei der Ignoranz und der Selbstüberschätzung der Handelnden im SC. Bei niemand anderem sonst.

Desweiterem habe ich natürlich auch für HSV+ gestimmt. Warum? Wie kann denn das sein? Man darf doch nicht seine Mitbestimmung aufgeben?

Mitbestimmung wobei? An einem „Scheiß(Fußball)verein“? Ich glaube einfach, dass die Mitgliedschaft dahingehend emanzipiert genug ist, die Wertigkeit eines Bundesligafußballclubs im gesellschaftlichen Kontext, korrekt einschätzen zu können. Ich kann wieder nur fragen, wo am Sonntag die sporttreibenden 5000 Mitglieder des HSV e.V. gewesen sind? OK, es gibt natürlich Überschneidungen zwischen Sportlern und HSV Fans, aber, ich denke mal, dass diese sich im sehr kleinen, einstelligen Prozentbereich bewegen.

Wir leben im Jahre 2014, jedem Menschen und Bürger sind Engagement und Beteiligung im eigenen Lebensumfeld deutlich wichtiger geworden, als das komplett abstrakte Tun und Wirken rund um einen Sportverein. Um es mit anderen Worten zu sagen: Es ist den Leuten wichtiger, sich beispielsweise für den Erhalt eines Grüngebietes in der Nachbarschaft zu engagieren, als 12 Stunden Lebenszeit mit dem darstellenden Spiel anderer Menschen zu vergeuden, die festen Glaubens sind, sich mit 50 Euro Eintritt die Berechtigung erworben zu haben, Parkett und Bühne gleichzeitig bespielen zu dürfen. Das hat einfach nicht mehr viel mit der Lebensrealität einer großen Anzahl von Mitgliedern zu tun, folglich tut man sich auch nicht schwer, gewisse Verantwortung proaktiv delegieren zu wollen. Auch ein Trend, der mit nachhaltiger Konsequenz verschlafen worden ist.

Folglich ist die „Aufgabe HSV+“ für den Verein nun eine Chance, sich ernsthaft und vor allen Dingen gezwungenermaßen, mit einer Strukturreform zu beschäftigen. Es wird auf jeden Fall nichts so bleiben wie es ist, es haben viel zu lange Leute geglaubt, dass wenn sie nur die Hände in den Schoß legen, sie automatisch Pilot seien.

Um das Bild des komplett autonomen und klar denken Mitgliedes zu vervollständigen, muss ich auch sagen, dass ich im Jahre 2014 natürlich gegen eine „Fernwahl“ bin. Vor 3-5 Jahren war ich absolut dafür, man hätte es einführen sollen und es verantwortungsbewusst erproben und optimieren können. Heute ist nur die Motivation da, es als Killertool zu nutzen und das empfinde ich als HSV Mitglied als nicht zustimmungswürdig.

Ansonsten bin ich nur wegen Fußball da.