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Montag, 17 März 2014 13:49

Der Beginn einer Liebe

geschrieben von

 muenchen lbb„Wie kommst DU denn zum Fußball?" – Diese Frage höre ich immer dann von einem erstaunten Gegenüber, wenn ich mich als leidenschaftlicher Fan oute. Anscheinend ist es immer noch so etwas Besonderes und Außergewöhnliches, eine Frau mit Fußball zu assoziieren oder es weckt einfach ein außerordentliches Interesse. Zu einem Mann gehört Fußball in den meisten Fällen zwangsläufig von Geburt an zum Leben dazu. Das ist halt so. Also kein Grund der Nachfrage.

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Nach einer badischen Sage, heiratet derjenige eine gebürtige Freiburgerin, der aus Versehen in das von der Dreisam gespeiste Bächle tritt. Ausgeschmückt wurde mir diese Geschichte mit der Erweiterung, dass man sich irgendwann in Freiburg niederlassen würde. Dies war an einem warmen sonnigen Frühlingsvormittag 1995.

Der sie ausgeschmückt hatte war mein Vater. Der Münsterplatz um den Freiburger Münster herum war gefüllt mit schwarz gelben Farben. BVB Fans genossen vor den umliegenden Kneipen die Sonne, das Bier und die Stadt. Die BVB Fans waren in Sanges- und Feierlaune, die mit Sicherheit noch einmal gesteigert wurde, weil der BVB sich inmitten des Meisterschaftsrennens befand. Die Einwohner Freiburgs, die auf den Strassen unterwegs oder in den Kneipen anzutreffen waren, empfangen die Dortmunder Fans herzlich. So gab es viele Sympathiebekunden und sie hatten offensichtliche Freude an den feiernden BVB Fans. Wie übrigens bis dato viele andere Fans. Das Spiel in Freiburg endete leider nach einem späten Eigentor von Sammer mit 1:1 und Werder Bremen konnte seine Tabellenführung auf 2 Punkte Vorsprung ausbauen, aber der Begeisterung für die schöne Stadt Freiburg konnte dies kein Abbruch tun.

Es ist schwer sich nach so langer Zeit zurückzuerinnern, aber schon damals brannte sich die schöne Lage des Stadions ein. Direkt in einem Anwohnergebiet gelegen taucht es plötzlich hinter den Einfamilienhäusern auf. Von der damals noch kleinen Gästetribüne aus betrachtet, blieb die wunderschöne Kulisse des Schwarzwalds im Hintergrund der Nordtribüne in bester Erinnerung. Die für die Bundesliga einmalige Lage macht das Stadion auch zu etwas besondern, trotz aller Kritik, die von manch einem Gästefan kommen mag, der sich in einem Teil des Stehblocks aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse beschwert und von einem unzeitgemäßen Stadion spricht. Ich möchte dieses Stadion mit seinem ganzen Charme nicht missen. Es bleibt zu hoffen, dass der SC Freiburg für den Neubau des Stadions einen neuen Charme findet und nicht auf die Idee kommt, Vereinen wie Mainz 05 oder der TSG Hoppenheim 1899 die Trostlosigkeit ihrer Stadien, wo man einfach keine Lust mehr hat hinzureisen, nachzueifern. Ein Stadion mitten in der öde, so ganz ohne Charme. Schrecklich, man würde damit viel verlieren.

Trotz des bereits erwähnten verlorenen Punktes (damals gab es noch die Zwei-Punkte-Regel für einen Sieg), konnte sich der BVB am Ende der Saison nach sehr langer Durststrecke im Spiel gegen den HSV die Meisterschale sichern. Das war damals ein unbeschreibliches Gefühl in einem Fotofinish, wie man es mit dem BVB immer wieder erleben darf. Die Stadt explodierte und mitten drin: Freiburger Fans, die am besagten letzten Spieltag der Saison in der verbotenen Stadt spielten und zum Feiern der Meisterschaft nach Dortmund kamen. Man empfing sie herzlich, wie auch sie die Dortmunder Fans zu diesem Zeitpunkt bereits zweimal herzlich empfingen und so feierte man gemeinsam. Die erste Meisterschaft nach langer Zeit war etwas ganz besonderes für die BVB-Fans, besonders nachdem man 3 Jahre zuvor sehr knapp gescheitert war.

BVB

Es sollten aber noch weitere besondere Momente kommen, bei denen ausgerechnet der SC Freiburg der Gegner war. So feierten die Freiburger mit uns unseren 100ten Geburtstag und die erste Meisterschaft nach der Fastpleite des BVB´s. Besonders diese Meisterschaftsfeier sollte in Erinnerung bleiben. Nachdem der BVB nach einer grandiosen Saison schon vorzeitig Meister wurde und auch der SC Freiburg, der die Hinrunde noch mit dem letzten Platz abschloss, bereits sicher in der Liga verblieben war, war das ganze Stadion in Feierlaune. Und so feierten 81.000 Fans gemeinsam und lautstark beide Vereine. „Deutscher Meister ist nur der BVB“ hallte es von der Nordtribüne und dann durchs ganze Stadion und „Nie mehr zweite Liga“ wurde es von der Südtribüne erwidert. Wieder waren es die Freiburger, die mit uns feierten. Die Stimmung war einfach nur unglaublich und es bescherte einem eine Gänsehaut. Die Freiburger starteten sogar die Welle im schwarz gelben Tempel.

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Natürlich mag dies auch den außergewöhnlichen Verläufen der jeweiligen Saison zu verdanken sein, dass der Tag so besonders war und doch stecken dort eine Menge Sympathien mit drin, die Fans beider Seiten füreinander hegen und die man auch an diesem Tag vor und im Stadion verspürt hat. Sympathien, die bereits über Jahre hinweg gewachsen sind. Freiburg ist immer wieder eine besondere Auswärtsfahrt, die nicht nur aufgrund dort schon sehr früh geschlossener Freundschaften immer wieder angetreten wird.

Es ist die ganze Stadt, der bereits erwähnte Charme des Stadions und es sind die Fans, sowie die Einwohner der Stadt, die einem immer wieder einen schönen Abend bescheren. Man wird Jahr für Jahr herzlich empfangen und es macht immer wieder Freude abends in Freiburg mit schwarz gelbem Trikot feiern zu gehen. In den Farben lassen sich dort leicht Kontakte knüpfen. Wer einmal in Freiburg eintauchen durfte, der wird es auch immer wieder gerne tun. So bedurfte es gar nicht während einer Feierlaune ins Bächlein zu stolpern, wie eingangs erwähnt, um in diese Stadt zurückzukehren, es reichte diese Stadt zu betreten, sie zu genießen wie sie ist und man kehrte immer wieder gerne zurück. Viele BVB Fans, die einmal dort waren, wissen die Stadt zu schätzen. Daher verstehe ich auch manch einen Kritiker nicht, die eigentlich nur bis vors Stadion fahren, hineingehen und nach Abpfiff wieder abreisen. Ein Fußballspiel dauert eben nicht nur 90 min, sondern geht für den Fußballfan weit drüber hinaus und Freiburg bietet eine Menge dafür, auf seine Art.

Freiburg mag ein kleiner Verein sein, aber dafür ein sehr sympathischer, der es sich über viele Jahre hinweg hart und ehrlich erarbeitet hat ein Teil der Bundesliga zu sein. Manch anderer kleiner Kultverein, der für das Alternative stehen möchte und dies Marketingtechnisch voll ausreizt wäre wahrscheinlich gerne so. Ohne das es sich schickt einen großartigen Vergleich zu fahren, denn es sind grundlegend verschiedene Vereine. Die einen still und leise, die anderen laut und nach Sympathien schreiend. Die kontinuierliche Arbeit der Freiburger seit ihrem ersten Bundesligaaufstieg hat sie immer wieder nach oben geführt. Dreimal sogar nach Europa. Ein Verein, der anderen Vereinen als Vorbild dienen könnte, die viele Möglichkeiten haben, aber nichts draus machen. Freiburg jedenfalls macht aus wenig viel und bringt dabei auch immer wieder neue und begehrte Bundesligaspieler hervor. Ein Verein, der jedem Gegner des „modernen Fußballs“ Freude bereiten sollte. Ich zolle dem SCF jedenfalls Respekt. Die wirklich kleinen Vereine, das sind Retortenvereine wie Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim, die für mich allesamt nur einen Platz für einen weiteren interessanten Verein blocken. Freiburg bietet jedenfalls ein Rundum-Paket für mich als BVB Fan und es bleibt ihnen zu wünschen, dass sie der Bundesliga noch sehr lange erhalten bleiben werden. In ihrem ersten Bundesligajahr soll Achim Stocker, der damalige Präsident und ein ehemaliger Spieler des SC Freiburg, die BVB Fans bereits am Bahnhof empfangen und begrüßt haben. Leider war ich in dem Jahr noch nicht in Freiburg, um dies bestätigen zu können. Aber so blieb mir wenigstens eine 4:1 Niederlage erspart und es war der passende Einstand für die darauf folgenden 21 Jahre. Einer Zeit gegenseitiger Sympathien. Ich freue mich bereits auf das kommende Wochenende.

-Ein Gastbeitrag-

(Fotos: Privat, Bundesliga Ballerei, Der Westen)

 

1796484 728295323872048 60648348 nDas Nordderby ist gewonnen, die Freunde und Erleichterung an der Weser ist schier unermesslich. Die Serie an sieglosen Spielen manifestierte sich seit dem Jahreswechsel nicht nur in einem langsam steigenden medialen Druck, sondern auch in einer starken emotionalen Anspannung unter den Fans. Während des Spiels am vergangenen Samstag löste sich diese Anspannung bei einem kleinen Teil der Bremer Anhängerschaft auf eine Art und Weise, die es im Weserstadion schon sehr lange nicht mehr gegeben hatte.

Der Sekundenzeiger hatte nach der Halbzeitpause noch keine drei Runden gedreht, als prötzlich grelles Licht und dichter Qualm gerade den Bereich des Weserstadions einhüllte, der rund eine Stunde zuvor noch eine der großartigsten Choreografien präsentiert hatte, die ich in meinen rund 20 Jahren als Stadiongänger je gesehen habe. Laut Werder-Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer, der beim Klub unter anderem auch für die Fanbetreuung zuständig ist, war dies das erste Mal seit 15 Jahren, dass Werder-Fans im eigenen Stadion Pyrotechnik einsetzten. In einer heute auf der Vereinshomepage veröffentlichten Äußerung bezeichnete Fischer dieses Ereignis als "bitteren Wermutstropfen", die betreffenden Ostkurven-Besucher hätten ganz klar gegen getroffene Absprachen verstoßen. Fischer weiter: "Wir werden in den kommenden Tagen in der Geschäftsführung gemeinsam mit den Sicherheitsorganen beraten, welche Maßnahmen wir ergreifen, um weiterhin die Sicherheit im Weser-Stadion gewährleisten zu können. Schließlich gefährdet Pyrotechnik Leib und Leben aller Stadionbesucher und kann daher nicht geduldet werden. Zusätzlich werden wir in Zusammenarbeit mit der Polizei auch Bildmaterial, das während des Spiels erstellt wurde, auswerten."

Bis zu jener 47. Minute war die Stimmung im Stadion ausgezeichnet. Die spektakuläre Choreografie unmittelbar vor Anpfiff bereitete allen Werder-Anhängern unter den 42.100 Zuschauern einen echten Gänsehaut-Moment, dann ging Werder in der 19. Minute in Führung und war in der ersten Halbzeit sogar das klar bessere und dominierende Team. Sowas ist man an der Weser kaum noch gewöhnt, ensprechend euphorisiert waren die meisten Anwesenden. Als kurz nach Wiederanpfiff die ersten Bengalos in der Mitte des Unterrangs der Ostkurve aufflammten kippte diese Stimmung schlagartig, und zwar so deutlich dass es sogar für viele Fans spürbar war, die das Spiel nur per Radioübertragung verfolgten. Die Anfeuerungsrufe wichen von einer Sekunde auf die andere einem gellenden Pfeifkonzert, kurz darauf schallte es kollektiv "Ihr seid scheisse, wie der HSV!" in Richtung der Pyromanen. Das Spiel wurde von Schiedsrichter Florian Meyer für mehrere Minuten unterbrochen, die daraus resultierende Nachspielzeit betrug satte sechs Minuten.

Ich bin sicher dass dieser krasse und abrupte Stimmungswechsel auch an der Mannschaft nicht spurlos vorüber gegangen war, nicht zuletzt auch deswegen weil einige pyrotechnischen Utensilien ihren Weg von der Ostkurve in den Innenraum fanden (das habe ich persönlich zwar nicht gesehen, es wurde mir aber aus mehreren voneinander unabhängigen Quellen berichtet). In der Vergangenheit zeichnete sich die Werder-Mannschaft bei weitem nicht dadurch aus, knappe Führungen souverän über die Zeit retten zu können, daher ist Fischers Kommentar nach dem Spiel absolut verständlich: "Gar nicht auszudenken, wenn in dieser [Nachspiel-]Zeit noch der Ausgleichstreffer für den HSV gefallen wäre." Es kam zum Glück anders, Werder Bremen entschied dieses Nordderby für sich, was aber ganz sicher nicht der Verdienst dieser Pyromanen war.

Die Reaktionen auf diesen Vorfall habe ich bis jetzt zwar nicht einstimmig, aber doch äußerst deutlich erlebt: nach meiner Einschätzung stehen mindestens 90 Prozent der Bremer Anhängerschaft dieser Aktion stark ablehnend gegenüber. Das kuriose an dieser Sache: hätte Werder in den sechs Minuten Nachspielzeit, die dieser Unterbrechung geschuldet waren, noch den Ausgleichstreffer kassiert, wären es wohl trotzdem "nur" 90 Prozent, die diesen Einsatz von Pyrotechnik verurteilen. Denn es ist offensichtlich dass den Pyromanen (die ich übrigens keineswegs pauschal mit Ultras gleichsetze!) das Wohlergehen des Vereins und der sportliche Erfolg völlig egal sind, auch wenn diese vermutlich das Gegenteil von sich behaupten. Sonst wäre es ihnen bewusst gewesen, dass sie mit ihrer Zündelei den Derbysieg gefährden. Sonst würden sie die nun zu erwartene Geldstrafe, die der DFB zweifelsfrei verhängen wird und die der finanziell klamme Klub absolut nicht gebrauchen kann, nicht so billigend in Kauf nehmen. Anders ausgedrückt: diese Aktion hatte mit Support und Unterstützung nicht das geringste zu tun, das wird bestenfalls als billiger Vorwand missbraucht. Es war nichts weiter als ein narzistischer Ausbruch hochgradig egoistischer Selbstdarsteller, die die Ostkurve und das emotional und moralisch extrem wichtige Nordderby für ihren ureigensten Selbstzweck vergewaltigt haben.

Bei solchen Gelegenheiten wird oft und gerne von einer "Selbstreinigung der Kurve" gesprochen. Der Gedanke, der hinter diesem Prinzip steckt, gefällt mir sehr, um Lichtjahre besser als von Sicherheitskräften, Polizei und/oder Politik verhängte Sanktionen. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und behaupten, dass dieses Prinzip in Bremen nicht (mehr) funktioniert, denn wie gesagt: es war das erste Mal seit 15 Jahren, dass Bremer Anhänger im eigenen Stadion zündeln. Dieser Vorfall sah zwar spektakulär aus, war aber nichtsdestotrotz ein Einzelfall und ich hoffe sehr, dass es auch so bleibt. Es besteht (noch) absolut kein Grund, ein neues Fass mit der Aufschrift "Sicherheitsproblem" aufzumachen. Werder hat zur Zeit wahrlich mehr als genug andere Probleme, diesen Mist kann man nun wirklich nicht gebrauchen (was den Pyromanen aber vermutlich egal sein dürfte).

Kritik muss ich leider auch in Richtung der Medien äußern, die derartige Vorfälle stets genüßlich und mit gespielter Abscheu breittreten (als Beispiele seien hier der Weser-Kurier, Sky, Sport1.fm und natürlich die Bild-Zeitung genannt). Würde man die Pyro-/Egomanen schlicht konsequent ignorieren und ihnen nicht die Genugtuung gönnen, sich selbst im Fernsehen oder in der Zeitung nochmals abfeiern zu können, hätten diese schon mal eine Motivation weniger für solche Dämlack-Aktionen.

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Danke an Dina Werderfee, die mir freundlicherweise das Foto zur Verfügung gestellt hat.

 

Donnerstag, 20 Februar 2014 20:10

Starkes Schalke?! – Starkes Stück!!!

geschrieben von

 StarkesStückIm Schalker Kreisel zum Mainz-Spiel drehen sich rund 25 Seiten um die Jahreshauptversammlung 2014 – leider ist es kaum möglich, auch nur eine einzige davon zu lesen, ohne wahlweise vor Wut vor die Wand zu treten oder in Hohngelächter auszubrechen.

Das Schlagwort soll offenbar „Starkes Schalke“ sein. Unter dieser Überschrift entwickeln Vorstand, Aufsichtsrat und Ehrenrat ihre Vorstellungen von „unserem Verein“ – ich frage mich, warum es dieses Maßnahmen- und Thesenkataloges bedarf, da sich der Verein erst vor zwei Jahren ein Leitbild gegeben hat, das Werte und Richtschnur für alle Schalker und alle Gremien sein soll.

Direkt der erste Punkt verkündet „ein Starkes Schalke bezieht die Interessen der Fans und Mitglieder in die Entscheidungen der Gremien mit ein. Das muss personell und strukturell gewährleistet sein“. – Dummerweise werden im gesamten folgenden Text grundsätzlich „die Fans“ mit „einem Vertreter des SFCV“ gleichgesetzt. – Lieber Vorstand, lieber Aufsichtsrat, lieber Ehrenrat: Der SFCV ist nicht die Stimme „der Fans“, auch nicht der Mehrheit der Fans! Der SFCV ist ein vielfältig personell, finanziell und organisatorisch mit Euch verquicktes Gebilde, so dass von einer unabhängigen Fanvertretung leider keine Rede sein kann. Und es ist in meinen Augen eine nicht hinnehmbare Verzerrung, wenn dort Busse gesponsert werden, die möglichst viele Mitglieder zur JHV karren, weil angeblich das Kartenmonopol des SFCV bedroht ist. Die erschreckenden Einzelheiten können diesem Anschreiben entnommen werden.

Da kommen wir direkt zum zweiten Punkt „Ein Starkes Schalke ist ein demokratisches Schalke, in dem man Menschen mit anderen Meinungen respektiert und ausreden lässt, in dem wir uns tatsächlich auf Augenhöhe begegnet“. Punkt drei: "Ein Starkes Schalke setzt… nicht auf Demagogie“. Aha. Ich hoffe, dass Ihr beim Schreiben dieser Zeilen rot anlauft, wenn ich sehe, wie unverhohlen und tendenziös im folgenden Stimmung für und gegen bestimmte Anträge und Antragsteller gemacht wird. Augenhöhe, wenn Ihr mit Eurer geballten Medienpower direkt von vornherein manche Anträge propagiert und andere in Grund und Boden schreibt? Keine Demagogie, wenn Ihr Antragstellern unlautere Motive unterstellt? (S. 77)

Auf S. 64/65 wird dann ausführlich Stimmung gemacht für einen Antrag bezüglich des Wahlausschusses, den – Zufälle gibt’s – ein Aufsichtsratsmitglied des SFCV eingereicht hat. U. a. sollen sich demnach nur Mitglieder mit mindestens 10jähriger Vereinsmitgliedschaft für den Wahlausschuss bewerben dürfen. Dazu schreibt Ihr „für den Wahlausschuss kann bis jetzt jeder kandidieren, der ein Jahr Mitglied im Verein ist. Bei mehr als 125.000 Mitgliedern führt das zur Inflation, bereits letztes Mal gab es 20 Kandidaten und die Wahl dauerte anderthalb Stunden. Wo soll das in Zukunft hinführen?“ und „Im Extremfall könnten 100 Leute kandidieren.“ – Wie war das noch gleich, ein starkes Schalke ist ein demokratisches Schalke? 20 von 125.000 Mitgliedern (das sind übrigens 0,00016 %) nehmen tatsächlich ihr Recht zur Kandidatur wahr, die Chose dauert anderthalb Stunden und Ihr flennt rum, wo das hinführen soll? Arg lästig, diese dumme Mitbestimmung, gelle?

Die wichtige Aufgabe im Wahlausschuss soll von Personen erfüllt werden, die sich nachweislich mit dem Verein voll identifizieren und die Vereinsstrukturen sehr gut kennen…“. Es würde zu weit führen, Euch zu erklären, dass man die Identifikation mit dem Verein NICHT in Mitgliedsjahren messen kann. Interessanter aber ist, dass die Satzung für die weitaus mächtigeren Gremien Aufsichtsrat und Ehrenrat nur eine ein- bzw. fünfjährige Mitgliedschaft vorschreibt. Und dass noch vor wenigen Jahren der Antrag, die Mindestmitgliedschaft für AR-Bewerber auf 5 Jahre hochzusetzen, von Vereinsseite massiv hintertrieben und vehement abgelehnt wurde. Damals hieß es, Engagement und Kompetenz könne man nicht solchen Formalien festmachen… Frage also, lieber Aufsichtsrat: Was müssen Eure Wähler können, was Ihr nicht könnt, dass Ihr für sie eine 10fach längere Verweildauer im Verein fordert als für Euch selber? Wäre es da nicht einfacher, den Wahlausschuss abzuschaffen und die 10 Jahre als Voraussetzung für die Bewerbung für einen Sitz im Aufsichtsrat vorzuschreiben…?

Außerdem sollen der SFCV, der Ehrenrat und der Vorsitzende des Ehrenpräsidiums jeweils einen festen Sitz im Wahlausschuss bekommen. So sei „sichergestellt, dass die Fans immer im Wahlausschuss vertreten sind und Erfahrung und Unabhängigkeit des Ehrenrats genutzt würden ….“ – Wie ich oben bereits schrieb, der SFCV vertritt, wie man in der causo viagogo sehr schön sehen konnte, beileibe nicht „die Fans“. Im Übrigen wählen „die Fans“, jedenfalls diejenigen, die Mitglieder im Verein sind, bislang alle sieben Mitglieder des Wahlausschusses. Ein extra „Fanvertreter“, der keine Fans vertritt, ist somit keine demokratische Errungenschaft, sondern der Versuch, die verkrusteten Strukturen zu zementieren. Gleiches gilt für den Sitz des (vom Aufsichtsrat vorgeschlagenen) Ehrenrates im Wahlausschuss (für neue AR-Mitglieder).  Kreisel goes Klüngel.

Diese Satzungsänderungen treten mit der nächsten regulären Wahl zum Wahlausschuss (voraussichtlich 2017) in Kraft“. - Ach? Tun sie das? Ich hätte schwören können, dass dies nur der Fall ist, wenn sie auf der JHV mit der Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder beschlossen werden. Und dass es da noch einen Gegenantrag auf ersatzlose Abschaffung des Wahlausschusses gibt.  Augenhöhe? Keine Demagogie? Für mich ist das Stimmungsmache und Suggestion der untersten Schublade und ich hoffe und bete, dass die Mitglieder auf der JHV wie bereits im letzten Jahr ein gutes Gespür dafür entwickeln, wo sie für dumm verkauft werden sollen.

Es folgen noch einige polemische Bemerkungen zu den Anträgen, die der Verein nicht unterstützt und teilweise haarsträubende Argumentationen, warum Anträge nicht zugelassen werden. „Je mehr Kandidaten zur Wahl stehen, desto weniger Stimmen können… ausreichen, um als Aufsichtsratsmitglied gewählt zu werden, weil sich die gleiche Stimmenanzahl auf mehr Kandidaten verteilt. So stellen wir uns ein Aufsichtsratsmandat nicht vor…“ (S. 70) – Warum beschleicht mich das Gefühl, dass Euch Wahlen mit 99 % und ohne echte personelle Alternative vorschweben? Und wieso ist die Frage, dass Ihr Euch das nicht vorstellt, Grund für die Ablehnung des Antrages? Vielleicht stellen sich die Mitglieder sehr wohl eine größere Auswahl unterschiedlicher Schalker vor als dies z. B. im letzten Jahr mit den beiden Amtsinhabern und einem langjährigen, nur ein Jahr zuvor abgewählten Mitglied der Fall war…???

Starkes Stück 2

Der Antrag, dass die Mitglieder des Ehrenrates künftig nicht mehr allein auf Vorschlag des Aufsichtsrates en bloc gewählt werden, bügelt Ihr mit der lapidaren Behauptung, „die Wahl des Ehrenrates habe sich bewährt und es gebe keinen Grund für eine Änderung“ ab. Und – oh Graus – es gäbe doch tatsächlich ein weiteres demokratisches Wahlverfahren. (S. 72) Und womöglich würden dort Leute reingewählt, die tatsächlich unabhängig und willens wären, ein echte vereinsinterne Schlichtungsstelle zu bilden, statt die Entscheidungen des sie vorschlagenden AR zu billigen und „festzustellen, dass die Streitigkeit als abschließend beendet gilt“.  – Es ist wirklich ein Kreuz mit dieser grauslichen Demokratie.

Des Weiteren wird ein Antrag zur Erhöhung der Zahl der vom Aufsichtsrat zu kooptierenden Mitglieder beworben (S. 73), ein anderer zur Verkleinerung des Aufsichtsrates hingegen nicht zugelassen (S. 74), da „der Aufsichtsrat auf keinen Fall verkleinert werden dürfe, das würde dem Verein Entwicklungspotentiale rauben“. Dies würde „keinen Sinn machen“; zudem gebe es „vertragliche Verpflichtungen, die einzuhalten seien“. – Aus juristischer Sicht ein absolut unhaltbarer Passus; was Sinn macht und was nicht, entscheidet nicht der in dieser Frage befangene Aufsichtsrat, sondern die Mitgliederversammlung als oberstes Vereinsgremium. Und sollte es Verträge geben, die wem-auch-immer über geltendes Satzungsrecht hinaus einen Platz im Aufsichtsrat zusagen, wären diese rechtswidrig. Die Entscheidung über die Satzung und die AR-Mitglieder und die Kooptationsmöglichkeiten obliegt allein der JHV!

Die Veröffentlichung des Protokolls der Mitgliederversammlung wird abgelehnt, da „bereits heute jedes Mitglied die Protokolle einsehen könne, wenn es wolle. Und warum sollten Nichtmitglieder und Anhänger anderer Vereine unsere Protokolle lesen dürfen?“ – Ich sach ma, weil es transparent und auf Augenhöhe wäre, wenn nicht jedes Mitglied u. U. hunderte oder tausende Kilometer auf sich nehmen müsste, um sich auf der Geschäftsstelle zu informieren? Und weil wir nichts zu verbergen haben? Und man in Zeiten elektronischer Kommunikation durchaus an die Vereinsmitgliedschaft gekoppelte Abrufmodi entwickeln könnte?

Schließlich werden noch die Begründung der Ablehnung von Anträgen sowie eine Ablehnung nur bei Verstößen gegen höherrangige Rechtsvorschriften nicht zur Abstimmung zugelassen, weil dem Aufsichtsrat damit „die Möglichkeit genommen würde, Anträge auch inhaltlich zu prüfen“. – Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein: Ja, es wäre verdammt gut und nötig, Euch diese Möglichkeit zu nehmen, denn sonst kommen unbequeme Mitgliederrechte überhaupt nie vor das oberste Vereinsgremium!  Huch, damit kämen auch „völlig sinnentleerte“ oder Anträge, für die „die Mitgliederversammlung nicht zuständig ist“, zur Debatte? Dazu kann ich nur sagen: Dann ist das so – Ihr dürft den Mitgliedern durchaus genug Gehirn zutrauen, solche Anträge schnell in die Tonne zu hauen. Aber es kann nicht sein, dass völlig frei Schnauze Anträge abgelehnt werden, weil sie Euch nicht in den Kram passen, wie auch z. B. die beiden letzten Anträge zur Senkung des Quorums für die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung und der Unterschriftensammlung (S. 77). Und nein, eine solche Satzungsänderung hätte nicht zur Folge, dass „schlimmstenfalls Anträge mit rassistischen oder diskriminierenden Inhalten in den Vereinsmedien veröffentlicht würden“. Solche Anträge können jederzeit über die Diskriminierungsverbote des Grundgesetzes, des allgemeinen Gleichstellungsgesetzes und nicht zuletzt unser Leitbild abgelehnt werden… Seid Ihr Euch denn wirklich für keine Stimmungsmache mit Horrorszenarien zu schade? „Keine Demagogie“ gilt nur für die, die nicht Eurer Meinung sind?!

Mir wird übel, wenn ich das alles lese und sehe, dass man sich rühmt, ein starkes, demokratisches Schalke aufbauen zu wollen. Und ich hoffe, bete und glaube, dass die Schalker nicht so dumm und leichtgläubig sind, sich selber weiter zu entrechten und diese ganzen Absurditäten mit diesen Begründungen zu schlucken.

Ihr habt verstanden?!

Stinkwütend,

Susanne Blondundblau

 

Mittwoch, 19 Februar 2014 01:33

Schuster bleibt bis 2016

geschrieben von

Bild: nur-der-scf.deAm 7. Februar kündigte Julian Schuster gegenüber dem kicker eine „zeitnahe Entscheidung“ über seine Zukunft an. Am 18. Februar kam nun die Nachricht, dass er seinen zum Ende der Saison auslaufenden Vertrag bis 2016 verlängert hat. Bei den Fans wurde die Mitteilung mit verhaltenem Wohlwollen aufgenommen. Der Grundtenor: Schuster hat dem SC wertvolle Dienste geleistet, wird aber wahrscheinlich nicht mehr an seine besten Zeiten anknüpfen können und daher seine liebe Not haben, sich seinen Stammplatz zurück zu ergattern.

Dienstag, 18 Februar 2014 08:25

Der Ich-hab-nix-gesehen-Blog

geschrieben von

gws leerIch habe dieses Wochenende nix gesehen. Wirklich absolut gar nichts. Denn ich habe mir zum ersten Mal seit wasweißich-wievielen Jahren ein komplett fußballfreies Wochenende gegönnt und bin stattdessen zur A State of Trance 650 "New Horizons" ins niederländische Utrecht gefahren (ja, auf solche Musik stehe ich total). Nachdem ich die Grenze überquert hatte hat mir mein Mobilnetzbetreiber jeden Zugang zum Internet verwehrt, aber selbst wenn ich Facebook, Twitter & Co zur Verfügung gehabt hätte, hätte ich wohl nicht draufgeschaut. Ich wollte mal für kurze Zeit abschalten vom Werder-Stress. Als ich wieder nach Bremen zurückgekehrt war erfuhr ich nur das nötigste: das Spiel gegen Borussia Mönchengladbach endete 1:1-Unentschieden, der Sportsfreund Lukimya hatte wohl nicht gerade seinen besten Tag erwischt und Neuzugang Obraniak hatte seinen ersten Treffer im grün-weißen Trikot erzielt, was mich natürlich sehr für ihn gefreut hat. Ein Unentschieden gegen Mönchengladbach war ebenfalls mehr als ich erwartet hatte, ich hoffe natürlich dass das die Vorzeichen eines positiven Trends sind.

Tja, wie gesagt, ich selber kann zum Spiel nur sehr wenig sagen, deshalb dachte ich mir dass ich mal andere an dieser Stelle zu Wort kommen lasse. Dies hier wird also quasi ein Ich-erzähle-Euch-was-andere-Leute-gebloggt-haben-Blog. Nach einem entsprechenden Aufruf erreichten mich einige Zusendungen über meine Facebook-Seite (zu finden hier), unter anderem auch vom User "Alex Werder". Der hat mir einen tollen Beitrag geschickt, der aber leider zu lang ist um ihn hier vollständig widergeben zu können. Der gute Alex hat sich jedenfalls gefragt, wie es sein kann dass man von Werder zwei so völlig verschiedene Halbzeiten gesehen hat. Ob Trainer Dutt den Spielern in der Halbzeitpause endlich mal die richtigen Worte gefunden und ihnen "in den Hintern getreten" hätte, so fragt sich Alex. Jedenfalls machte es für ihn den Anschein, als ob nach dem Seitenwechsel eine komplett andere Mannschaft auf dem Platz gestanden hätte. Besonders positiv sind ihm Kroos, Caldirola und Ignjovski aufgefallen, Zweiteren sieht er als die vielleicht beste Besetzung für die Position des linken Außenverteidigers: "Er ist ruhiger und schneller in der Rückwärtsbewegung, was unserer Defensive nur zu Gute kommt. Somit kommt mir die Überlegung, dass den eher offensiven als defensiven García bei Bedarf im Mittelfeld einzusetzen." Eine taktische Variante, die mindestens einer Überlegung wert sein dürfte. Alex hebt aber nicht ab, denn zu seinem Fazit gehört auch folgende Passage: "Den Gladbachern kann man beinahe dafür danken, dass sie ihre Großchancen nicht genutzt haben, sonst wäre das Spiel wahrscheinlich wieder in einem Desaster geendet" und weiter: "Aber mit dem Punkt kann man zufrieden sein. Ich persönlich hoffe, dass wir die Leistung aus der zweiten Hälfte in die nächsten Begegnungen gegen Frankfurt und Hamburg weiter tragen können. Dazu benötigt es einfach nur Konstanz. Dann bin ich halbwegs zuversichtlich, dass wir uns in den nächsten Wochen etwas weiter von den Abstiegsrängen entfernen können."

Eine besonders schöne Formulierung über den gravierenden Unterschied zwischen den beiden Halbzeiten habe ich von Josa Valentín zugeschickt bekommen. Er schreibt mir: "Den Inhalt der Kanülen, die Dutt seinen Schützlingen in der Halbzeit in die Pobacken injiziert hat, sollte der gebeutelte Trainer wohl besser für sich behalten." Josa sieht das 1:1 gegen Mönchengladbach sogar als "kleines Wunder von der Weser": "Dass am Ende trotzdem nur ein Punkt gegen den Abstiegskampf notiert werden darf, werden die einen als schade empfinden. Der genau Beobachter – in dem Fall, der Fan – sollte dafür in ekstatisches Jubelgeschrei ausbrechen und darf auch guten Gewissens den 'Andree Wiedener' anstimmen. Nach Niederlagen gegen Augsburg und Frankfurt kann das 1:1 gegen Favres Team schon mal Eingang ins Kapitel 'Wunder von der Weser' der grün-weißen Geschichtsbücher finden." Sein Ausblick in die nahe Zukunft: "Zu hoffen bleibt, dass der berühmte Aha-Effekt diesmal nicht ausbleibt – und das gute Gefühl nicht ausgerechnet in der umso wichtigeren Partie gegen die Eintracht flöten geht. Dieses Spiel, um Leben und Tod, um Klassenerhalt und Abstieg, um Sein oder Nichtsein, wäre jetzt einfach der falsche Moment, schlapp zu machen."

Ein toller Beitrag kam auch von meinem hochgeschätzten Kollegen "Burning Bush", der in seinem Blog "werder2013" dem SVW sogar Schizophrenie attestierte: "Da hat uns eine Mannschaft aber wieder ganz tief in ihre Seele blicken lassen. Die zwei Gesichter des SVW. Derartig schizophrene Züge geben mir ein Rätsel nach dem anderen auf. WERDER bot uns gestern in voller Gänze dar, zu was man im Stande ist – und zu was nicht." Recht harte Worte findet er zur Leistung von Verteidiger Lukimya: "Der, mit guten Worten kaum korrekt zu beschreibene, Fehlpass von Lukimya ist für mich Sinnbild des Selbstvertrauens dieser Mannschaft. Wie man es dreht und wendet – das ist vom alleruntersten dieser Spielklasse." Der für mich interessanteste Teil beschreibt die Stimmung während der Halbzeitpause: "Mit dem Halbzeitpfiff ist das unmittelbar aufkommende Pfeifkonzert der Zuschauer nicht zu ignorieren. Für mich einer der Schlüsselmomente des Spiels. Nachdem die Unterstützung im letzten Spiel gegen den BVB selbst beim 5. Gegentor kein Ende fand, würde man die Mannschaft heute nicht so davon kommen lassen. Sehr präsent und fast greifbar im Weserstadion." Seinen vollständigen Beitrag findet Ihr hier.

Zum Schluß muss ich noch folgendes loswerden: mir ist aufgefallen, wie krass seit neuesten in den diversen (a)sozialen Medien mal wieder auf Aaron Hunt eingedroschen wird. Es ist völlig legitim Kritik an einem Spieler zu üben, wenn man mit seiner Leistung nicht zufrieden ist, aber wie so oft im Leben macht der Ton auch hier die Musik. Hunt als (Zitat:) "Schwuchtel" zu bezeichnen ist nicht nur aufgrund der ekelhaft homophoben Art der Beleidigung völlig daneben und eines Werder-Anhängers krass unwürdig. Und wenn man schon Kritik übt, dann sollte die auch begründet sein. Ich musste beispielsweise lesen, dass Hunt "lauffaul" sein, obwohl Hunt von allen in dieser Saison bei Werder eingesetzten Spieler die zweitgrößte Laufdistanz zurückgelegt hat (nur Caldirola hat mehr Kilometer für Werder hinter sich gebracht) und sich seine durchschnittliche Laufgeschwindigkeit ebenfalls deutlich über dem Mannschaftsdurchschnitt befindet. Ferner musste ich lesen, Hunt wäre der "Fehlpass-König der Bundesliga", obwohl Hunts Passquote zu den Besten des gesamten Werder-Kaders gehört (nur die Quoten von Aycicek, Ekici, Prödl, Gebre Selassie und des mittlerweile zum FC St. Pauli gewechselten Trybull sind besser). Also Leute, bevor ihr meckert, informiert Euch doch bitte erstmal ordentlich. Auf meiner Facebookseite gibt's beispielsweise fast täglich frische Daten und Statistiken.

https://www.facebook.com/GruenWeisseStimmungslage

Wie es dem HSV mal wieder gelingen konnte, die Panzersperre der Lächerlichkeit mühelos zu überwinden und uns Reich der Scripted Reality zu entführen.

Das erwartete ich vergangenen Sonntagabend zunächst nicht, als ich nach einer Portion Bildungsfernsehen bei Hamburg1 hängenblieb, einem lokalen Fernsehsender, der in der Regel nicht durch interessantes Regional-TV auffällt, sondern viel mehr das geneigte Publikum tagsüber mit bizarrem Homeshopping nervt und in unheiliger Allianz mit dem Hamburger Abendblatt, mitunter groteske Diskussionsrunden zu knalllangweiligen Hamburger Komödienstadl-Themen durch den Äther jagt.

Die Sportsendung „Rasant“ wird in der Regel von Ulrich Pingel aufgeführt, eigentlich eine sympathische und kompetente Gestalt im Hamburg Sportjournalismus.

An diesem Sonntag nun bot Hamburg1 eine absolut irrwitzige Liveübertragung rund um diese ominöse Krisensitzung des Aufsichtsrates. Mit dem Mob der notorischen Feierbiester des Hamburger Sportjournalismus, hatte man sein Heerlager im Hamburger Grand Elyssee aufgeschlagen, einem sehr gehobenen Hotel an der Rothenbaumchaussee gelegen, also durchaus mit einer echten Portion HSV-Heritage behaftet. Und der Besitzer Eugen Block besitzt nicht nur eine landesweitbekannt bekannte Steakhouse-Kette, er ist auch noch einer der Gönner und Freunde des HSV.

Und nun lümmelten die ganzen Sportjournos da rum, wie bei der zweiten Türkenbelagerung von Wien, keiner kam raus, keiner kam rein. Bewehrt mit spitzen Federn, mit Laptops, die parat und aufgeladen waren und geölten Kameras, wollte man der bebenden Nation zeitnah die kommenden Entscheidungen, warm wie frisches Brot aus der Backstube heraus präsentieren.

Das Unterfangen erwies sich leider als ähnlich erfolglos, wie die oben angeführte zweite Türkenbelagerung von Wien. Es kam nicht einmal ein Entsatzheer, es gab nicht einmal eine Entscheidungsschlacht. Der Vorstand verpisste sich irgendwann durch den Lieferanteneingang und der Aufsichtsrat kegelte unterdings auf der Bundeskegelbahn im Keller des Grand Elyssee.

Ulli Pingel zeigt uns mehrfach die Treppe, auf der man „in Kürze“ wen-auch-immer mit was-auch-immer begrüßen wollte, man interviewte sich gegenseitig und manch gesprochenes Wort stellte sich als gruseliger heraus, als das zu erwartende geschriebene Wort. Irgendwann hatte Ulli Pingel einen trockenen Mund, der durchaus delikate Kartoffelsalat aus der Küche des Elyssee (mit frischer Gurke!), warf schon langsam Blasen, der Papagei neben der Rezeption wollte nun auch nur noch Interviews gegen Geld führen, kam man bei Hamburg1 auf die tolle Idee für etwas Zerstreuung zu sorgen: man öffnete die Konserve der Pandora und griff ins Regal von „Carport“, einem lustigen Business-TV-Format, bei dem Autohäuser von sich behaupten dürfen, dass  sie es sind, die die zahlungskräftige Kundschaft in Hamburg mit ihren essentiellen Grundbedürfnissen versorgen. Der lokale Autoverkäufer einer chinesischen Automarke aus Schweden durfte ungestraft behaupten, dass seine Blankeneser Traktoren einzigartig sind, weil sie von schwedischen Meerjungfrauen und Elfen ausgeschwitzt werden und nach diesem Akt, mittels putzigen Elchschlitten nach Bahrenfeld gebracht werden. Ich war kurz versucht, zum Autohaus ums Eck zu eilen, um willenlos eines dieser Fahrzeuge zu zeichnen, schon in Hut und Mantel musste ich mich aber besinnen, hatte ich doch gerade vor Jahresfrist im Schwesterautohaus ein bedeutungsloses Kraftfahrzeug aus Kölner Produktion erworben.

Nun war auch Ulli Pingel zurück, ein Shitstorm sei losgebrochen bei Hamburg1, weil man, so quasi zur Auflockerung, mal kurz eine Dauerwerbesendung eingeflochten hatte. Kam offenkundig nicht gut an beim Mob…Das Redaktionstelefon hat wohl 2, 3 mal geklingelt.

Dieter Matz vom „Hamburger Abendblatt“ verkündete nun, was ihm sein Adept Marcus „Scholle“ Scholz aus vertraulicher Quelle einblasen konnte: Jürgen Hunke hatte mehrere Pudel geworfen, die Stimmung war nun somit im Arsch und Eugen Block wollte keinen neuen Kartoffelsalat nachlegen. Den obligatorischen Eierlikör wollte man eh‘ nicht mehr raustun, folglich beschlossen die Journalisten, ihre Belagerung abzubrechen und sich bis zu nach dem Braunschweigspiel zum Wäschewechseln hinter die Harburger Berge zurückzuziehen.

In Hamburg einigt man sich momentan, in Verkennung von Brehms Tierleben, auf eine sehr eigene Definition von „Maulwurf“. So soll es der Isegrim sein, und ja, man kann den Spaß noch bis ins Unendliche treiben. Bastian Reinhardt ist nicht nur das Amt HSV des Vorstandes im Ressort „Sport“ vor die Füße gefallen, er war vorher auch medialer Lehrling im Presseressort von Jörn Wolf, ehemals „Hamburger Morgenpost“. Und im Jahre 2014 ist Bastian Reinhardt Trainer beim Hamburger Oberligisten Niendorfer TSV, bei dem -die Fabel erreicht nun endgültig ihren Höhepunkt!- Marcus Scholz ehrenamtlicher Herrscher aller Reusen ist.

Die Spieler hatten tags zuvor weniger Spaß. OK, wir Zuschauer im Stadion auch nicht wirklich, aber, als HSVer ist man per se mit einer gesunden Portion Leidensfähigkeit ausgestattet. Was haben wir nicht alles versucht: es wurde ein stümperhafter Brief an die Mannschaft geschrieben und von einigen Leuten virtuell unterschrieben. Entweder, wurde dieser Brief nicht zugestellt, oder, die Annahme wurde schlichtweg verweigert. Der geneigte Leser mag sich nun fragen, woher meine relativ geringe Wertschätzung des aktuellen Spielermateriales herkommen mag. Eigentlich halte ich grundsätzlich wenig von Fußballern, ich respektiere sie dennoch, wenn sie sich dafür entschieden haben, sich in den Dienst der Raute zu stellen und dabei das abzuliefern, was man als realistischer und reifer HSVer von ihnen erwartet: nämlich nicht viel und eine lockere Portion „geht so“.

Ansonsten sind mir diese Herrschaft in Form, Farbe und Herkunft schlichtweg egal. Warum denke ich so? Ich hatte mal eine kurze, aber interessante Unterhaltung mit einem Spieler, bei Wodka und Zigaretten, in einem eigentlich geschützten Refugium der Fußballprofis, dem „VIP-Bereich“ eines damals angesagten Clubs.

„Was wollt Ihr Asis eigentlich?!?“ war die etwas erregte Replik. Es war ein Samstagabend, irgendwann in den Nullern. Wir beschäftigten u.a. Spieler, die „eigentlich den Stadtteileverein viel geiler finden“, aber wegen dem Geld und der Karriere ihr trauriges Dasein beim HSV fristen müssen. Es war eigentlich alles wie immer, die Leistungen der Mannschaft entwickelten sich mal wieder völlig diametral zu den Ansprüchen „der Fans“, wir dümpelten mal wieder vor uns im Tabellennirgendwo umher und das Spiel am Nachmittag war ein notorisches Kackergebnis gegen eine Nichtgesichtertruppe aus der Wallachei. Mit den Altonaer Sandkastenbuddys ging es in da Club, wir schummelten uns an den Bouncern vorbei in die VIP Bar und in einer großen Sofaecke direkt vor der Bar, da hockte sie nun, die dereinst aktuelle Zierde unter der Sonne der heiligen Raute. Auf dem Weg zum Getränk, kam ich nicht umhin, die muntere Runde zu fragen, was es denn zu feiern gäbe, die sportliche Leistung der letzten Wochen und auch am heutigen Tage kann es wohl nicht gewesen sein. Es entwickelte sich ein kleines Gespräch, in dessen Verlauf der damalige Leitwolf mir die weiter oben angeführte Frage stellte, worauf ich ihm die gängige Erwartungshaltung eines durchschnittlichen HSV Fans darlegte („ 7 mal Deutscher Meister….“). Daraufhin belehrte mich der Spieler: „Weißt du was, uns Spielern ist es echt scheißegal, was ihr wollt…“. Nicht, dass ich von Hause aus sonderlich verträumt und fan-romantisch veranlagt bin, diese persönlich vermittelte Erkenntnis prägte mich bis heute. Gerade über die Winterpause musste ich an diese Begegnung denken, als man den besagten Spieler mit einer veritablen Plauze bei einem Fußballrentner-Hallenturnier im Sportfernsehen umherirren sah.

Heute las ich eine interessante Passage, in der wie gewohnt sehr gut zu lesenden Kolumne von Jovanov bei goal.com. Sie drehte sich um den Druck, den Spieler aushalten müssen und um die Tatsache, dass weder Spieler etwas mit dem Alltagsdruck der arbeitnehmenden Fans anfangen können, noch die Fans wirklich etwas von dem Druck verstehen, dem Profifußballer ausgesetzt sind.

Grundsätzlich stimmt dieser Gedanke natürlich und all zu ungerechtfertigt emotionale Abweichung im normalen Sozialverhalten gegenüber den Fußballprofis ist natürlich unzulässig. Dies gilt natürlich ebenso für Funktionäre.

Es muss aber immer in die Betrachtung einbezogen werden, dass gerade die Fußballprofis, wenn sie dicke im Geschäft sind, komplett narzisstisch und extrovertiert Leben. Die Autos, die Frisuren, die Tätowierungen, die WAGs.

Fußballprofis halten sich für Bankhäuser, die nach dem bekannten Prinzip den Erfolg komplett individualisieren, sollte aber am Ende Misserfolg bei den Bemühungen herauskommen, wird dieser nach dem ebenso bekannten Muster vergesellschaftet.

Ebenso schwindet den Fußballprofis der Sinn für die realistische Einschätzung der eigenen Leistung im Gesamtkontext, ähnlich so, wie man es bei den Nieten in Nadelstreifen kennt. Seltsamerweise finden sich aber auch hier willige Claqueure, die nicht nur willenlosen Applaus spenden. Oder, wie ist es zu erklären, dass *hsvklatsch* es total niedlich findet, dass sich Denis Aogo einen Ast über eine Café del Mar CD freut, die er im Wurstpaket ans Krankenbett geliefert bekommen hat, wohingegen man partout nicht verstehen will, dass der HSV unwirsch auf die Mallorcatour von DA reagiert hat. Demut und Loyalität gehen nun mal anders, sind aber auch im Geschäft „Profifußball“ nicht zu erwarten.

Ach ja, Geschäft „Profifußball“: das Pokalspiel gegen die Bayern ist das erste Pflichtheimspiel seit 30 Jahren, dass ich nicht aus mehr oder minder guten Gründen aus dem echten Leben sausen lasse. Ich war sogar einen Tag nach der Beerdigung meiner Mutter zum Heimspiel, weil es mir etwas bedeutet hat und mir somit auch Trost gespendet hat.

Stand heute, fühle ich mich aber im Volkspark nicht so zwingend gut aufgehoben, wie vor 9 Jahren. Und es liegt bestimmt nicht an den Bekloppten, die da im Stadion rumlaufen. Wohl eher an dem Kartenpreis von 48,00€.

hondo adac hsv