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Freitag, 26 Dezember 2014 21:39

Stadionalist?

geschrieben von

Sind wir nicht alle ein bisschen Stadionalist?

Die Winterpause und Feiertage laden gewöhnlich zur inneren Einkehr ein. Spätestens nach dem traditionellen Neujahrs-Hangover. Mich hat es dieses Jahr dazu bewogen mal einer grundsätzlichen Fragestellung nachzugehen: Ist die Verbundenheit zu seinem lokalen Verein nicht immer auch eine Form von Patriotismus, impliziert das nicht automatisch immer auch eine politische Aussage, die über den Fußball hinausgeht? Sind wir – egal welcher Couleur und politischen Ausrichtung – in letzter Konsequenz nicht doch irgendwie alle patriotisch veranlagt, wenn es um unseren Verein geht? Sind wir gar alle ein wenig Stadionalist?

scf-gladbach 10-11 5

Der Stadionalist
Der Stadionalist ist das was er ist.
Gemeinhin ein Fußballfan, lokal verbunden und Traditionalist.
Er kämpft in der Kurve für sein Dasein,
liebt seine Stadt und seinen Verein.
 
Der linksextreme Stadionalist ist solange politisch korrekt,
bis er mit dem System aneckt,
dann tobt der alternative Lokalpatriot,
und nennt den Staat in dem er wohnt ein Vollidiot.
 
Der rechtsextreme Stadionalist ist solange politisch korrekt,
bis er mit dem System aneckt,
dann tobt der Nazi, redet von Blut und Vaterland,
und beschmutzt die eigene Heimat ohne Sachverstand.
 
Der liberale Stadionalist ist ein Phänomen,
ihn kann es nicht geben, ist Fußball doch immer ein Spiel,
gegen andere gewinnen das Ziel.
 
Der gemeine Stadionalist ist treu,
ergeben seiner großen Liebe ohne List und ohne Scheu,
er steht für lokale Werte,
für Zusammenhalt und Ehre.
 
Der Stadionalist steht zu seiner Leidenschaft,
zu Stadt, Verein und Mannschaft,
er kann nicht anders,
ist es doch besonders.
 
Der Stadionalist, der keiner ist,
aber gerne die lokale Fahne im Stadion hisst,
 ist immer doch ein bisschen parteiisch,
sonst wäre er egoistisch.
 
Der Stadionalist kann nie unpolitisch sein,
denn als Fan trägt er die Gesellschaft ins Stadion rein,
egal welcher Couleur,
ist in seinem Herzen ist die Vereinsfarbe der Regisseur.
 
Der Stadionalist ist urban gebunden,
vielleicht hat er die Globalisierung nicht ganz verwunden.
Der Fixpunkt auch in der Ferne,
bleibt der Verein trotz aller Moderne.
 
Der Stadionalist das was er ist,
Fußballfanatiker, Kurvenanhänger,  Systemkritiker, aber sicher kein Faschist.
 Linke Lokalpatrioten, Rechte Heimatverbundene, Extreme sind schlecht zu einen,
die gemeinsame Liebe zu ihrem Verein lässt sich dennoch nicht verneinen.

Ist nicht auch der weltoffensten, liberalste Metropolist am Ende heimatverbunden, wenn es um Fußball geht? Ist es ein Wesensmerkmal von uns Fans, dass wir Fanidentität neben unserer Treue zum Verein, immer auch mit Land und Leuten, mit unserer Stadt und mit regionaler Identität verknüpfen, geht die Liebe zum Verein über "gesunde" Heimatliebe hinaus?

Wird man als Fan der deutschen Nationalmannschaft schnell als ein durchtriebener Patriot identifiziert, wird im Zusammenhang zur Vereinsverbundenheit dieses Fass eher weniger aufgemacht. Warum eigentlich nicht? Viele werden an der Stelle auf die zweifellos vorhandenen Unterschiede zwischen Lokalpatriotismus und Nationalstolz hinweisen und diese gilt es auch zu berücksichtigen, wenn man sich dem Thema politische Parteilichkeit und regionale Verbundenheit nähern will. Dass Politik schon immer eine Rolle im Fußball gespielt hat, lässt sich schon allein daran aufzeigen, wie hoch frequentiert die politischen Granden einem Stadionerlebnis beiwohnen um Volksnähe zu demonstrieren. Darüber hinaus und in diesem Zusammenhang von größerer Bedeutung, sind die politischen Transformationsprozesse, die vom Alltag ins Stadion gespült werden. Jeder, der da behauptet "Politik und Fußball könne man trennen" ist schlicht naiv. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn der Fußball möglichst unberührt von politischen Diskussionen bleibt, in der Realität spiegeln die Stadionbesucher aber den Querschnitt einer Gesellschaft. Somit trifft man im Stadion konzentriert alle Richtungen, die auch "draußen" zu treffen sind, nur fallen die unterschiedlichen Strömungen im Alltag weniger auf.  Besonders der in fast jedem Stadion anzutreffende Konflikt zwischen den rechten und linken Blöcken sorgt in Fankulturkreisen, und wie jüngst darüber hinaus, für Unruhe.  Sicherlich ist das kein neues Phänomen, allerdings tritt es offener zu Tage.

Ohne hier ins Detail gehen zu wollen, ist dieser Umstand sinnbildlich für eine Welt, dessen Bewohner mehr denn je auf der Suche nach Halt sind. Die politischen Differenzen gab es schon immer in der Gesellschaft und seit es  Fußball in seiner modernen Form gibt, nur nimmt die Qualität der Auseinandersetzungen neue Dimensionen an, bei denen man sich mit Blick auf die Entwicklungen wie  #hogesa  ernsthaft fragen muss, inwiefern dass jetzt noch mit Fußball und der Unterstützung seines Vereins zu tun hat?

Die Kurve im Wandel der Zeit

Um die Kurvenhoheit (braucht es die?) zu erlangen treten mittlerweile die verschiedensten Gruppen gegeneinander an, sei es verbal oder auch mal handgreiflich. Sich gegen verhetzenden Parolen zu stellen, über krankhafte Ideologien aufzuklären und nicht zuletzt vor Extremismus jeglicher Form zu warnen ist nobel und zeugt von Zivilcourage. Die politische Einfärbung beider Seiten ist aber mittlerweile so offensichtlich, wird so offen zu Schau getragen, dass der Fußball dabei in den Hintergrund rückt. So scheint es. Die Folge sind unter anderem eine zunehmend fehlende Heterogenität in den Kurven, die Zersplitterung in immer kleinere Fangruppierungen, die je nach Ausrichtung extreme Formen in ihrer Vorstellung von Support annehmen können. Dort wo früher zum Wohle seines Vereins an einem Strang gezogen wurde, rückt die eigene Geltungssehnsucht in den Vordergrund. Nicht gerade dienlich was die Unterstützung des Vereins betrifft.  Überhaupt fällt auf, dass sich insbesondere die Ultrakultur von ihren Ursprungsideen entfernt. Längst noch nicht am Zenit angekommen, beginnt sie sich nach 20-25 Jahren Realexistenz in Deutschland neu zu definieren.  Immer öfter steht dabei der Kampf gegen politische Extreme auf der Agenda. Zwar traten die Ultras in ihrer deutschen Form von Beginn an gegen die rechte Hooliganbewegung auf, allerdings waren die bereits meist aus dem Stadion verschwunden, als sich die Ultrabewegung anschickte eine ernstzunehmende Subkultur in den deutschen Stadien zu werden.  Mittlerweile etabliert schicken sich Teile der Ultras an ihre lange erkämpfte Reputation durch innere Streitigkeiten zu torpedieren, Politik spielt dabei immer vordergründiger eine Rolle, dabei verwischen staatstragende Intentionen mit vereinspolitischen Absichten. Richtig konfus wird es bei Antihaltungen, die zwar in Mode, dennoch selten zielführend sind. Statt immer gegen alles zu sein, kann man sich  auch mal für etwas positionieren. In Freiburg gibt es eine Tradition der Toleranz, in Aachen seit jeher eine politisch geprägte Fankultur, jede Stadt, jeder Verein verkörpert unterbewusst einen Lebensgeist der vorherrschenden allgemeinen Verhältnisse.  Diese werden bisweilen definitiv benutzt um ein Alleinstellungsmerkmal herauszukristallisieren. Soweit in Ordnung, wäre da nicht die leidige Rückkehr zur Allgemeingültigkeit von einst individuellen Fanchroniken. Heutzutage wird man in eine Schublade gesteckt, das Fantum in Gruppen ausgelebt geht immer einher mit einer politischen Akquise, die nicht selten darin endet, dass man als zu (un)politisch abgestempelt wird. Sei es hinsichtlich der Vereins-, der Stadt-, oder Landespolitik. Interessant dabei zu beobachten ist immer wieder welche Differenzierung zwischen Stadiontreue und Lokalpolitik gemacht werden. Wird man als frenetischer Lokal- Anhänger noch gefeiert, passiert es immer öfter, dass man nach Toreschluss als ebensolcher gebrandmarkt wird. Zu Recht, wenn das "Lokale" Dimensionen annimmt, die über das "Normale" hinausgehen. Definiert selbst.   

Die Vereine sind offensichtlich mit diesen Entwicklungen überfordert und bauen ausgerechnet in dem Fall oftmals auf Selbstregulation, was hinsichtlich des Konfliktpotential fahrlässig ist. Wer bei extremen Tendenzen wegschaut braucht sich über extreme Auswüchse nicht wundern.        

Fest steht: Wir als vereinsliebende Fans sind doch immer auch lokal verbunden, mit einer Philosophie, die ihre Wurzeln aus der Geschichte einer Region schlägt. Das ist wohl jedem klar, sein, der regelmäßig ins Stadion geht und seiner Leidenschaft frönt. Wir supporten in erster Linie unser Team, aber wenn wir ehrlich sind, grenzen wir unseres dabei immer auch von anderen ab. Wir heben unseren Verein götzengleich an die höchste Stelle des Olymp, feiern unsere Stadt unsere Region und unsere Heimat. Wie sonst ist es zu erklären, dass der Fußball eine derart identifikationsstiftende Wirkung auf die Menschen hat. Kaum eine andere Geschmacksgemeinschaft schafft es heutzutage die Menschen derart zu vereinen und gleichzeitig so auseinander zu dividieren. Gerade in einer globalisierten Welt suchen die Menschen Halt. Es ist nicht verwunderlich, wenn sie das in ihrem direktem Umfeld tun. Der Deterrioalisierung wird die Lokalität entgegengesetzt, der Entfremdung das Heimelige,  der Vielfalt das Gewohnte –  schlicht: der Moderne die Tradition.  Nirgendwo kommt das so zum tragen  wie in den Fankurven.

Auf der Suche nach Identität

Hier beginnt es allerdings etwas kompliziert zu werden. Zum einen ist da die Vereinsliebe, die jeder im Mikrokosmus Fußball offen zur Schau stellt und bisweilen handfest verteidigt, zum anderen ein modernes, von toleranter Aufgeklärtheit und Offenheit geprägtes Weltbild, das Gewalt zutiefst ablehnt. Zu diesem offensichtlichen Widerspruch gesellt sich die Bereitschaft den eigenen Verein bisweilen bis aufs Blut zu verteidigen. Wenn das Nazis machen, die in ihrer verstörten Lebenswelt meinen „ihr“ Land gegen „negative“ Einflüsse verteidigen zu müssen ist der Aufschrei groß. Insbesondere in den Fanlagern, die sich am nächsten Fußballwochenende auf die Mütze geben, wenn der eigene Verein, das eigene Revier angegriffen wird. Wo ist da der Unterschied zu dumpfen Nazis, die ihrerseits glauben über eine Deutungshoheit zu verfügen? Interessant dabei, Exklusion spielt immer eine Rolle.   Allzugerne positionieren sich insbesondere aktive Fangruppierungen, die man durchaus als aufgeklärt und selbstreflektierend bezeichnen kann gegen Einflüsse die unseren Sport bedrohen, manchmal eben auch mit Nachdruck auf der Strasse. Legitimationsargument ist dabei stets das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieses Gut gilt es zu bewahren. Ein honorer Ansatz und viele Ultrakritiker sollte zu schätzen wissen, dass diese einzig noch realexistierende Jugendsubkultur sich dieses Ziel ganz oben auf die Fahne geschrieben hat. Dennoch wirkt es an der ein oder andere Stelle nicht zu Ende gedacht, wenn im gleichen Atemzug anders denkende diffamiert werden, oder die Mittel zur Durchsetzung eingesetzt werden, die man bei anderen kritisiert. Manchmal passt das nicht zusammen. Gegen Rassismus ja, aber den Gegner und seine Fans kollektiv als Vollidioten hinstellen ist etwas, nun, sagen wir mal, schwierig zu vereinbaren, wenn man das durchdenkt. Sich gegen Kommerz zu positionieren, aber Turnschuhe aus Kinderhänden tragen ist, nun, sagen wir mal, leicht fragwürdig und ebenfalls nicht konsequent. Klamotten zu tragen, die durch Filme in den Kultstatus erhoben wurden sind sowas von Mainstream, und hat rein gar nichts damit zu tun, dass man sich eben von diesem bewusst nach Außen abkoppeln möchte. Im Gegenteil. Von diesen Widersprüchen müsste man jetzt noch eine ganze Latte aufzählen, aber das würde in diesem Kontext zu weit führen.

Wenn man also davon ausgeht, dass insbesondere politisch angehauchte Ultras und aktive Fans Werte verkörpern, die  eigentlich Alternativen darstellen sollen/wollen, dabei aber den Massenströmen bedrohlich nahe kommen, ein unangepasster Support ganz oben steht, der Sinn aber ein möglichst homogener –  nahe am Corpsgeistgedanken – ist , verwundert es nicht, dass die Szenen gerade im Wandel begriffen sind. Viele Kleingruppen splittern sich ab. Deren politische Motivation sei mal dahingestellt. Es fällt zumindest auf, dass sie sich in entfremdeten Zeiten zunehmend radikalisieren und in Kleinteiligkeiten zerfallen.  

Die Kurve spiegelt wie bereits betont den Gesellschaftszustand wieder. Dass der durch Individualisierung, globalisierte Transformationsprozesse in einer Findungsphase ist spürt sicher jeder. Es kommt einem so vor als koche jeder zunehmend seine eigene Süppchen, das große Ganze wird dabei zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Diese Zersplitterungsprozesse sind typisch für Phasen der Neu-/Umorientierung, und im Fußball äußern sich diese in Fankulturprozessen, die nicht jedem passen und bisweilen seltsame Blüten tragen.   Dennoch sind sie schlichter Ausdruck dessen was in der Gesamtgesellschaft vor sich geht.

Der gemeinsame Nenner, und das ist das besondere in der Fußballfankultur, bleibt die zeitlose, bedingungsfreie Liebe zu seinem Verein. Die ist so fest zementiert wie der Elfmeterpunkt in jedem Stadion.  Man ist eben nicht nur mal im Vorbeigehen Fan und das bleibt auf ewig. Allerdings nimmt die Qualität dieser Vereinstreue zur Zeit zum Teil groteske Züge an, insbesondere wenn man sich den Widerspruch von Lokalpatriotismus und Staatskritik nochmal genauer anschaut. Nicht wenige verlassen ihr gefühltes zweites Wohnzimmer Fahne schwingend um sie dann ganz schnell zu Hause wieder in den Schirmständer abzulegen. Im Stadion noch seiner Stadt zugejubelt, mit seinem Verein gelitten, den Gegner verpönt, den gemeinsamen Erfolg gefröhnt, die gemeinsame Niederlage zusammen verdaut, aber im Alltag  Systemkritik üben, sich darüber aufregen wie Leute nur so doof sein können für eine gemeinsame Sache einzustehen und dafür auch noch über ein Normalmaß hinausgehen.

Das muss nicht zwingend konträr sein, dennoch kommt es einem so vor, als wird  hier oft mit zweierlei Maß gemessen. An der Stelle muss man sicherlich zwischen Stolz auf einen Verein sein und Patriotismus differenzieren, dennoch sind die Überschneidungspunkte für jeden offenkundig und das zu ignorieren ein fatalistischer Zug, den viele viel zu gerne unter den Teppich der Selbstzweifel oder selbstauferlegter Ignoranz kehren.

Der Verein als letzter Rückzugsort

Es ist nichts dabei seinen Verein bedingungslos treu zu sein, nur sollte man dabei nicht vergessen in welchem Umfeld er existiert, er leben muss, darf. Wer grundsätzlich gegen Deutschland als System ist, kreidet unterbewusst immer auch die Existenz sich rivalisierender Lokalitäten an, die Deutschland und nicht zuletzt den Fußball in seinem natürlichen Konkurrenzverhalten nun mal ausmachen.  Der Wettbewerb sollte  halt stets ein gesunder bleiben, Extreme eine untergeordnete Rolle spielen, die Liebe vereinen. Die Suche nach Halt nicht beim Fußball kleben bleiben.

Man sollte sich eventuell mal entscheiden was man will und für was man einsteht. Seinem Verein treu und loyal zu sein, heißt nicht ihm treudoof zu folgen, ihn zu verteidigen muss nicht heißen auf Teufel komm raus  jeden wegzukloppen, der eine andere Meinung besitzt, einen anderem Verein treu ist. Nicht jeder, der seine Vereinshymne mitsingt muss bei der nationalen stramm stehen, im Gegenteil. Nur sollte man sich eingestehen, das uns Vereinsfans  immer eine Gemeinsamkeit verbindet, die viele Anleihen von regionaler Identität in sich trägt und damit eben auch eine der letzten Bastionen zur realer Identifikation ist, selbstbestimmt und von Grund auf erfahrbar patriotisch.

Im Endeffekt und in letzter Konsequenz sind wir doch alle Stadionalisten, die ihrem  Verein die Absolution erteilen, freiwillig und gerne, sei es verbal, gedanklich, oder eben auch physisch . Ob das Fortschrittlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich plädiere für mehr Aufrichtigkeit nicht nur in der Diskussion und fordere dazu auf, dass wir uns alle ehrlich hinterfragen und letztlich zu dem stehen was wir als Lokalpatrioten Wochenende für Wochenende leben. Wenn dabei die Heimatliebe das Mittel zum Zwecke wird ist das so gewollt und hat sehr wohl damit zu tun, dass Fußball –  wie jeder Sport  – ursprünglich  eng mit Rivalität verknüpft wird, nur sollte man darauf achten, dass dieser Wettbewerb nicht zum Stellvertreterschauplatz von politischen Diskursen wird, die über das Gemeinwohl hinaus gehen.  Ich bin jedenfalls stolz darauf ein SCF-Stadionalist zu sein. Meine Meinung, meine Erfahrung, meine Leidenschaft.  

Unser Leben, unser Spiel. Unser Verein, unsere Liebe.

Plauen HeftWarnung: Dies ist kein „normaler“ Blog.

Es geht nämlich nicht oder zumindest nur am Rande um den FC Schalke 04. Es geht auch nur sehr begrenzt um das sportliche Geschehen auf dem Platz oder die Fankultur auf den Rängen.

Es geht um viel mehr, nämlich um die nackte Existenz eines Traditionsclubs, der noch ein Jährchen älter ist als unsere Königsblauen: Am 27.05.1903 gründete sich im sächsischen Vogtland der VFC Plauen e. V. . Über die heutigen Vereinsfarben sei an dieser Stelle das Mäntelchen des Schweigens gebreitet, aber von Knapp-vorbei-ist-auch-daneben-Tragödien (so wurde die Gaumeisterschaft 1914/15 aufgrund des ersten Weltkriegs kurz vor dem ersehnten ersten Titelgewinn der Plauener abgebrochen; 1926 wurde derselbe Titel am grünen Tisch dem Lokalrivalen zugesprochen, 1945 folgte die Enteignung aller bürgerlichen Vereine in der sowjetischen Besatzungszone und diversen Auf- und Abstiegen) blieb der VFC Plauen e. V ebenso wenig verschont wie wir. Seit der Wende pendelt der Verein zwischen Ober- und Regionalliga hin und her, derzeit als Tabellenelfter der Regionalliga Nordost.

Dem VFC Plauen gehört mit dem Vogtlandstadion eines der ältesten noch regelmäßig genutzten Stadien Deutschlands – das ursprüngliche Gelände stammt bereits aus dem Jahre 1934. Zum Vergleich: Die Glückaufkampfbahn ist knappe sechs Jahre älter und musste bekanntlich bereits 1972 ihre Funktion als Spielstätte für unsere erste Mannschaft an das Parkstadion abtreten, das ebenfalls schon der Arena weichen musste. Der VFC Plauen hingegen versucht, seine traditionsreiche Spielstätte, in der man sich in die „gute alte Zeit“ zurückträumen kann, zu erhalten und grundlegend zu sanieren. In drei Bauabschnitten wird seit 2009 daran gearbeitet, die Steh- und Sitztribünen an die heutigen Erfordernisse anzupassen.      

Bauen kostet, das wissen wir Schalker nicht erst seit dem gigantischen Drahtseilakt der Arena-Finanzierung. Und so versuchten auch die Plauener, die für den Umbau nötigen Eigenmittel u. a. über Bausteine zu finanzieren. 12.000 Bausteine zu je 25 € sollten es sein, keine leichte Aufgabe für einen Verein mit 500 Mitgliedern in einer wirtschaftlich stark angeschlagenen Stadt und Region. Fehlende Fernsehgelder und ausfallende Sponsoren taten ihr Übriges hinzu und so kam es, dass den VFC Plauen heute rund 960.000 € Verbindlichkeiten bei insgesamt 45 Gläubigern drücken.

Plauen BerichtZugegeben, gegen unsere 220 Mio. € Konzernverbindlichkeiten nehmen sich diese 960.000 € als Peanuts aus. Und Querelen in der Vereinsführung, Aufsichtsräte vor Gericht, fünf Trainer in fünf Jahren und turbulente Mitgliederversammlungen mit Presseausschluss und anschließender Negativberichterstattung ist jetzt auch nichts wirklich Neues. Aber dummer Weise sind knapp 200.000 € der Schulden sofort fällig und können nicht beglichen werden, weswegen der erst Mitte November neu gewählten Präsidentin Dagmar Baumgärtner am vergangenen Montag nur der Gang zum Amtsgericht blieb, um einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu stellen.

Bei einem Insolvenzantrag prüft das Gericht, ob es ein Verfahren eröffnet, wozu es u. a. eines Eröffnungsgrundes[1] – Zahlungsunfähigkeit – und genügend Mittel, um die Kosten des Verfahrens zu finanzieren, bedarf. Wenn das Verfahren eröffnet (oder mangels Masse abgelehnt) wird, wird der Verein aufgelöst.[2] Ende, Schluss, aus. Schafft es der Verein bzw. der Insolvenzverwalter hingegen, sich mit allen Gläubigern über einen Insolvenzplan zu einigen, kann er fortbestehen und seine Schulden zumindest teilweise tilgen, um nach der „Wohlverhaltensphase“ über die Restschuldbefreiung in eine bessere Zukunft zu starten.

Jeder Fußballfan wird nachvollziehen können, dass ein solcher Insolvenzplan, der die Sanierung ihres Traditionsclubs ermöglichen würde, natürlich das Ziel des Vereins und aller VFC-Fans ist. Der am Dienstag eingesetzte vorläufige Insolvenzverwalter des VFC Plauen, Rechtsanwalt Klaus Siemon, sieht nach Prüfung der Unterlagen auch Chancen auf eine Sanierung des Vereins, wenn, ja…

…wenn da nicht der DFB und seine Statuten[3] wären. Denn diese sehen vor, dass „die spielklassenhöchste Mannschaft eines Vereins, über dessen Vermögen das Insolvenzverfahren eröffnet worden ist, sofortiger Absteiger ist und den Spielbetrieb mit dieser Mannschaft nach Präsidiumsbeschluss beendet“.

Übersetzt man das Juristendeutsch in normale menschliche Sprache, heißt das: Ein Insolvenzplan soll ein angeschlagenes Unternehmen (oder Verein) retten. Damit es einen solchen geben kann, braucht es ein Insolvenzverfahren. Und genau dieses Insolvenzverfahren schleudert einen Verein nach Willen des DFB durch Zwangsabstieg mindestens eine Spielklasse tiefer. Die restlichen Ligaspiele könnten entfallen bzw. wären samt und sonders Freundschaftsspiele, die völlig unabhängig vom sportlichen Ergebnis zugunsten des jeweiligen Gegners gewertet würden. Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, dass die sportliche Bedeutungslosigkeit der Spiele die Chancen auf Einnahmen und damit Sanierung nicht verbessert. O-Ton Klaus Siemon: „Welcher Sponsor gibt schon Geld, wenn nur noch Freundschaftsspiele stattfinden und welcher Spieler hängt sich 120 % rein, wenn das Ergebnis ohnehin nicht zählt?“. 

Nun ist die Juristerei nicht zwingend an den gesunden Menschenverstand gekoppelt, in diesem Falle aber möglicherweise doch: Der zweite Abschnitt des 3. Teils der Insolvenzordnung[4] regelt die „Erfüllung der Rechtsgeschäfte“, durch die der Insolvenzverwalter weitgehende Rechte und Vollmachten erhält, ein Unternehmen auf Sanierungskurs zu steuern oder die Forderungen der Gläubiger noch bestmöglich zu bedienen. So kann er beispielsweise bei bestimmten Geschäften die für den Schuldner wirtschaftlich günstigste Variante wählen.  Und – und hier kommt der Knackpunkt - Vereinbarungen, die diese Rechte ausschließen oder beschränken, sind gemäß § 119 InsO unwirksam.

Plauen Aufstellung

Aus diesem Grunde wird in der juristischen Literatur teilweise die Meinung vertreten, die Zwangsabstiegsregelung verstoße gegen § 119 InsO. Noch einmal O-Ton Klaus Siemon: "Das Gesetz will, dass Sanierungen in der Insolvenz möglich sind, um Werte zu erhalten, Arbeitsplätze zu sichern und Gläubiger durch Erhaltung besser zu befriedigen als durch Zerschlagung. Regelungen, die dies ihrer Intention nach erschweren, haben keinen Bestand… Gerade im Fußball entspricht dies auch nicht einem Fair-Play. Demjenigen die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen, der ohnehin angeschlagen ist, ist unfair. Gerade der Umstand, dass nur die spielklassenhöchste Mannschaft absteigen muss, zeigt den Strafcharakter der Regelung, der in einem modernen Insolvenzrecht keinen Platz mehr hat."

Klaus Siemon will daher für den VFC Plauen gerichtlich gegen die Spielordnung bzw. den Zwangsabstieg vorgehen. Das Ergebnis wird nicht nur juristisch höchst spannend sein – kann das Verbandsrecht für einen geordneten Spielbetrieb wirklich das bundesgesetzliche Recht eines angeschlagenen Unternehmens bzw. Vereins auf eine Fortführungschance untergraben? -, es wird auch im Erfolgsfalle weitreichende Folgen für viele deutsche Traditionsvereine haben. Der DFB beansprucht viele rechtliche Sonderregelungen für sich. Meines Erachtens wäre es ein sehr gutes und überfälliges Signal, dass die Verbands-Allmacht trotzdem nicht grenzenlos ist. Und ich drücke den mutigen Plauenern die Daumen, dass sie der David sind, der den Goliath zwar nicht zu Fall bringt, ihm aber für sein eigenes Überleben eine ordentliche Beule verpasst!

Fankultur wird dieses Thema und das weitere Schicksal des VFC Plauen weiter begleiten. Bis zu einem entsprechenden Urteil wird noch einiges Wasser die weiße Elster und die Emscher runterfließen, aber der VFC Plauen sammelt bereits fleißig Spenden, die Nordkurve Chemnitz will dem Nachbarn helfen und wer weiß, vielleicht kommt es ja endlich zu der 1998  von Rudi Assauer „angedrohten“ Revanche. 3:1 haben uns die Plauener damals in einem Freundschaftsspiel am Rande des Trainingslagers weggefidelt…

Blau-weiße Grüße

Susanne Blondundblau


[1] § 16 InsO [2] § 42 I BGB  [3] In diesem Fall § 6 Nr. 3 der Spielordnung des Nordostdeutschen Fußballverbandes; entsprechende Regelungen finden sich aber inhaltsgleich in allen Spielordnungen der Fußballverbände einschließlich der Bundesliga. [4] §§ 103 – 128 InsO

 

Freitag, 28 November 2014 07:50

Herr Heldt, wo kommen die 80 Millionen her?

geschrieben von

Geld

Schalke-Vorstand Horst Heldt erklärte gestern als Reaktion auf Kritik auf der Presskonferenz zum Samstagsspiel gegen Mainz 05 u. a.:Meine Mannschaften haben sich in sieben von acht Jahren für Europa qualifiziert, davon fünfmal für die Champions League. Neben den sportlichen Zielen, die wir alle erreicht haben, gehörte es auch zu meinen Aufgaben, Schulden abzubauen. Wir haben die Verbindlichkeiten um 80 Millionen gesenkt. Auch das alles ist meine Verantwortung!

Die anwesenden Journalisten haben die behauptete Summe leider nicht hinterfragt, auch ein heldt-kritischer Kommentar in der Zeitung mit den vier Buchstaben von heute geht nicht darauf ein. Schaut der geneigte Leser aber einmal in die Schalker Konzerngeschäftsberichte, entdeckt er in den Jahren seit Heldts Mitwirken (ab Juli 2010) folgende Konzernverbindlichkeiten:

31.12.2010                 254.456.245,53 €

31.12.2011                 228.631.900,64 €

31.12.2012                 217.072.558,74 €

31.12.2013                 230.135.278,47 €

30.06.2014                 220.070.113,75 €

Ein signifikanter Abbau der Verbindlichkeiten konnte trotz durchgängiger Teilnahme am internationalen Geschäft also nur im Jahre 2011 erfolgen – und da auch nur aufgrund des lukrativen Transfers von Manuel Neuer zu den Bayern.

Daher möchte ich von Herrn Heldt gerne wissen, wie er auf die genannten 80 Millionen kommt. Kann der Vorstand Sport keine Bilanzen lesen? Wurden da Stuttgarter Verbindlichkeiten und der Gomez-Transfer einberechnet, da er – wenig sensibel für Schalker Seelen – mit Blick auf 2007 auf 2007 auch noch erklärte, „er könne auch Meister“? Oder hat er die 254 Mio € Konzern-Gesamtverbindlichkeiten des Jahres 2010 mit einer ganz anderen betrieblichen Kenngröße – nämlich nur den Vereins- oder Finanzverbindlichkeiten – des Jahres 2014 verglichen? Der Verein redet ja gerne in Verlautbarungen zur Finanzsituation nur von den Finanzverbindlichkeiten, als ob die übrigen Verbindlichkeiten ihm nicht genauso die Luft abschnüren könnten. Oder wurden nur die zwischenzeitlichen Tilgungen der Altverbindlichkeiten, nicht aber die neuen Schulden erwähnt?

Beide denkbaren Varianten – Unkenntnis der grundlegenden Zusammenhänge der Bilanzierung als auch ganz gezielte Spitzfindigkeiten zur Desinformation und Überhöhung der eigenen Leistung – finde ich an der Spitze meines Vereins nicht vertrauenserweckend.

Ich bitte daher im Interesse aller um den Verein FC Schalke 04 besorgten Mitglieder und Fans um Aufklärung, Herr Heldt. Und wenn Sie schon dabei sind, dürfen Sie oder Ihr Finanzkollege Herr Peters auch gerne noch die in meinem Blog zum Konzernbericht 2013 aufgeworfene Frage beantworten, wie der FC Schalke 04 mit einem solchen finanziellen Korsett die 2016 fällig werdende Fananleihe (10,8 Mio €) und vor allem 2019 die rund 50 Mio. € aus der Mittelstandsanleihe zurückzahlen möchte…?

Gespannte blau-weiße Grüße

Susanne Blondundblau

Montag, 10 November 2014 20:52

Über Größenwahn

geschrieben von

PeanutsGrößenwahn wird im Wesentlichen in die beiden Ausprägungen Gigantomanie und Megalomanie unterschieden. Letzteres bezeichnet ein psychiatrisches Krankheitsbild und soll nicht weiter Gegenstand sein. In den einschlägigen Suchportalen findet man beispielsweise bei Wikipedia einen Eintrag, der unter der Gigantomanie weniger das krankhafte sondern vielmehr überzeichnete, maßlose Streben Einzelner bezeichnet, ihre Mitmenschen durch herausragende, übersteigerte Leistungen zu übertreffen.

Größenwahn ist negativ konnotiert. Er weckt in der Realität Assoziationen an Diktaroren und Despoten. In den Religionen und der Mythlogie ist der in seinem Streben grenzenlose Mensch häufig zum Scheitern verurteilt. Der Versuch gottfordernd oder gar gottgleich zu sein, muß in die Katastrophe münden. Dennoch war es in der Geschichte der Menschheit immer der Größenwahn Einzelner, der natürlich auch Leid heraufbeschwor, aber gleichzeitig Werke von zeitloser Bedeutung schuf. Ohne Ziele verkümmert der Mensch und stagniert in seiner Entwicklung. Träume und Visionen sind der Motor für Fortschritt, Größenwahn ist der Treibstoff. Erst der Wille das Unmögliche zu wollen, läßt das Mögliche Realität werden. Noch heute macht uns das Schaffen Vieler staunend und zu Pilgern ihrer Leistung. Weil sie "Größeres wähnten".

Es war der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Chinese Hongwu, der sich im 14. Jhd gegen die mongolische Herrschaft auflehnte. Durch die Erfindung einer Schußwaffe mit dem schon lange bekannten Schießpulver gelang ihm der Sieg gegen die übermächtigen Feinde. Er sollte Chinas 1. Kaiser werden und ist Urvater der Ming-Dynastie, deren Herrschaft 400 Jahre anhielt. Seine Ahnen setzten den Bau der Chinesischen Mauer fort. Ein Bauwerk, das noch aus dem All sichtbar ist. // Ein mittelloser, italienischer Seefahrer ließ sich von den Reiseberichten "De Mirabilibus Mundi" Marco Polos inspirieren und träumte von einer Westpassage nach China. Daß die Erde keine Scheibe sei, wußte man schon damals. Nach vielen Rückschlägen war es das spanische Königspaar, das sein Unterfangen finanzierte. Als Entdecker Amerikas ging Christopher Columbus in die Geschichte ein. // Gegen sämtliche Widerstände der katholischen und protestantischen Kirche postulierte Kopernikus das heliozentristische Weltbild, was Kepler später belegen sollte. Nicht ungefährlich, wenn man den Mühlen der Inquisition entgehen wollte. Fortan hatte das Ptolemäische Weltbild, nämlich alles kreise um die Erde, ausgedient. // Die Sixtinische Kapelle ist ein Meisterwerk des Freskos und in seiner Schönheit unerreicht. Es zeigt an Decken und Wänden, das Jüngste Gericht, Szenen und Heldentaten aus dem Alten Testament, Propheten und Sybillen, um nur einige zu nennen. Mit übermenschlicher Anstrengung vollbrachte Michelangelo in nur 4 Jahren diese unglaubliche Leistung - 520qm waren über Kopf zu bemalen. Immer wieder verwarf er Entwürfe, dann mußte der Putz abgeschlagen, neu aufgebracht und in noch feuchtem Zustand mit den Farbpigmenten versehen werden. Man möchte kaum glauben, daß der Bildhauer Michelangelo diesen Auftrag ursprünglich ablehnen wollte, weil er sich nicht für einen guten Maler hielt. Der nicht minder geniale Johann Wolfgang von Goethe sagte über die Fresken:

„[O]hne die Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag.“

Es ließen sich noch etliche Beispiele nennen wie die 7 Weltwunder der Antike und Moderne oder die Pyramiden. Erbaut im Auftrag der Pharaonen als Begräbnisstätten. Tausende von Arbeitern schufen diese genauestens berechneten Bauwerke, die immer noch Touristenströme magisch anziehen. Aber was sind das wohl für Charaktere, die solche Leistungen, Bauten oder Kunstwerke vollbringen oder vollbringen lassen? Es werden unbeugsame, kompromißlose, kreative, einsame, divenhafte, selbstherrliche, hartnäckige, willenstarke, risikofreudige, dominante, akribische, herrsüchtige, waghalsige, ausdauernde, geltungssüchtige, perfektionistische, neugierige, eitle, fantasievolle, mutige Menschen gewesen sein. Für ihre Zeitgenossen sicherlich schwierige bis unangenehme Mitmenschen, nur machen diese Eigenschaften aus einfachen herausragende Wissenschaftler, Draufgänger, Eroberer, Künstler, Abenteurer, Baumeister oder Herrscher. Es braucht ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit, um die eigenen Grenzen oder die anderer zu überwinden, um eine Idee voranzutreiben. Selten bis gar nicht sind es die vielleicht eher bodenständigen, vernünftigen, vertrauenswürdige, genügsamen, ängstlichen, väterlichen, freundlichen, rationalen, sachlichen, umsichtigen, rücksichtsvollen oder "protestantischen" Geister.

So ein Mensch ist unser Trainer Jos Luhukay, ich mag ihn sehr gerne. Ein grundsympathischer, solider Mann mit starken Prinzipien. Ein schlicht und ergreifend netter Mensch. Ich kann mir denken, daß man mit solch einem Zeitgenossen im Alltag gut auskommen kann. Kann. Für mich gehört Luhukay in die Kategorie des väterlichen Trainertyps. Er ist ein ausgezeichneter Zweitligatrainer, der es versteht, eine verunsicherte, gestrauchelte Mannschaft wieder aufzurichten. Es gibt klare Anweisungen und Zuspruch, also Regeln und liebevolle Strenge, um in der Analogie zu bleiben, bis die Schützlinge auf eigenen Füßen stehen. Menschen mit strengen Prinzipien sind zweifelsohne überwiegend moralisch integre Personen, aber sie machen es anderen auch sehr schwer, neben ihnen zu existieren. Im Brennglas moraliner Ansprüche ist es für fehlbare Charaktere einfach schwer, sich überhaupt zu verhalten, vielleicht fühlt man sich gar gelähmt. Keine Voraussetzungen, um die Welt aus den Angeln zu heben.

Ich träume. Wie jeder Fan träume ich davon, daß mein Verein noch zu meinen Lebzeiten einen Titel gewinnt. Ich habe Zeit. Aber ich habe inzwischen begriffen, daß mir unser Trainer diesen Traum nie erfüllen wird, nie erfüllen kann. Leider, es liegt schlicht und einfach daran, was für ein Typ Mensch er ist. In mir hat sich die Erkenntnis herauskristallisiert, daß es eigentlich gar keine Rolle spielt, was und wer auf dem Rasen stattfindet, das ist nicht das eigentliche Problem. Das sind Symptome. Worauf ich hinabziele ist nichts Konkretes oder Akutes, sondern einfach der Versuch, für mich größere Zusammenhänge zu erkennen als "ihr sollt kämpfen und siegen" und mir zu erklären, was momentan Woche für Woche zu beobachten ist. Ich habe auch überhaupt kein Problem mit der bodenständigen Zielsetzung Konsolidierung und Etablierung in der 1. Bundesliga. Nur, das reicht mir nicht. Ich möchte einen Trainer mit Visionen, einen Trainer, der mich begeistert, der mich aus dem Sitz reißt (ich stehe!), der mich mit attraktivem Konterfußball fesselt. Einen Trainer, der mir das Gefühl gibt, mein Traum könnte irgendwann mal Realität werden. Das Unmögliche ist denkbar, allein das reicht.

Ich hatte es schon längst wieder vergessen. Aber ich weiß, daß es geht. Ich habe es 08/09 einmal erlebt. Am Ende stand die Enttäuschung, aber es war meine schönste Saison.

In diesem Sinne: Gesucht wird ein größenwahnsinniger Visionär!

Donnerstag, 06 November 2014 15:26

Internationale Härte?!

geschrieben von

ih4Die Polizei von Lissabon hat gestern der ohnehin unrühmlichen Geschichte „Polizei in Südeuropa und Fußballfans“ ein weiteres mieses Kapitel hinzugefügt. So gastfreundlich die schöne Stadt am Tejo war, so beschissen wurden vollkommen friedliche Schalker von der geballten Staatsmacht behandelt. Einsatzkommando, Hundertschaften, Spezialkräfte, Konfliktteams und jede Menge martialische Robocops mit Riesenschlagstöcken (wahrscheinlich das einzig Lange an ihnen, sonst hätten sie keine dermaßen überzogenen Drohgebärden nötig) trieben die Schalker wie eine Viehherde von der U-Bahn-Stadion zum Stadion. Ausscheren, austreten oder auch nur mit ihnen reden war nicht. Ich große starke Staatsgewalt, Du kleiner rechteloser Fußballfan! Und zwar vollkommen unabhängig von Alter und Geschlecht, auch Schalker im Rentenalter und Frauen wurden in den „alles asoziales Pack“-Topf geworfen.

Im Stadion dann dasselbe Bild, den bezahlten Block aufsuchen? Nix da, da hätten Sie einen anderen Eingang benutzen müssen. Auf den Hinweis, dass ich genau das gerne getan hätte, die Kollegen vor der Tür aber diesbezüglich vollkommen kompromisslos waren, folgen nur böse Blicke und ein „zufälliger“ Griff zum Schlagstock. Vielen Dank auch!

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Abreise nach der Blocksperre dann ebenfalls per Viehtrieb mit jeder Menge Blaulicht und ausschließlich in die von den Cops vorgegebene Richtung. Deine Unterkunft ist irgendwo anders? Pech aber auch, Du steigst gefälligst in den überfüllten Sonderzug! Und wehe, Du gibst Widerworte, mein Schlagstock juckt sowieso schon. Und es mehren sich ernstzunehmende Gerüchte, dass später in der Nacht im Bairro Alto mindestens eine größere Gruppe Schalker mittleren Alters ohne jeglichen Anlass von einigen Polizisten angegriffen, geschlagen und bis ins Taxi bzw. zu ihrer Pension (!) verfolgt wurden.

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ih5Unabhängig davon, ob sich der letzte Vorfall so bestätigt, ist es allerhöchste Zeit, dass die anderen Vereine Flagge zeigen und sich schützend vor ihre Fans stellen, die sie in ganz Europa supporten! Ich erwarte von meinem FC Schalke 04, dass er sich bei der UEFA ganz klar gegen die Behandlung friedlicher Schalker als Schwerkriminelle und Vogelfreie positioniert! Es kann nicht angehen, dass Gästefans beispielsweise auf Schalke freien Zugang durch Sperrungen von Wegen für die Heimfans und Vorzugsbehandlung genießen und wir in Südeuropa offenbar nur Abschaum sind! Und ohne den Protest namhafter Clubs regt sich bei der UEFA garantiert kein Finger für die Fans, obwohl eine vernünftige Infrastruktur und eine nicht ausschließlich auf Machtdemonstration und Gewalt ausgelegte Polizeistrategie bei der Zulassung zu europäischen Wettbewerben mindestens so wichtig sein müssten wie Rasenheizung und Stadionkapazität.

Wütende blauweiße Grüße

Susanne Blondundblau

PS: Und ich wünsche mir Solidarität unter Fans und keine Sprüche der Marke „ich fahre schon seit xy zum Fußball und hatte nie Ärger mit der Polizei“ oder „sind die doofen Schalker bestimmt selber schuld“. (Nicht nur) in Südeuropa kann Polizeiwillkür JEDEN Fußballfan treffen!

 

Spiele gegen „die Werkself“ sind für mich immer besondere Spiele. Unabhängig davon, dass diese in der Regel so viel Adel ausstrahlt, wie eine Möbelhauseröffung im verregneten November, gibt es für mich persönlich schon fast eine historische Dimension. Am 08.12.1979 war ein Heimspiel gegen diese Truppe mein „erstes Heimspiel“. Damals waren auch schon fast 11 jährige Kinder noch irgendwie „Schoßkinder“, mein Vater schummelte uns selbstsicher mit einer geliehenen Haupttribünen-Dauerkarte an den eigentlich freundlichen Ordner vorbei und ich verstand damals nicht, warum mein Vater von diesen grauuniformierten Menschen als „Schnarcher“ sprach.

Istanbul4Istanbul. Bosporus. Mindestens 14 Millionen Einwohner - und fast genauso viele Eindrücke, die man hier gewinnen kann. Es war zwar erst der dritte Vorrunden-Spieltag und das zweite Auswärtsspiel, doch vermutlich haben wir mit dem Spiel in Istanbul bereits d a s Highlight der diesjährigen Champions-League-Saison erlebt.

Die Reise in die Metropole an der Grenze zwischen Europa und Asien begann bereits am Montag. Und der erste Kulturschock sollte bereits direkt nach der Landung folgen. Mit dem Taxi ging es vom Flughafen zum Hotel, das etwas unterhalb des „Grand Bazaars“ gelegen war. Ließ die Fahrt auf der Hauptstraße am Hafen entlang noch die Schönheit dieser Millionenstadt erahnen, so tauchten wir ganz unvermittelt in den hektischen Alltag Istanbuls ein, als der Taxifahrer plötzlich in eine Seitenstraße abbog. Nun befanden wir uns mittendrin in dem wirklichen Istanbul: Hektisches Treiben in engen Gassen, zahllose Geschäfte und einfach unfassbar viele Menschen, die sich - aus den unterschiedlichsten Gründen - durch die Straßen von A nach B drängelten. Das Viertel mutete zudem etwas eigenartig an und nachts bei Dunkelheit nicht gerade vertrauenswürdig - dachten wir, doch dieser Eindruck verflog.

Istanbul3Eine erste Erkundungstour durch die Stadt führte uns durch den Großen Basar (ein unfassbar verwinkeltes Gänge-System, in dem bestimmt schon so mancher Auswärtsfan verschwunden ist) am Hafen vorbei hin über die Galata-Brücke zum Taksim-Platz. Letzterer war irgendwie kleiner, als ich ihn mir aus den Fernsehsendungen der letzten Monate über die Proteste am Gezi-Park vorgestellt hatte.

Hochinteressant hingegen war das Leben rund um die Galata-Brücke. Während unter der Brücke eine Cafe-Meile angesiedelt ist, stehen Seite an Seite an der darüber verlaufenden Straße über den Hafen die Angler und halten ihre Köder in das Becken. Mit ein bisschen Pech kann es einem hier also gut passieren, dass einem beim Ansetzen des Bierkruges ein ums Überleben kämpfender Fisch an die Wange klatschte, während er seinem Schicksal in den Eimer toter Artgenossen unentrinnbar näherkam. 

Istanbul5Der Dienstag brachte eins der kulturellen Höhepunkte der Fahrt, eine Hafenrundfahrt auf dem Bosporus. Die Bootsbesitzer entsenden jeweils einen Werber für ihre Fahrten an die Hafenpromenade, sodass man mitunter gar nicht eines der Schiffe erwischt, die da genau vor der eigenen Nase im Wasser liegen. Genau dies widerfuhr uns, als wir bei einem Werber eine Tour für 10 Lira pro Nase (etwa 3,50 Euro) aushandelten. Was uns wie ein Schnäppchen vorkam (übrigens sollten wir den Preis niemandem verraten, also psssst!), sollte plötzlich bitterer Ernst werden. Mit einem Transporter ging es zu einer anderen Anlegestelle, an der ein kleiner Kutter auf uns wartete, der bereits bedenklich in den Wellen schaukelte, während er im Hafen vor Anker lag.

Unsere Frage nach Bier an Bord versetzte den Adjutanten des Schiffskapitäns in hektisches Treiben, denn nun versuchte er extra für uns am Hafen irgendwo einige Dosen Efes aufzutreiben. Die Fahrt verzögerte sich dadurch zwar um eine Viertelstunde, doch dafür kehrte des Käpt’ns Helferlein stolz mit einer weißen Tüte mit goldenem Inhalt zurück. Diesen Dienst ließ sich der Matrose mit weiteren 10 Lira pro Halbliterdose bezahlen.

Istanbul1Das Boot konnte nun endlich Fahrt aufnehmen - und mitten auf dem Bosporus gab es allerlei zu bestaunen. So konnte man nicht nur den Möwen beim Geschlechtsakt zusehen, sondern konnte auch Blicke auf die durchaus imposante Istanbuler Skyline erhaschen. Unter der Galata-Brücke hindurch - das rote Warnsignal interessierte den Käpt’n nicht sonderlich - ging es am Stadtteil Besiktas vorbei Richtung Bosporus-Brücke, der Verbindung zwischen Europa und Asien in dieser Stadt. Besonders beeindruckend, insbesondere aufgrund der Lage, war die Ortaköy-Moschee direkt am Wasser vor der Bosporus-Brücke. Den kompletten Gegensatz dazu bildete die künstliche Insel „Galatasaray Adasi“ etwas weiter nördlich mitten im Bosporus, auf der die Betuchteren dieser Stadt unbeschwerte Stunden am Pool und bei Hochprozentigem verbringen können.

Istanbul2Mehr als zwei Stunden dauerte die Fahrt über das Wasser. Die Geldscheine, die am Ende den Besitzer wechselten, ließen die Augen von Kapitän und Adjutant immer größer werden - und nachdem wir das Boot verlassen hatten, schien die Besatzung Feierabend zu machen und schipperte von dannen; eine Rundfahrt, die ich jedem Istanbul-Urlauber nur sehr ans Herz legen möchte - wie ich generell einen Trip in die heimliche Hauptstadt der Türkei aufgrund ihres orientalischen Flairs nur empfehlen kann.

 

 

Istanbul7Und eines ist sicher: So, wie die Menschen sich über die Straßen fortbewegen, so verrückt fahren sie auch auf dem Wasser. Ähnlich wie vor einem Jahr in Neapel war es auch hier wieder extrem verwunderlich, dass bei dem interessanten Istanbuler Fahrstil nichts Gravierendes zu passieren scheint. Die Hölle ist übrigens der Istanbuler Feierabendverkehr - der Stau auf der A1 an der Leverkusener Brücke ist nichts dagegen. Ein Hinweis ist aber genauso wichtig: Istanbul ist eine Stadt, in der jeder jeden über den Tisch zu ziehen scheint. Dies gilt insbesondere für Taxifahrer und Geschäftstreibende an den Basar-Ständen.

Im La Viola Café in einer Seitengasse der vom Taksim-Platz wegführenden Einkaufsmeile, glitten wir bei Shisha und Efes in den Spieltag über. Mit Shuttle-Bussen sollte es am Spieltag zum Galatasaray-Stadion gehen. Treffpunkt und Abfahrt war dabei am Fuße des neuen Besiktas-Stadions, das sich derzeit noch im Bau befindet und im Jahr 2015 eröffnet werden soll.

Istanbul6Eine Besichtigung der Baustelle am Vorabend war übrigens strikt verboten. Auch das Klettern durch einen Maschendrahtzaun unterbanden die Baustellenwächter freundlich, aber doch bestimmt. Es blieb also nur der Blick von einer vorbeiführenden Brücke in den Stadion-Rohbau, der genau auf dem Grund des ehemaligen Inönü-Stadions entsteht, welches 2013 abgerissen wurde. Besiktas trägt seine Heimspiele übrigens bis zur Fertigstellung seines neuen Stadions im Atatürk-Olympiastadion aus.

Die Busfahrer in den Shuttle-Bussen kassierten übrigens fünf Euro, ja, Euro. Neben dem Busfahrer stand in den Bussen eine ominöse Person, die bereits beeindruckend viele Euro-Scheine in der Hand hielt, und kassierte den Fünfer pro Person. Wir hatten keine Ahnung, welche dunklen Kanäle wir damit wohl wieder unterstützen würden, aber wir wollten auch einfach nur zum Stadion.

Rund 40 Minuten dauerte der Transfer der rund 20 Busse in den Ali-Sami-Yen-Sportkomplex in Seyrantepe im Norden Istanbuls. Das Stadion wurde 2011 eröffnet und löste als Heimspielstätte das altehrwürdige Ali-Sami-Yen-Stadion aus dem Stadtteil Sisli ab. So modern und komfortabel das Stadion auch ist - es besitzt zwei gravierende Nachteile. Es trägt offiziell den Namen eines türkischen Telekommunikationsunternehmens und es ist als Neubau ähnlich charakteristisch wie alle Arenen, die seit einigen Jahren überall von Augsburg über Sinsheim, London und Manchester aus dem Boden schießen. Die Architektur des Stadions geht übrigens auf eine Stuttgarter Firma zurück, die auch für den Umbau des Neckarstadions verantwortlich war.

Istanbul8Nach dem Gastspiel im San Paolo in Neapel stufte ich die Fans der Hellblauen als das mit Abstand enthusiastischste und fanatischste ein, das ich jemals erlebt hatte. Doch nach allem, was man so aus Istanbul gesehen und gehört hatte, erwartete ich, dass die Galatasaray-Anhänger dies noch einmal toppen würden. Zunächst schienen die Fans diesem Anspruch - sie selbst begrüßten uns schließlich auch mit dem Spruch „Welcome to hell“ - gerecht zu werden. Zum Einmarsch der Mannschaften zeigte UltrAslan eine beeindruckende Choreografie und auch die Dezibel-Zahl erreichte die erwarteten Höhen. Hinter beiden Toren waren aktive Kurven angesiedelt, doch die anfängliche Euphorie war schnell verflogen. Nun war der Spielverlauf mit unseren beiden Toren sicherlich nicht stimmungsfördernd, aber unter dem Strich war ich sehr enttäuscht vom nachlassenden Support der Gala-Anhänger. Dies gipfelte in der Massenflucht des Publikums, die so um die 70. Minute einsetzte. Spätestens fünf Minuten vor dem Abpfiff herrschte eine gähnende Leere im Stadion, die ich so nicht erwartet hatte. Vielleicht wollten die Leute aber auch einfach nach dem enttäuschenden Spiel nur deswegen schneller aus dem Stadion, weil die U-Bahn zum Stadion im Moment baustellenbedingt nicht fährt und daher ein noch größeres Verkehrschaos vorprogrammiert war.

Mit einem teilweise berauschenden Spiel und drei Punkten im Gepäck stand am frühen Donnerstagmorgen die Heimreise an. Was bleibt, sind unzählige Eindrücke, die hier nur zu einem Bruchteil wiedergegeben werden konnten. Fahrt einfach selbst mal hin und taucht ein in das orientalische Leben an der Grenze zwischen Europa und Asien. Ihr werdet es nicht bereuen.