Do29Jun2017

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Turin - der Ausflug in das Piemont geriet zu einer touristisch größeren und sportlich kleineren Enttäuschung. Nun gebe ich zu, dass ich mich im Vorfeld nicht sonderlich mit der Stadt beschäftigt habe - aber dennoch hätte ich von der norditalienischen Metropole mehr erwartet, als sie letztlich zu bieten hatte. Auf dem Weg zum Treffpunkt am Corso Vittorio Emanuele II - die anreisenden Busse wurden vor den Toren der Stadt gesammelt und per Polizei-Eskorte in die Stadt geleitet - präsentierte sich die vorbeiziehende Stadt als eher unschöne Industrie-Siedlung, unterbrochen lediglich von einem kurzen ansehnlichen Stück, das den Eindruck einer historischen Altstadt erweckte.

Turin22Ob diese Impressionen nun Turin tatsächlich gerecht werden - ich vermag es nicht abschließend einzuschätzen, da sich unser Aktionsradius nach der Bus-Ankunft am Dienstagmittag weitgehend um den Corso Vittorio Emanuele II erstreckte. So wenig die Stadt dort touristisch zu bieten hatte, so sehr bot sie jedoch kulinarisch allerfeinste Spezialitäten auf die Gabel. Die Wahl fiel auf das „Masaniello e Turnat“ in der anliegenden Via Ormea, 1/B. Einige mögen behaupten, es habe sich doch lediglich um eine normale Pizza mit ein bisschen Salat gehandelt, ich entgegne dem: Es war der Traum einer Pizza und eines Salates. Entgegenkommen sollte uns zudem, dass die Betreiberin offenbar eine Anhängerin des mit Juve rivalisierenden FC Turin ist, sodass sie direkt zum Schaltausch bat. Die restliche Zeit bis zur Abfahrt der Shuttle-Busse zum Stadion ließ sich im Pub „Texas Ranger“ ganz gut totschlagen.

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Ab 17 Uhr sollten ebendiese Shuttle-Busse in Richtung Stadion rollen. Hier zeigten sich die Turiner aber zunächst weniger geschickt als beispielsweise die Istanbuler. Gab es seinerzeit im Herbst noch ausreichend Busse, sodass alle Borussen in einem einzigen Konvoi zum Stadion geleitet werden konnten, so fanden sich zunächst nur vier mickrige Busse am Treffpunkt ein. Entsprechend groß war das Gedränge. Nach und nach tröpfelte immer mal wieder ein Bus ein, sodass allmählich alle Borussen den Weg zum Juventus Stadium fanden.

Einmal einen Platz im Bus ergattert, so sollte sich auch zeigen, warum die Busse immer nur vereinzelt den Weg zum Fan-Treff fanden. Eskortiert von Moped- und Auto-Streifen bewegten sich die Busse unter Umgehung einer vermutlich auch in Turin geltenden Straßenverkehrsordnung in Richtung Stadion. Abrupte Abbiege-Manöver in letzter Sekunde auf Weisung des vorausfahrenden Moped-Cops gehörten dabei ebenso zur Routine für die Busfahrer wie ruckartiges Anfahren auf eine Kreuzung bei eigenem Rotzeichen. Die Beschreibung GTA-Style trifft die Anreise wohl ganz gut - auch wenn ich mir immer noch nicht sicher bin, ob die Cops zu jeder Zeit überhaupt noch wussten, wo man sich gerade eigentlich befand und wie der richtige Weg zum Stadion aussah.

Nach einer rund 45-minütigen dauernden Abenteuerfahrt durch den Turiner Feierabendverkehr - erstaunlich war übrigens, dass man, wie schon den gesamten Tag über, wesentlich mehr wohlwollende als ablehnende Gesten der Turiner erntete - ragte endlich das Juventus Stadium vor uns empor, das auf dem Grund des alten Stadio delle Alpi errichtet und im Jahr 2011 eröffnet wurde. Man kann nun jedoch wahrlich nicht behaupten, dass man dort mit offenen Armen empfangen worden wäre. Bei der Busankunft bildeten die Cops in voller Montur eine Kette, die einen zum Gästeeingang geleiten sollte. Etwas nervös konnte man im Bus werden, wenn man draußen vor der Ausstiegstür bereits die behelmten Cops betrachtete, wie wiederum sie nervös wirkend mit dem Schlagstock auf ihre Plastik-Schilde eintrommelten. Beim Verlassen des Busses gaben sie auch direkte Anweisungen, ein Warten auf den Rest der Gruppe wurde nicht gestattet, jeder musste sich auf direktem Wege zum Gästeeingang begeben. Hallo, Gastfreundlichkeit!

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Gesteigert werden sollte dies noch durch die Eingangskontrollen. Hier zeigten sich die Italiener von ihrer gründlichen Seite. Abgetastet wurde bis auf den Schlüpper - und leider auch weit darunter hinaus. Nicht alle, aber doch sehr viele Borussen durften zudem auch die Schuhe ausziehen. Der Cop übernahm dann die Aufgabe, den Straßendreck des Tages auf dem Asphalt abzuklopfen. Eine nette Geste.

Turin10Der Aufgang zum Gästeblock ist völlig steril gehalten und durch Metallgitter komplett vom Heimbereich abgegrenzt. Das Stadion selbst - charakteristisch sind die beiden in den Himmel ragenden Dachträger auf beiden Hintertor-Seiten - ist jedoch im Vergleich zu vielen anderen neugebauten Arenen auf dem ganzen Kontinent als eine der lebhafteren und charakteristischeren einzustufen. Die Juve-Anhänger zeigten insbesondere vor und zu Beginn des Spiels, was in dem Stadion für eine beeindruckende Stimmung herrschen kann, sofern alle mitziehen. Der Bedeutung des Spiels angemessen präsentierte der Juve-Anhang auch eine recht ansehnliche Choreo. Im Verlauf der zweiten Halbzeit ebbte der Support der Heimfans jedoch zusehends ab.

Zwischendurch brachte Juves Heimkurve ihre Ablehnung gegenüber dem BVB sowie den mit Teilen der Dortmunder Ultras befreundeten Lagern aus Catania und Napoli zum Ausdruck. Auf den auf Deutsch gehaltenen Transparenten hieß es: „Der Freund meines Feindes ist mein Feind - Dortmund Scheiße - Catania Merda - Napoli Colera“.

Turin7In den direkt angrenzenden Bereichen unseres Gästeblockes auf der „Tribuna Ospiti 1^ Anello“ waren beide denkbaren Reaktionen der Turiner Fans zu beobachten. Einige kamen an die Trennscheibe und signalisierten ihren Willen zum Schaltausch, andere wiederum zogen ihre Daseinsberechtigung an diesem Abend aus penetrant-nervigen Dauer-Provokationen, aus denen sich heraus das eine oder andere amüsante Wortgefecht entwickelte. Die Ordner mussten zudem mehrmals in den angrenzenden Blöcken eingreifen und zumeist dort sitzende Dortmunder Fans sicherheitshalber hinausbegleiten.

Von schwarzgelber Seite entwickelte sich hingegen unterm Strich kein überbordender Support, von dem man noch in einigen Jahren sprechen wird. Als nachteilig entpuppten sich hier insbesondere die fehlenden Trommeln und Megafone, die im Vorfeld bereits verboten worden waren. Zwar versuchte sich der vordere Bereich des Unterranges, der vornehmlich von TU bevölkert wurde, redlich, doch der Funke wollte nie wirklich und dauerhaft auf den Rest überspringen.

Turin8Ein Vorbild an dem Juventus Stadium kann sich übrigens insbesondere Werder Bremen nehmen. Blockiert einem an der Weser die extrem dämlich angebrachte Anzeigetafel nicht nur die Sicht auf das Spielfeld, sondern natürlich auch die Sicht auf die genau gegenüber angebrachte Anzeigetafel, so wurde zumindest der letztgenannte Aspekt in Turin dadurch gelöst, dass auf der Hinterseite der Anzeigetafel eine kleine weitere Leinwand eingebaut wurde, sodass man auch hinter dem Tor einen Blick auf die Spielzeit werfen kann.

 

Nach dem Schlusspfiff garantierte eine doppelte Ordnerreihe sowie die dahinter postierte und sich lässig unterhaltende Polizei die international übliche Blocksperre, die sich nach rund 40 Minuten endlich aufzulösen begann - scheinbar. Die Polizisten zogen plötzlich völlig deeskalierend ihre Helme auf und brachten Schilde und Schlagstöcke in Position - und zogen sich zurück. Zwar konnte man nun den Block verlassen, doch unten vor dem Stadion zogen die Cops nun an den Eingangsdrehkreuzen eine neue Sperre auf, diesmal ohne entspannte Dialoge untereinander, dafür in kompletter Montur und vorne postierten Schutzschilden. Abermals tat sich minutenlang nichts - eine Info, was nun genau weiter passieren wird und wann wir zu unseren Bussen - die zwischenzeitlich aus der Stadt vor das Stadion geleitet wurden - durften, gab es nicht.

Turin9Das Gelände rundherum war weit jenseits der 23-Uhr-Grenze bereits menschenleer - und wenn die Cops einen Angriff seitens italienischer Gruppen befürchtet haben, so waren sie mit ihrer Verteidigungshaltung in unsere Richtung falsch postiert. Seitens des Dortmunder Lagers gab es jedenfalls nicht die geringste Lust auf Aktionen, wie sie beispielsweise Feyenoord Rotterdam in der vergangenen Woche in Rom zeigte, sondern wir wollten einfach nur in die Busse und nach Hause. Irgendwann, aus heiterem Himmel, lösten die Cops ihre Sperre auf und gaben den Weg endlich frei. Die mittlerweile aufgestaute Wut brach sich nun in dem einen oder anderen hitzigen Wortgefecht Bahn und wieder einmal gab es ein Parade-Beispiel dafür, wie eine völlig verfehlte Polizeitaktik bei einer friedlich eingestellten Masse erst zu aufkommenden Emotionen führt.

Das Spiel als solches ging zwar leider verloren, doch mit dem 1:2 kann man wohl dennoch nicht ohne Zuversicht in das Rückspiel am 18. März gehen. Es bleibt also zu hoffen, dass der Ausflug nach Turin auf absehbare Zeit noch nicht der letzte Trip durch Europa gewesen ist. 

 

 

 

Mittwoch, 25 Februar 2015 12:40

Nach der Marinho-Mark der Tönnies-Tausender?

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GeldIm heutigen Handelsblatt und der Sportbild denkt unser Pressespr…, pardon, Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies im Zusammenhang mit einem möglichen Transfer von Sami Khedira auf Schalke laut über alternative Finanzierungsideen nach: "Wir haben 132.000 Mitglieder. Nur mal ein Gedankenspiel: Mitglieder zahlen freiwillig einen einmaligen Betrag von 1000 Euro. Wären es 132.000, könnten wir die Finanzverbindlichkeiten weitgehend tilgen und sparen so rund 25 Millionen an Zins und Tilgung, und das jedes Jahr. Das macht in zehn Jahren insgesamt 250 Millionen mehr…. Dann spielten wir, was die zukünftigen finanziellen Möglichkeiten betrifft, plötzlich in einer ganz anderen Liga. Und das als eingetragener Verein ohne Investoren und Fremdbestimmung."

 

Bei diesem „Gedankenspiel“ – böse Zungen könnten es auch Testballon nennen – weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll:

Kann der das ernst meinen?

Weiß er überhaupt, was 1.000 € pro Vereinsmitglied (immerhin das Zwanzigfache! des Mitgliedsbeitrags für Vollzahler; eine satzungsgemäße Sonderumlage dürfte nicht ohne Grund nur einen Mitgliedsbeitrag betragen) für viele Schalker Familien – nicht wenige der 132.000 sind noch minderjährig – bedeuten würden?

Sollen jetzt wirklich Oppa Pritschikowski und Erna Schibulski den Sparstrumpf plündern, weil auf Schalke jahrelang über die Verhältnisse gewirtschaftet wurde? Damit „Stars“ wie Kevin Prince Boateng künftig nicht mit 8, sondern 9 Millionen Euro in Mailand shoppen gehen können? Damit die Finanzverantwortlichen gar nicht erst in die Versuchung kommen, vernünftig wirtschaften zu lernen und nur Geld auszugeben, das man auch hat?

Meine ganz persönliche Meinung: Dieser Vorschlag ist eine absolute Unverschämtheit! Hier soll auf eine ganz miese Tour die verrückte Liebe vieler Schalker zu ihrem Verein ausgenutzt werden. Egal, ob so doch eine Ausgliederung erpresst werden soll, wir nur schonend darauf vorbereitet werden, dass keine Kohle zur Rückzahlung der Fananleihe da ist oder man uns "nur" künftig entgegenhält „selbst schuld, dass wir nicht oben mitspielen, Ihr wart ja zu geizig“: Den königsblauen Karren sollen bitteschön die aus dem Dreck ziehen, die ihn hineinbefördert haben. Insbesondere, wenn sie auf über 500 Mio € Privatvermögen geschätzt werden.

Als Song für Samstag schlage ich deshalb „Keine Mark für Clemens, denn Clemens soll selbst zahlen…“ vor.

Kopfschüttelnde blau-weiße Grüße

Susanne Blondundblau

Sonntag, 22 Februar 2015 10:25

TV-Gelder: Der Anfang vom Ende?

geschrieben von

 

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Man stelle sich zum Beispiel nur mal vor, der SC Freiburg hat sein neues Stadion fertig, die Hütte ist immer voll. Aber mithalten kann er nicht mehr. Chancenlos, weil sich alles nur noch ums TV-Geld dreht und da zählen ausschließlich die Einschaltquoten mit Erfolgsgarantie.

Der  Tabellenletzte der Premier League  bekommt zukünftig  so viel an TV-Geldern wie der Tabellenerste in der Bundesliga. Der krasse Unterschied verdeutlicht die Dimensionen (9,5! Milliarden Euro inklusive Auslandsvermarktung) des neuen TV-Vertrags in England. Viele Buli-Manager sehen schon ihre Felle davon schwimmen und pochen auf "unpopuläre" Ausgleichsmaßnahmen, der ein oder andere freut sich insgeheim wahrscheinlich  heimlich ins Fäustchen. Mit dem englischen Hammer-Deal kann man nun viel plausibler fordern was bislang als unantastbar galt. Die Schublade kann nun geöffnet werden. Jetzt scheint nichts mehr unmöglich: Anstoßzeiten, Spieltagszersplitterung, Montagsspiele, Spiele in der Winterpause, Freilose für den DFB-Pokal um konkurrenzfähig zu bleiben, und um  noch mehr live-Fußball im TV anbieten zu können.

Die Frage ist doch: Will man das? Will man wirklich auf so herrliche Konferenz-Samstage wie den letzten verzichten, will man auf Teufel komm raus mit Systemen mithalten, die ihre Gelder unter Umständen generieren die schlicht ungesund, teils mehr als fragwürdig sind ? Will man ernsthaft die Zweiklassengesellschaft – Bayern München ist nur der Anfang – in der Buli vorantreiben, nur damit einige wenige sich weiter im europäischen Wettbewerb adäquat messen können? Will man die nationale Konkurrenz zu Gunsten von europäischen Meriten opfern?  Muss man?

Klares Nein. Muss man nicht! die Bundeliga ist trotz jetzt schon derbe vorhandenen finanziellen Unterschieden konkurrenzfähig, sie schickt sich gerade an England im UEFA-Ranking von Platz zwei zu verdrängen. Die Bundesliga ist unter anderem deshalb so attraktiv, weil sie eben noch nicht völlig abgehoben ist, und das zieht auch Spieler an, die nicht nur auf Kohle aus sind. Ja, klar, zugegeben etwas romantisch, aber ey, vielleicht hat nicht jeder Bock für eine Mio. mehr sein halbes Leben in der Ölwüste von Ural Jekaterinburg zu kicken. Die Spannung, das Flair, die Stimmung  sind ebenfalls Attribute, die so nur die Buli vorzuweisen hat. Rein sportlich ist sie die spannendste Topliga Europas, wenn man vom Dauer-Leider-Meister mal absieht. Die gern medial vorgeführte Fankultur, die bei oben angedachten "Maßnahmen" erheblich in Gefahr ist endgültig von den Marktmechanismen verschluckt zu werden,  das Live-Erlebnis, sind weitere wesentliche Merkmale warum Fußball so in Deutschland funktioniert. Nur so.  Auf den kleinen roten Knopf an der Fernbedienung kann jeder drücken, die gewachsene Liebe kann man nicht eben mal so ausschalten. Die Ausgaben der Stadiongänger macht mittlerweile ein Drittel der Gesamteinahmen eines Vereins aus. Das waren mal weniger. Wenn es schier unmöglich ist Spiele zu besuchen, insbesondere Auswärts zu fahren,  bricht eben genau der aktive Stamm weg, der in jeder Bilanz der verlässlichste ist, auch wenn es mal nicht läuft. 

 Klar ist, dass mit dem neuen TV-Vertrag in England die Geld-Spirale mächtig an Fahrt gewonnen hat, und klar ist auch, dass die Bundeliga da nicht mithalten kann, wenn sie nicht dagegen steuert. Der Preis könnte allerdings ein zu  hoher sein. Der olympische Geist ist endlich, die Geldspirale auch. Irgendwann wird der zahlende Medienfan vom täglichen Fußball mit unpersönlichen Vereinen auch die Schnauze voll haben, der Stimmungsmacher, der, für den der Fußball vor Ort alles war,  und ihn groß gemacht hat, wird dann allerdings längst aus dem Stadion verschwunden sein.

Ist das mehr Geld es wert?

 

Donnerstag, 05 Februar 2015 19:49

Der lange Weg zum neuen Stadion

geschrieben von

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Ja. Es ist geschafft, es ist vollbracht. Die Freiburger Wählerschaft hat entschieden. Ein neues Stadion kommt. Die unendliche Geschichte nimmt ein glückliches Ende, zumindest für die 58,2%, die mit "Ja", und damit für den Bau eines neuen Stadions am Flugplatz gestimmt haben. Einzig der Stadtteil, in dem das Stadion entstehen wird, stimmte dagegen. Erstaunlich. Vermeintliche Kenner der Freiburger Wählerschaft gingen von einem knapperen Entscheid aus. Freiburg ist nämlich bekannt für seine detaillierte Meinungsbildung. Hier soll es vorkommen, dass Bürgerinitiativen gegründet werden bevor irgendwas geplant ist. Und wenn dann was geplant wird, muss erst mal der Plan in Frage gestellt werden, bevor man die Grundidee auseinandernimmt. Man bewegt sich hier gerne und oft zwischen den Stühlen kreisend, bis auch der letzte Grashalm auf Linie, mindestens ein Mal umgedreht wurde.

Die Stadionfrage hatte es in sich,  das Potential die Stadt in tiefe Gräben zu spalten, mittlerweile zeichnet sich ein versöhnliches Ende ab. Die ersten Gegner-Initiativen werden, trotz Ankündigungen, von Klagen absehen und geben sich nach zahlreichen Fehltritten im Wahlkampf nun dem Mehrheitsentscheid einsichtig geschlagen. Was nicht heißen soll, dass sie verloren haben, denn das neue Stadion kann man durchaus als gewinnbringende Chance begreifen. Das haben nach zähem Ringen mit sich selbst und dem Verein die aktiven Fans schon länger erkannt.

Als die ersten Diskussionen über ein neues Stadion vor ungefähr sechs Jahren erstmals publik wurden, war der Aufschrei groß. Das geliebte Dreisamstadion, in und mit dem die meisten Szenevertreter aufgewachsen sind, aufgeben? Niemals! Doch schon während die erste Protestwelle anlief, wuchs die Erkenntnis, dass ein stures Verneinen von Dringlichkeiten letztlich dem eigenen Verein auf Dauer keine Perspektive im Profifußball bietet.

Für eingefleischte Fans eine verdammt schwierige Lage. Da ist das traditionelle Wohnzimmer, für die meisten der Geburtsort ihrer Leidenschaft, da ist dieses charmante – zugegeben dilettantisch, vom unterirdischen Gästeblock mal ganz abgesehen  – zusammengepuzzelte Stadion am ewig dahinplätschernden Stadtfluß, da ist das Tor zum Schwarzwald umgeben von einladenden Bergen  inmitten einem fußballbegeistertem Wohngebiet. Da ist dieses erhebende Gefühl, wenn man sich dem Stadion nur nähert, dieses jedes Mal einzigartige, wenn sich Stadiondüfte in den Nebenstrassen verfangen, die Flutlichtmasten wie Leuchttürme aus einem Häusermeer den Weg zeigen, wenn sich das Plätschern der Dreisam zu Stadiongesängen wandelt – dann weiß man, das zu Hause ist nicht mehr weit. Das Flair gibt so einzigartig nur das  Dreisamstadion her. Auf der anderen Seite erwachte da die Sorge, der SCF könne gänzlich auf Dauer von der Profi-Fußballlandkarte in Deutschland verschwinden. Da hat man so viel erreicht und das alles soll wegen eines zu kurzen Platzes in Frage gestellt werden? Dann lieber doch umziehen und dabei möglichst man selbst bleiben?

Nachdem alle Eventualitäten, zu dem Zeitpunkt noch mit dem Fokus auf den Umbau des Dreisamstadions, durchgesponnen wurden, war klar, dass man um ein Neubau nicht herumkommen würde. Ab sofort wurde sich in der immer intensiver geführten Stadionfrage darum bemüht seine Vorstellungen einzubringen.  Als einer der ersten gründeten die aktiven Fans eine Pro-Stadion-Initiative (stadion-infreiburg.de), von Beginn an mit der bedingungslosen Forderung, dass das Stadion in den Gemarkungen der Stadt Freiburg liegen muss. Möglichst zentrumsnah, leicht per ÖPNV, Fahrrad und per pedes erreichbar. "In einem 0815-Stadion vor den Toren der Stadt, treten nur Nutten sich die Füße platt" machte die Runde, erste Positionspapiere, in denen zunehmend konkreter formuliert wurde was ein neues Stadion hergeben muss, wurden erstellt, Diskussionsgruppen gaben sich die Klinke in die Hand. Fortan stand das Thema Stadion ganz oben auf allen Fahnen der aktiven Fangruppen.  Ein hartes Nein wich zügig absoluter Zustimmung.

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Gern unterstellt man ja leidenschaftlichen Fans, insbesondere Ultras, die Unfähigkeit zum Gedankenwandel und perspektivischem Denken. Bedingungslose Leidenschaft bedeutet aber eben nicht sich Neuerungen zu verschließen, wenn sie zum Wohl des Vereins gereichen. Passen müssen sie halt. Keiner hat es sich leicht gemacht, für nicht wenige war es eine Gewissensfrage. So überspitz das klingen mag, war es doch immer auch eine Frage über die Zukunft des SCF, und damit auch eine über die ganz eigene Fanbiografie gewesen. Man war emotional gefangen, hin- und hergerissen, wägte zwischen Pro- und Contra ab. Zwischen Tradition und Existenz, zwischen Profifußball und einfach nur Verein sein. Irgendwann ist dann wohl bei jedem die Erkenntnis gereift, dass sich Alternativen zu verweigern mindestens Stillstand an allen Fronten bedeutet hätte.

Der schmale Grat der Authentizität im Business ist bekanntlich ein verflucht enger. Seine Seele für die bloße Existenz zu verkaufen ist mehr als nur grenzwertig. Weder der SCF noch seine Fans wollen das.  Da der Verein Transparenz in der Stadionplanung versprach und Mitsprache zugesichert hat, war die S-Frage für die Aktiven entschieden und folglich im Höchstmaß unterstützenswert. Einsicht, Vernunft, und die Aussicht auf Mitbestimmung führten freiwillig zur Läuterung und dem geschlossen Gang zur "JA"-Urne. So oder so ähnlich kann man sich den bemerkenswerten Sinneswandel in der Freiburger Szene erklären.

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Nun sind die Würfel also gefallen, das Augenmerk richtet sich nach dem Punktsieg auf die Planungen. Vor 2019 wird es wohl noch kein neues Stadion geben, dazu mahlen die Mühlen zu behäbig in Freiburg. Teuer darf es nicht werden, gewöhnlich aber auch nicht, der Geist des Vereins soll sich im neuen Stadion spiegeln, Fans sollen mitbestimmen können. Hohe Hürden für ein Projekt, dass am Ende denen gefallen sollte, die es mit Leben füllen. Wirtschaftlich funktionieren muss es auch. Wichtig wird im Planungsprozess, ähnlich wie im Wahlkampf, die Kommunikation, der Austausch zwischen den Fans und dem Verein sein. Die Fans haben mächtig die Werbetrommel beim Stimmenfang gerührt, haben den SCF unterstützt und Präsenz gezeigt wo sie nur konnten. Nun ist der Verein am Zug und sollte bereits in der Planungsphase seine Fans in die Beratungen mit einbeziehen. Erste "Wunschlisten" befinden sich in Arbeit. 

Montag, 02 Februar 2015 16:01

Wenn auf Schalke die Lichter ausgehen

geschrieben von

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Dunkelheit. Menschenleere Gänge. Totenstille in der Nordkurve….  Was auf den ersten Blick aussieht wie eine W*chsvorlage für Fehlfarbene, ist ein interessanter nächtlicher Blick hinter die Kulissen unserer Arena. Noch bis März bietet der Verein die Arenaführung als „Nacht-Spezialausgabe“ an – und selbst für „alte Arenahasen“ wie mich gibt es noch Aspekte zu entdecken, die ich noch nicht vom „geilsten Club der Welt“ wusste.   

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Startschuss ist natürlich pünktlich um 19.04 Uhr im Schalke-Museum, wo es nicht nur Pokale und Trophäen – sogar eine Replik der 1958er-Salatschüssel -, sondern viele, viele Erinnerungsstücke aus rund 111 Jahren königsblauer Geschichte zu bestaunen gibt. Der Lederkoffer, den es als Meisterprämie 1934 gab, ist ebenso zu sehen wie die Jahrhundertelf und die Fußabdrücke der Eurofighter. Historische Zeitungsausschnitte, Spielplakate, Trikots und allerfeinster Gelsenkirchener Barock versetzen uns schnell in die Vergangenheit der Knappen, während die Kremers-Zwillinge,  Stan Libuda und Raul aus den Vitrinen lächeln.

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Zum Anpfiff gibt’s erst einmal ein Schnäpschen und den Imagefilm zur Jahreskampagne „1.000 Freunde, unzählige Kumpel“ – und der erste Aha-Effekt: Die Verdunkelung der Arena beim „Steigerlied“ vor Abendspielen kostet den FC Schalke jedes Mal 25.000 € Strafe, aber das ist die Atmosphäre laut Sportvorstand Horst Heldt allemal wert…

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Nach einem kurzen Schlenker durch das Museum und einer Verbeugung vor Stan Libuda, der „ein absoluter Familienmensch“ gewesen sei und deshalb durch abträgliche Bemerkungen seines Gegenspielers leicht aus der Fassung zu bringen war, folgen Originalaufnahmen aus dem Trainingslager in Freienohl 1934 – dieser Schatz wurde vor kurzem im Keller eines Hauses in Wattenscheid gefunden! Man sieht Kuzorra & Co nicht nur beim Zirkeltraining auf einem wahren Acker von Wiese, sondern auch bei neckischen Trinkspielchen, beim Bockspringen und beim „Popoklatschen“, wo das Opfer dann raten musste, welcher seiner Kumpels gerade zugeschlagen hatte… Und alle grinsen fröhlich in die Kamera - ich sach ma so: Heutzutage hätten die Jungs bestimmt einen geilen Facebook-Account.   

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Danach klettern wir die Treppen hoch, um von der oberen Promenade den Blick auf das nächtliche Gelsenkirchen zu genießen. Ein kleiner Schnelldurchlauf durch die Geschichte des Stadtteils Schalke (Heinrich von Schalke und Friedrich Grillo lassen grüßen) und eine weitere Neuigkeit: Wo heute Schalke draufsteht, war nicht immer Schalke drin: Ein Teil des „alten“ Schalke ist heute Feldmark, dafür hat sich das heutige Schalke Teile von Hessler und Bismarck unter den Nagel gerissen. Und die Glückaufkampfbahn befindet sich streng genommen in der Gemarkung Heßler, die Arena in Erle…

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Auch die dunklen Zeiten werden nicht ausgespart, unser Tourguide erklärt, dass Fritz Szepan trotz großer Verdienste für den Verein nie mit einer Straße auf dem Vereinsgelände geehrt werden wird, weil er im Zuge der „Arisierung“ von der Übernahme des jüdischen Kaufhauses Julius Rode und Co. profitierte. An den Gesichtern vieler Zuhörer unserer Gruppe ist zu erkennen, dass ihnen dieser Teil der Vereinsgeschichte völlig unbekannt war… Dafür haben wir tatsächlich zwei ehemalige Kumpel in unseren Reihen, die bestätigen können, dass der Knochenjob unter Tage mit Leistungssport kaum vereinbar ist. Nicht umsonst sagte Ernst Kuzorra einmal, die Kohle, die er gefördert habe, reiche nicht einmal aus, um ein Erbsengericht warm zu machen.

Eine weitere Neuigkeit für mich: Nach dem Krieg soll kurz nach einem Derby ein Teil der Tribüne der Glückaufkampfbahn eingestürzt sein, leider habe ich dazu keine Quellen gefunden. Vielleicht kann mir ja der eine oder andere echte Gelsenkirchener unter den Lesern weiterhelfen?

Beeindruckend auf jeden Fall die Zahlen: Bis zu 70.000 Zuschauer tummelten sich in der eigentlich gerade einmal für die Hälfte ausgelegten Spielstätte, die Menschenmenge stand nicht nur bis an die Seitenlinien, einige Jungs saßen sogar auf dem Querbalken des Tors! Da hat man als Schalker heutzutage doch mehr Platz: Alleine das Arena-Gelände umfasst rund 150.000 m², das gesamte Vereinsgelände auf dem Berger Feld gar eine Million Quadratmeter! Und dort gab es früher nicht nur Bergbau (was bisweilen zu einem Absacken des Geländes führt, bislang aber zum Glück gleichmäßig), sondern auch einen Flugplatz und Landwirtschaft.

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Danach geht es dann endlich in den Innenraum, unsere „Arena-Jungfrauen“ – ja, es gibt tatsächlich noch Schalkesympathisanten, die noch nie (!!!) im Tempel waren – staunen aus Block 74 ins Stadion. Ich staune auch, welche fast gespenstische Atmosphäre ein vollkommen menschenleeres, abgedunkeltes Stadion ausstrahlt. Und es ist gefühlte 10 Grad kälter, als wenn neben Dir 60.000 weitere Schalker atmen, schreien, singen, leben.

Übrigens ist Norden nicht gleich Norden, in Gelsenkirchen kann auch Osten Norden sein – die „Nordkurve“ liegt im Osten der Arena, die Haupttribüne zeigt nach Norden. Angeblich soll Rudi Assauer beim Bau der Arena gesagt haben „Ich will aber, dass DA Norden ist!“ Der Drang in die Nordkurve stamme übrigens noch aus GAK-Zeiten, die bekanntlich nördlich von Schalke lag, so dass sich der heimatbewusste Schalker dort in die Nordkurve stellen musste, um südlich nach Schalke, Richtung Schalker Markt und Grenzstraße schauen zu können…

In allerbestem Ruhrpottisch bedeutet übrigens „auf“ nach oben oder etwas Positives („auf Zeche, auf Schalke“), „nach“ hingegen bezeichnet eine weniger erstrebenswerte Richtung – nach’m Steiger, nache Schwiegermutter, nach Lüdenscheid.

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Anschließend kehren wir gedanklich und tatsächlich wieder ins heutige Schalke zurück und stärken uns bei einem Pils im Quader am Haupteingang für die „Unterwelt“ der Arena: Vorbei an den Ehrenspielführern besuchen wir zunächst das Medienzentrum, wo die wöchentliche Pressekonferenz stattfindet, dann geht es in die Kabine. Alles blau und weiß, überall hängen großformatige Bilder mit Schalker Legenden, ein markiger Spruch nach dem anderen, aber erfreulich wenig überflüssiger Pomp.

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Mein persönliches Highlight ist dann der neue Stollen-Spielertunnel, der optisch wirklich absolut außergewöhnlich ist – man darf nur nicht klopfen, dann merkt man schnell, dass die Kohle zwar unter den Füßen, der Gips aber an den Wänden ist… Da ich aber stark vermute, dass die Spieler dort Besseres zu tun haben als die Wände abzutasten, kann ich nur sagen: GElungen!

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Am Rande des Spielfelds sind bereits die Kameras aufgebaut, wir staunen über den schlechten Zustand des Rasens – Betreten des Platzes strengstens verboten – und eine ältere Dame bedauert di Matteo, weil er auf der Trainerbank bestimmt „einen kalten Popo bekommt!“ Danach nehmen wir den Weg, den die Spieler nach dem Spiel auch gehen - nach rund zweieinhalb kurzweiligen Stunden ist unsere Tour zu Ende. Wer möchte, kann die Tour hier noch einmal nachverfolgen, im März sind auch noch Plätze frei.

Blau-weiße Grüße

Susanne Blondundblau

 

Dienstag, 20 Januar 2015 23:19

Neuer Ligaverband eine Utopie oder ein Muss?

geschrieben von

 

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Na, geht euch die zunehmende Kommerzialisierung im Profifußball auch so auf den Geist? Nerven euch überteuerte Eintrittskarten? Stört ihr euch an der Eventisierung des Fußballs, die ein Verband forciert, der sich Moral und Fair Play auf die Fahnen schreibt, aber null vorlebt? Habt ihr auch kein Bock mehr euch von einem grauen, Rolex tragenden Alt-Herren-Club euren Sport diktieren zu lassen? Regt euch die Doppelmoral in politischen und fankulturellen Fragen des Deutschen-Fußball-Bundes (DFB) und seiner Erfüllungsgehilfin Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) auf? Und das alles geht euch schon seit Jahren Kritik brutal gegen den Strich, erst Recht weil sich nichts zum positiven ändert, im Gegenteil, sogar noch schlimmer wird?

Warum  also nicht mal ernsthaft die nicht neue Idee eines Alternativverbandes, ähnlich wie es die im Boxen gibt, angehen? Es mehren sich zumindest die Anzeichen, dass von vielen eingefleischten Fußball-Fans in diese Richtung gedacht wird. Der Zuschauerzuspruch der Amateurligen oder die Gründung eigenständiger, von Fans getragenen Vereinen wie dem Hamburger Fußball-Club Falke e.V. (Ableger des HSV), sprechen dafür. So diffus und utopisch ein Wunsch nach anderen Organisationsformen klingen mag: Es gibt in der deutschen Sportgeschichte Beispiele dafür, dass Alternativverbände funktionieren können. 40 Jahre lang existierte etwa der 1893 gegründete Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB), der in Konkurrenz zum DFB einen eigenen Spielbetrieb organisierte und sogar eine eigene Nationalmannschaft hatte. Vorfahren von Beckenbauer und Seeler kickten da mit. Der Arbeitersport war eine Alternative zum vorherrschenden Gedankengut. Er war das große Korrektiv des bürgerlichen Sports gewesen. So etwas fehlt heute gänzlich. Die deutschlandweit vertretenen Kicker der bunten Ligen sind zwar unabhängig, spielen sie aber doch meist für sich.

Es müsste ein Verband mit eigenem Ligasystem sein, der sich auf ähnliche Weise ideologisch vom DFB absetzt wie einst der Arbeiterfußball. Ein Verband, der organisierend, nicht bestimmend tätig ist, einer, der die Werte, die den Volkssport Fußball groß gemacht haben, wieder in die gesunde Mitte von Kommerz und Tradition verortet. Einer, der den Amateursport fördert, statt ihm sukzessive  –  zum Beispiel durch überschneidende Anstosszeiten – die Basis zu rauben. Ein Verband, mit dem man sich als Fußballliebender wieder identifizieren kann ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil die Maschinerie mal wieder ein Stück Fußballseele zu Gunsten von Profit verkauft hat.  Natürlich wird man ganz ohne professionelle Strukturen nicht auskommen. Fußballplätze kosten nun mal Geld, ein Ligensystem zu verwalten auch, usw., dennoch ist die Idee eines Anti-DFB Entwurfs zum Wohle des Fußballs nicht so abwegig wie sie sich auf den ersten Blick anhören mag.

Böte sie genau den Spielraum, den sich viele Fans (zurück) wünschen. Freiheit und Ehrlichkeit. Der Witz beim Fußball liegt doch gerade in der Einfachheit seines Regelwerks, alles was darüber hinausgeht ist Zugabe. Insofern obliegt es an uns Fans ob wir dieses Spiel nach immer Mehr weiter dauerklatschend begleiten wollen.  Wenn schon kein Protest fruchtet sollte man sich wirklich  konstruktive Gedanken zu echten Alternativen machen. Schließlich lieben wir diesen Sport und sind wohl die letzten, die ihn in Händen von profitierenden Fachfremden sehen wollen, die ihn zu ihren Gunsten missbrauchen. Mitnichten. Dafür lieben wir unseren Sport, unseren Verein zu sehr, als das wir ihn auf bloßen Kommerz komm raus an die Wand fahren lassen sehen wollen. Hier gibt es Grenzen und die sind bald erreicht. Zockern beim Zocken zuschauen, gar zu supporten, nach ihren Regeln tanzend auch noch zu bezahlen, macht auf Dauer keinen Spaß mehr.

Warum also nicht das Herz in die Hand nehmen und den Fußball wieder in die Bahnen lenken, wo er hingehört. In unsere Richtung. Utopie bleibt nur das was keiner anpackt.

In dem Sinne: Pro neuer Ligaverband!

 

Apfel

Der Apfel ist eine köstliche, heimische Frucht mit starker Symbolkraft. Ich liebe Äpfel sehr und es hat gute 20 Jahre gebraucht, bis ich trotz einer Allergie im Jahr 2014 endlich wieder welche essen konnte - alte Sorten aus dem Umland! Wie habe ich die vermißt. Es war ein Highlight des vergangenen Jahres. Normalerweise ist mein Lieblingsverein für solche Akzente im Alltag zuständig. Davon kann hier aber nicht die Rede sein.

Sportlich war 2014 ein unterirdisches Jahr für jeden Hertha-Fan. In diversen Foren mögen es einige nicht, wenn man die Rückrunde der Saison 13/14 mit der Hinrunde 14/15 in einen Erlebnistopf wirft. Ich verstehe das, gehöre aber selbst zu den Vertretern, die beide Halbserien in einen Zusammenhang setzen wollen. Nach einer hervorragenden Aufsteigerhinrunde folgte eine ernüchternde Rückrunde. Keine Frage, wir haben zu Beginn einen erfrischenden, flinken Fußball geboten, der sicherlich kräftezehrend sein würde und dann tatsächlich durch verletzungsbedingte Ausfälle unserer Kreativabteilung abgewürgt wurde (Baumjohann verletzte sich schon früh erneut sehr schwer, es folgte Cigerci, der gerade Fahrt aufnahm und sein Potential zeigte). Von einem veritablen 6. Platz der Hinrundentabelle ging es im freien Fall auf den 17. Platz in der Rückrundentabelle. Wir waren Aufsteiger und haben unser Saisonziel erreicht - Klassenerhalt! Natürlich ist es legitim, sich zunächst damit zufriedenzugeben, wenn nicht gar zu freuen. Es ist aber auch legitim, darin schon gewisse Vorboten für die Folgesaison auszumachen. Und erst recht ist es legitim, in der Rückschau zu erkennen, daß es in der Winterpause 13/14 interne Vorfälle gegeben haben muß, die dem starken Mannschaftsgefüge Schaden bereitet haben. Inwieweit die Lolitageschichte und Ausmusterung einzelner Spieler zu Saisonbeginn noch nachhallten und in die Rückrunde reinstrahlten mag eine Frage sein. Vielleicht hat die Mannschaft wirklich nur zuviel Aufwand in der Hinrunde betrieben und das Schicksal aller Aufsteiger geteilt, den Tribut dafür in der Rückrunde zu zahlen. Vielleicht auch nicht. Ich kann mir nicht helfen, ich hatte immer das Gefühl, dieser Absturz sei mit Aufwand und Verletzungspech allein nicht zu erklären. Es ist zumeist die Art und Weise, wie Niederlagen zustande kommen, die einen stutzig machen. Nun ja, Fühlen heißt Nicht-Wissen.

In der Sommerpause haben wir das Transferfenster weit geöffnet und mächtig gelüftet. Viele Spieler gingen, viele Spieler kamen neu zur Mannschaft - darunter einige Knaller. Preetz schaffte es unter anderem große Namen nach Berlin zu lotsen. Stocker, Heitinga, Kalou... Es wurde damit auf die Defizite und Verletzungssorgen reagiert. Der Kader war breit aufgestellt und nominell absolut konkurrenzfähig, um die Saison im gesicherten Mittelfeld zu bestehen und gut 5, 6, 7 Mannschaften hinter sich lassen zu können. Natürlich weiß jeder Fanprofi, daß die 2. Saison nach Aufstieg die härtere ist und die neuen Mitspieler erst in die Mannschaft integriert werden müssen. Die Verletzungssorgen blieben uns treu und gewiß war es manchmal nicht einfach, eine geeignete Startelf zu finden. Aber wurde sie auch wirklich gesucht?

Ich komme zurück auf die Äpfel. Den bekanntesten Apfel - dem, vom sogenannten biblischen Baum der Erkenntnis. Meiner ganz persönlichen Erkenntnis - es hat keinen Sinn mehr mit Luhukay! In meinem letzten Blog habe ich schon für mich herausgefunden, daß ich mit diesem Trainer keine Erwartungen und Träume bezüglich Hertha mehr haben kann. Inzwischen hat sich nach meiner Einschätzung die Lage sogar noch verschlechtert. Ich habe jegliches Vertrauen in die Arbeit und Entscheidungen des Trainers verloren. Trotz unserer Verletzungsmisere finde ich, daß wir dennoch eine recht passable Mannschaft auf den Platz stellen könnten. Aber es passiert nicht. Im Gegenteil, ich könnte einige Beispiele aufzählen, in denen ich die Spiele regelrecht vercoacht finde (SGE!!, DSC, S04, TSG) oder mich frage, worin genau die Vorgaben des Trainers bestehen. Wir müssen auswärts nicht das Spiel machen. Die Frage Schieber oder Kalou stellt sich mir nicht - beide, denn er kann sowohl auf den Flügel oder die 10. Welches Konzept und welche Taktik soll eine bestimmte Startelf umsetzen, um den Gegner in die Knie zu zwingen? Wir haben Spieler verpflichtet, die mehr mit dem Konzept Bankdrücken vertraut sind, als gut sein kann. Ich gehe noch weiter, es gibt Spieler, die regelrecht mit Nichtwürdigung gedemütigt werden. Wenn man sich zu einem Pralinchenposten durchringen kann, dann MUSS man erst recht einen Kalou bringen. Dieser Mann hat quasi auf der Bank sitzend 5 Tore geschossen! Stocker ist ein anderes Beispiel, bis zur Zermürbung hat er die Grashalme des Amateurstadions kennengelernt. Und und und, stets werden Trainingsrückstände geltend gemacht oder gar keine Gründe. In unserer größten 10er-Not wurde stur und stoisch Hany Mukhtar nicht beachtet. Daß es trotz größter Personalsorgen mit bestimmten Spielern nicht einmal versucht wird, erschließt sich mir nicht. Es werden Spieler auf ungeliebte Positionen verbannt, obwohl eine alternative Aufteilung möglich wäre, bei der sie eben genau ihre Stärken haben und ausspielen könnten. Unterläuft einem jungen Spieler ein Fehler, findet er sich auf der Motivationsbank wieder oder wird gar öffentlich demontiert. Welche Signale werden da an die Spieler selbst, die Kollegen oder Fans gesendet? Es erschließt sich mir aber, wenn diese Spieler unzufrieden sind und dies nach außen transportieren. Es erschließt sich mir, wenn ich eine verunsicherte Mannschaft auf dem Platz sehe. Es erschließt sich mir, wenn ideenlose Individuen über den Platz streifen. Was ich da sehe, sind keine Fußballsöldnermillionäre die mal kämpfen und siegen sollten. Was ich da sehe sind glattgebürstete, zurechtgestutzte Buben. Keine Entgleisungen, kein Risiko. Weder persönliche Entgleisungen bei den Spielern, noch auf dem Rasen. Das einmal gewählte taktische Konzept wird durchgezogen, wo man sich auf den Rängen Risikobereitschaft wünscht. Der Hindukusch wird immer noch am gegnerischen Strafraum verteidigt.

Das bringt mich wieder zur alten Apfelsorte "Der Fisch stinkt immer vom Kopf".

Ich habe nach großer, sehr großer, Skepsis mich dahingearbeitet, Preetz' Arbeit zuweilen sogar gut zu finden. Was er wirklich, wirklich gut macht, sind seine absoluten Stillschweigen-Transfers. Und in der Babbel-Nummer war er einwandfrei - Respekt Langer! Jetzt kommen die Aber. Zunächst einmal, muß ich zugeben, daß der erste Fehler bereits bei mir lag: Nach all dem Tohuwabohu habe ich sehnsüchtig die Brille der Ruhe und Kontinuität aufgesetzt. Ich bin auf diesen JLu-Zug aufgesprungen, bereitwillig und habe das Glas immer sehr halbvoll gefunden. Nüchtern betrachtet hätte man schon damals sagen und sehen können, daß jeder Trainer mit dieser Mannschaft aufgestiegen wäre. Solide Arbeit einfach, nicht hervorragende. Der Ruhestifter ist dem Provinzcalvinisten gewichen. Ich habe also selbst viele Sehnsüchte hineininterpretiert und diese Entwicklung Preetz zugeschrieben. Nun bin ich allerdings der Meinung, er managte von einem Extrem ins andere. Nach dem massiven Trainerverschleiß in der letzten Abstiegssaison, scheint er nun ebenso vehement am Trainer festzuhalten, obwohl wir geradewegs dem Abstieg zusteuern (die Konkurrenz befindet sich tendenziell im Aufwind im Gegensatz zu uns). Jaja, JLu ist ein hervorragender Zweitligatrainer mit dem wir direkt wieder einen Rekordaufstieg hinlegen. Ich möchte weinen. Zurück zum Apfel. Schon viele haben mehr Kompetenz in der Vereinsführung gefordert. Ehemalige, Hinz und Kuntz, Miesepeter, Fans. Und da ist was dran, das muß man so erkennen. Vom Management erwarte ich adäquate Maßnahmen, keine Korrekturschaukel, gute Kommunikation und Mediation, gute Personalpolitik. Vom Trainer erwarte ich auch Kommunikation, Taktik, Konzept, Weiterentwicklung der Mannschaft. Dieses alte Problem der Hanns-Braun-Straße ist offensichtlich nicht behoben worden. Anscheinend wird den Spielern nicht transparent kommuniziert, was man von ihnen konkret erwartet und welche nachvollziehbaren Gedankengänge bestimmten Entscheidungen zugrunde liegen. Das gilt gleichermaßen für die Medizinabteilung (Kompetenz! und Kommunikation). Die muß übrigens mal gewaltig hinterfragt werden. Hier wie dort erreichen den Fan verschwurbelte Meldungen, bei denen man ständig das Gefühl hat, nur die halbe Wahrheit zu hören. Wie ist es möglich, daß mit der finanziellen (geborgten) Entspannung und diesem Kader unser Verein derart strauchelt und stümpert?!? Fürwahr, ich denke, es kommt wirklich nicht oft vor, daß die Mannschaft besser als ihr Trainer ist. Wenn man das Potenzial allerdings nicht auf dem Rasen zu sehen bekommt, dann liegt es am Übungsleiter. Darin sehe ich die Ursache. Aufsichtsrat, werden sie aktiv, wenn Preetz es nicht wird!

Auch ist der Berliner Blätterwald seltsam still. So still, daß ich es geradezu faul finde. Die gleiche sportliche Situation hätte seinerzeit orkanhafte Artikel zur Folge gehabt. Und manche Auslassungen lesen sich, als wären sie direkt von der Pressestille diktiert. Der Boulevard ist oft anstregend, die aktuelle Ruhe finde ich gefährlich. Es werden keine Fragen gestellt, wo hinterfragt werden müßte. Jeder deckelt hier jeden. Die Presse Hertha, MP und JLu sich gegenseitig. Wenn Gründe für die sportliche Misere gesucht werden, spart man MP und JLu verdächtig aus. Der Schwarze Peter wird ausschließlich Spielern oder einzelnen Mannschaftsteilen zugeschoben. Seriös finde ich das nicht und wenn man wirklich beabsichtigt, die Fehler zu beheben, dann gehören alle Aspekte auf den Prüfstand. Die Verletzungen, Schiris, der starke Gegner oder was man sonst so nennen könnte, mögen ja gerne offiziell als Alibi bemüht werden, für mich taugen sie schon lange nicht mehr als Argument. Gefährliche Ausreden im Wettlauf gegen den Spielplan, denn nun sind wir mitten im Abstiegskampf, der so nicht nötig gewesen wäre. Wenn die Presse weiterhin so nett bleibt, werde ich sie am Ende der Saison fragen, ob sie die Tabelle etwas schönen könnte.

Wo bleibt die Berliner Chuzpe? Wo ist einer, der Roller umschubst? Die Fans machen es vor: "Kniet nieder, Ihr Bauern, die Hauptstadt ist zu Gast"! Warum? Darum!

Ich will einen Trainer der in seiner Mannschaft Ecken und Kanten wünscht. Ich will einen Trainer, der eine Mannschaft aus Individualisten formt, nicht nur aus Individuen. Ich will eine Vereinsführung, die sich in obigem Sinn eine Scheibe von den Fans abschneidet. Wer soll denn sonst für Hertha in die Bresche springen? Die Konkurrenz wohl kaum.

Wir haben 12 Monate in saure Fußballäpfel gebissen: Ganze 31 Punkte bei 8/7/19! Das wirkt abführend, auf den Trainer hoffentlich!

Wenn man erste Schlüsse aus den Trainingseinheiten 2015 zieht, werden defensiv lieber wieder 4 von 6 Positionen verändert statt nur 2. Auch in der Vorbereitung spricht das erste Testspielergebnis Bände. Das ist einfach zu wenig und verheißt nichts Gutes. Für mich gibt es einfach keinen Anlaß aufzuatmen. Die Linie des letzten Jahres setzt sich irgendwie fort. Wieder werden einige sagen, das läßt sich nicht vergleichen. Vielleicht, aber eine Trendwende sieht anders aus. Währenddessen schießt Kalou Elfenbeinküste zum Sieg. Mann, der wird froh sein, wenn er sich nach dem Africa Cup auf der Bank ausruhen kann. Es wäre nicht auszudenken, was für eine nachhaltig schlechte Außendarstellung es für Hertha bedeuten würde, wenn Kalou den Verein wieder verläßt, sollte sich an seiner Situation nichts ändern. Und bis jetzt besteht kein Anlaß, das zu hoffen.

Wessen Kapitel beendet 2015?

2014 hat für mich persönlich das Kapitel Luhukay ein für alle Mal beendet!