Di25Apr2017

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Der erleichterte Spielbericht

Schalke 04 mit 120 Minuten und einer fetten Enttäuschung in den Knochen und ohne Leon Goretzka, der Tabellenzweite RB Leipzig ausgeruht und mit früher Führung ausgerechnet (!!!) durch Timo Werner: Klingt furchtbar, ist es aber nicht. Mit einer Energieleistung erkämpfen sich die Königsblauen einen Punkt und sind am Ende dem Sieg sogar näher.

Hand aufs Herz, lieber Fußballfreund, wie viele Berichte über das Revierderby haben Sie gelesen, in denen nicht über Aubameyangs Jubel und Erwins Rote Karte gegen Schiedsrichter Zwayer berichtet wurde? Und das nicht beiläufig am Rande, sondern als Aufhänger und in bisweilen epischer Breite? Watzke gegen Aubameyang, Heidel für Erwin, alle gegen Zwayer und gegen den humorlosen DFB sowieso. Wer die nach-derbyliche sonntägliche Medienwelt betrachtet, muss zu dem Schluss kommen, dass es in Deutschland keine wichtigen Themen gibt. Von BILD bis kicker, Welt bis Focus, 11 freunde bis reviersport: Erwin, Auba, Erwin, Auba. Aufmacher, Fotos, groß. Fehlte nur noch der Brennpunkt über „Maskottchengate“ statt des Tatorts.

Montag, 13 März 2017 00:42

MINIRÖCKE - vielleicht frivol, aber erlaubt!

geschrieben von

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Die heimstärkste Mannschaft der Bundesliga in dieser Saison - meine Hertha - konnte diese Bilanz auch gegen den Champions League-Teilnehmer Borussia Dortmund mit einem 2:1 Sieg fortsetzen!

So langsam verdienen wir uns das Rennen um die internationalen Plätze und haben endlich 2 Spiele Vorsprung auf den nächsten Verfolger. Der Sieg gegen den BVB war ohne wenn und aber verdient. Aber von dem Topspiel und unserer Leistung redet inzwischen niemand mehr und deshalb rede auch ich nicht davon - jetzt!

Die Medien stürzen sich mit aufwiegelnden Arschbomben auf unseren Spieler Mitchell Weiser. Was war passiert? Am Ende der 2. Halbzeit, der spätere Endstand war da schon längst eingestellt, kam es zu einem kleinen Scharmützel zwischen Dembélé und Weiser. Weiser schlägt den Ball weg und wird kurz darauf von hinten in die Innenseite der Wade getreten. Weiser fällt und rollt. Die Bewertung dieser Situation fällt folgendermaßen aus: Der Tritt vom Dortmunder Spieler ist ganz eindeutig eine Tätlichkeit und hätte gut und gerne mit glatt Rot geahndet werden können. Unser Spieler behält sein Bein und macht auch für meinen Geschmack eine Rolle zuviel. Aber halten wir fest: Er ist der Gefoulte. Letztlich bekommen beide Spieler Gelb.

Was mich, ehrlich gesagt, schockiert hat heute beim SPORT1-Doppelpass-Gucken, ist, daß dort im Fernsehen ganz öffentlich und schamlos zum Fegefeuer gegen Weiser aufgerufen wurde von den anwesenden Herren. Besonders hervorgetan haben sich da Carlo Wild vom Kicker, Ralf Rangnick von RB Leipzig, Marcel Reif von dieser Welt. Einspruch gab's von keinem. Was ich da gesehen habe, ist einfach nur obszön.

Sicherlich ist da seitens Weisers Theatralik drin, die gerne hätte ausbleiben können, aber wurscht bezüglich der Tätlichkeit Dembélés. Es spielt letztlich gar keine Rolle, wie heftig die Folgen sind, eine Tätlichkeit ist eben eine, wie auch ein Foul eins ist. Es wird nicht die Güte einer Verletzung geahndet.

Warum passieren solche Dinge? Es gibt viele Möglichkeiten: Wenn viel Adrenalin im Spiel ist, macht man schon mal Dummheiten, da streckt sich einem der Mittelfinger, da pöbelt man unbewußt mal in ein Außenmikro, der erste Schreck, Durchtriebenheit, Mißgunst, Unbedarftheit, Sorglosigkeit... Unser Weiser war lange verletzt, wir Herthaner sind alle froh, daß da weiter nichts passiert ist. Vielleicht auch eine Erklärung?!

Inzwischen werden die Spieler neben und auf dem Platz in jeder Sekunde eingefangen und kontrolliert. Das wissen alle Spieler und verhalten sich häufig entsprechend, gerne wird im Fallen nach einem Foul schon die Kamera gesucht, um zu prüfen, ob auch ja jeder alles gesehen hat. Auch diese lausigen Torjubel sind ein Produkt des Wissens um die Replikation des Moments "Batman und Robin" (Aubameyang, Reus/ BVB), "Die Boy Band" (Holtby, Schürrle, Szalai/ M05), "Eckfahnenpinkler" (Mertens, SSC Napoli), "Babybauch" (Lewandowski/ FCB) usw. Die Liste kann beliebig fortgeführt werden, es betrifft nahezu alle Vereine überall auf der Welt. Oft ein Moment zum Fremdschämen. Das ist auch schon früh im Repertoire, neulich bei unserer U16 gesehen und da zeichnet niemand auf. Es reicht, daß die Fersehanstalten diese Bilder Wiederkäuen. Sei's drum. Theatralik kommt zunächst einmal auch ganz einfach technisch zustande: Um im Beispiel zu bleiben, sieht die Rolle von Weiser in Zeitlupe auch viel schlimmer aus, als das in Echtzeit und im Stadion der Fall war. Die Zeitlupe implantiert im Zuschauer aber den Eindruck bewußter Handlungen. Das trifft aber meist nicht zu, sondern ist in der Regel ein normaler Bewegungsablauf. Das schließt grundsätzlich nicht den Schurken auf dem Rasen aus. Die vermeintliche Theatralik sind die beiden Seiten einer Medaille: Mit Vorsatz den Gegenspieler anschwärzen zum eigenen Vorteil OHNE gefoult worden zu sein oder ein Foul überbetonen aus der Befürchtung heraus, es könne übersehen worden sein. Das mag fragwürdig und nicht so wirklich gelungen sein, ist aber auch Produkt und Erfahrungswert in einem Metier in dem TV-Bilder alles bestimmen. Sie bringen das Geld, sie sind das, was gewollt ist. Und je spektakulärer und dramatischer umso besser. Diese Welt ist bigott: Pyrobilder einfangen, aber Licht verteufeln; Schwalbenzeitlupen noch und nöcher, aber wer und daß verdammt wird, unterliegt unbekannten Gesetzen. Insgesamt wäre mir auch weniger Gestik und Mimik lieber, das ist bloß letztlich gar nicht erwünscht. Es wird ja geradezu auf die große Geste, einen Fehler gelauert, um sich darauf zu stürzen. Großkreutz und Kruse haben da sicher auch Erlebnisberichte. Ja, das passiert alles und ist menschlich. Seid einfach mal gnädig, wenn es andere nicht sein wollen. Vor allem, wenn jemand sonst nie dahingehend auffällig wurde.

Ralf Rangnick griff die zigfachen Zeitlupen der Weiserrolle mit Kußhand auf, um den Schandkübel seines Spielers nun erleichtert über unseren Spieler auszuschütten. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, diese Bilder wurden flehentlich herbeigesehnt, um den gescholtenen Timo Werner aus der Schußlinie zu bekommen und durch einen neuen Stein des Anstoßes zu ersetzen. Halt, Stopp! Wir erinnern uns: Timo Werner wurde NICHT gefoult, es war eine Schwalbe. Auch selbst da ist es nicht akzeptabel, wenn er dafür durch den Kakao gezogen wird und Schwalbenpäpste wie insbesondere Robben, aber auch Lewandowski, Suarez, Draxler noch bei WOB und wen jeder noch spontan parat hat, mit einem allgemeinen Achselzucken davonkommen. Es ist quasi allgemein geduldet und indirekt legitimiert. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, daß Rangnick auch noch gerne andere Bröckchen aufnahm und Konkurrenten denunzierte zum Thema, die 50+1-Regel sei doch schon längst ausgehebelt durch laut genannte Bundesligisten. Herrlich.

Ich finde es komplett verantwortungslos, daß im Doppelpass vom 12.03.2017 indirekt, aber öffentlich, zu einem Shitstorm gegen einen Spieler animiert wird. Und nach meinem Verständnis spielt es überhaupt keine Rolle, ob es einen Spieler meiner Mannschaft betrifft oder irgendeinen anderen. Es gibt inzwischen diverse Statements dazu in den sozialen Netzwerken, die dann viral gehen: stark gekürzte gifs, die das Foul ausblenden und also manipulativ sind, Shitstorm in den Kommentarspalten diverser Fußballseiten, negative Tweets und Posts, die alle komplett die vorangegangene Tätlichkeit unterschlagen, im Berliner Fenster (quasi Nachrichten-/ Werbe-Ticker in der U-Bahn) wird das Thema erwähnt. Meine Frage an die Leute, die sich am Shitstorm beteiligen, ist eigentlich, welches Rechtsempfinden da herrscht? Das mein Verein nicht sonderlich beliebt ist außerhalb seines Dunstkreises und im englischsprachigen Raum stört mich nicht weiter, geht mir umgekehrt nicht anders. ABER: Weil ein Spieler bei einem Drecksverein spielt, so wurde kommentiert, ist es in Ordnung, einen wesentlichen Teil dieser Situation zu unterschlagen und den kompletten Zorn auf den Gefoulten zu übertragen?

Also jetzt mal im Ernst: Ich kann dich nicht leiden, du bist häßlich, deshalb ist es okay oder nicht so schlimm, wenn du z.B. Opfer eines Justizirrtums wirst oder ungerecht behandelt??! Leute, die Denke bewegt sich auf dem Niveau, mit dem man Frauen in Minirock begegnet, die sexuell belästigt oder gar vergewaltigt wurden: Naja, der Rock war aber schon sehr kurz und sehr aufreizend! HALT! STOPP!

NEIN! Weiser wurde mit einer Tätlichkeit gefoult - Punkt. Ja, die Rolle mußte nicht sein. Das ändert aber nach wie vor nichts an Dembélés Einlage.

Ich ergreife hier deutlich Partei für einen Spieler meiner Mannschaft, weil es momentan kaum einer tut, und gleichzeitig soll dies ein Plädoyer an alle sein: Beteiligt Euch nicht an einem Shitstorm gegen einzelne Fußballer, Menschen generell! Erst recht nicht, wenn Ihr nur Ausschnitte kennt und Euch gar nicht sicher sein könnt, ob die Einschätzung so überhaupt zutreffend ist. Es geht mir um einen generellen Umgang. Ein Bild, das einmal in die Welt gesetzt wurde, bleibt im Gedächtnis. Wir sind visuelle Wesen. Mir persönlich wären insgesamt auch weniger Gestik und Mimik lieber. Die TV-Vermarkter haben daran nur kein Interesse, im Gegenteil, man lauert auf die große Geste, den Fehltritt, die Schwäche. Großkreutz und Kruse können sicher auch Erlebnisberichte zu dieser Thematik beisteuern. Manchmal erfährt jemand ein Stigma, das er für den Rest seiner Laufbahn nicht ablegen kann. Schon innerhalb von 2 Tagen ist in der Presse aus einer Tätlichkeit, und dafür müssen keineswegs Gliedmaßen abgetrennt werden, ein Kontakt geworden und eine Schwalbe fliegt in Gänsefüßchen nebenher. Nochmal, nein, das ist eine Verunglimpfung! Bedenkt einfach nur, daß es ein anderes Mal einen Fußballer Eures Lieblingsvereins treffen könnte. Haßtiraden lassen sich ohne Nachzudenken zu leicht in die Tasten hauen und verbreiten. Macht das nicht! Zeitlupen sind Verstärker! Wie anders könnte sonst im Nachhinein eine Schiedsrichterentscheidung bestätigt oder widerlegt werden, die man mit bloßem Auge kaum erkennen kann.

Und der Doppelpassrunde im Besonderen und anderen Medien möchte ich sagen: Schämt Euch, Ihr tragt Verantwortung und habt eine Sorgfaltspflicht!

 

Dienstag, 21 Februar 2017 13:08

Knigge und Bonus

geschrieben von

Screenshot 2017-02-21 15.35.54Screenshot 2017-02-21 15.28.25Wenn man nach langer, sehr langer Zeit beschließt, an die Tasten zu gehen und auf dem kurzen Weg dahin nicht mehr weiß, womit anfangen, weil sich die Themenangebote nun geradezu überschlagen. Von meinem eigentlichen Aufhänger kann ich aber im Verlauf dieses Textes einen schönen Bogen schlagen, das ist meinen Freunden vom DFB geschuldet. Die, ich gebe es zu, sehr häufig Antrieb meiner Auseinandersetzungen sind, wenn auch nicht schriftlich, wie die letzten Jahre belegen.

Ich habe die Debatten um Fanreaktionen auf RB Leipzig selbstverständlich verfolgt als interessierter, aber noch unbehelligter Fan. Ganz recht, unbehelligt, denn ich frage mich, was uns allen noch blüht. Mir ist nicht ganz klar, warum plötzlich diese Benimmpolizei und der Etikette-Schwindel schon geradezu groteske Formen annimmt. Jeder Stadiongänger weiß, daß Transparente seit Jahrzehnten Mittel der Meinungsäußerung in den Kurven sind. Und auch sind seit Jahrzehnten die Meinungsäußerungen mehr oder weniger gelungen. Ich persönlich bin großer Freund humorvoll gesetzter Stiche. Das gelingt nicht immer und manchmal sorgt der Ärger über dies und das dafür, daß andere Synapsen aktiv werden. Das qualitative Spektrum reicht von sehr oft witzigen Pointen bis zu tatsächlichen Sinkflügen. Immer aber ist so ein Plakat auch Ausdruck von Kreativität, in Stenoform muß ein komplexer Inhalt in knackiger, griffiger Kürze zu Papier gebracht werden. Nicht alle schaffen es ins MOMA. Und so manches Kunstwerk offenbart seine Doppelbödigkeit nur den Kennern.

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Die Ausstellung bei Borussia Dortmund zeigte nun in ihrer Anzahl eine eher seltene Menge an Objekten und natürlich waren da auch echt schwache, sehr derbe Meinungen vertreten. Aber, so what? Ein Bundesligaspiel (ein Fußballspiel allgemein) ist immer Rivalität und manchmal sogar sehr große, es sei denn, befreundete Teams und Bene Fizz treffen aufeinander. Beschimpfungen und Schmähungen muß man aushalten, das gehört dazu. Manche Auswärtsfahrten sind Gänge nach Canossa, habe ich alles schon erlebt, auch, daß man seine Vereinszugehörigkeit besser nicht zeigen sollte. Ich mag diese Form der Gastfreundschaft nicht besonders, man sollte seinen Schal tragen können und ist schließlich aus Gründen unterwegs. Da sind wir auch schon beim Thema, und natürlich darf man wegen seiner Vereinzugehörigkeit nicht körperlich angegriffen werden. Keine Diskussion! Ausnahme sind verabredete Schlägereien, aber davon bekommen nicht Involvierte nix mit, kann uns egal sein. Es wurde ja schon x-Mal durchgekaut, für die Vorfälle außerhalb des Stadions ist der DFB gar nicht zuständig und im Stadion ging es nach meinem Kenntnisstand nur schriftlich und mündlich zur Sache. Als nächtes wird sich Borussia Mönchengladbach zu verantworten haben. Es werden sicher noch mehr Delinquenten bis zum Ende der Saison, gegen die der DFB ermitteln wird, weil einfach jeder Gegner, selbst z.B. die Hoffenheimer (auch gerne Adresse von Schmähäußerungen) ihr Hühnchen mit RB Leipzig rupfen werden. Aber auch der FC St. Pauli zeigte gg Dresden ein makabres Plakat. Es gibt unzählige solcher Plakate, die kann man hier gar nicht alle nennen. Aber haben wir diese Ermittlungsarbeit in diesen Fällen so massiv gehabt? Ich habe langsam den Eindruck unser Fußballverband ist eine Detektei. Wer bestimmt, welche Meinungen gegen wen geäußert werden dürfen und vor allem wie drastisch? Die Kritik an RB Leipzig ist in Teilen durchaus berechtigt (Financial Unfairplay für einen Aufsteiger, die Ersatzbank in Salzburg, aggressives Jugendscouting, Satzung/ Mitgliedschaft)! Allerdings sind sie nicht der einzige "Firmentrupp", der in der Bundesliga aktiv ist und die Doreens und Ricos sind wirklich das allerletzte Glied in dieser Kette. Denen kann man nicht vorwerfen, daß sie Fußball sehen wollen. Daher ist mein Wunsch, sämtlicher Protest wendet sich ausschließlich an den eigentlichen Verursacher DFB und an Mateschitz/ Clubvorstand.

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Ich habe eher den Verdacht, der DFB reagiert gerade in diesem Zusammenhang so empfindlich, weil er einerseits selbst (in)direkt Adresse der Wut oder Empörung der Fans ist. Er selbst hat die lächerliche Red Bull Logoänderung als Vereinswappen durchgewunken und damit den Spielbetrieb ermöglicht. Man kann nicht ausschließen, daß der Verband die durchaus erfolgreiche "Entwicklung" der Leipziger in dieser Region protegiert. Nachdem zunächst nach der Wende der Fußballosten abgewickelt wurde, macht es Sinn, dort einen finanziell sprudelden Quell für Nachwuchsarbeit zu etablieren. Frischfleisch für die Nationalmannschaft. Spätzle-Connection läßt grüßen.

Es ist für einen Außenstehenden einfach nicht einsichtig, nach welchen Kriterien der DFB Ermittlungen einleitet und Strafen verhängt. Und damit ist noch nicht mal die Frage geklärt, ob überhaupt Strafen verhängt werden müssen, solange es bei Wortgefechten bleibt. Da mag manchen vielleicht mal die Spucke wegbleiben, aber in der Regel konnten Vereine untereinander mit einer Stellungnahme reagieren und das Ding war vergessen. Inzwischen meint man es aber analog den "strengsten Eltern der Welt" mit dem strengsten Verband der Welt zu tun zu haben, der die aufmüpfigen Fans zur Raison rufen will. Das wird so jedenfalls nicht gelingen, da bin ich mir sicher. Und es ist auch richtig. Der DFB darf kritische Stimmen nicht wegdrängen, sondern muß sich auch den Vorwurf gefallen lassen, manch Entgleisung selbst zu provozieren. Aber ganz Lotusoberfläche perlt das ab. Stattdessen befinden sich die Fans in Stellvertreterauseinandersetzungen mit anderen Vereinen. Über den Sinn und Unsinn von Sippenhaft hat man sich schon den Mund fusselig geredet. Schießt am Ziel komplett vorbei. Es wird sich ereifert und "gereinigt", wo es nur geht. Jüngst wurde ein BVB-Fan beim Fantalk auf Sport1 in der 11Freunde-Bar in Essen vor laufenden Kameras von Neururer, Helmer und vor allem Basler rund gemacht. Der Fan hatte den von Aubameyang verschossenen Elfmeter im letzten CL-Spiel mit einem authentisch verärgerten "Idiot" quittiert. Nix großes. Auf Facebook wurden die kritischen Kommentare der User zu diesem Vorfall gelöscht. Zum Schreien natürlich, daß gerade Basler, selbst gerne ausfallend und beleidigend, hier ganz Hofdame war.

Für rassistische oder diskriminierende Äußerungen sind zweifelsohne Sanktionen Pflicht und selbstverständlich für Parolen, die unter §130StGb fallen.

Aber nicht nur das, für das kommende Rückspiel gegen PAOK in der EL wird den Schalker Fans von Vereinsseite ein Verhaltenskodex nahegelegt, um "nicht unnötig zu provozieren". Gegenstand der Kontroverse ist die Mazedonische Flagge "Stern von Vergina". Die Griechen erklären beharrlich Mazedonien zur Chefsache und rein griechischen Angelegenheit. Nun gibt es aber auch ein jugoslawisches Mazedonien. Und deren Flagge ist nun Störenfried im Auge der Gästefans. Schon bei einer letzten Begegnung kam es deshalb zu Ausschreitungen der eigenen Polizei gegen die Gelsenkirchener. Man hatte blind den Behauptungen der griech. Funktionäre vertraut und fand höchst unangemessene Methoden um gegen den dt. Anhang vorzugehen. UGE verbindet eine Freunschaft mit den Ultras von Varga Skopje. Nun haben aber Gerichte eindeutig geklärt, daß die Flagge absolut legal und nicht verfassungsfeindlich o.ä. ist. Auch da fragt man sich, wessen Befindlichkeiten Vorrang haben und wieso. Laut Augenzeugen war das Hinspiel für die Gästefans äußerst unerquicklich.

Aber es geht in die in diesem Blog nicht nur um Transparente. Inzwischen wird nach dem Spiel meiner Hertha gegen die Säbener NUR noch gegen meinen Verein ermittelt, wie der DFB heute mitteilte. Hier liegt der Fall etwas komplizierter. Hertha BSC hat in der regulären Spielzeit die Bayern durch ein Tor von Ibisevic 1:0 besiegt. Es gab bereits ein großes Raunen, als die Nachspielzeit (NSZ) von 5 Minuten angezeigt wurde. In der 2. HZ ist nichts vorgefallen, das diese ungewöhnlich lange NSZ rechtfertigt. Schon gar nicht, wenn man viele, viele Partien gesehen hat und hier nicht den üblichen Sitten und Gepflogenheiten entsprochen wurde. Ich weiß von zig Spielen, in deren 2. Durchgang Tore fielen und gewechselt wurde, am Ende standen die typischen trüben 2 Minuten. Immerhin da kam es zu einer "Verbesserung", heute werden in der Bundesliga 3-4 Minuten draufgeschlagen. Was den jungen Ittrich geritten hat, weiß niemand. Ich muß die ganze Zeit an einen engagierten Ausbildungsabsolventen denken, der dann in einen Betrieb kommt, der alltagstaugliche und pragmatische Nachbesserungen zur allseitigen Zufriedenheit getroffen hat und nun von einem hypergenauen Musterschüler heimgesucht wird, besonders temporär, wenn der Chef auftaucht. Nachspielzeit ist individuell und muß einen Bezug zu den Vorkommnissen in den 90 Minuten haben. Sie kann also nicht einheitlich sein, fragen wir unsere Freunde zur Vorwendezeit - EinheitsMielkeZeit bis der Favorit trifft. Am Samstag konnten wir von Glück reden, daß Lewandowski relativ zügig in der NACHnachspielzeit zum Ausgleich traf, sonst hätten wir womöglich unvorbereitet noch den Sonntag dort verbracht. Das Spiel wurde in der 97. Minute abgepfiffen. Der längsten NSZ seit detaillierter Aufzeichnung. Danach soll es zu Vorfällen gekommen sein, die nun den DFB veranlassen zu ermitteln. Frist für eine Stellungnahme von Vereinsseite gilt bis Montag.

Screenshot 2017-02-21 18.47.30Was war passiert? Große Aufregung natürlich. Zunächst hieß es, es werde gegen Ancelotti wegen eines gezeigten Stinkefingers ermittelt angeblich nach einer Spuckattacke. Und gegen Jarstein wegen eines Ballschusses, der (mutmaßlich unabsichtlich) Alonso traf. Die Gemüter und Medien kochten hoch, es gab hoch unsportliche Bemerkungen von den 2 bayerischen Oberkrämpfen Neuer und Müller. Beiden rate ich dringend, sich mit folgender Statistik zu beschäftigen statt weiter Säbener Fake News zu verbreiten. Dieses Duell wies die höchste Nettospielzeit aller Partien auf, der geballte Unsinn ist also obsolet und zeugt nur ein weiteres Mal von der natürlich hohen Geburt und Stellung des Rekordmeisters. Wie peinlich wäre da eine Niederlage gegen die Berliner Sorgenkinder gewesen, man erinnere, wie Neuer in der Schlußphase wie in einem Weltmeisterschaftsfinale mit nach vorne kam. Die Niederlage mußte verhindert werden. Auch sagt es einiges aus, wenn es zu dieser Nachspielzeit viele ironische Reaktionen gibt. Die des Postillon empfinde ich geradezu als Ritterschlag:

 

Screenshot 2017-02-21 18.40.18Screenshot 2017-02-21 18.41.03Stand heute ist nun, daß der DFB das Verfahren gegen Ancelotti eingestellt hat. Dafür reichte eine Stellungnahme und eine Spende von 5000€ an eine DFB-Stiftung. Interessant in diesem Zusammenhang ist allerdings folgendes: Bereitwillig wurde von der Presse und den TV-Medien Anecelottis Behauptung, er sei angespuckt worden übernommen. Dafür lagen und liegen bis dato keine Beweise vor, für den Stinkefinger schon. Bis die Vorfälle lückenlos aufgeklärt sind, haben die Medien mit entsprechender Sorgfalt zu berichten. Die Stimmung kochte hoch, denkbar wäre doch auch, daß Ancelotti arg beleidigt wurde, den Finger hob und im Affekt zu dieser Schutzbehauptung griff (ich erinnere an Nobert Meiers Gehirnerschütterung).

Ein erregter Fan kann auch Bier verkleckert haben. Ich sage explizit nicht Bierdusche. Wir reden von der Haupttribüne!, da sitzen auch Bayernfunktionäre neben unseren Anzugträgern. Soviel Emotion hätte ich denen gar nicht zugetraut. Und bis hierhin, um den Bogen zu schlagen, ist das für mich alles kein Drama: Es kocht hoch, man reagiert sich ab, gut ist! Man entschuldigt sich hinterher, packt was in die Vereinskasse. Fertig.

Aber was haben wir jetzt? Ein fragwürdiges Unentschieden und Ermittlungen nur gegen Hertha. Jarstein sollte wegen des Ballschusses aussagen, wurde aber schon Gelb verwarnt. Tatsachenentscheidung. Ermittelt wird also wegen angeblicher Spuckerei auf Ancelotti, den Schiedsrichter und "unsportliche Äußerungen" von Herthafunktionären gegen das Schiedsrichtergespann. Die können froh sein, daß sie mich nicht gehört haben. Wir haben also wieder ein #Schirigate 2.0!

Ich kann mir in etwa ausmalen wie die Ermittlungsergebnisse aussehen. Die strukturelle Vorgehensweise jetzt ähnelt sehr denen nach der Relegation. 1 Woche Zeit, sich für uns etwas zu überlegen. Und ob wir jemals Beweise sehen werden? Ancelotti ist jetzt in der Wahrnehmung der spendenfreudige Saubermann. Ich verlasse vorübergehend den Planeten! Auch, bis Menschen wieder bereit sind sich Auseinanderzusetzen und Anfeindungen auszuhalten. Der cleane Lieblingssport wird sonst auch die einholen, die meinen als Unberührbare im Stadion zu sitzen. Haben denn alle vergessen, wie hitzig das in vergangenen Jahrzehnten zuging? Und, es ging weiter.

Ha Ho He!

 

   eurofighter 6Mit den Anstoßzeiten in der Europaleague ist es so eine Sache: Zum frühen Termin müssen sich vor allem Arbeitnehmer durch den dichten Berufsverkehr im Ruhrpott hetzen, der späte sorgt für unausgeschlafene Gesichter am nächsten Tag. So standen die anreisenden königsblauen Autofahrer auch vor dem EL-Gruppenspiel des FC Schalke 04 gegen OGC Nizza aus allen Himmelsrichtungen kräftig im Stau; bei den ÖPNV-Nutzern sorgten zeitweise Störungen auf der "Arena-Linie" 302 für Verzögerungen. Zusammen ergab das eine beim Steigerlied nicht einmal halb gefüllte Arena und viel Gerenne, bis Stadionsprecher Dirk Oberschulte-Beckmann handgezählte 51.504 Zuschauer vermelden konnte. "Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast!" grinst ein Schalker angesichts der Tatsache, dass Schalker Zuschauerzahlen nahezu immer "zuuuufällig" auf 04 enden.

Kurz vor dem Anpfiff gibt es einen kräftigen Böller im Block der mitgereisten Nizza-Fans, die zuvor bereits in Buer gezündelt hatten. Dieser fungiert nur als Wecksignal für den Support der Nordkurve. WIR sind der Herr im Haus! Im Schalker Museum gibt es zudem eine Sonderausstellung zum 20jährigen Jubiläum der originalen Eurofighter zu bestaunen.

Auf dem Platz hat Chefcoach Markus Weinzierl seine Ankündigung, zu rotieren und dennoch eine siegeshungrige Schalker Elf aufzustellen, wortgetreu umgesetzt. Mit Keeper Ralf Fährmann, Abwehrhüne Naldo und Max Meyer sind lediglich drei Stammspieler in der Startformation, ansonsten spielt die zweite bzw. junge Garde. Thilo Kehrer und Bernard Tekpetey feiern ihr Startelfdebüt bei den Profis. Auch Gästecoach Lucien Favre hat sein Team verletzungsbedingt teilweise umbauen müssen, neben dem umstrittenen Stürmer Balotelli fehlt u. a. der etatmäßige Kapitän Baysse. Mit Belhanda steht ein ehemaliger Schalker Leihspieler auf dem Platz, auch Dantes Lockenkopf ist ein alter Bekannter aus der Bundesliga.

   eurofighter 2In der Anfangsphase passiert auf dem Rasen nicht sonderlich viel, die Fans singen sich mit dem Wechselgesang SCHALKE! - NULLVIER und "Um die halbe Welt sind wir gefahr'n" warm. Die erste Chance liegt dann allerdings bei den Gästen: Nach einer knappen Viertelstunde kann sich Ralf Fährmann bei der Querlatte bedanken, die einen strammen Distanzschuss von Donis abfängt. Seine Gegenüber im französischen Tor, Cardinale, hat weniger Glück. Er verfehlt einen abgefälschten Schuss von Max Meyer, Konoplyanka muss nur noch vollstrecken. Das 1:0 in der 14. Minute!

Die Nordkurve stellt prompt jubelnd in den "Eurofightermodus" um. "Steht auf, wenn Ihr Schalker seid!" und "Wir schlugen Roda..." dröhnt durch die Arena. Auch auf dem Feld geht es jetzt sichtlich beherzter zur Sache, zwingende Chancen gibt es trotzdem wenig. Bei einem Distanzschuss von Dalbert ist Fährmann hellwach und entschärft per Glanzparade (26.). Die körperbetonte Gangart der Gäste führt zudem zu ausgedehnten Behandlungspausen bei Tekpetey und Meyer.

Vor dem Pausenpfiff ertönen noch "Schalke, ich bin für dich geboren, ich hab mein Herz verloren..." und "Kämpfen und siegen" im Wechsel zwischen Unter- und Oberrang, dazu wird zur ATTACKE geblasen. In der Pause gibt es viele zufriedene Gesichter, dass selbst eine Schalker B-Elf nichts anbrennen lässt. "Sind die echt Tabellenführer der Ligue 1?!" staunt ein älterer Schalker am Imbissstand kauend. "Watt sind wir gut!"

   eurofighter 3Am Mikrofon begrüßt derweil Finanzvorstand Peter Peters die vom Verein eingeladenen Mitarbeiter der insolventen Wellpappe Gelsenkirchen. Auf den Rängen brandet anerkennender Applaus auf, als er versichert, dass dem FC Schalke 04 ihre  Schicksale nicht egal sind und die Mitarbeiter und ihre Kinder auch noch zu einer königsblauen Weihnachtsfeier eingeladen werden.  Zudem sind noch einige wenige Karten für das letzte Gruppenspiel bei RB Salzburg verfügbar, über 5.000 Karten wurden bereits abgesetzt. "Aber nur für Teetrinker" grienen Eingeweihte angesichts des veritablen Shitstorms, den der Salzburger Bürgermeister in dieser Woche mit der Ankündigung, man befürchte Chaos in der Stadt, weil Schalke-Fans nicht dafür bekannt seien, nur in Ruhe sitzend einen heißen Tee zu trinken, ausgelöst hatte.

Bei Wiederanpfiff kommt mit Fabian Reese für den am Sprunggelenk angeschlagenen Meyer ein weiterer Youngster auf den Platz, der sofort höchst motiviert zur Sache geht und keine 10 Minuten später das 2:0 auf dem Schlappen hat. Im Eifer des Gefechts trifft er aber frei vor dem leeren Tor nur den Außenpfosten. Trotzdem gibt es aufmunternden Applaus. "Der Junge brennt, datt wird schon!" Musikalisch begleitet wird das Geschehen auf dem Platz von "Schalke und der FCN", "Wenn wir unsre Stimme heben, sollst Du immer alles geben" und "Schalke, nur Du alleine, bist meine Liebe, mein ganzes Le-he-ben".

Die Gäste finden in dieser Phase kaum statt; Favre versucht daher, das Ruder mit einem Dreifachwechsel herumzureißen. Weinzierl kontert mit Geburtstagskind Nabil Bentaleb für Torschützen Konoplyanka. Der algerische Nationalspieler nimmt auch sofort das Heft in die Hand und zwingt Cardinale zu einer Glanzparade, liegt aber keine 20 Minuten später schmerzverzerrt vor der Nordkurve. "Einen Nasenbeinbruch zum Geburtstag bekommt auch nicht jeder!" kommentiert ein Schalker mitfühlend.

   eurofighter 4Noch während er behandelt wird, strauchelt Tekpetey bei einem Laufduell mit Koziello an der Strafraumgrenze, Aogo vollstreckt den Elfmeter zum 2:0 (80.). Der Drops ist gelutscht! In der Nordkurve gehen Eurofighterschals und -transparente hoch. "Gelsenkirchen Schalke 1904, für deine Farben leben und sterben wir..." und natürlich der Eurofightersong sind das Gebot der Stunde. 

Für Bentaleb gibt der von vielen Schalkern mit Spannung erwartete Avdijaj sein Debüt, kann sich aber in der kurzen Zeit nicht mehr auszeichnen. Ralf Fährmann hingegen bekommt noch eine Gelegenheit, sein ganzes Können zu zeigen, als er per Flugparade einen tückischen Weitschuss von Donis am Pfosten vorbeilenkt. In der Nachspielzeit gibt es dann noch helle Aufregung im Strafraum des OGC, als Cardinale und Tekpetey nach einem Zusammenprall beide am Boden liegenbleiben und sich die Gemüter erhitzen. Das insgesamt souveräne aserbaidschanische Schiedsrichterteam verteilt salomonisch zwei gelbe Karten an die Kontrahenten, für den vorbelasteten Tekpetey bedeutet das Gelb-Rot. Der "Sünder" schleicht bedröppelt vom Platz und kann auch vom anerkennenden Applaus des Publikums nicht getröstet werden.

   eurofighter 7Die Zeit bis zum Schlusspfiff wird mit "Oho international, Schalke international, die Eurofighter sind wieder da", dem Schalkewalzer und natürlich "Königsblaue Eurofighter sind Europas Spitzenreiter" überbrückt. 5 Siege in 5 internationalen Spielen ist ein neuer Vereinsrekord; dazu kommt die äußerst beruhigende Erkenntnis, dass die Mannschaft das System von Trainer Weinzierl mittlerweile so gut verinnerlicht hat, dass es selbst bei fast vollständiger Rotation keine Konzentrations- und Abstimmungsprobleme gibt. Dementsprechend gutgelaunt werden die "Blitztabelle" und die Mannschaft auf Ehrenrunde beklatscht. Dennis Aogo legt vor der Gegengerade noch einen kleinen Striptease hin und erfreut die Damen mit seinem Oberkörper und einen kleinen Fan mit seinem Trikot.

   eurofighter 8Manager Christian Heidel freut sich über die "weiße Weste" und das wettbewerbsübergreifend elfte ungeschlagene Spiel in Serie. "Es hat Spaß gemacht, den Jungs zuzuschauen. Im Vorfeld haben sich viele gefragt, ob Sinn macht, in einem internationalen Wettbewerb so viele junge Spieler einzusetzen. Die Jungs haben auf dem Platz die richtige Antwort gegeben (...). Wir sind in der Lage, zu rotieren und auf mehreren Positionen umzustellen. Wir haben trotz der vielen Wechsel alle Spiele gewonnen. Das zeigt, dass der Kader in der Breite in Ordnung ist."

Bereits am Sonntag geht es gegen den SV Darmstadt 98 weiter. Die Chancen auf die Fortsetzung der Schalker Siegesserie stehen nicht schlecht...

Blau-weiße Grüße
Susanne Blondundblau

Mehr Fotos vom Spiel gibt es bei Interesse hier

 

Dienstag, 02 August 2016 22:17

Beim ersten Mal tat's noch weh

geschrieben von

wehtun 1a2016 auf Schalke: Nach Joel Matip verlässt mit Leroy Sané das zweite hochtalentierte Eigengewächs den Verein Richtung PremiereLeague. Allgemeiner Tenor in den einschlägigen sozialen Netzwerken und Foren: Bisschen früh, aber wir wünschen Dir alles Gute! Für Matip, dessen Wechsel zum FC Liverpool frühzeitig bekannt gegeben wurde, gab es sogar dicke Transparente („16 Jahre alles für Schalke gegeben – danke, Jimmy!“) und ein T-Shirt der Nordkurve Gelsenkirchen.

2011 auf Schalke: Manuel Neuer gibt in einer Pressekonferenz mit stockender Stimme und Tränen in den Augen bekannt, „Horst Heldt hat mich heute über das Interesse der Bayern informiert“. Trotz des anschließenden Pokalgewinns zieren zahlreiche Judas- oder H*rensohn-Spruchbänder und Transparente, die ihn als Stricher und auf den Knien vor Uli Hoeneß zeigen, die Arena. Von einer Autobahnbrücke in Gelsenkirchen baumelt eine Gummipuppe mit seinem Trikot, bis heute sind gellende Pfiffe noch die netteste Begrüßung, die er bei seinen Gastspielen in der Arena erwarten kann.

Nur wenig besser ergeht es Julian Draxler, 2015 kurz vor dem Ende des Sommertransferfensters zum VfL Wolfsburg gewechselt: Beim 0:3 seines neuen Vereins in der alten Heimat gab es höhnisches Gelächter und „nie mehr, nie mehr Julian Draxler!“-Sprechchöre. Nahezu jede öffentliche Äußerung von ihm wird hämisch kommentiert; die Schadenfreude darüber, dass der VfL das internationale Geschäft verpasst hat, treibt in Gelsenkirchen und Umgebung fröhliche Blüten.

Wenn nullvier das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe?! Vier Jungs aus der Knappenschmiede, allesamt auf Schalke zu Hoffnungs- und Leistungsträgern und Nationalspielern herangereift, verlassen den Verein – warum wird den einen die Pest an den Hals gewünscht, während die anderen ein ganzes Bündel an guten Wünschen auf den Weg bekommen?

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An den Ablösesummen kann es jedenfalls nicht liegen: Sowohl Neuer (insgesamt rund 30 Millionen Euro) als auch Draxler (37 Millionen Euro plus Boni) und jetzt Sané (Gesamtpaket bis zu 50 Millionen Euro) waren die jeweiligen Schalker Rekordtransfers ihrer Zeit. Einzig Joel Matip verließ den Verein nach gescheiterten Verhandlungen mit Horst Heldt, ohne die Finanzen gründlich zu sanieren.

Auch die Zahl der Einsätze ist offenbar nicht ausschlaggebend: Die meisten Profibegegnungen für die Knappen absolvierte Matip (194 Bundesliga- und 44 internationale Partien), gefolgt von Neuer (156/27), und Draxler (119/25). Sané verlässt den Verein nach nur 55 (47/8) Einsätzen im Schalker Dress.

wehtun 4Ein nicht unwichtiger Punkt dürfte sein, dass Neuer und Draxler zu direkten Ligakonkurrenten wechselten und daher kurzfristig auch gegen ihre Jugendliebe auf dem Platz standen. Matip und Sané wird dieses Schicksal außer beim zufälligen Aufeinandertreffen in europäischen Wettbewerben erspart bleiben, was die Sichtweise „ein Junge von uns hat es geschafft!“ deutlich erleichtert.

Noch bedeutsamer ist das Verhalten rund um bzw. kurz nach dem Wechsel: Wenn man schon rund anderthalb Jahre vorher mit Uli Hoeneß im Biergarten gesessen hat und Günther Jauch öffentlich auf den Wechsel gewettet hat, kommen Krokodilstränen, dass man doch gerade eben erst vom Interesse des Rekordmeisters erfahren habe, nicht wirklich gut an. Auch Äußerungen wie „Ich hätte doch all meine Freunde verloren, wenn ich mit 16 aufgehört hätte, Schalke-Fan zu sein“, um sich von seinem vorherigen Selbstbild vom „Jungen aus der Kurve“ und Ultra zu distanzieren und in München gutes Wetter zu machen, sind in der Hinsicht ein sicheres Gratisticket für dauerhafte königsblaue Abneigung. In dieselbe Kategorie fällt Julian Draxlers Gejammer über den fürchterlichen Druck und die lähmende, weil zu große Fanliebe und Erwartungshaltung auf Schalke. Äußerungen wie Wolfsburg sei „der nächste Schritt“ für ihn und Nachtreten, auf Schalke habe man es mit den Trainingsläufen nicht so genau genommen, wurden von vielen Schalker Fans als undankbar und stillos empfunden.  

Ob Matip und Sané aus den kommunikativen Stockfehlern ihrer Vorgänger gelernt haben oder „etwas heller inne Birne“ sind, in diesem Punkt haben sie es deutlich besser gemacht: Ewigkeitsgarantien gab es von ihnen nicht. Matip erklärte im ersten Interview nach seinem Wechsel, Schalke sei etwas ganz Besonderes. Auch Sané verabschiedete sich artig via facebook und twitter:

wehtun 2Hey Schalke-Fans,
Ich wollte die Chance hier natürlich nochmal nutzen, um mich an euch zu wenden und danke zu sagen. Ich habe beim FC Schalke 04 seit 2011 gespielt. Ich wurde hier zum Bundesligaprofi, ich wurde hier zum deutschen Nationalspieler. Meine letzten Monate verliefen einfach nur wie im Traum. Ich habe eure Social Media – Kommentare hier ja auch mitgelesen und viele sind der Ansicht, dass der Wechsel für mich zu früh kommt. Ich wollte diese Chance jetzt aber einfach nutzen, da man nie weiß, was in der Zukunft passiert und wann man noch einmal solch eine Gelegenheit erhält. Meine Familie und ich hatten mehrere Gespräche mit Manchester City Trainer Pep Guardiola, der uns komplett überzeugen konnte, was und wie er hier in England und international die nächsten Jahre einiges erreichen möchte. Da ich Herausforderungen nicht scheue, fühle ich mich schon jetzt dazu bereit, diesen Schritt zu gehen, ohne aber, das könnt ihr mir glauben, Schalke jemals zu vergessen!

Dass er Schalke nie vergessen werde, trifft natürlich den Nerv vieler Schalker. Ich glaube dennoch, dass die Hauptursache für den unterschiedlichen Umgang vieler Schalker mit den scheidenden Spielern bei Manuel Neuer liegt: Er war der Erste, der aus der eigenen Jugend kommend bereits früh  Weltklasseleistungen gezeigt hatte. Anders als beispielsweise Mesut Özil hatte er sich zudem immer als „Junge aus der Kurve“, als Buerschenschafter, ja sogar als Ultra präsentiert und in Jahrbüchern markige Sprüche wie „Innerhalb von Deutschland ist ein Wechsel nicht denkbar. Manuel Neuer beim FC Bayern München – das passt nicht. Ich habe früher in der Kurve gestanden und nicht gerade nette Dinge über die anderen Vereine geschrien… Wie soll ich denn da das Trikot dieser Clubs tragen?“ rausgehauen. Und die Schalker glaubten ihm. Sie wollten ihm nur zu gerne glauben, auch wenn sie bei vernünftiger Betrachtung eine leise warnende Stimme gehört hätten, dass ein 16- oder 18jähriger sich nicht für sein ganzes Berufsleben festlegen kann. Zu schön war der Traum, mit einem waschechten Schalker Jungen im Tor Großes zu reißen, vielleicht sogar die langersehnte Meisterschaft zu holen.

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Manuel Neuers Wechsel zu den Bayern - ausgerechnet den Bayern, die Schalke 2001 eine nie richtig heilende Wunde beigebracht hatten – traf viele Fans bis ins Mark. Und in den Frust, in die Wut mischte sich ein unausgesprochener Schwur, sich nie wieder so vorbehaltlos auf einen Spieler einzulassen, egal, wie königsblau seine Wurzeln auch zu sein scheinen und wie viele Eckfahnen er ausreißt. Wenn selbst ein Neuer, der vermeintliche Ur-Schalker schlechthin, käuflich ist – wer sollte es dann nicht sein?

Die Trennung von der ersten großen Liebe tut besonders weh; bei weiteren Turbulenzen hat man zumindest schon einmal die Erfahrung gemacht, dass das Leben auch ohne den Angebeteten weitergeht. Er will nicht mehr? Ok, dann soll er wenigstens ein angemessenes Trostpflaster hinterlassen. Andere Mütter haben auch schöne Söhne und die Knappenschmiede hat noch weitere gute Spieler! In diesem Sinne hat Manuel Neuer ganze Generationen von Schalkern erwachsener werden lassen.

Das kann man reifer finden, vernünftiger. Realistischer und professioneller ist es in jedem Fall, aber ich finde es in erster Linie schade. Die ganz besondere Emotionalität gehört zu Schalke wie zu keinem anderen Verein. Ohne überschäumende Gefühle, schöne Illusionen und Träume ist die Schalker Welt ärmer! Schalker würden gerne glauben, dass die Spieler auf dem Rasen den Verein ebenso lieben wie sie selbst. Seit Neuers Sündenfall taucht jedoch bei allen Wappenküssen und Treueschwüren im Hinterkopf eine Schlange auf und zischelt: Wer weiß, wie lange noch…? Wenn ein passendes Angebot kommt, ist der auch weg… Es mag sein, dass man Spielern wie Benedikt Höwedes oder Ralf Fährmann mit dieser Sichtweise Unrecht tut, aber weniger investierte Emotionen erleichtern Abschiede kolossal.

Der Nachteil: Diese Emotionen fehlen auch im Positiven. Auch wenn wohl alle Schalker von sich behaupten würden, Fan des Vereins und nicht einzelner Spieler zu sein: Mit echten Identifikationsfiguren auf dem Platz ist es doppelt schön.

In diesem Sinne: Echte Fußballromantiker geben die Hoffnung nicht auf, dass die Knappenschmiede eines Tages einen jungen Schalker mit herausragenden Anlagen hervorbringt, der den Bayern und Scheichs dieser Welt den Finger zeigt und abwinkt. Und wenn dieser dann am Schalker Markt die Schale hochstemmt, werden selbst die Engel neidisch nach unten schielen!

Blau-weiße Grüße

Susanne Blondundblau

 

  DA 2Du stehst Samstagmorgens freiwillig im Dunklen aus Deinem warmen Bett auf.

Du fährst 600 km, obwohl der Wetterbericht Dir für den Zielort eine Regenwahrscheinlichkeit von 90 %, 5 Grad und Sturmböen voraussagt. Und Dein Zielort eine vollkommen ungeschützte Gästekurve, in diesem Fall die des Darmstädter Böllenfalltors, ist.

Du triffst im Ratskeller in Darmstadt etliche bekannte Gestalten, die bei einem leckeren Hellen vom Fass genau wie Du der Meinung sind „natürlich sind wir bekloppt, aber es macht Spaß“.  DA 7

Du amüsierst Dich blendend mit zahlreichen Fans der Lilien, während Ihr Euch in bestem Einvernehmen für den heutigen Nachmittag nur das Schlechteste wünscht. Die erstaunten Blicke der unbeteiligten Gäste über den friedlichen farbübergreifenden Schulterschluss und die reißerische Berichterstattung über immer mehr Exzesse beim Fußball lassen Dich schmunzeln.

Du marschierst mit Deinen geschätzten Mitbekloppten grinsend durch das Polizeispalier, Wald und Matsch (viel Matsch!) zum Gästeeingang. Statt Geschimpfe hörst Du immer wieder Satzfetzen wie “das ist Fußball!“, „herrliche Zeitreise“ und „yeah, Parkstadionwetter!“

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Du bist Dir mit Deinem Nebenmann vollkommen einig, dass eine leicht angebrannte Paprikawurst mit Pils jedes Sternemenü toppt.

Du tauchst in den Block ein und reihst Dich bereits eine Stunde vor Spielbeginn reflexartig in den Support für Deine Mannschaft ein. Egal bei welchem Spiel unsre Fahnen weh‘n, Schalke wird nie untergehn…

Du triffst jede Menge bekannte Gesichter, der Klatsch zur Vereinspolitik und die aktuelle Regenwahrscheinlichkeit werden heißer gehandelt als jeder Börsenkurs. Nur noch 30 %, wow!

Du stellst erleichtert fest, dass andere Vereine einen noch schlechteren Rasen haben als Deiner.

Du gröhlst bei Spielbeginn begeistert den Wechselgesang Scheiß S04  - Scheiß SVD mit. Auch Schalke … nur Du alleine… bist meine Liebe…, Gelsenkirchen ist’ ne schöne Stadt und wir lieben alle nur den FC Schalke, unsren Kumpel und Malocherclub kommen Dir bestens über die Lippen.

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Du bist einfach ein Teil des Blocks und es stört Dich kaum, dass Petrus Euch zeigt, wie die 30 % Regenwahrscheinlichkeit zu verstehen sind: 30 Liter für jeden ab Minute 30. So synchron, wie Du vorher mit den anderen geklatscht hast, zerrt Ihr Euch die Kapuzen über den Kopf und die Schals etwas höher. 3 Grad, Wind frontal im Gesicht. Weiter geht’s.

Du nickst anerkennend, als die gegnerische Kurve ein großes Transparent entrollt „Eure Strafen sind das Letzte. Es ist kein Derby ohne Gäste!“

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Du findest das Spiel scheiße. Du möchtest trotzdem nirgendwo anders auf diesem Planeten sein und das nicht erst, als Max Meyer die Feldüberlegenheit Deiner Mannschaft in einem allgemeinen Strafraumgestocher endlich zur Führung nutzt.

Du bildest in der Pause mit den Umstehenden eine spontane Schildkrötenformation gegen den fast waagerechten Regen und schaust trotzdem nur in begeisterte Gesichter. Endlich einmal ein strategisch wichtiges Führungstor kurz vor der Halbzeit für Deine, Eure, unsere Mannschaft, wen scheren da Wind und Regen?

Du hörst kurz nach Wiederanpfiff, wie hinter Dir eine bekannte Schalker Dame das zögerliche Einsteigen mit einem wütenden „hey, ich will dreckige Trikots sehen!“ kommentiert.

Du purzelst kurz darauf mit nassen, kalten, schreienden Unbekannten freudig übereinander, weil die Mannschaft diesen Rat beherzigt und Leroy Sané auf Vorarbeit von Max Meyer das beruhigende 2:0 besorgt. Hey, geht ja doch! … nur der harte Kern… hol ihn raus… steck ihn rein… für’n Verein…

Du freust Dich, dass Deine Mannschaft sich dieses Mal nicht zurücklehnt und klar das überlegene Team bleibt.

  DA 5Du merkst, dass es gegenüber auf der Haupttribüne einen tragischen Zwischenfall gegeben haben muss. Du erkennst, dass dort ein ganzer Haufen Sanitäter, Notärzte und Feuerwehrleute hektisch einen am Boden liegenden Menschen behandeln und reanimieren müssen.

Du weißt nicht, wer es ist, Du kennst ihn nicht, Du kannst nur vermuten, dass er zum harten Kern Deiner heutigen Gegner gehört.

Nichts könnte Dir egaler sein. Da liegt einer und kämpft um sein Leben. Das könnte einer von Euch sein. Das ist einer von uns. Uns Fans. „Getrennt in den Farben, vereint in der Sache“ ist eben nicht nur eine Floskel.

Du schweigst. ALLE schweigen.

Du klatschst erleichterst, als die Sanis das arme Schwein zumindest so weit stabilisiert haben, dass er mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden kann.

Du behältst wie alle anderen das Schicksal des Unbekannten dennoch im Kopf, als Deine Mannschaft vor der Kurve die verdienten und nach dem Chaos der Vorwoche eminent wichtigen drei Punkte feiert.

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Du hörst beim Rückmarsch durch den matschigen Wald ganz oft „hoffentlich schafft er’s“.

Du liest im Auto bereits die ersten Darmstädter Dankesbekundungen für die Schalker Solidarität, den Support einzustellen. Von Menschlichkeit und Mitgefühl ist die Rede.

Du denkst: Ist doch selbstverständlich. Ist es. Für jeden Fußballfan.

Und Du wünschst Dir, dass es mehr Fußballfans auf der Welt gibt. Mehr Menschen, die Solidarität trotz Rivalität nachvollziehen können und nicht lange nachdenken müssen. Die spontan das Richtige tun. Die sehr viel besser sind als Polizei und Medien oft glauben machen wollen.

Komm bald wieder auf die Beine, lieber Darmstädter.

Und alle anderen Fans: Passt gut auf Euch auf. Und bleibt wie Ihr seid!

Blau-weiße Grüße

Susanne Blondundblau

Alle Fotos hier

 

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