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Montag, 10 Dezember 2012 08:49

Im Block sind zu viele Konsumenten, die sich nicht einbringen - Interview mit Kollektiv 71 Teil II

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Dem aufmerksamen Beobachter der Offenbacher Fanszene ist sie bestimmt schon aufgefallen, die Zaunfahne des „Kollektiv '71". Doch wofür steht sie, was ist das Kollektiv? Eine Ultragruppierung? Diese Frage wird derzeit in der Offenbacher Fanszene (zumindest in den Internetforen) heiß diskutiert. Mir ist dabei aufgefallen, dass alle ÜBER die Gruppe reden, aber kaum einer mit ihr. Das wollte ich ändern und habe mich deswegen mit Sebastian und Kai vom Kollektiv '71 zum Interview getroffen.

Zweiter Teil des Interviews mit Kollektiv '71

Teil I

Im Nachgang des Darmstadt Spiels wurde (vor allem im Internet) heftig das Thema „Vorsänger" diskutiert, eine Diskussion, die es in Offenbach ja schon länger gibt. Was habt ihr zu dem Thema zu sagen?

Kai: Natürlich kann man nicht gutheißen, wie manche andere Fanszenen ihren Vorsänger einsetzen. Wenn wirklich nur noch eine Masse da ist, die nur noch das macht, was einer auf dem Zaun vorgibt. Bei uns ist das eher so, dass durch die Gegebenheiten im neuen Stadion mit der extrem schlechteren Akustik, wenn wir unten stehen die Koordination nicht mehr stimmt. Die oben im Block sind, übertrieben gesagt, eine Strophe weiter, als wir unten oder singen gar andere Lieder. Deswegen haben wir den Vorsänger als Mittel eingesetzt um unseren Bereich unten besser zu koordinieren und uns besser mit dem Stimmungskern oben abzustimmen. Wir wollen nicht, dass alle nur noch singen, was er singt. Er soll übernehmen, was der Block vorgibt.

Er hat also eher eine Funktion nur für eure Gruppe, nicht für den ganzen Block?

Sebastian: Genau. Er soll eigentlich nicht als Vorsänger im klassischen Sinne fungieren. Er stimmt selbst nicht viele Lieder, sondern soll die im Block angestimmten Anfeuerungsrufe und Lieder übernehmen.

Er soll also eher ein Multiplikator sein?

Sebastian: Richtig. Klar stimmt er auch mal ein „OFC!" oder „Kickers!" an, aber er soll auf keinen Fall eine dominante Vormachtstellung haben.

Kai: In Darmstadt kommt noch die Problematik des dortigen Gästeblocks hinzu, die jeder kennt, der mal da war. Es verläuft sich alles. Man kann ja nur hoffen, dass wir aufsteigen und die absteigen, denn da werden wir wohl niemals eine für uns annehmbare Stimmung erzeugen können. Daher war die Überlegung, dass man durch den Vorsänger vielleicht einen minimal größeren Kreis zusammenbekommt.

Sebastian: Wir wollen auf jeden Fall erhalten, dass jeder im Block etwas anstimmen kann. Der „Vorsänger" soll dann darauf eingehen. Wenn aus anderen Ecken des Blockes Lieder angestimmt werden, dann versucht er auch, das zu übernehmen.

Wie ist denn euer Verhältnis zu anderen Fanclubs und -organisationen?

Kai: Zur Gruppe Diversity haben wir guten Kontakt. Wir bereiten viele Choreos und Aktionen gemeinsam vor und stehen im Stadion zusammen.

Sebastian: Wir fahren zudem gelegentlich gemeinsam zu Auswärtsspielen. Der IGS stehen wir positiv gegenüber und haben auch da mitgearbeitet und wir respektieren das Engagement der Leute und das, was sie erreicht haben. Mit anderen Fanclubs und Gruppen tauschen wir uns aus und bemühen uns um ein respektvolles Verhältnis auf Augenhöhe. Wir stellen uns über keinen und wollen auch von anderen nicht als was Besseres oder Schlechteres gesehen werden.

Kai: Dass man nie in allem einer Meinung ist, ist klar, aber das kann man dann ja im persönlichen Gespräch ansprechen. Ein gewisser Respekt von allen Seiten sollte schon da sein. Von unserer Seite ist er das auf jeden Fall, hoffentlich kommt das auch so rüber.

Wie beurteilt ihr die momentane Situation in Offenbach im Hinblick auf die Stimmung und den Zuschauerzuspruch?

Kai: Was den Zuschauerzuspruch angeht, so muss man sehen, dass die 3. Liga in Offenbach nicht so sehr zieht. Dazu kommt bei dem einen oder anderen noch das neue Stadion. Denn einen Stadionboom, wie es ihn in anderen Städten gab, dass war mir eigentlich klar, dass es den in Offenbach so nicht geben wird. Es wäre natürlich schön, wenn mehr Zuschauer kommen würden. Aber man muss mit dem zufrieden sein, was da ist und versuchen, das Beste daraus zu machen und mit denen zusammenarbeiten, die ihr Herz den Kickers geben. Was die Stimmung angeht, war der Stadionneubau, wie bereits angesprochen, nicht förderlich. Die Akustik ist katastrophal. Man hört immer, auf der Haupttribüne würde die Stimmung von der Gegengeraden gut ankommen, auf den anderen Tribünen aber gar nicht.

Sebastian: Dazu kommt noch die Zusammensetzung des Block 2, der eigentlich ein Fanblock sein sollte, aber durch viele Leute besucht wird, die nur das Spiel schauen möchten. Das kommt der Stimmung nicht zu Gute.

Kai: Es sind leider viele zu reinen Konsumenten geworden, die sich nicht aktiv einbringen wollen.

Sebastian: Man kann mit der Stimmung zurzeit auf jeden Fall nicht zufrieden sein.

Wo seht ihr konkrete Ansätze, die Stimmung zu verbessern?

Kai: Ein Versuch ist ja der, ich nenn ihn jetzt mal so, „ominöse Vorsänger", um eine bessere Koordination in den Support zu bekommen. Ansonsten sind wir natürlich Vorschlägen gegenüber offen, wenn jemand das Patentrezept hat, soll er gerne zu uns kommen, da werden wir uns nicht verweigern. Das Problem ist, dass momentan die aktive Fanszene von Kickers Offenbach sehr überschaubar ist.

Sebastian: Man muss auch sagen, dass das Spielgeschehen einen großen Einfluss auf die Stimmung hat. Das wird sich nicht ändern und ist auch in Ordnung so, trotzdem könnte die Stimmung auch besser sein, wenn die Mannschaft nicht führt und es zum Beispiel 0:0 steht.

Kai: Das Problem sind ja nicht Spiele wie im Pokal gegen Union Berlin, wo wir in Führung liegen. Dann kann auf einmal der ganze Block 2 mitmachen. Es wäre für die Mannschaft vielleicht ein Stück weit hilfreich, wenn auch in kritischen Situationen, wo wir nicht führen, einige über ihren Schatten springen könnten und mal ihren Mund aufbekommen oder mitklatschen bzw. -singen.

Sebastian: Meiner Meinung nach haben wir im Block 2 auch zu viele Trommeln, die den Support „kaputt trommeln". Dadurch hört man auf den anderen Tribünen nur die Trommeln. Das wäre etwas, was man angehen könnte und beeinflussen kann. Denn eigentlich sollten die Trommeln nur den Takt vorgeben.

Oldschool-Anfeuerung oder Ultra-Singsang? Wie seht ihr das? Kann der Block bei einem schlechten Spiel auch mal 10 Minuten schweigen, oder muss 90 Minuten supportet werden?

Kai: Der Support sollte definitiv spielbezogen sein, so, wie es in Offenbach der Fall ist. Wenn die Mannschaft 0:3 hinten liegt, muss ich nicht fahnenschwenkend im Block stehen und 90 Minuten durchsingen.

Sebastian: Das ist auf keinen Fall unser Anliegen, 90 Minuten durch zu supporten. Aber auch wenn die Mannschaft schlecht spielt, sollte man versuchen, die Mannschaft durch Anfeuerung und Gesänge zu pushen und nicht erst auf das Signal der Mannschaft warten. Das ist das eine. Man sollte aber auch nicht jeden neuen Gesang gleich als totale Selbstfeierei abstempeln. Es gibt natürlich Lieder, die eher Feierlieder sind, die muss man nicht beim Stand von 0:0 singen. Wir haben aber auch nicht immer Einfluss darauf, was gerade angestimmt wird, da vieles vom Stimmungskern unter dem Dach vorgegeben wird. Unser Ziel ist es nicht, minutenlang Lieder durchzusingen, sondern dass sich möglichst viele daran beteiligen. Wir wollen einen Mix finden, dass auch neue Lieder hinzukommen und wir nicht in den 90ern hängen bleiben, aber wir wollen nicht den typischem deutschen Einheitsbrei.

Kai: Du hast eben die 10 Minuten Stille angesprochen. Unser Anspruch ist schon, solche Phasen zu überbrücken und akustisch einzuwirken. Und das nicht 90 Minuten oldschoolmäßig „OFC! OFC!" gerufen werden kann, das weiß wohl jeder.Es ist meiner Meinung nach auch spielbezogen, wenn ein Lied zwei Minuten gesungen wird und dann etwas leiser wird und wenn man dann merkt, es geht Richtung Strafraum dann wird es wieder lauter und es steigen mehr mit ein. Wir wollen versuchen, die Leerlaufphasen zu überbrücken, damit dann mehr Leute wieder einsteigen.

Sebastian: Eigentlich sollte es schon so sein, dass bei Torchancen ein Lied sofort unterbrochen wird und der ganze Block „OFC!" schreit und ausrastet. Danach kann das Lied weitergesungen werden. Es ist auf keinen Fall unser Ziel, die Lieder auch bei Torchancen einfach weiterzusingen. Und wenn ein Offenbacher Spieler vor der Waldemar-Klein-Tribüne gefoult wird, dann soll nicht gesungen werden, sondern sich über das Foul aufgeregt werden. So kann der Block minimal Einfluss auf das Spiel nehmen. Ich glaube, manche Entscheidungen sind schon getroffen worden, weil die Zuschauerreaktion so ausgefallen ist. Und dieses Einflusses sollte sich jeder bewusst sein. Ich kann mich noch erinnern, im letzten Zweitligajahr gegen Hoffenheim, als wir da das 1:1 gemacht haben und zum Schluss kurz vor dem 2:1 waren, wie da noch mal die ganze Waldemar-Klein-Tribüne ausgerastet ist und 8 – 9 Tausend ins „OFC!" eingestiegen sind. Solche Momente kann man nicht künstlich erzeugen, aber das sind die Momente, warum man ins Stadion geht.

Der „Deviants-Style" aus Münster ist also nicht euer Ding.

Sebastian: Absolut nicht. Unser Ziel ist es, möglichst viele Leute in die Gesänge einzubeziehen und nicht möglichst viele Textzeilen und möglichst kreative Lieder zu haben.

Kai: Die haben da bestimmt ein paar ganz ansprechende Lieder, aber das ist für mich kein Support, wenn nicht eine große Masse mitmachen kann.

Teil I Teil III

Oliver Gottwald

Jahrgang 1976, Oldschool-Supporter, kickersverrückt

Vereinsmitglied

Dauerkarteninhaber (Block 2)

stellv. Vorsitzender der Fanabteilung

Vorstandsmitglied des Offenbach Supporters Club (http://www.derosc.de)

 

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