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Montag, 10 Dezember 2012 08:31

Die Leute sollen nicht über uns sondern mit uns reden - Interview mit Kollektiv 71 Teil I

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db OFC-Hallescher FC 2012-13 0011Dem aufmerksamen Beobachter der Offenbacher Fanszene ist sie bestimmt schon aufgefallen, die Zaunfahne des „Kollektiv '71". Doch wofür steht sie, was ist das Kollektiv? Eine Ultragruppierung? Diese Frage wird derzeit in der Offenbacher Fanszene (zumindest in den Internetforen) heiß diskutiert. Mir ist dabei aufgefallen, dass alle ÜBER die Gruppe reden, aber kaum einer mit ihr. Das wollte ich ändern und habe mich deswegen mit Sebastian und Kai vom Kollektiv '71 zum Interview getroffen.

 

Hallo und erst mal vielen Dank, dass Ihr dieses Interview macht. Zunächst würde mich interessieren, seit wann es euch eigentlich gibt.

Sebastian: Öffentlich aufgetreten als Kollektiv '71 sind wir das erste Mal zum Pokalspiel gegen Fürth, da hing das erste Mal unsere Zaunfahne.

Was bedeutet der Name „Kollektiv '71"?

Kai: Was man ganz einfach erklären kann und worüber wahrscheinlich viele rätseln ist die Zahl. 71, das sind die beiden letzten Ziffern der Postleitzahl vom Bieberer Berg. Der Name Kollektiv steht für uns als Zusammenschluss von verschiedenen Charakteren mit den selben Interessen und Einstellungen.

Was ist euer Selbstverständnis, wie würdet ihr euch selber einordnen?

Kai: Wir sind, wenn man das so sagen kann, basisdemokratisch und jeder von uns hat seine Meinung, die in die Meinung der Gruppe miteinfließt, weil die meisten Dinge im großen Kreis besprochen werden.

Sebastian: In vielen Fragen gibt es innerhalb der Gruppe einen Grundkonsens. Die potentiell neuen Mitglieder erhalten von uns ein Infoblatt, auf dem unsere Standpunkte zu verschiedenen Themen niedergeschrieben sind. Das Hauptaugenmerk unserer Gruppe liegt natürlich auf der Unterstützung des Vereins und der Mannschaft. Akkustich wie auch durch den Einsatz optischer Stilmittel.

Einen Vorstand oder Sprecher habt ihr also nicht?

Kai: Wir haben Aufgaben in der Gruppe verteilt, entsprechend den Interessen und Fähigkeiten der Mitglieder. Einen Vorstand gibt es nicht.

Sebastian: Solche Sachen wie dieses Interview sind für diejenigen, die sich schon länger in der Fanszene engagieren. Wenn Dinge schnell entschieden werden müssen, dann gibt es einen Kreis von 3-4 Personen, die das machen, aber grundsätzlich wird in der Gruppe gemeinsam entschieden. Ohne Vorstand. Es herrscht das Konsensprinzip.

Wie viele Mitglieder habt ihr eigentlich und in welchem Alter sind diese?

Sebastian: Wir haben zurzeit 14 Mitglieder im Alter zwischen 17 und 25.

Seid ihr eine offene Gruppe? Nehmt ihr jeden auf, oder nur Leute, die ihr kennt oder die sich „bewährt" haben?

Kai: Grundsätzlich gilt, dass wir in der Gruppe nur aktive Leute haben wollen, die auch bereit sind, ein gewisses Maß an Zeit zu investieren.

Sebastian: Auf jeden Fall sollten sie regelmäßig zu Heim- und Auswärtsspielen fahren. Und darüber hinaus noch Zeit investieren wollen. Wir sind in dem Sinne eine geschlossene Gruppe, dass wir nicht einfach Leute aufnehmen, sondern wir müssen die Leute schon kennen und sie müssen sich mit der Gruppe und deren Einstellungen und Zielen identifizieren. Wir versuchen natürlich trotzdem auf die Leute in unserem Umfeld zuzugehen und sie an uns zu binden, ohne dass sie gleich Mitglied bei uns sind. Wir wollen ihnen den unserer Meinung nach richtigen Weg aufzeigen. Damit beispielsweise nicht nur stumpf und sinnlos gepöbelt wird, sondern die Mannschaft unterstützt wird.

Viele Ultragruppen in Deutschland positionieren sich auch politisch. Bei „Kollektiv" denkt man ja zunächst meist an eine politisch linke Gruppe, da der Begriff in der linken Szene weit verbreitet ist. Wie ist das bei euch? Politik im Stadion oder Fußball ist Fußball und Politik ist Politik?

Sebastian: Das ist sehr platt, wenn man sagt Fußball ist Fußball und Politik ist Politik. Politik gehört zum Fußball. Wir machen ja auch Fanpolitik oder Vereinspolitik, wo wir uns auch positionieren. Aber Partei- oder Gesellschaftspolitik lassen wir raus. Wir erwarten von unseren Mitgliedern allerdings ein gewisses Maß an gesundem Menschenverstand und einen respektvollen Umgang untereinander und anderen OFC-Fans gegenüber.

Könntet ihr euch vorstellen, gesellschaftliche Themen mit ins Stadion zu bringen, wie dies beispielsweise die Szenen in St. Pauli und Babelsberg tun?

Kai: Nicht, wenn es keinen engen Fußballbezug gibt, wie zum Beispiel bei der Sicherheitsdebatte.

Wie steht ihr zu Ultras und vor allem zu Ultras in Offenbach?

Kai: Für mich ist erstmal die Was ist ultra? Den Begriff kann man nicht so einfach definieren. Wir gehören nicht zu der Generation, die „ultra" hören und gleich wegrennen. Wir sagen: Es gibt Elemente aus der Ultrabewegung, die wir gut finden, aber genauso gut gibt es Sachen, die man als „Klischee-Ultra" bezeichnen kann, die wir definitiv nicht wollen und nicht mit tragen.

Sebastian: Es gibt viele verschiedene Facetten die Ultra ausmachen und die ich befürworte. Wer Ultras nur mit Selbstdarstellung und Selbstfeierei gleichsetzt, hat sich noch nie ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt. Generell sehe ich keine Gründe, die gegen Ultras in Offenbach sprechen, sofern ein gewisser Charakter, wie ein spielbezogener Support, bestehen bleibt.

Würdet ihr euch selber als Ultras bezeichnen, wenn ihn nicht in Offenbach wärt, wo die Mehrheit der Fanszene Ultras ablehnend gegenübersteht?

Kai: Unabhängig davon, ob Ultra kritisch behaftet ist, würde ich diese Verallgemeinerung nicht mittragen wollen. Wenn man sagt, ultra ist: man fährt auswärts und man möchte die Mannschaft akustisch und optisch unterstützen, man möchte Choreografien machen, man ist mit den Leuten aus der Gruppe eng befreundet, dann würde ich mich als Ultra bezeichnen.

Sebastian: Wenn es um den Ursprungsgedanken geht, dann würde ich schon sagen: ja. Ultra ist mehr als nur die 90 Minuten im Stadion. Es geht um Zusammenhalt, um das gemeinsame Erleben und vieles mehr. Aber es gibt bei uns in der Gruppe genauso gut Leute, die auf die Frage mit nein antworten würden. Ablehnend steht der Ultrakultur jedoch niemand gegenüber. Es gibt da aber keinen 100%igen Konsens, dass wir sagen würden: Wir sind eine Ultragruppe.

Wie steht ihr zum Thema Gewalt?

Kai: Wenn es darum geht, dass wir uns selbst oder unser Material vor anderen schützen müssen, dann würden wir das tun. Aber wir sind definitiv nicht auf der Suche nach Gewalt und lauern an jedem Spieltag gegnerischen Fans und Gruppen auf.

Neben Gewalt ist Pyrotechnik in den letzten Monaten ein ständiges Thema, gerade in den Medien. Wie steht ihr dazu?

Sebastian: Pyrotechnik ist meiner Meinung nach ein sehr komplexes Thema. Generell stehen wir als Gruppe da nicht ablehnend gegenüber.

Kai: Das „Feeling Bieberer Berg" ist mit durch Pyro entstanden und mir kann niemand sagen, wenn er sich zum Beispiel die Bilder im Fanmuseum ansieht, dass das Scheiße aussieht. Was mich eher nervt sind so Sachen wie in Darmstadt vor einigen Wochen, so soll es nicht ablaufen, wenn Pyrotechnik im Einsatz ist. Das Werfen von Pyrotechnik ist ein No Go! Wenn muss der Einsatz von Pyrotechnik koordinierter sein.

Sebastian: Böller und geworfene Pyroartikel befürworten wir definitiv nicht. So wie es in Darmstadt war ist es für mich auch keine ansprechende Pyroshow, wie wir uns es eigentlich vorstellen. Aber es ist definitiv möglich Pyrotechnik sicher abzubrennen, was auch das vom DFB in Auftrag gegebene Rechtsgutachten belegt. Aufgrund der finanziellen Situation unseres Vereins halten wir uns aber mit Pyrotechnik im Stadion zurück.

Wie steht ihr zur momentanen Medienberichterstattung, die sehr vorurteilsbehaftet ist und bei der Gewalt das zentrale Thema ist?

Kai: Das es sich dabei um eine mediale Hysterie handelt, kann man nicht wegreden. Es gibt da ja den schönen Vergleich, in einem Jahr erster und zweiter Bundesliga werden weniger Leute verletzt, als auf einem Oktoberfestwochenende.

Sebastian: Und dann wird in den Medien auch noch Pyro mit Gewalt gleichgesetzt.

Kai: Das muss man unserer Meinung nach genau differenzieren. Pyrotechnik ist kein Ausdruck von Gewalt und von Randale, auch wenn man z.B. immer wieder darauf hinweist, dass dabei Sturmhauben getragen werden. Denn das ist ja die zwangsläufige Folge, weil Pyrotechnik verboten ist. Das hat aber nichts mit Gewalt zu tun. Die Leute würden lieber ohne Sturmmaske mit dem Bengalo in der Hand dastehen, als mit. Wenn man hier differenzierter draufschauen würde und dann die Verletztenstatisik bereinigen würde um die Personen, die durch Polizeieinsätze und Pfefferspray verletzt werden, dann sieht die Sache ganz anders aus. Wir sehen kein exponiertes Gewaltproblem im Fußball. Gewalt ist in der Gesellschaft allgegenwärtig. Das beim Fußball mal Leute über die Stränge schlagen darf man nicht gutheißen, aber man wird die Gewalt genauso wenig aus dem Fußball bekommen, wie aus dem Rest der Gesellschaft.

Wie ist in dem Zusammenhang eure Position zum DFL-Papier „Sicheres Stadionerlebnis"?

Sebastian: Zu dem Thema gab es in Offenbach ein treffen der Fanszene, bei dem wir mit den anderen Beteiligten ein Positionspapier erarbeitet haben, hinter dem wir voll stehen. Auch die zwei Nachbesserungsversuche der DFL haben die Grundausrichtung des Konzepts nicht geändert. Daher beteiligten wir uns beim Halle-Spiel auch an der bundesweiten Initiative „12:12 Ohne Stimme-keine Stimmung".

Teil II - Teil III

Oliver Gottwald

Jahrgang 1976, Oldschool-Supporter, kickersverrückt

Vereinsmitglied

Dauerkarteninhaber (Block 2)

stellv. Vorsitzender der Fanabteilung

Vorstandsmitglied des Offenbach Supporters Club (http://www.derosc.de)

 

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