Mi26Apr2017

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Über die Vorfälle beim rheinischen Derby und dessen Folgen für die Kölner Fanszene habe ich bereits einen Artikel bei FANKULTUR.COM geschrieben. Da stand die DFB-Strafe aber noch nicht fest, somit bezog ich mich in dem Artikel allein auf die Maßnahmen des 1. FC Köln.

In besagtem Artikel zitierte ich allerdings bereits Werner Spinner, der am Tag des Derbys sagte, die Maxime des DFB, immer höhere Strafen auszusprechen, sei keine Lösung des Problems, da sich die Spirale immer weiter drehe.

Etwa einen Monat später jedoch sagte Spinner: „Den Unmut über die Strafen des DFB kann ich nicht mehr hören. Es gibt klare Regeln, die eingehalten werden müssen." Das ist nur ein weiterer Beleg dafür, wie schnell der werte Herr Präsident seine Meinung ändern kann, frei nach dem Motto: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“

Beim Spiel gegen Frankfurt wurde Spinner mit verschiedenen Spruchbändern erneut an seine Ankündigung erinnert, keine Kollektivstrafen aussprechen zu wollen. Leider behaupten Vereinsvertreter wie der FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle immer noch, dass es sich bei den gegen tatsächliche und vermeintliche Mitglieder der Boyz ausgesprochenen Stadionverboten um keine Kollektivstrafe handle.

Die Navajos präsentierten dazu die Definition des Begriffs „Kollektivstrafe“ laut Duden: „Kollektivstrafe, die: Strafe, die allen zu einer bestimmten Gruppe gehörenden Personen auferlegt wird“.

Selbstverständlich ist eine Strafe, die gegen alle Mitglieder einer Gruppierung gerichtet ist, eine Kollektivstrafe – das abzustreiten, ist nicht gerade ein Zeichen von Souveränität. Doch zumindest, so behauptet es der FC in seiner neuesten Stellungnahme, hat die Reaktion des Vereins dazu geführt, dass der DFB von einem Geisterspiel absah.

Die Blöcke S3 und S4, der Stimmungskern der Südkurve, werden für die Spiele gegen Hoffenheim, Leverkusen und Schalke gesperrt. Außerdem wurde gegen den FC eine Geldstrafe in Höhe von 200.000 € ausgesprochen. Zudem sollen bei den restlichen vier Auswärtsspielen der Saison (Freiburg, Berlin, Augsburg, Mainz) nur noch personalisierte Tickets verkauft und zusätzlich 50 Ordner eingesetzt werden, um ein Verbot großer Fahnen durchzusetzen.

Selbst Wolfgang Bosbach (CDU), der Mitglied der AG Fankultur ist, bezeichnete das Strafmaß als „außergewöhnlich hart und nicht verhältnismäßig“. Fanforscher Jonas Gabler sagte, das Urteil zeuge von Aktionismus und Symbolpolitik. Michael Mertens von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) hingegen ist der Meinung, das Urteil sei der richtige Weg, "den wahren Fans klar zu machen, dass Gewalttäter im Stadion nichts zu suchen hätten. Wie man das diesen „wahren Fans“ klar machen will, wenn man diese gleich mit aus dem Stadion verbannt, erschließt sich mir nicht, allerdings ist zu befürchten, dass diejenigen, die sich womöglich auch selbst als solche bezeichnen mögen, durchaus die vom DFB erhoffte Reaktion zeigen.

Das Ziel, das der DFB mit dieser Strafe verfolgt, ist klar: Indem man kollektiv die Fans in den Blöcken S3 und S4 bestraft, soll eine Entsolidarisierung der anderen Fans erreicht werden. Die Ultras trifft man mit dieser Strafe nicht, wie schon die Vergangenheit gezeigt hat: Beim Auswärtsspiel in Hoffenheim 2010 waren keine FC-Fans zugelassen, doch die aktive Fanszene fand trotzdem ihren Weg dorthin. Genauso war es auch, als beim ersten Heimspiel der Saison 2012/2013, als Strafe für den Platzsturm am letzten Spieltag der Vorsaison gegen die Bayern, die gesamte Südkurve gesperrt wurde.

Zugegeben, diesmal ist es fraglich, ob man sich die Mühe überhaupt macht, denn die Boyz haben ohnehin Stadionverbot und die Wilde Horde geht seitdem auch nicht mehr als Gruppe ins Stadion. Die einzige der Ultra-Gruppen, die derzeit überhaupt noch ins Stadion geht, sind die Coloniacs. Bestraft werden aber 2.800 FC-Fans, von denen die meisten gar nichts mit der Ultra-Szene oder gar den Vorfällen in Gladbach zu tun haben.

Dass die Betroffenen dieser Kollektivstrafe sich darüber aufregen, bei 3 Spielen nicht mehr ins Stadion gehen zu können, ist durchaus nachvollziehbar. Doch ihre Wut richtet sich nicht gegen den DFB, der diese Strafe ausgesprochen hat, sondern gegen die Ultras.

Vielleicht sollte man diesen Fans mal das Prinzip kritischer Solidarität erklären: Man muss nicht alles gut finden, was die Ultras machen, doch man muss immer bedenken, dass Strafen, die sich heute gegen einzelne Gruppen oder Fanblöcke richten, beim nächsten Mal auch die gesamte Südkurve oder das gesamte Stadion betreffen könnten.

Diesmal geht es um einen Platzsturm von 30 Fans, doch der DFB hat vergleichbare Strafen gegen ganze Fanblöcke auch schon wegen der Taten von Einzelnen ausgesprochen. So z.B. in Cottbus: Dort hatte ein Fan den Schiedsrichter mit einer Münze beworfen. Daraufhin wurden 3 Fanblöcke gesperrt, den betroffenen Dauerkartenbesitzern sollte lediglich das Geld erstattet werden.

Einer von ihnen wollte sich damit nicht abfinden und ging vor das Amtsgericht Cottbus. Das Gericht entschied, dass es nicht zulässig sei, Inhaber von Dauerkarten für einzelne Blöcke aus dem Stadion auszuschließen. Somit wurden alle ca. 1.000 betroffenen Cottbusser Fans mit Freikarten entschädigt.

Dieses Beispiel zeigt, dass es sich lohnen kann, Entscheidungen der DFB-Sportgerichtsbarkeit vor ordentlichen Gerichten anzufechten. Doch auf der Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln entschieden sich 68% der anwesenden Vereinsmitglieder dagegen, auch nur eine Aussprache zu dem Thema abzuhalten.

Sicher, eine solche Aussprache hätte die jetzigen Strafen nicht verhindert. Solange aber die Mehrheit der Fans nicht einmal bereit ist, über die Rechtmäßigkeit von Verbandsstrafen zu diskutieren, wird der DFB weiterhin solch überzogene Strafen aussprechen. Am vermeintlichen Gewaltproblem ändert das nichts.

Repression sorgt nicht für einen Selbstreinigungsprozess der Kurve, sondern für eine Radikalisierung der Ultras, die sich doppelt ungerecht behandelt fühlen: Auf der einen Seite vom DFB, von dem man es nicht anders gewohnt ist. Doch auch der FC hat sich durch seine Maßnahmen gegen die eigene Fanszene dort unbeliebt gemacht. Das ist vom DFB auch genau so gewollt und hat laut dem Sportgerichts-Vorsitzenden Hans E. Lorenz dazu geführt, dass ein Geisterspiel abgewendet werden konnte.

Doch zu welchem Preis? Die AG Fankultur ist gescheitert. Dass sie gescheitert ist, will der Verein auch nicht zugeben. Dabei ist das bisher relativ gute Verhältnis zwischen Verein, Ultras und Normalos stark beschädigt worden. Das Ziel, den Verein zu vereinen, welches sich Werner Spinner bei seinem Antritt als Präsident gesetzt hat, ist damit ebenfalls in weite Ferne gerückt.

Mittwoch, 25 Februar 2015 17:22

Nachlese zur "Derby-Schande"

geschrieben von

fc koeln graffiti

Eines vorweg: Die Vorkommnisse beim Derby waren in vielerlei Hinsicht enttäuschend. Der FC hat mal wieder ein Spiel in der Schlussminute verloren gegeben, und das auch noch gegen Gladbach. Bei den Pyroshows zu Spielbeginn und zu Beginn der zweiten Halbzeit wurden auch Böller geworfen und Bengalos als Wurfgeschosse genutzt.
Dies verstößt nicht nur gegen die Stadionordnung, es entspricht auch nicht dem Selbstverständnis der Kampagne „Pyrotechnik legalisieren Köln“, die für ein kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik wirbt – und der Platzsturm nach Spielende hat endgültig dafür gesorgt, dass nach dem Spiel von der „Derby-Schande“ geschrieben wird, und damit ist nicht etwa die bittere Niederlage gemeint, sondern das Verhalten der Kölner Fans.

"Ich jedenfalls liebe Fans, wenn sie Choreografien machen oder Gesänge anstimmen. Bloß zerstören ein paar wenige Chaoten diese schöne Stimmung oft." So lässt sich z.B. Jan F. Orth zitieren, seines Zeichens Beisitzer im DFB-Bundesgericht. Er vergisst dabei wie so viele, dass die Fans, die Choreografien machen und Gesänge anstimmen, meist genau die „Chaoten“ sind, die z.B. auch Pyrotechnik zünden. Orth schlägt vor, das Strafgesetzbuch um den Paragraphen § 123a zu erweitern, wonach schon der Versuch, Eingangskontrollen zu umgehen, Absperrungen zu überklettern oder den Innenraum zu betreten, strafbar sein soll. In diesen Tagen äußern sich vor allem die üblichen Verdächtigen wie der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG), Rainer Wendt, der die Polizei-Aufgaben auf die Stadion-Innenräume erweitern will, oder der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große-Lefert, der so weit geht, ein Gästefanverbot bei Derbys zu fordern. 

Der FC befürchtet derweil harte Sanktionen seitens des DFB. So sagte Manager Jörg Schmadtke: „Wir gehen von einer vehementen und heftigen Strafe aus. Die Vorfälle im Derby können für den 1. FC Köln existenzbedrohend sein.“
Angeblich soll sogar ein Geisterspiel oder ein Punktabzug möglich sein. Womöglich erhofft sich der Verein, durch seine Reaktion auf die Vorfälle, den DFB milde zu stimmen. Allerdings kann man den Verantwortlichen durchaus Aktionismus vorwerfen: Auf der FC-Homepage sind z.B. unzensierte Bilder vom Fanblock veröffentlicht worden, auf denen auch unbeteiligte Fans zu sehen waren.
In der Stellungnahme des Fan-Projekts heißt es: "Wir hoffen, dass die Verbände (...) anerkennen, dass die Uhren in Köln nicht auf Mai 2012 zurückgestellt wurden. Der 1. FC Köln ist in den zurückliegenden Monaten als vorbildlich in seiner Fanarbeit wahrgenommen worden."
Dazu muss man nur einen Blick zurück auf Mai 2012 werfen: Der größten Kölner Ultra-Gruppe, der Wilden Horde, war damals, ähnlich wie heute den Boyz, der Fanclub-Status entzogen worden. Trotzdem kam es am letzten Spieltag zu einem Platzsturm, als der fünfte Abstieg in der Vereinsgeschichte feststand.
Der FC hält jedoch weiterhin daran fest, Gruppen, die unangenehm auffallen, den Fanclub-Status zu entziehen, obwohl das schon damals nichts gebracht hat. Die vorbildliche Fanarbeit, die das Fan-Projekt in seiner Stellungnahme erwähnt, begann nämlich erst nach dem Abstieg und deren Erfolg bestand nicht darin, möglichst hart gegen einzelne Gruppen durchzugreifen, sondern den Dialog mit den Fans zu suchen.

Das hat dazu geführt, dass die letzten zweieinhalb Jahre im Großen und Ganzen ziemlich ruhig waren, und nun macht der FC wegen eines einzigen Vorkommnisses die Kehrtwende: Den Boyz ist nämlich nicht nur der Fanclub-Status entzogen worden, sie sind auch aus der AG Fankultur rausgeworfen und somit vom Dialog mit dem Verein ausgeschlossen worden.
Doch als ob das nicht genug wäre, sprach der FC auch unbefristete lokale Stadionverbote gegen die Boyz und deren Umfeld aus, unabhängig davon, ob die Betroffenen sich am Platzsturm beteiligt haben oder überhaupt beim Derby anwesend waren.
Sicher, die Boyz sind nicht zum ersten Mal negativ aufgefallen. Jedoch macht es sich der FC zu einfach, wenn er glaubt, eine Gruppe ausschließen zu können, ohne den Dialog mit den anderen Gruppen zu belasten. Schließlich könnten diese Maßnahmen jederzeit auch gegen andere Gruppen angewendet werden.

„Der DFB hat die Maxime: Strafen. Und wenn noch mal was passiert: Höhere Strafen. Das heißt, die Spirale geht immer weiter. Das ist keine Lösung des Problems.“ Diese Worte stammen nicht von irgendeinem Fanvertreter, sondern von FC-Präsident Werner Spinner.
Dass Vereinsvertreter angesichts der Vorfälle in Gladbach enttäuscht und verärgert sind, kann ich durchaus nachvollziehen. Aber vor dem Spiel eine solche Aussage zu tätigen und nach dem Spiel Stadionverbote gegen eine ganze Gruppe und deren Umfeld auszusprechen, das passt nicht zusammen. Erst recht, wenn man ältere Aussagen Spinners beim Wort nimmt, wie das auch bereits Teile der Südkurve getan haben, als sie mit Spruchbändern beim Spiel gegen Hannover daran erinnerten.
“Wir sind gegen Kollektivstrafen von Fanclubs und Ganzkörperkontrollen in Containern” Werner Spinner

Auch die Desperados aus Dortmund solidarisierten sich mit den Boyz, indem sie ein Banner mit der Aufschrift „Je suis Boyz Köln“ beim Spiel in Stuttgart präsentierten. Stilvoll ist das nicht. Dass BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke aber gleich mit Stadionverbot droht, zeugt nicht gerade von Demokratieverständnis. Man muss auch unbequeme Meinungen ertragen, auch wenn diese in einer Art und Weise geäußert werden, die man zurecht als geschmacklos bezeichnen kann.

Schade ist auch, dass die Boyz nicht zu einer selbstkritischen Stellungnahme bereit waren. So bleiben die Fronten verhärtet: Auf der einen Seite die Hardliner, die härtere Strafen und Gesetze fordern, auf der anderen Seite Hardcore-Fans, die sich in die Opferrolle reindrängen lassen.