Mo27Mar2017

Back Aktuelle Seite: Blog argifutbol
Montag, 14 Oktober 2013 14:11

Ein Lausbub bei den Bierbrauern von Quilmes

geschrieben von

Die ersten Stadionbesuche im Leben eines Fußballfan macht man traditionell mit einem Familienmitglied. Sei es der Opa, der Onkel, der große Bruder, jedoch meistens ist es der Vater. In unserem heutigen Gastbeitrag erzählt uns Boca-Fan und Kolumnist Christoph Wesemann von seinem Stadionbesuch in Quilmes gegen Tabellenführer Newell´s Old Boys und wie er dabei seinen eigenen Sohn an die Heimmannschaft verlor.

floh
Illustration: Daniel Schlierenzauer

Seit mein Sohn bei den Cerveceros gewesen ist, hat er Läuse. Wegen der angedeuteten Kausalität zwischen der Cancha von Quilmes und dem Kopfkratzen des siebenjährigen Kolumnistenkindes könnten mich die Bierbrauer aus der kleinen Stadt im Speckgürtel von Buenos Aires locker verklagen. Ich habe nämlich keine Beweise, ich kann nur sagen: am Abend Estadio Centenario, am Morgen Pediculus humanus capitis.

Was muss sich mein Sohn auch immer ins Getümmel stürzen?

Ich bin eher der Typ „Haupttribüne mit Schoßwolldecke“, eigentlich gehöre ich, was meine Selbstwahrnehmung betrifft, sogar in die VIP-Loge zu den ergrauten Stars und den falschen blonden Hasen. Und so passt zu mir auch nur ein argentinischer Fußballverein, der größte, wichtigste, bekannteste von allen, la mitad mas uno: Club Atlético Boca Juniors. Leider geht es mit Boca bergab, seit ich Fan bin, da gibt es nicht zu diskutieren.

Nun habe ich als Vater auch einen Bildungsauftrag. Mein Sohn soll, so sehe ich das, den argentinischen Fußball, der in diesem Land ja weitgehend das Leben bestimmt, vollständig begreifen. Als wir noch in Berlin lebten, hat er sich nicht sonderlich für Fußball interessiert, was vielleicht an seinem Alter lag, vielleicht aber auch an Hertha BSC. Jetzt will er am liebsten jedes Wochenende in ein anderes Stadion, wir waren schon bei Vélez Sársfield, bei River und natürlich in der Bombonera. Wir haben vor, bis zu Platense abzusteigen, also dritte Liga.

So sind wir zum Quilmes Atlético Club gekommen. Die Mannschaft aus der Bierbrauerstadt spielt für den Porteño, den Bürger von Buenos Aires, gefühlte zweite Liga. Man soll sich also für die Reise rechtfertigen, was man natürlich unterlässt. „Gott ist überall, aber seine Sprechzeiten hat er in Buenos Aires“, sagt der Porteño nämlich gern. Wer so denkt, ist ohnehin nicht davon abzubringen, dass das Niemandsland – auch das des Fußballs – an der Stadtgrenze beginnt.

Wir erreichten das Estadio Centenario und kauften trotz schönstem Fritz-Walter-Wetter keine Tribünenkarten. Mein Sohn will immer stehen, auch wenn’s regnet, und all das, was mir schon Angst macht – unvollständige Zahnreihen, Tätowierungen, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Rauch und Böller, Frauen mit Kurven in Kurven –, zieht ihn noch an.

 

QAC-Nuls_CW1
14. Spieltag in Argentinien: QAC - NOB. Beide Fanlager sind für ihren erstklassigen Support bekannt.
Die Fans aus Rosario, la hinchada mas popular, träumen vom 6. Meistertitel, während die Cerveceros aus Quilmes nicht absteigen wollen.
 

Uns gegenüber standen 4.500 Fans von Newell’s Old Boys aus Rosario. Der Block hatte sich schon formiert, da war keine Lücke mehr. Man stimmte übereifrig den Chor. Tja, Tabellenführer. Streber! Wir waren noch nicht so weit. Bei uns wurden blaue und weiße Luftballons für Kleinkinder aufgeblasen, die noch das Laufen lernen, Brüste wurden zum Stillen ausgepackt und – so weit ich das beobachten konnte – auch gut angenommen. Das ging zu wie vorm Ikea-Småland in Berlin-Spandau! Aber nicht umsonst gilt Quilmes als Familienklub.

Immerhin: Weiter oben, im Unterstand des Oberrangs, wurde Gras zerpflückt und ausgerollt. Es ist doch immer wieder erstaunlich, im Stadion zu sehen, was die Kontrollen der argentinischen Polizei am Eingang überstanden hat (Drogen aller Art) und was eben nicht (Fanta Orange).

Mein Sohn hatte sich inzwischen eine Fahne gegriffen und schwenkte sie bereits, und zwar direkt neben den Trommlern und Trompetenspielern. Grundregel für Anfänger: Wo die Musik ist, ist auch der innere Kreis. Und bevor man sich bei der Barra Brava einreiht und eine Fahne ausleiht, sollte man mindestens schon einmal vorgesungen haben.

„Was hab ich gesagt?“

„Nichts anfassen.“

„Genau. Bosteros verhalten sich im fremden Revier unauffällig.“

„Aber, Papa, da liegen ganz viele Fahnen rum.“

„Aber die gehören uns nicht.“

„Dann frag doch mal.“

„Nein.“

„Dann frag ich.“

„Nein!“

Als das Spiel angepfiffen wurde, hing er schon affenartig am Zaun hinterm Tor, schaute auf den Rasen, dann wieder zur Hinchada der Cerveceros und verpasste so, wie Stürmer Ignacio Scocco, wer auch sonst, das 1:0 für die Rosarinos erzielte. Aber noch vor dem Halbzeitpfiff hatte er jeden Spieler der Newell’s Old Boys mindestens einmal als „puto“ („Stricher“) beschimpft. Ich bin einer dieser Väter, die so etwas stolz macht.

QAC-Nuls_CW2
Hier sind die Cerveceros zuhause: Der Stehplatzblock "Omar Indio Gomez"

 

Ich finde, der Mensch braucht einen Ort, wo er fluchen darf. Bei uns ist dieser Ort: das Stadion. Und das Auto. Mein Arbeitszimmer. Sein Spielzimmer. Und wenn unsere drei Frauen gerade nicht da sind: die Wohnung. Wahrscheinlich hätte ich neulich einschreiten sollen, als er seiner eineinhalbjährigen Schwester den Fluch „La concha de tu hermana“, zwölfmal am Stück ins Deutsche übersetzt hat. Aber zum einen muss man bei drei Kindern mit seiner Autorität haushalten. Zum anderen sollen sie ja lernen, Dinge allein zu regeln. Die Kleine hätte doch nur aufhören müssen zu lachen.

Irgendwann in der zweiten Halbzeit beschloss mein Sohn, künftig Quilmesfan zu sein, und als er es mir unschonend beibrachte, stand es noch 1:0 für Ñuls. In dem Film „Los Cerveceros de Quilmes“ sagt der Anführer der Barra Brava: „Und wenn du gegen Boca oder River gewinnst, weißt du was? Dann bist du nicht Quilmes, sondern Barcelona!“ Und dabei glänzen seine Augen wie von innen befeuchtet.

Fünf Minuten vor Schluss glich Quilmes aus, und mein Sohn, der neue Hinchita, hampelte, als wäre der Zaun hinterm Tor plötzlich unter Strom gesetzt worden.

 

QAC-Nuls_CW3
Bis zum nächsten Mal im Centenario

 

Es kann übrigens sein, dass er seine Läuse gar nicht aus Quilmes mitgebracht hat, sondern sie schon länger mit sich herumträgt. Er will sie jetzt noch ein Weilchen auf dem Kopf behalten, um sie dann am 16. Spieltag nach Avellaneda ins Estadio Libertadores de América zu bringen und dort frei zu lassen. Independiente ist schließlich Quilmes härtester Konkurrent im Kampf um den Klassenerhalt.

„Aber, das wären noch 14 Tage, mein Liebling. Und bei mir fängt’s auch schon an zu jucken.“

„Dann müssen wir jetzt am Wochenende zum Auswärtsspiel der Stricher.“

„Zu Belgrano de Córdoba? Weißt du überhaupt, wo das liegt?“

„In Argentinien.“

„700 Kilometer weit weg von Buenos Aires.“

„Ist das viel, Papa?“

„Mein Junge, das überlebt keine Laus.“

 

 

Carlos Gardel

Christoph Wesemann lebt seit Juli 2012 mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Buenos Aires und berichtet regelmäßig im Argentinisches Tagebuch über das kunterbunte Leben in der Metropole am Rio de la Plata.

Aus der Sicht von CA Independiente ist der gestrige 2:0 Sieg im Clásico de Avellaneda gegen den Erzrivalen Racing Club eigentlich in zwei Worten greifbar: Partido perfecto - perfektes Spiel. Intensiver sind allerdings Eindrücke, von jemandem der live dabei war. Ein ausführlicher Erlebnisbericht von dem in Buenos Aires lebenden argifutbol-Autor Viktor Coco.

Eine meine Mitbewohnerinnen, Wakio, stammt aus Guyana, ist in Kenia aufgewachsen und hat in Washington DC Internationales Recht studiert. No entiendo - ("Ich verstehe es nicht") raunte sie mir gestern Abend frei von jeglichen Ressentiments immer wieder zu. Klar, schwer zu verstehen, wenn ein erwachsener Mensch den ganzen Abend total heiser singend durch die Bude hüpft. Aber vielleicht doch nicht so schwer, für jemanden, der Fußball fühlt. Aber wie kam es dazu?

Im Nordwesten der Hauptstadt Buenos Aires kam es am Wochenende beim Ligaspiel von San Miguel gegen Excursionistas zu schwerer Randale. Nachdem die Gäste den Führungstreffer erzielten, stürmte San Miguels Barra Brava den Gästeblock, wo sich Familienangehörige, Klubverantwortliche und nicht nominierte Spieler aufhielten. Die Akteure auf dem Rasen mussten mitansehen, wie der Schlägertrupp ihre Angehörigen massiv attackierte. Dabei wurde der vor kurzem am Knöchel operierte Spieler, Gerardo Castro (23), seiner Krücken beraubt und mit selbigen verprügelt. Schwer zugerichtet musste Castro ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden. Als der Schiedsrichter aufgrund der chaotischen Lage das Spiel nach 35 Spielminuten abbrach, wurden Spieler beider Mannschaften beim anschließenden Platzsturm des 50-60 Mann starken Mobs bis auf die Unterhosen entkleidet und teilweise verletzt. Die Gästekabine wurde komplett leergeräumt: Brieftaschen, Dokumente, Handys, Kleider - alles weg.

Dienstag, 06 November 2012 12:31

Im Kampf gegen das Schienbein: El "Tano" Nasuti

geschrieben von

barcelona-vs-emelecEs gibt Tage, an denen will es einfach nicht laufen. Blöd nur, wenn der Moment ungünstig ist, beispielsweise beim Derby gegen seinen größten Rivalen. Oder bei einem entscheidenden Meisterschaftsspiel. Und wenn beides zusammenfällt, hat man ein Spiel für die Geschichtsbücher gesehen. Am vergangenen Sonntag geschehen beim Clásico del Astillero - Ecuadors größtes Derby.

532 Tage lang mussten die Fans auf diesen Moment warten. Das Spiel der Spiele, nicht Clásico, nein Superclásico. Wir schreiben die 189. Auflage und die Hauptstadt befindet sich endlich wieder im absoluten Ausnahmezustand. Straßenkarawanen, Fahnenmeere, Schlachtgesänge vom Hafenviertel Boca bis in das feinere Viertel Nuñez im Norden der Stadt. Das Monumental, Spielstätte von Rekordmeister River Plate, ist fast komplett in den Farben Rot und Weiß gehüllt, explodiert beim Einlauf der Mannschaften förmlich. Man of the match: die Fans von River Plate, die kurz vor Schluss ganz hart auf den Boden der Tatsachen aufschlugen.

Montag, 22 Oktober 2012 12:08

Zwei Hühner sorgen für verspäteten Anpfiff

geschrieben von

Beim gestrigen Ligaspiel des Quilmes Atlético Club gegen River Plate erlaubten sich die heimischen Fans des Cervecero einen bizarren Streich. Noch bevor die Partie angepfiffen wurde, flogen zwei in Gästetrikots bekleidete Hühner vom Fanblock auf das Spielfeld. Ein besonderer Willkommensgruß für die Riverfans, die landesweit abschätzig als Gallinas, Hühner, bezeichnet werden. Die Hühner konnten nach einer kurzen Verfolgungsjagd eingefangen werden und die Partie wurde erst eine Viertelstunde später als geplant freigegeben, argentinische Lässigkeit eben.

Ungewohnte Traueraktion in Quilmes: Die Barra-Gruppierung Los Alamos des Fußballklubs Quilmes AC hielt am vergangenen Dienstag eine Totenwache im Estadio Centenario ab. Während des Spiels der Reserveteams von Quilmes und Unión betraten rund 200 Barras die Stehplatzgerade mit dem Sarg des nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei tödlich verunglückten José María Fernández, fünfzehnjähriger Sohn des gleichnamigen Chefs der Los Alamos. Nicht die erste Totenwache im Centenario in 2012. Wir blicken zurück.