Und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Dynamo Dresden hieß der Gegner im nächsten Spiel. Kein Aufeinandertreffen, das in die Geschichte eingehen sollte, aber Balsam auf das strapazierte FCK-Nervenkostüm. Nach 45 Minuten führten wir schon mit 5:0 – alle Abseitstore mitgezählt. Ohne leider nur 2:0. Baumjohann hatte Bock, das ist allgemein nicht die schlechteste Voraussetzung. Nur seine Vorlage zum 2:0 war schon das Eintrittsgeld wert. Idrissou vollendete, nachdem er zuvor auf dem besten Weg zum alleinigen Weltrekordhalter war: für die meisten Abseitsstellungen in einem Spiel.
Aber von vorne:
Karl sorgte für das zwischenzeitliche 1:0. Der eiserne Karl. Er bringt all das mit, was man als Identifikationsfigur auf dem Betzenberg braucht. Der Harry Koch der Neuzeit. Nur ohne Locken und mit mehr fußballerischem Talent ausgestattet. Kultfigur nach 2 Spielen, so schnell geht das. Heute braucht es nicht mehr viel, um ein Held zu werden. Ebenso schnell geht es in die andere Richtung. Idrissou stand gerade genau auf dieser Kippe: zwischen Held und Sündenbock. Das laute Stöhnen nach jedem vertändelten Ball und jeder unnötigen Abseitsstellung auf der einen, der unbändige Einsatz für die Mannschaft und die Torjägerqualitäten auf der anderen Seite.
Jimmy Hoffer ist noch einer von denen, die auf der Heldenseite standen. Ich hätte mein Leben darauf gewettet, dass er noch trifft. Die langgezogenen Jimmy-Rufe nach jeder Ballberührung müssen einen Dopamin-Rausch in ihm auslösen, die wie die Kohle für eine Dampflok wirken. Das wusste er in der 81. Minute zu nutzen. 3:0 durch Jimmy Hoffer.
Es ist müßig, zu viele Worte über das Spiel zu verlieren. Dresden war kein Gegner auf Augenhöhe. Man hatte vor dem Spiel schon so ein Gefühl, dass da nichts schief gehen kann. Flutlichtspiel, erstes Heimspiel im Jahr und viele kleine Dinge ließen ein Gefühl entstehen: Siegesgewissheit. Das kennt vermutlich jeder von sich selbst. Ich bilde mir zumindest ein, ein untrügerisches Gefühl dafür zu haben, wie die Spiele ausgehen. Ich spüre, wenn ein gutes Spiel bevorsteht. Rationale Argumente dafür? Man hat’s einfach im Urin – zumindest dieses Mal behielt ich mal Recht.
Na gut, wir haben sie nicht gnadenlos abgeschossen, aber so ein 3:0 ist ein gefühltes 6:0. Die Zeichen standen einfach passend. Wie die richtige Konstellation von Planeten, die für Sonnenfinsternis sorgen. Damals 2010 gegen Bayern war das zum Beispiel der Fall. Es war klar, dass es eine Sonnenfinsternis geben würde – für die Bayern.
Nun war das Spiel gegen Dresden keins vom Ausmaß einer Sonnenfinsternis. Das einzige, was mit absoluter Sicherheit als finster bezeichnet werden konnte, waren die Köpfe einiger Dresden-Anhänger. Viel Schatten, wenig Licht: Sonnenfinsternis im Kopf. Was soll man sonst dazu sagen, wenn wild gewordene Zombies Busse überfallen, Scheiben einschlagen und Menschen herauszerren?
Nach der Partie sprach man vom besten Spiel der Saison. Das war es tatsächlich, doch war da noch eine Menge Luft nach oben. Trotz der hohen Qualität war es doch stellenweise eine hohe Fehlpassquote, die vielen die Nerven raubte. Hingegen schonte Chris Löwe hinten links viele dieser Nerven - im Vergleich zu seinem Vorgänger. Dominique Heintz, unser Lucio aus der Pfalz, das Bollwerk in der Abwehr. Torrejon spielte Dresdens Sturm mit spanischen Pirrouetten schwindlig. Weiser hatte noch Probleme mit der Effizienz: Gerade Spielertypen mit seinen (vermeintlich) hohen spielerischen Veranlagungen haben es in der Pfalz oft schwer, wenn die Realität nicht mit der Erwartung übereinstimmt. Einem Christopher Drazan merkte man an, dass ihm noch Selbstvertrauen fehlte. Ein Junge, der Streicheleinheiten braucht, um sein volles Potenzial abrufen zu können – so zumindest mein Eindruck. Zu Markus Karl muss man nicht viel sagen. Noch mehr solcher Spiele von ihm und wir spielen vielleicht bald schon im Markus-Karl Stadion. Bunjaku unermüdlich. Ihm hätte man ein Erfolgserlebnis gegönnt. Und auch sonst fiel leistungsmäßig kein Spieler aus dieser kompakten Elf ab.
Der Abstand zu Platz 2 sollte allmählich kleiner werden. Noch war kein Zittern in Berlin oder Braunschweig zu vernehmen, aber es wurde doch langsam deutlich, dass sich die Spitzenreiter zu früh auf der Ziellinie wähnten. Siegesgewissheit kann halt auch manchmal täuschen.
In Duisburg sollte das nächste Kapitel geschrieben werden. Der Ort, an dem noch eine Rechnung offen war. Hatte sich der FCK doch im Viertelfinale des DFB Pokals 2011 mit 2:0 düpieren lassen und sich somit der realistischen Chance auf einen Durchmarsch bis zum Finale selbst beraubt – in dem eben dieser MSV Duisburg schließlich landete.
Ein optimistisches Gefühl machte sich langsam breit. Die ersten beiden Plätze sollten noch lange nicht vergeben sein, denn spätestens seit 2008 wussten wir: Wenn eine Mannschaft prädestiniert für Aufholjagden ist, dann der FCK.
Fortsetzung wie immer hier:
Dreihundertsechzig
