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Mittwoch, 09 Januar 2013 15:09

Die Winterpause nervt

geschrieben von 

winterpause

Ein lauwarmer Wintertag in Ostwestfalen. Genauer genommen ein Samstag. Grauer Himmel. Überfüllte Parkplätze, wo man nur hinschaut. Erstaunliche viele Paare haben sich heute auf den Weg gemacht, die Pfade des schwedischen Einrichtungshauses zu durchwandern. Ich beobachte gedankenverlorene Ausdrücke in den vorzugsweise männlichen Gesichtern, deren Interpretation keine zwei Meinungen zulassen:

Die Winterpause nervt.

Für mich persönlich ist es ein grauenvoller Ort. Wer bei den Kämpfen um die letzten verbliebenen Parkplätze nicht schon die Nerven verloren hat, der tut es garantiert im Laden selbst. „Nur mal ein bisschen gucken“ wird dann schnell zu einem 4-stündigen Marathonmarsch durch überfüllte und stickige Gänge, an dessen Ende meist Köttbullar oder Hot Dog stehen. Am Ende schwört man sich: Nie wieder. Und am Ende ist man doch wieder da, was bei näherer Betrachtung tatsächlich als Parallele zum Fußball betrachtet werden kann.

Wir gehen durch die Gänge und landen bei den Bäderausstattungen. Ich tue so, als würde ich einen inspizierenden Blick auf das Badschränkchen werfen. Bevor ich gelangweilt herumstehe, tue ich wenigstens so, als sei ich beschäftigt und interessiert. Schranktür auf, Schranktür zu. Ein prüfender Blick von oben nach unten. Ein langgezogenes „Hmm..“ auf die Frage meiner Begleitung, wie ich den Schrank finde. Ich klopfe mir im Geiste auf die Schulter. Die Inszenierung ist Weltklasse - so glaube ich zumindest. Meine Begleitung weiß genau, dass mir 90 Minuten Fußball jetzt lieber wären. Beim Inspizieren des Badschränkchens verliere ich mich in Gedanken. Wenn die Winterpause eine Person wäre, wie wäre sie wohl?

Pförtner bei einem Mittelständischen Unternehmen. Graue Hose, grauer Strickpulli, Haarkranz. Volvo V40. Oberlippenbart. Übergewichtig. Bloß kein Stress. Jede Bewegung ist eine Bewegung zu viel. Wie würde er wohl heißen? Günni? Nein, Günther. Die Winterpause würde keine hippen Spitznamen haben. Die Winterpause ist kalt, keiner möchte sich mit ihr abgeben und man muss trotzdem an ihr vorbei. Genau wie an dem Pförtner Günther. Ab und zu prahlt Günther damit, dass er ja gar nicht so langweilig ist, wie alle meinen. Er hat doch seine Briefmarkensammlung, die er uns zeigen will. Gleichbedeutend mit den Hallenturnieren, die man sich nur anguckt, weil es gerade keine bessere Alternative gibt.

Wir ziehen weiter. Immerhin haben wir es schon mal bis zu den Sitzmöbeln geschafft. Doch dann passiert es. Der Alptraum - ein Verkäufer kommt auf uns zu. Euphorisiert und wie unter Drogen erzählt er uns von den Vorzügen der Sofagarnitur. Ich nicke ab und zu zustimmend und unterstreiche es mit ein paar bedeutungsvollen Gesten. Ich halte mich in dem Moment für einen passablen Schauspieler, aber seine Leistung ist nicht zu toppen. Nervt ihn die Winterpause denn tatsächlich überhaupt nicht. Nicht mal ein bisschen? Na, gut. Er ist es ja schließlich gewöhnt, Samstagnachmittag hier zu stehen. Welch tragisches Schicksal. Mein Argwohn für ihn wandelt sich in Mitleid um, während er mir irgendwas von den Vorzügen der Verarbeitung erzählt. Ich lasse mich auf das Sofa nieder und mache den Sitztest. Einmal auf und ab. Zurücklehnen. Kissen in die Hand und aufstehen. Ja, ist schon bequem, gebe ich überzeugt von mir. Innerlich quatscht mich Günther zu:

Die Van der Vaarts trennen sich, die Wulffs auch und Depardieu wird Russe. Günther hat einfach nichts zu berichten. Er ist totlangweilig. Rückblick hier, Rückblick da. Transfergerücht hier, Transfergerücht da. Dart-WM und Vierschanzentournee machen die Lage auch nicht besser.

Ich höre mit einem Ohr dem Sofaverkäufer und mit dem anderen Günther zu. Dazu kommt diese typische Musik, die in Einrichtungshäusern vor sich hinträllert. Ab und zu wird sie unterbrochen, von einer grausam klingenden Durchsage: Die kleine Chantal-Shayenne möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden. Ich wiederhole: Die kleine Chantal-Shayenne… Als ob es nicht reichen würde, wenn sie in dieser schrecklichen Tonart von sich gibt. Nein, sie singt es förmlich. Ich schaue mich um und blicke in Gesichter, die hoffen, dass es bald vorbei ist. Die Durchsage, aber vor allem die Winterpause.

Wir gehen durch die Lampenabteilung. Und da steht er. So stelle ich mir Günther vor. Die personifizierte Winterpause. Er hat aber auch hartes Schicksal. Aber da muss er durch. Genauso wie wir durch ihn. Keine Zeit ist schlimmer als die Winterpause. Selbst die Sommerpause nicht:

Am Ende der Saison sind wir es doch auch leid. Der Erfolg wird gefeiert, der Misserfolg wird betrauert. Anstehende Turniere und der Sommerurlaub helfen einem zusätzlich, die drei Monate zu überbrücken. Aber was trägt einen durch die Winterpause? Das bis hier hin erreichte ist wertlos. Günther kommt immer unpassend. In England wurde er ja noch nie gesichtet. Die haben es gut - kein Günther, keine Winterpause. Sowieso sind die Engländer ja ein spezielles Völkchen. Egal ob Winter oder Sommer, kurze Hose und T-Shirt geht immer. So ist das halt, wenn man keine Winterpause hat - dann ist das ganze Jahr Sommer.

Endlich - zumindest an den Kassen sind wir angekommen. Ich rieche den Hotdog-Stand schon. Zu früh gefreut. Wie das so ist, stehen wir mit 99%iger Wahrscheinlichkeit an der Kasse, an der es am längsten dauert. Reklamationen, Artikel ohne Scanschild, das Kartenlesegerät funktioniert nicht. Irgendwas passiert den Leuten vor einem immer. Zeitgleich ertönt wieder die singende Stimme der Betreuerin aus dem Kinderparadies. Augen zu und entspannen. Du hast es gleich geschafft, flüstere ich mir vor mich hin. Diese Winterpause - nicht auszuhalten:

Wir Deutschen sind ja schon ein Volk, das gerne jammert. Vermutlich würden wir Günther - die Winterpause - vermissen, wenn es ihn nicht mehr geben würde. Irgendwie haben wir uns doch auch an seine Anwesenheit gewöhnt. Es würde etwas fehlen. Sicher nicht die Besuche im Einrichtungshaus, aber sicher das Gefühl der Sehnsucht, dass er mit seiner Anwesenheit in jedem Winter in uns zu wecken schafft. Die Sehnsucht danach, dass es wieder los geht und die nervige Winterpause ein Ende hat.  

Schwer bepackt mit Hot Dog und Einkaufswagen machen wir uns auf den Weg zum Auto. Alles eingepackt, Rückwärtsgang, Blick nach hinten und los geht’s. „Achtung!!“ schreit es auf einmal aus einer für mich nicht definierbaren Richtung. Das kann nicht wahr sein, denke ich mir. Der Typ aus der Lampenabteilung, den ich gedanklich als Günther - die personifizierte Winterpause - ausgemacht habe. Oh, du Ironie des Schicksals. Jetzt hätte ich die Winterpause beinahe überfahren - welch tragisches Schicksal doch nur. Ich will nicht so sein, fahre meine Scheibe herunter, lächle und verabschiede mich freundlich: „Mach’s gut Günther - bis zum nächsten Jahr“.

Bild: Volker Herold / Fanprojekt Plauen

Patrick Potthoff

27.
Sportmanagementstudent.
Gefühlte Heimat: Kaiserslautern.
Tatsächliche Heimat: Gütersloh, Ostwestfalen.

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1 Kommentar

  • Kommentar-Link Mark Bern Freitag, 18 Januar 2013 14:47 gepostet von Mark Bern

    Ein sehr schöner Kommentar zum langweiligen Winter, der mir allerdings sehr viel Wärme dank herzhaftem lachen geschenkt hat. Dennoch muss ich sagen dass ich auch als eingefleischter Fußball-Fan das schwedische Möbelhaus doch ganz gerne mag. Wobei es sich während der Saison sicher leichter ertragen lässt, und vor allem nicht am Samstag Nachmittag ;)
    Wünsche dir alles gute für den nächsten Ritt im Möbelhaus :P

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