Am 07. Juni 2011 war der Tag, an dem die Anhänger vom TSV 1860 hin -und hergerissen waren. Die einen voller Zuversicht, die anderen voller Skepsis. An diesem Tag erwarb Hassan Ismaik die Anteile des TSV 1860 und läutete den Start in eine bessere Zukunft mit einer heroischen Rede ein: "Löwen schlafen sehr lange, aber wenn sie wach sind, sind sie unbesiegbar. Diese Löwen haben jetzt lange genug geschlafen. Es wird Zeit, dass wir wach werden." In 10 Jahren könne man auf einer Stufe mit dem FC Barcelona stehen, so prophezeite er.
„Es wird Zeit, dass wir wach werden.“
Wach geworden ist man nun tatsächlich. Aus einem Traum, dessen dramatisches Ende gestern kein Filmproduzent besser arangieren hätte können. Ismaik - Anteilseigner und Investor bei 1860 - möchte seine Investition beim TSV wohl beenden und zieht sich zurück. Schreckensnachricht? Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.
Armer TSV 1860
Aus finanzieller Sicht, ja. Aus ideeller Sicht hat der TSV 1860 seit gestern vielleicht wieder ein Stück Wert gewonnen, wenn es so kommt, wie es den Anschein hat. Unabhängigkeit und Identität sind mehr wert als Geld. Wobei auf dem Weg zur Unabhängigkeit noch ein steiniger Weg zu gehen ist. Zumindest das Kapitel Ismaik könnte nun geschlossen sein.
Dieses Kapitel hätte genug Inhalt, um ein ganzes Buch damit zu füllen. Hier eine ungeordnete Sammlung von Stichworten, die in irgendeiner Weise Zutat waren: Risiko als Streitfaktor, Ehrlichkeit, langfristige Pläne, Druckmittel, Befragungen, Geltungssucht, Lügen, Intrigen, Sven-Göran Erikson. Ein bunt gemixter Salat, dessen Zutaten genau die Selben sind, wie die Seifenoper im frühabendlichen Fernsehprogramm auf RTL - außer Sven-Göran Erikson.
Was am Ende bleibt? Ein Blick auf www.loewenfreun.de lässt tief blicken. Der Thread „Alles über den Investoreneinstieg“ wurde 740.293 aufgerufen. 12.494 Antworten, geprägt von Frust, Enttäuschung, Wut, Verzweiflung und Zustimmung sprechen Bände. Das Geschehen auf dem grünen Rasen hat schon lange keine oberste Priorität mehr.
OP am offenen Herzen
Die rege Diskussionsteilnahme zeigt aber auch, dass es dort wohl noch ganz viele Menschen gibt, denen der Verein noch leidenschaftlich am Herzen liegt - vielleicht gerade deshalb, weil der Verein gerade an diesen - seinem Herz - operiert wird. Ohne Narkose. Das lässt niemanden kalt.
Leid kommt ja bekanntlich von Leidenschaft. Ein Fußballfan muss davon in der Regel viel ertragen. Als wenn die sportliche Talfahrt zwischen Sieg und Niederlage nicht ausreichen würde, gibt es doch diese Vereine, die es stets fertig bringen, dieses Leid auch außerhalb des sportlichen Bereichs zu erzeugen. Der TSV 1860 gehört zweifelsohne dazu. Eine Diva des deutschen Fußballs.
Gegensätzliche Wünsche
Immer hin -und hergerissen zwischen zwei Wünschen. Auf der einen Seite, der Wunsch nach Ruhe, Kontinuität und der Konzentration auf das Wesentliche - den Fußball. Auf der anderen Seite der Wunsch nahm Ruhm, Erfolg und alter Stärke - und das möglichst schnell.
Das Tauziehen um den richtigen Weg lässt momentan nur Verlierer dastehen. Auf der einen Seite zog Ismaik, der Verfechter des Wunsches nach schnellem Erfolg, auf der anderen Seite stand exemplarisch Schneider, der wohl ebenso den einen als auch den anderen Wunsch hatte. Kontinuität und schneller Ruhm. Dass das in die Hose geht, war eigentlich zu erahnen.
Pro Schneider? Pro Ismaik? Pro 1860!
Wer die Geister ruft, muss auch damit rechnen, dass sie für Schrecken sorgen. Das taten sie eindrucksvoll und aufmerksamkeitswirksam, beinah filmreif. Der Ismaik-Clan wird wohl bald dort hingeschickt, wo er hergekommen ist - in die Wüste. Ende gut, alles gut?
Man wird den Verdacht nicht los, dass diese Episode nicht das Ende der Geschichte bedeutet. Vielleicht wie in den frühabendlichen Seifenopern auf RTL: Der Cliffhanger am Ende der Episode sorgt für Spannung und bereitet schon das nächste Drama vor. Plan B - die Existenz ohne Investor - soll ja schon in der Hinterhand liegen. Das Drehbuch lässt noch eine Menge Platz für Drama, Skandale und Intrigen. Die OP am offenen Herzen geht weiter. Bleibt zu hoffen, dass die DFL nicht irgendwann Sterbehilfe leisten muss.
