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Donnerstag, 29 November 2012 10:42

Wir wollen sympathisch werden...

geschrieben von 

herzFußballklubs und ihre verzweifelte Jagd nach der Sympathie.

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm' nur viel zu selten dazu“. Besser als Udo Lindenberg kann man das Problem von Fußballklubs nicht beschreiben: Sympathisch sein wollen und sympathisch sein sind zwei paar Schuhe. Ein aktueller Anlass führt uns das vor Augen:

Wir wollen, dass aus unserem VfL ein sympathischer Klub wird, der die Werte, die wir verkörpern wollen, auch rüberbringt!“

An kaum jemanden ist es vorbeigegangen: Klaus Allofs - langjähriger Manager von Werder Bremen ist die neue Spitze des VFL Wolfsburg. Die Zielstellung für die Zukunft? VW-Aufsichtsratschef Francisco Garcia Sanz beschreibt sie in dem vorangegangen Zitat ganz gut: Sympathien sammeln.

Was ist Sympathie und wofür ist sie gut?

Wikipedia sagt zum Ursprung folgendes: „Sympathie (von griech. syn pathein = "mitleiden" vgl. Mitleid)“ Mitleid? Ist das der Kern von Sympathie? Fans leiden mit ihrem Verein, aber wird Sympathie grundsätzlich aus Mitleid generiert? Finden wir Menschen sympathisch, die wir bemitleiden? Barack Obama, John F. Kennedy, Günther Jauch, Sebastian Vettel - alles Menschen mit hohen Sympathiewerten, aber sicher nicht aus Mitleid. Sympathisiert man mit einem Verein, ist man ihm zugeneigt, man fühlt mit ihm mit.

Wikipedia weiß noch mehr: „Die Wahrnehmung dieses Gefühls ist subjektiv nicht messbar und für Beobachter nicht nachvollziehbar.“ Nicht messbar? Die Bundesliga scheint über diesem indirekten Gesetz zu stehen. In unregelmäßigen Abständen erscheint die Sympathietabelle aller Bundesligavereine. Im Winter 2009 war die TSG 1899 Hoffenheim laut dieser Tabelle der sympathischste Verein der Bundesliga. Diese Tatsache für sich genommen lässt den Aussagewert dieser Erhebung gegen 0 tendieren. Momentaufnahmen, die durch Umstände (in diesem Fall die Herbstmeisterschaft - danke dem Fußballgott, dass es nicht schlimmer kam) generiert werden, die schneller vorbei sind, als man das Wort sympathisch aussprechen kann. Welchen Stellenwert der „Sympathieträger“ TSG 1899 Hoffenheim tatsächlich hat, erläutert Frank Baade (11Freunde) sehr interessant:

Jetzt ist klar geworden, was die Funktion von Hoffenheim ist, und man muss zugeben: So schlecht ist die Idee nicht. Man hat Hoffenheim in die Liga geholt, weil sie ein echter Sympathieträger sind. Und zwar tragen sie durch ihre bloße Existenz die Sympathien zu den übrigen Klubs hin. Während man sich früher nie vorstellen konnte, jemals für Hertha BSC zu sein, wünscht man jetzt in jedem Spiel Hoffenheim eine Niederlage, egal, gegen wen.

Sympathie ist mysteriös, aber sie existiert. Vereine füllen regelmäßig Stadien mit 80.000 Menschen, andere haben Schwierigkeiten ein Stadion mit 30.000 Plätzen vollzukriegen. Schlussfolgerung: Es ist sehr erstrebenswert sympathisch zu sein - was auch immer das bedeutet.

Aber wie wird man denn jetzt sympathisch? Können Fußballvereine vielleicht von Menschen lernen, die als sympathisch empfunden werden? Ein Ausschnitt aus einem Interview mit einem Führungskräftetrainer in der Süddeutschen hilft vielleicht weiter:

sueddeutsche.de: Kann man lernen, sympathisch zu sein?
Christoph Münzner: Viele Menschen sind sympathischer, als sie wirken. Sie kommen nur deshalb nicht so gut an, weil sie eine Rolle annehmen, die gar nicht zu ihnen passt.

Das Wort „Menschen“ ist leicht ersetzbar durch „Fußballklubs“. Eine Rolle einnehmen, die gar nicht zu ihnen passt. Da fallen einem spontan ein paar Klubs ein, auf die das zutrifft. Gleichzeitig hat man bei manchen Verein das Gefühl, dass sie genau das sind, was sie vorgeben zu sein. Das sind die Vereine mit Anziehungskraft.

Aber wie funktioniert denn jetzt die Sympathie?

Vielleicht hilft uns bei der Beantwortung die gegenteilige Frage: Wie schafft man es als Verein, denn auf jeden Fall als unsympathisch wahrgenommen zu werden? Wie funktioniert Sympathie denn nicht?

  • Wird man sympathisch, in dem man den Wunsch äußert, sympathisch sein zu wollen?
  • Wird man bewundert, in dem sich wünscht, bewundert werden zu wollen?
  • Ist man vertrauensvoll, weil man sagt, dass man vertrauensvoll ist?

Oder entstehen diese Attribute nicht viel mehr aufgrund von Handlungen - aufgrund von Taten? „Wir wollen ein sympathischer Klub werden…“ verbirgt ja in sich schon die Kenntnis darüber, dass man es aktuell nicht ist. Ich bemitleide diese Aussage, aber auch das macht es nicht sympathischer.

Nein, so entsteht keine Sympathie. Aber wie sie entsteht, wissen wir immer noch nicht. Wie funktioniert das denn z.B. in der Literatur? Gute Autoren können fiktionale Personen oder Charaktere erschaffen, die sich als Sympathieträger erweisen. Mit allen skurrilen Andersartigkeiten und Makeln kann sich der Leser emotional mit der Gesamtheit dieser Figur und dem, wofür sie steht, identifizieren.
Fußballvereine, die skurril anders sind und deren Makel nicht wegradiert wurden, sind auch für den Fußballgeneigten interessant. Erinnerung schafft man durch Unterschiede, nicht durch Konformität. Sympathie hat also viel mit Authentizität zu tun - den Leuten nichts vorzumachen. Und das wirkt sich unmittelbar auf die Identifikation aus.

Was es nicht braucht

Jeder Verein hat das Potential sympathisch und damit auch identifikationsstiftend zu sein. Es braucht keine warmen Versprechen für die Zukunft. Es braucht auch nicht zwangsweise ein Leitbild, dessen einziger Zweck meist nur nach außen gerichtete Selbstdarstellung ist. Nicht davon reden - sondern es leben. Irritation entsteht, wenn eine Lücke, zwischen dem, was man sein will und dem, was man von sich gibt, klafft:

Dietmar Hopp: Wir alle arbeiten daran, der TSG die Identität zu verschaffen, die wir alle wollen: ein bodenständiger, sympathischer Verein […] Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, was uns allen bewusst ist.

Zusammenfassend kann man es schnell auf den Punkt bringen:

Liebe Vereine, redet nicht davon etwas zu sein, sondern seid es.

Bildquelle: birgitH  / pixelio.de

Patrick Potthoff

27.
Sportmanagementstudent.
Gefühlte Heimat: Kaiserslautern.
Tatsächliche Heimat: Gütersloh, Ostwestfalen.

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