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Sonntag, 28 April 2013 12:35

Anspruch vs. Wirklichkeit

geschrieben von 

© JiSIGN - Fotolia.com„Eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit“.

Davon ist oft die Rede, wenn wieder mal Erklärungen für die Krise bei seinem Verein gesucht werden. An der Grenze zur Phrase, aber so banal es auch klingen mag: Wenn man mal genauer hinschaut, steckt da ganz viel Wahrheit drin. Und genau das will ich hier mal tun …

Wann entsteht für einen Verein und den Fans eigentlich Zufriedenheit? Doch vor allem dann, wenn die Wirklichkeit den Anspruch übertrifft – bzw. beides sich deckt. Also ganz konkret:

  • Der Anspruch eines FC Bayern München deckt sich mit der Wirklichkeit. Deutscher Meister, Pokalfinale, CL-Halbfinale. Es entsteht Zufriedenheit.
  • Die Wirklichkeit beim SC Freiburg ist besser als der Anspruch. Zufriedenheit im Übermaß.
  • Die Wirklichkeit beim SV Werder Bremen oder der TSG 18,99 Hoffenheim sind weit unter dem Anspruch. Unzufriedenheit ist vorprogrammiert.

Die Formel:

Anspruch > Wirklichkeit = Unzufriedenheit

Anspruch = Wirklichkeit = Zufriedenheit

Anspruch < Wirklichkeit = Zufriedenheit²

Bis hierhin keine neuen Erkenntnisse. Doch ein paar interessante Fragen tun sich auf:

Woraus leitet sich dieser Anspruch ab? Woher kommt er?

Der Anspruch ist eine große Suppe aus vergangenen Erfolgen, der gesamten Vergangenheit des Vereins, kurzfristigen Erfolgen, finanzieller Ausstattung und vielen weiteren Zutaten. Äußerungen von Spielern, Medienvertretern und Vereinsverantwortlichen - alles gehört dazu.

Gibt es sowas wie ein Anspruchsgrundniveau?

Aus diesen ganzen Zutaten bildet sich bei jedem Verein ein bestimmtes Anspruchsgrundniveau – eine Art Dauerpegel. Der 1. FC Kaiserslautern hat das Selbstverständnis ein Verein zu sein, der in die 1. Bundesliga gehört. Zweitklassigkeit bedeutet daher ein grundsätzlich permanentes Niveau von Unzufriedenheit.

Ein VFR Aalen hat nicht das Selbstverständnis ein Verein zu sein, der zwangsläufig in die Zweite Bundesliga gehört. Die Wirklichkeit übertrifft den Anspruch. Es entsteht Zufriedenheit.

Die Gründe für dieses Anspruchsgrundniveau sind vor allem in der Vergangenheit zu finden. Beim 1. FC Kaiserslautern ist es die glorreiche Vergangenheit, die für diesen hohen Anspruch sorgt. Beim VFR Aalen ist es eben das Nicht-Vorhandensein dieser glorreichen Vergangenheit, die für ein geringes Anspruchsgrundniveau sorgen.

Ist dieser Anspruch starr oder verschiebt er sich?

Dieser Anspruch ist nicht starr, sondern verschiebt sich, oft nur innerhalb von wenigen Wochen. Äußerungen von Vereinsverantwortlichen, Medien und Spielern haben einen entscheidenden Einfluss darauf.

Beispiel FC Schalke 04: Unabhängig vom Saisonverlauf und allen sonstigen Rahmenbedingungen ist der Anspruch des FC Schalke 04 durchgängig der Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Ein Anspruch, der aus einer langen Durststrecke und dem vielleicht traumatischen Erlebnis im Jahr 2001 heraus geboren ist. Dieser Anspruch überschattet alles. Zufriedenheit kann nicht entstehen, weil die Wirklichkeit ­– auch wenn sie noch so gut ist – nie gut genug ist. Nicht verwunderlich, dass die Stimmung auf Schalke selbst bei kleinen „Krisen“ einem Pulverfass ähnelt. Die Vereinsverantwortlichen tun allerdings auch alles dafür, dass dieser manifestierte Anspruch überdauert. Die Wirklichkeit hat nur selten die Chance, für Zufriedenheit zu sorgen. Nicht solange, bis das Trauma der verpassten Meisterschale ausgemerzt ist.

Der Segen eines gesunkenen Anspruchsgrundniveau

Ein Beispiel, wie ein gesunkenes Anspruchsniveau positive Wirkungen haben kann: Borussia Mönchengladbach stand in der Saison 11/12 kurz vor dem Abstieg in die Zweite Liga. In der Relegation konnte man Abstieg noch abwenden. Die Saison ließ das Anspruchsgrundniveau dramatisch sinken. Am Ende stand das Happy-End.

Es folgte eine Saison, die mit einem Europapokalplatz gekrönt wurde. Die Euphorie, die den Verein dahintrieb, war vor allem vorhanden, weil die Wirklichkeit so viel besser war, als der durch die letzte miserable Saison gesunkene Anspruch. Dieses Phänomen ist relativ häufig zu beobachten. Vereine, die zuvor in Abstiegsnot gerieten, spielen auf einmal wieder oben mit. Und werden von einer Welle der Zufriedenheit getragen. Ein sechster Platz ist halt mehr wert, wenn man zuvor auf dem 16. Stand. Fußball wird nicht nur mit dem Fuß gespielt, sondern auch mit dem Kopf - und damit ist nicht der Kopfball gemeint ...

Dieses Phänomen ist auch auf lange Frist zu beobachten

Borussia Dortmund stand 2004 kurz vor der Insolvenz. Im Vorraum der Pathologie, wie sie so schön sagen. Die tiefste Talsohle, die ein Verein nur erleben kann. Dabei gelang Jahre zuvor noch der Triumph in der Championsleague.

Eine dramatische Konsolidierung des Anspruchsniveaus – war doch nicht mal sicher, ob der Verein überhaupt überleben wird. Im Jahr 2013 spielt man wieder im Konzert der Großen mit. Zufriedenheit im Übermaß: Vor allem deswegen, weil in den letzten Jahren die Wirklichkeit beim BVB immer ganz leicht über dem Anspruch war. Immer noch eine Schüppe auf die Erwartungen draufgelegt – auch wenn die Ansprüche exponentiell mit den Erfolgen stiegen. Das ist einer dieser Gründe für die momentane Anziehungskraft des BVB's. Die Wirklichkeit übertrifft seit Jahren den Anspruch. Was uns zu einer weiteren Frage führt:

Kann man das Verhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit steuern?

Wenn die Wirklichkeit höher ist der als Anspruch, dann entsteht Zufriedenheit. Die Wirklichkeit kann man beeinflussen, indem man möglichst viele Spiele gewinnt. Und den Anspruch? Den kann man im geringen Maße auch bewusst steuern. Die meisten Vereine tun es meist eher unbewusst. Oft fälschlicherweise in die falsche Richtung oder zu offensichtlich.

Beispiel FSV Mainz: Die Mainzer schafft es seit Jahren, ihr Anspruchsniveau immer gering zu halten. Trotz zeitweiliger Erfolge, die die Ansprüche immer flach halten. Eine Mischung aus Demut und Realismus. Somit geben sie der Wirklichkeit die Chance, den Anspruch zu übertreffen. Der meist durchgängige Pegel an Zufriedenheit ist kein Zufall.

Der SV Werder Bremen hat aktuell das Problem, seinem Anspruch hinterherzulaufen. Zu viele Abende in der Championsleauge; zu viele grandiose Spiele; zu viele herausragende Einzelspieler. Erfolg kann sich erst wieder einstellen, wenn das Anspruchsgrundniveau tief genug gesunken ist. Die nächste Saison könnte schon wieder ein Erfolg werden. Schlimmer als diese Saison geht es ja fast nicht mehr.

Ähnlich bei der TSG 18,99 Hoffenheim. Es ist wichtig, sich Ziele zu stecken. Problematisch wird es, wenn sie zu groß sind. Das war im Fall der TSG definitiv der Fall. Diese Tatsache wirkt wie ein Messer im Rücken. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Öffentlichkeit daraus einen Strick macht.

Und die Zufriedenheitsprognosen für die neue Saison:

Interessant wird es zu beobachten sein, wie Bayern München und der BVB mit dem gestiegenen Anspruchsniveau umgehen werden. Beim FCB ist man es zwar gewöhnt, doch wenn ein 1:0 Sieg schon wie eine gefühlte Niederlage bewertet wird, kann sich jeder ausmalen, was ist, wenn der Start mit Guardiola schief geht …

Borussia Dortmund könnte Probleme bekommen, die Euphoriewelle aufrecht zu erhalten. Der Anspruch ist in Sphären vorgerückt, die erst einmal wieder erfüllt werden müssen. Der zweite Platz ist mittlerweile zum Muss-Kriterium geworden. Mit einer möglicherweise durchgewürfelten neuen Mannschaft könnte das schwierig werden.

Und bei eurem Verein? Wo ist der Anspruch? Wo ist die Wirklichkeit? Was sind eure Prognosen für die kommende Saison?

© JiSIGN - Fotolia.com

Patrick Potthoff

27.
Sportmanagementstudent.
Gefühlte Heimat: Kaiserslautern.
Tatsächliche Heimat: Gütersloh, Ostwestfalen.

1 Kommentar

  • Kommentar-Link peschinho Montag, 29 April 2013 17:25 gepostet von peschinho

    Sauber analysiert. Danke dafuer.

    Beispiel HSV: Das Anspruchsgrundniveau sinkt selbst nach dem Beinaheabstieg 2011/2012 nicht. Grund: Zum einen der Dino-Status (nur ein Abstieg hätte das Anspruchsgrundniveau wirklich zurückgeschraubt). Zum anderen wird vom Verein das Ziel "Mittelfeldplatz, noch kein internationaler Wettbewerb" ausgegeben, doch dann machen Millioneninvestionen in Spieler (insbes. vdV) diese versuchte Steuerung des Verhältnisses zwischen Anspruch und Wirklichkeit unglaubwürdig. Das hohe Selbstverständnis der HSV-Fans sinkt nicht ab. Trotz Erreichen des Zieles (z.Zt. immerhin Platz 8 mit Chance auf mehr) wird Unzufriedenheit auslöst. Ein Dilemma.

    Wie ich meine, lässt sich Dein Analyseansatz auch auf den HSV anwenden.

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